Rechte Germanen

15. März 2020

Zum Lesesonntag dieser Lesebefehl-Blogbeitrag aus dem Archaeologik-Blog von Prof. Rainer Schreg:
Rechtsextremismus verfolgt nicht nur menschenunwürdige Ziele, sondern verdreht auch historische Vergangenheit und instrumentalisiert sie, versucht so, ihre „Werte“ als althergebracht und natürlich zu legitimieren. Mit den zunehmenden Gewalttaten thematisieren daher auch die Medien zunehmend das rechte Geschichtsbild.
Ein Problem, das einige der Kommentare auch benennen, ist sicher, dass die „Germanen“ im schulischen Geschichtsunterricht kaum noch eine Rolle spielen, die Deutung also Einzelgruppen, wie eben den Rechten überlassen wird. Dabei wäre das Bewusstsein dafür, dass die ‚Germanen‘ eine Erfindung der Römer waren und sie – wie auch die ‚Kelten‘ – eben keine relevante Größe für das Verständnis eisenzeitlichen Alltags und untauglich für eine moderne Identität sind. Dass ‚Germanen‘ und ‚Kelten‘ freilich in den Jahrhunderten dennoch traditionsstiftend sein konnten – und in ihrer Umdeutung für manchen Nationalisten auch heute noch sind – steht auf einem anderen Blatt.
Germanen sind vor allem Mythos, aber gerade darum sollten sie auch mehr – kritische! – Beachtung finden. Die Archäologie hat den Begriff in jüngerer Zeit in ihren Fachpublikationen vermieden, was wissenschaftlich tatsächlich richtig und geboten ist. Da man aber zugleich in populären Darstellungen und dem Marketing vereinfachend und oft wohl immer noch unreflektiert sehr wohl von Germanen (und Kelten) spricht, wird damit den unwissenschaftlichen Deutungen Raum gegeben.
Mehr:

Danke an Prof. Dr. Rainer Schreg, Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Archaeologik-Blog Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz
Hermannsdenkmal Bild von Markus Lindner auf Pixabay

Woher?

29. August 2019

Aus dem Archaeologik-Blog :

Die Deutsche Post AG bietet derzeit originale antike Münzen der Griechen, Römer, Karthager, Kelten und von der Seidenstrasse auf ihrer Website zum Kauf an.
Bei jedem Angebot werden ausführliche Informationen zu Motiven, Datierung, Münzart, Material, Gewicht, Größe und Erhaltungszustand gemacht. Hinweise auf die Herkunft der Stücke fehlen jedoch. Am 15.07.2019 hat die Post daher über das Kontaktformular an den Kundendienst (shop(at)deutschepost.de) Post erhalten, mit der Bitte Angaben über die Provenienz der Münzen zu machen:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie bieten auf Ihrer Homepage antike Münzen zum Verkauf an. Ich stellte dabei fest, dass hierbei keinerlei Herkunftsangaben der Stücke gemacht werden. Leider besteht bei Angeboten wie diesen immer die Gefahr, dass die Münzen aus dubiosen Quellen, sprich: aus illegalen Ausgrabungen in den Handel gelangt sind. Sie werden verstehen, dass ich als Archäologin das nicht gut heißen kann.

Wie sieht es also mit den Münzen aus, die Sie hier anbieten?

Mit freundlichen Grüßen,
Jutta Zerres„

Und die Antwort? Nichtssagend:

„Die Münzen, die wir in unseren Prospekten anbieten, stammen aus Ankäufen von namhaften Münzhändlern.“ (E-Mail v. 29.7.2019)

Auch auf nochmaliges Nachhaken („Wie stellen Sie sicher, dass die Münzen, die Ihnen die namhaften Händler verkaufen, nicht aus Raubgrabungen stammen?  Verlangen Sie Herkunftsnachweise von den Händlern, bevor Sie Ankäufe tätigen? Lehnen Sie gegebenenfalls den Ankauf von Stücken ohne „sauberen“ Herkunftsnachweis ab?“) konnte oder wollte die Post keine befriedigende Auskunft geben:

„Wir versichern Ihnen, dass alle Münzen aus absolut vertrauenswürdigen und absolut legalen Quellen stammen. Vertrauen sie auf unseren Namen und unsere Seriosität der Marke Deutsche Post.“ (e-Mail v. 2.8.2019)

Möglicherweise ist das Angebot formal legal, da das deutsche Kulturgüterschutzgesetz und die Ausführungsbestimmungen Münzen nicht mehr als archäologische Funde anerkennen und letztlich zu Raubgrabungen ermutigen. Gerade der Post-Shop macht auf dieses Problem aufmerksam, denn bei einigen Angeboten findet sich die Information:

“Das Produkt ist leider aktuell vergriffen und wird erst ab dem 14.08.2019 wieder lieferbar sein.“ 

Selbst wenn die Post mit einem Fachhändler kooperiert: Wie kann die Lieferbarkeit zum angegebenen Termin sichergestellt werden?  Da es sich bei dem Post-Angebot (die Echtheit der Münzen vorausgesetzt) nicht um „Schrottmünzen“ handelt, die zu Tausenden gefunden werden oder massenhaft auf Dachböden oder in alten Sammlungen liegen, fragt man sich, wie ein legaler Lieferweg auf Bestellung und auf Termin wohl aussieht – zumal ohne Provenienzangabe. Eine unbedenkliche Provenienz zeichnet sich dadurch aus, dass konkrete Angaben gemacht werden können und sie nicht nur auf Vertrauen basiert, das in dieser Branche immer wieder durch nachgewiesene Raubgrabungsfunde in Frage gestellt wird.
Vielleicht ist die Lieferinformation der Post aber auch wie folgt zu ergänzen:

“Der Händler unseres Vertrauens hat die Ware bereits bei den Zwischenhändlern geordert. Leider müssen die Raubgräber für die passenden Münzen noch ein paar archäologiche Fundstellen umgraben und einige Gräber schänden.“

Inzwischen sind die Münzen nämlich erst wieder am 4.9.2019 lieferbar.

Allein auf den guten Namen der Post zu verweisen, reicht nicht aus. Es zeigt einen unverantwortlichen Umgang mit archäologischen Funden und mehr noch: Fundstellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Angebote aus Raubgrabungen und illegalen Exporten stammen, ist sehr, sehr hoch. Das Postangebot ist ein Beitrag zur Kulturgutzerstörung und dazu geeignet, den guten Namen des Unternehmens nachhaltig zu beschädigen.

Archäologische Funde – auch Münzen – ohne ordentliche Provenienznachweise sind, selbst wenn sie ausnahmsweise nicht selbst aus dubiosen Quellen stammen, eine Einladung an Raubgräber und Schatzsucher.

Links:


(Mit Dank an Jutta Zerres / Rainer Schre,  Archaeologik-Blog CC BY NC SA; Foto: Römische Münzen via pixabay)