Ruth Foster +

11. August 2014

Ruth Foster, Lingener Ehrenbürgerin, ist vor wenigen Tagen in ihrer Londoner Heimat verstorben. Als Ruth Heilbronn in Lingen geboren, besuchte die Jüdin hier die Höhere Töchterschule, bis sie sie wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit 1937 verlassen musste. 1941 ging sie freiwillig mit ihren vertriebenen Eltern nach Riga, musste dort die Ermordung ihres Vaters ansehen, kam später in die KZs Stutthof und Ravensbrück. Auf einem der sogenannten Todesmärsche wurde sie 1945 schließlich bei Lauenburg von englischen Truppen der Roten Armee befreit. Trotz alledem kehrte die Jüdin nach Lingen zurück, lernte ihren Mann kennen, heiratete ihn und beide emigrierten nach England. Sie war die einzige Lingener Überlebende des Holocaust, über den sie dies berichtete:

Bildschirmfoto 2014-08-10 um 23.37.30Am 3. September 1984 rief Ruth Foster bei der Lingener Stadtverwaltung an und erklärte, nach ihrer Kenntnis sei sie wohl die einzige überlebende Jüdin aus Lingen (Ems). Sie erkundigte sich, ob auch die Stadt Lingen (Ems) so wie andere Städte beabsichtige, Gedenktafeln aufzustellen, auf denen die Namen der im Dritten Reich umgekommenen jüdischen Mitbürger aufgeschrieben würden.

Der damalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring hatte aus dem Versagen der Stadt 1975  anlässlich der 1000-Jahrfeier gelernt, als Geschichte und Verfolgung der Lingener Juden verschwiegen worden waren. Schnell lud er Ruth Foster zu einem Besuch ein. Bereits am 14. Oktober antwortete Ruth Foster und man erfuhr erste Namen umgekommener Lingener Juden und von Personen, die mit dem sog. „Bielefelder Transport“ im Dezember 1941 in die Vernichtung gingen. Vehring beauftragte Atze Storm aus dem städtischen Hauptamt und den Leiter des Bürgerbüros Karl-Hermann Hüllsieck, den Verbleib ehemaliger jüdischer Mitbürger zu ermitteln. In enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Judentum-Christentum (dem späteren Forum Juden Christen) und seinem Initator Josef Mödde sowie der Lingener Pax Christi Gruppe mit Annedore Jakob begann ein reger Brief- und Telefonkontakt mit Ruth Foster, die der Stadt dazu ein erhaltenes Verzeichnis aus dem Jahr 1924 mit über 120 Lingener jüdischen Glaubens überließ.

Immer wieder angeregt und unterstützt durch Ruth Foster wurden anhand der alten Unterlagen viele Städte im In- und Ausland, Botschaften und Israels zentrale Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem angeschrieben, um Näheres über das Schicksal der früheren Lingener Juden zu erfahren. Außerdem veröffentlichte die Stadt einen Artikel im „Aufbau“,  dem damaligen jüdischen Wochenblatt in New York. Einige frühere Mitschüler/innen hatten inzwischen ebenfalls Briefkontakt mit Ruth Foster.

RuthFoster_holohoaxerZu einem einwöchigen Besuch wurden dann im Oktober 1985 neben Ruth Foster weitere frühere jüdische Mitbürger nach Lingen eingeladen: Herbert Joseph, Doris Lindemann und Rita van der Hoek, geb. Markreich. An dem Besuch nahmen auch Nachkommen von inzwischen verstorbenen ehemaligen Lingener Juden teil.

Als gleichermaßen beeindruckend und rührend empfanden viele  Lingener, mit welcher Freundlichkeit Ruth Foster in vielen Briefen Anerkennung und Dankbarkeit gegenüber der Stadt und dem Forum Juden-Christen für die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte zum Ausdruck brachte. Immer wieder gab sie auch Ratschläge für die Ermittlung des Schicksals weiterer ehem. jüdischer Mitbürger aus Lingen. Sie war es schließlich auch, die Anfang 1986 die Anschrift von Bernard Grünberg in Derby (GB) erfuhr und mitteilte.

Ein denkwürdiger Tag im Leben unserer Stadt war der 13. Dezember 1993, an dem Ruth Foster und Bernard Grünberg zu Lingener Ehrenbürgern ernannt wurden. Lingen (Ems) war damals wohl die erste Stadt in Niedersachsen, die ehemalige jüdische Mitbürger zu Ehrenbürgern ernannte. In einer bewegenden Feierstunde sagte Ruth Foster damals unter anderem:

„Als man mir die Ehrenbürgerschaft angetragen hat, habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich sie annehmen kann und soll, denn vor 50 Jahren wurde uns Bürgern jüdischen Glaubens die Bürgerschaft genommen. Wir wurden staatenlos und deportiert, so kamen 1.000 Juden aus dem Emsland und Westfalen nach Riga und wurden dort vernichtet. Das geschah im ganzen Deutschen Reich, bis Deutschland „judenrein“ war“.  

Und:

„ Jetzt bin ich nicht mehr das junge Mädchen von damals, ich bin auch nicht nur Besucher und Gast der Stadt Lingen, wie in den vergangenen Jahren, sondern wieder Bürger dieser Stadt, ja sogar Ehrenbürger. Ich nehme diese Ehre gern entgegen, aber nicht nur für mich allein, sondern für alle ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt, deren Spuren verschollen sind“.

„Die Ehrenbürgerschaft, die Sie mir heute geben, fügt sich ein in Ihre Zeichen der ausgestreckten Hand, die ich gerne annehme. Es ist ein Aufruf an Sie alle und besonders an die junge Generation dieser Stadt damit verbunden, nie zu vergessen, was in Deutschland geschah und leider jetzt noch in der Welt vorkommt. Versöhnung durch Dialog ist möglich geworden, die Ehrenbürgerschaft ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Mein Dank gilt Ihnen, meine Damen und Herren der Stadt, besonders aber meinem Freund Josef Möddel, der sich unermüdlich für dies alles eingesetzt hat. Man sagt: Hoffnung lebt, wenn Menschen sich erinnern und niemals vergessen. Ich danke Ihnen, das ist heute ein denkwürdiger Tag in meinem Leben.“

Oft hat Ruth Foster fortan ihre Vaterstadt besucht und ungezählte Briefe über das Schicksal der Lingener Juden geschrieben und beantwortet. Besonders enge Kontakte entwickelte sie zu Josef Möddel, Anne Scherger, Annedore Jakob und die Geschwister Marie-Theres und Ulla Klaas. Nach einer Feier zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938  schrieb sie 1988:

„…ist es auch zuckersüß, wenn ich zurückkomme, die Erinnerungen kann man nicht auslöschen. So ist es für mich immer eine Freude und Genugtuung zu wissen, dass es in Lingen liebe Menschen gibt, die es mir sehr erleichtern, zurückzukommen und das Zurückdenken wird mir viel leichter gemacht.“

Besonders gefreut hat sie sich über den Erhalt und die Restaurierung der ehemaligen jüdischen Schule mit der Einrichtung eines kleinen Dokumentationszentrums zur Geschichte der Lingener Juden.

Erwähnen muss man auch den ersten Besuch Ruth Fosters in der Realschule Freren, bei dem sie auf Bitten des langjährigen Schulleiters Bernhard Fritze Schülerinnen und Schülern über ihr Schicksal berichtete. Anschließend hat sie immer wieder dort und in Lingen viele Schulklassen besucht und erzählt. Noch lange wird sie daher bei den vielen Menschen in Erinnerung bleiben, die sie so kennenlernen durften.

Die British Library (London) hat in der Reihe “Life Stories – Living memory of the Jewish Community”  vor drei Jahren ein Interview mit Ruth Foster-Heilbronn veröffentlicht, die am 5. August im ALter von 92 Jahren verstorben ist. Damals habe ich vorgeschlagen, ob nicht Lingener Schüler dieses beeindruckende Gespräch in die deutsche Sprache übersetzen. Seinerzeit antwortete Josef Möddel in diesem Blog:

„Das ist eine sehr gute Idee. Ruth Heilbronn – Freudenheim – Foster, das sind die Namen, die sie trug, würde dankbar lächeln. Ihre Geschichte ist mit Lingen, in der sie geboren wurde, eng verwoben. Wir wissen immer noch nicht genug und verstehen zu wenig. Mit einer Übersetzung, gerade durch Schüler!, machen wir einen weiteren großen Schritt gegen das Vergessen“

Bislang ist dies, so glaube ich, noch nicht geschehen. Sollte es aber. Das Forum Juden Christen plant außerdem, auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße eine Gedenktafel zu enthüllen, die an Ruth Foster, diese so außergewöhnliche Persönlichkeit unserer Stadt, erinnern wird.

Doppelspitze

27. April 2012

Das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen wird jetztvon den beiden stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Heribert Lange und Michael Fuest als Doppelspitze geleitet.  Simon Göhler wurde zum Kassierer gewählt; er tritt damit die Nachfolge von Ingrid Hartmann an. Als weiteren Beisitzer wählte die Versammlung Benno Vocks.

Zuvor hatten die Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung am Mittwochabend im Gedenkort „Jüdische Schule“  Dr. Walter Klöppel einstimmig zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Er hatte zuvor seinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben. In einer besonders schwierigen Phase hatte Klöppel 2005 den Vorsitz des in den 1970er Jahren gegründeten Vereins übernommen. Das Forum  hatte sich seinerzeit mit der Renovierung des Jüdischen Bethauses in Freren völlig übernommen.  Der damalige Landrat Hermann Bröring machte seinerzeit seine Unterstützung davon abhängig, dass der eher sozialdemokratisch ausgerichtete Vorstand des Forum unter dem rührigen Baccumer Reinhold Hoffmann zurücktrat. CDU-Mann Klöppel war der von Bröring akzeptierte, vom damaligen OB Heiner Pott unterstützte Mann für den Vorsitz;  der engagierte Katholik war von 1991 bis 2003 Leiter des Katholischen Büros in Hannover und davor Leiter des Ludwig Windthorst Hauses in Lingen gewesen. Mit ihm an der Spitze ergriffen die übrigen Vorstandmitgliedern die vom Landkreis und der Sparkasse Emsland getragenen notwendigen Sanierungsmaßnahmen. „Walter Klöppel hat unser Forum auf einen guten und unverwechselbaren Kurs gebracht, war ein wichtiger Ideengeber und geduldiger Mittler“, sagte der amtierende Vorsitzende Dr. Heribert Lange.

Anne Scherger stellte im weiteren Verlauf der Mitgliederversammlung  den Stand in Sachen „Stolpersteine“ vor. Zwölf weitere Stolpersteine mit den eingravierten Namen der Holocaust-Opfer werden am kommenden 13. Juni vom Künstler Gunter Demnig aus Köln verlegt. Auch der 89jährige Lingener Ehrenbürger Bernard Grünberg will an dieser Veranstaltung teilnehmen.

Anne Scherger: „Die dazu geplante Veranstaltung  steht in der langjährigen Tradition unserer Erinnerungsarbeit, die mit den ersten Arbeiten am jüdischen Friedhof,  mit der Einrichtung der jüdischen Schule in Lingen und dem Gebetshaus in Freren begonnen und mit der Verlegung von bisher 26 Stolpersteinen in den letzten Jahren fortgeführt wurde. Uns ist es gelungen, diese Steine durch Spenden zu finanzieren, es wurden auch Patenschaften für die Steine übernommen. Parallel dazu wurde in Zusammenarbeit mit dem früheren Stadtarchivar Dr. Ludwig Remling und seinem Nachfolger Dr. Stephan Schwenke eine Broschüre erarbeitet, die über das Schicksal der Lingener Juden informieren und noch in diesem Jahr erscheinen soll“, freute sich Anne Scherger. Akribisch erforscht sie seit vielen Jahren das Schicksal der Lingener Juden.

Abschließend stellte Dr. Lange das geplante Programm für 2012/13 vor, zu dem neben Ausstellungen und Exkursionen auch wieder gemeinsame Veranstaltungen mit jüdischen Mitbürgern in Lingen und Freren sowie die inzwischen schon traditionellen Lehrhausgespräche im kommenden Winterhalbjahr in der Jüdischen Schule gehören.

(Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden–Christen, Altkreis Lingen eV; Stolpersteine (c) SPD Lingen)