auch unsere Helden

24. Juni 2021

Vor 80 Jahren überfiel Hitler-Deutschland die Sowjetunion und begann einen Krieg an desen Ende die Befreiung Deutschlands durch die Rote Armee und die westlichen Alliierten stand. Daran erinnert Anne-dore Jakob (Pax Christi) in einem Schreiben an mich. Anlässlich des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion vorgestern vor 80 Jahren, legte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag im Rahmen eines „stillen Gedenkens“ einen Kranz am sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide nieder. Ein Solo-Trompeter der Bundeswehr spielte die Melodie „Der gute Kamerad“, gedichtet 1809 von Ludwig Uhland.

Die bekannteren Ehrenmale finden sich bekanntlich im Berliner Tiergarten an der Straße des 17. Juni und in Treptow, die beide vielleicht schon jemand bei einem Berlin-Besuchen gesehen hat. Erstmals besuchte ein Bundespräsident die sowjetische Kriegsgräberstätte in Pankow. Eine weitere Besonderheit: Erinnert wird in der Schönholzer Heide auch an gestorbene sowjetische Kriegsgefangene. Stalin hatte übrigens ausdrücklich befohlen, dieser Opfer nicht zu gedenken, denn er sah sie als mögliche Kollaborateure an.

Im April 1945 fanden 33.000 Rotarmisten in der Schlacht um die Seelower Höhen den Tod fanden, zehn Tage später starben 20.000 in der „Kesselschlacht bei Märkisch Buchholz“ im Unteren Spreewald. Bei der „Schlacht um Berlin“ starben weitere 80.000 Rotarmisten, 13.200 fanden 1949 in der Schönholzer Heide ihre letzte Ruhestätte. Nur 2.700 konnten namentlich ermittelt werden. Der Historiker Götz Aly gehörte zu den wenigen, beim Gedenkbesuch Steinmeiers anwesenden Journalisten am Ehrenmal in der Schönholzer Heide. Er berichtete gestern ausführlich in der Berliner Zeitung über den Gedenkstättenbesuch Steinmeiers. Über die toten russischen Soldaten schrieb Aly in der Berliner Zeitung:

„Sie alle und ihre etwa zwölf Millionen bereits gefallenen Kameraden und – in der Roten Armee auch: – Kameradinnen opferten ihr Leben für ihr Mutterland, für die Freiheit Europas und für das Glück von uns heutigen Deutschen. Die Helden der Sowjetunion sind auch unsere Helden.“

Am letzten Freitag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Foto lks) übrigens eine vielbeachtete Rede im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst gehalten. Eröffnet wurde dort eine Ausstellung über sowjetische Kriegsgefangene im II. Weltkrieg, die noch bis zum 3. Oktober 2021 zu sehen ist. Hier ein Bericht auf der Homepage des Bundespräsidenten und ein Link zu seiner Rede. Ich empfehle sie zum Nachlesen bzw. Nachhören.

Zurück ins Emsland:
Auf dem Lingener Neuen Friedhof hat niemand am Dienstag Blumen auf den Gräbern der sowjetischen Kriegsgefangenen niedergelegt. Die toten Russen fanden auch keine Erwähnung in der Lokalzeitung. Daher sei erinnert, dass vor nunmehr 20 Jahren das Dokumentations- und Informationszentrum DIZ Emslandlager in Papenburg (seit 1989 zum 7. Mal) zu einem Treffen ehemaliger „Moorsoldaten“ einlud, wie die Meppener Tagespost am 22. März 2001 berichtete. 30 Überlebende mit ihren Angehörigen sagten zu. Aus Russland kam der ehemalige Kriegsgefangene des Lagers Meppen-Versen, Nikolaji Sorin. Stellvertretend für seine Kameraden besuchte er den ehemaligen Lagerort. In einem Bericht beschreibt der spätere Kinderarzt, wie die Kriegsgefangenem mit dem Kauen von trockenem Heidekraut gegen den Hunger ankämpften. Das Meppener Ehepaar Focken begleitete Nikolaji Sorin in jenen Maitagen, später verband sie eine lange Brieffreundschaft.

In vielen deutschen Familien gibt es viele erzählte und unerzählte Geschichten unserer Väter, Großväter und Urgroßväter über den Krieg in Russland und anderen Ländern. Es ist aber längst notwendig,  nach Jahrzehnten auch die „andere Seite“ in den Blick zu nehmen und zu hören, was das „Unternehmen Barbarossa“ 1941 angerichtet hat. Denn die „Wehrmachtsausstellung“ in den 90er Jahren war kontrovers, aber wahr.

Bekanntlich hat die Sowjetunion den höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg gezahlt. Insgesamt verloren mindestens 24 Millionen sowjetische Bürger:innen ihr Leben – bedingt durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschlands.

Historiker schätzen, dass 12 Millionen russische Soldat:innen fielen, bis zu 5,7 Millionen sowjetische Soldaten gerieten während des Zweiten Weltkrieges in deutsche Gefangenschaft gerieten. 2,6 bis 3,3 Millionen Gefangene sind hierzulande ums Leben gekommen, zumeist verhungerten sie. Meine Mutter berichtete, dass sich Tausende russischer Kriegsgefangener vom Lingener Bahnhof in die Emslandlager quälten, quer durch die Stadt und über die Wilhelmstraße. Anwohnerinnen, die ihnen Brot zusteckten, bekamen Schwierigkeiten mit den lokalen NS-Behörden.

Apropos Emslandlager: Bekannt wurde übrigens Anfang dieser Woche, dass die Generalstaatsanwaltschaft Celle seit einigen Tagen offiziell gegen einen 95-Jährigen aus Bayern ermittelt, der Wachmann des Kriegsgefangenen-Lagers VI C Bathorn in der Niedergrafschaft Bentheim war. Die Ermittler werfen dem Mann Beihilfe zum Mord vor.

Er soll zwischen Oktober 1943 und April 1945 Dienst in dem Kriegsgefangenenlager geleistet haben, wie die Generalstaatsanwaltschaft Celle der taz bestätigt hat. In dem Lager auf dem Gebiet der Gemeinde Hoogstede (Landkreis Grafschaft Bentheim) sollen viele sowjetische Kriegsgefangene zu Tode gekommen sein. Die meisten sind verhungert. Die Zentrale Stelle für die Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) hatte mehr als zwei Jahre lang Hinweise zur möglichen Schuld des 95-Jährigen zusammengetragen.

Der Celler Oberstaatsanwalt Bernd Kolkemeier sagte, noch sei nicht klar, ob es zu einer Anklage komme. Man müsse Beschuldigten, die in einem Kriegsgefangenenlager eingesetzt waren, „konkrete Beteiligungshandlungen an Tötungsdelikten nachweisen“, sagte Kolkmeier dem Evangelischen Pressedienst. Außerdem müssen Wohnort und Gesundheitszustand des 95-Jährigen ermittelt werden, so Kolkmeier, bevor die Tatvorwürfe weiter verfolgt werden könnten. Dem Bericht zufolge gingen den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft mehr als zwei Jahre Vorermittlungen der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg voraus.

Foto: Frank-Walter Steinmeier, CC s. Archiv v. 3.5.20

 

Bernard

18. Januar 2021

Noch dies:

Bernard Grunberg, den am Samstagnachmittag in seiner englischen Heimatstadt Derby an CoViD-19 verstorbenen Lingener Ehrenbürger, habe ich als sehr bescheidenen, leisen Menschen in Erinnerung. Gerade deshalb verkörperte eine so starke Würde, die ihm selbst nicht abhandenkam, wenn ihn Einzelne für ihre ausgesprochen oberflächlichen Zwecke zu vereinnahmen suchten.

Der stellv. Vorsitzende des Forum Juden-Christen Dr. Walter Höltermann sagte am Sonntag:

Die Mitteilung über den Tod von Bernhard Grünberg hat mich sehr traurig gestimmt,  zumal er uns seit gestern aus der Lingener Tagespost noch mit seinem etwas schelmischen Lächeln grüßt.  Es ist wohl so, wie es Karl Jaspers an Hannah Arendt nach dem Tod deren Mutter geschrieben hat: „Es ist zwar Gang der Natur, dass die Alten sterben. Aber es ist doch ein Anderswerden, wenn die Mutter nicht mehr ist, und der Schmerz tief, wenn auch nicht zerreißend.

Forum-Ehrenpräsident Dr. Heribert Lange schrieb tags zuvor: „Ich bin betroffen und traurig über den Tod eines guten Freundes.

Und Anne-Dore Jakob, eine große Engagierte für die Erinnerung, sagte: „Auch wenn die Sorge um ihn zuletzt groß war, kam die heutige Nachricht doch überraschend. Wir denken an den Verstorbenen und werden Bernhard Grünberg, unseren ältesten Freund, nicht vergessen.“

Erinnernd an den unvergessenen Benno Vocks, der am 21. Februar letzten Jahres verstarb,  schickte Anne-Dore Jakob dazu eine Abschrift des Kapitels „Bernard-Grünberg-Straße“ aus dessen Buch* „Lingen wegweisend – 99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)“:

Bernard-Grünberg-Straße 

Bernard Grünberg verlebt mit seinen Eltern Bendix und Marianne, geb. Valk, und seiner Schwester Gerda zunächst eine sorgenfreie Jugend in der Georgstraße gegenüber dem Gefängnis. Er kommunizierte sogar mit den Strafgefangenen, indem er häufig mit einem Spiegel zu den Strafgefangenen herüberblinzelte. Mit zehn Jahren besuchte er das Gymnasium Georgianum. Dort wurde er nach der Machtergreifung als Jude von seinen Mitschülern angefeindet: „Nur gut, dass ich ein schneller Läufer war und mich so in Sicherheit bringen konnte.“ Als die Attacken zu heftig wurden, ließ ihn sein Vater bei der Umschichtungsstelle in Berlin anmelden. Hier sollten jüdische Jugendliche eine Ausbildung erfahren, um später nach Israel auswandern zu können. In Berlin-Pankow-Niederschönhausen erhielten im Jahre 2014 die Betreiber dieser Umschichtungsstelle, Selma und Paul Latte, die selbst in der Shoa ermordet wurden, einen Straßennamen.
Ein Kindertransport brachte Bernard Ende 1938 ins sichere England. Bei der Fahrt von Berlin begleitete ihn überraschend sein Vater auf der Eisenbahnfahrt von Rheine bis Bentheim. Hier sahen sich beide zum letzten Male. Tags zuvor war Bernards Vater aus dem KZ Buchenwald zurückgekehrt. Dieser 15-jährige Junge war nun ganz allein auf sich gestellt in England. Aber er lebte, während seine Eltern und seine Schwester in Riga und Stutthof ermordet wurden. Zunächst in der Landwirtschaft als Farmer, dann als Lastwagenfahrer und Kfz-Mechaniker ging Bernard Grünberg seinen beruflichen Weg.
Im Jahre 1947 heiratete er seine Frau Daisy. Lange sträubte sich Bernard Grünberg, wieder mit der Stadt Lingen Kontakt aufzunehmen. Heute ist er sehr froh über die vielfältigen Beziehungen und auch stolz auf die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Lingen im Jahre 1993. Bis zum letzten Jahr fuhr er als 91-jähriger selbst mit seinem Auto von Derby zu den jährlichen Besuchen nach Lingen.
Hier erfüllt es ihn immer wieder mit Genugtuung, wenn er vor Schülerklassen als Mahner auftreten kann. Sehr vielen Lingener Jungen und Mädchen in Lingen und Umgebung werden die Begegnungen mit ihm unvergesslich sein. Auch in England ist er im Holocaust-Center Beth Sahlom regelmäßig tätig, um sein Wissen und seine Mahnungen weiterzugeben. Er ist so sehr mit Lingen verbunden, dass er sogar seine letzte Ruhestätte in Lingen finden möchte.
Sein Werkzeug aus seiner Berliner Zeit vermachte er dem Forum Juden-Christen. Auch das schmiedeeiserne Tor vor der Gedenkstätte in der Lookenstraße fertigte er selbst an.
Eines kann Bernard Grünberg nicht nach all seine bitteren Lebenserfahrungen: Vergessen und vergeben. Dazu sei er seinen ermordeten Familienangehörigen und allen weiteren sechs Millionen Opfern des Holocausts verpflichtet. Nur mit seinem Klassenkameraden Walter Demann als Wegbegleiter aus seiner Kindheit nahm er wieder persönlichen Kontakt auf.

Zur Erinnerung schickte Anne-Dore Jakob aus ihrem Wohnort in Berlineine Gesprächsnotiz von ihrem letzten Telefonat mit Bernard Grunberg.

Gesprächsnotiz
Anruf v. Bernard Grunberg am 31. Juli 2020
Bernard, inzwischen 97 Jahre, rief am Abend aus Derby/GB an. Er habe unsere Tel. Nr. mehrfach gewählt, bis er eine Verbindung bekam. Er bedankt sich sehr herzlich für das Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das wir ihm zusammen mit Familie Schottmann-Kurz am 27.  als Gruß aus Niederschönhausen geschickt haben.

Durch die Bilder kämen die Erinnerungen zurück! Besonders die Erlebnisse des Brandes im Sommer 1938 in den Werkstätten von Schlosserei und Tischlerei stünden ihm deutlich vor Augen, und er erzählte davon, als wenn sei es gestern gewesen: 

„Wir wurden am Rand des Geländes zusammengetrieben und mussten dem Treiben zusehen, ohne, dass wir etwas tun konnten. Warum man uns in der „Kristallnacht“ vergessen hat, weiß ich nicht.“

Auf das große Eingangstor aus Holz, rot angestrichen, folgte im Inneren noch eine kleinere Tür. Gut erinnere er sich auch an den Schäferhund von Ruth und Poldi Kuh (Bild S. 79), der sich bei ihrer Unterkunft am Ende der kleinen Straße aufgehalten habe, die über das Gelände ging. Manchmal habe er frei herumlaufen dürfen und habe „aufgepasst.“

Das ganze Buch habe er noch nicht gelesen, aber was er bereits erkennen konnte, habe alles seine Richtigkeit. Er warte aber noch auf eine neue Lesebrille! Durch die vielen Bilder, die auch von ihm stammen, werde die Umschichtungsstelle wieder sehr lebendig! Das Lesen deutscher Texte falle ihm nicht schwer, er könne sie gut verstehen.

Er sprach das Schicksal seiner „holländischen“ Verwandten an, Familie Weinberg aus Groningen (Simon und Emma mit ihren Söhnen Leo und Iwan), wo er viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Die Familie seiner Cousine „Lieschen“ beschäftigt ihn ebenso: Elise de Jong, geb. Groenberg lebte mit ihrem Mann Bob (Benjamin de Jong) und ihrem Sohn Herman Nico (Jg. 1941) in Amsterdam. Beide schickten ihm Taschengeld nach England. Bernard sagte: „Herman Nico könnte heute noch am Leben sein.“

Bernard lässt alle herzlich grüßen!“

Wie deutsch selbst sein Tod noch ist, hab ich mir gesagt. Sein Wille war, in Lingen auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße bestattet zu werden. Die Pandemie, di ihm das Leben nahm, macht die letzte Reise diesen großen, kleinen Mannes ausgesprochen schwierig. Aber wir werden es machen, weil wir Bernard Grunberg heimholen müssen.

Weil ich gefragt wurde:
Die Frage, ob der am Samstag verstorbener Lingener Ehrenbürger Bernard oder Bernhard heißt, ist schnell beantwortet. Bernhard Grünberg hat nach Jahrzehnten in England seinen Namen anglifiziert. Seither trug er den Namen Bernard Grunberg.

Uns bleibt die Frage, wie wir an ihn und die Ehrenbürgerin Ruth Foster-Heilbronn künftig dauerhaft und über den von Benno Vocks porträtierten Straßennamen und über die (viel zu) lange nur geplante, längst überfällige Geschichte unserer Stadt in der NS-Diktatur hinaus erinnern. Das ist eine Aufgabe für den Rat der Stadt, derer er sich würdig zu erweisen hat.


* Benno Vocks,
Lingen wegweisend,
99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)
Anno-Verlag, 216 S., 14,95 €
ISBN 3939256315
Erhältlich hier

Ein, auch aus Lingener Sicht, ebenso spannendes wie bedrückendes Stück deutsch-jüdischer Geschichte behandelt das in Berlin erschienene, neue Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das die „Berliner Woche“ jetzt vorstellte. 

Der Beitrag enthält ein Foto von Johannes Jakob aus dem Sommer 2016. Unschwer erkennt man auf ihm Lingens Ehrenbürger Bernard Grünberg (Jg. 1923), der vor mehr als 80 Jahren eine Ausbildung an eben diesem Ort in Berlin-Niederschönhausen machte. Die Dame mit der gepunkteten Bluse ist Eva Seker, geb. Jany, aus Tel Aviv/Israel; sie wurde 1933 in Pankow in der Kissingenstraße geboren, wo ihr Vater bis 1939 einen Großhandel für Landmaschinen unterhielt. Das Fabrikantenehepaar, Selma und Paul Latte (Bild auf der Stele), das ab 1934 mehrere Ausbildungshallen für junge Leute zur Verfügung stellte, waren Evas Großtante und Großonkel. Der Herr (Bildmitte, mit Krawatte) ist Dennis Kew aus Cambridge/GB, Sohn von Leopold „Poldi“ Kuh (später „Kew“), dem damaligen Ausbildungsleiter, der für Bernard Grünberg zum Lebensretter wurde.

Vor vier Jahren waren sie alle in Berlin-Niederschönhausen, als eine bis dahin namenlose Grünfläche zwischen Beuth- und Buchholzer Straße endlich einen Namen erhielt. Benannt wurde sie nach Selma und Paul Latte. Gleichzeitig wurde vor Ort eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. An deren Einweihung nahmen Zeitzeugen und deren Angehörige teil, darunter auch Bernard Grünberg. Inzwischen erhielt auch die dortige BVG-Haltestelle den Namen Selma- und Paul-Latte-Platz.

Dieser Benennung ging eine jahrelange Recherche und Beschäftigung mit der Geschichte des nahegelegenen ehemaligen Betriebsgeländes der Flaschenfabrik Latte voraus. Diese wurde in der NS-Zeit zu einer bedeutenden Hachscharah-Einrichtung für jüdische Auswanderer. Initiatoren der Benennung waren Gudrun Schottmann und Christof Kurz. „Im November 2013 erfuhren wir vom Leiter der Stolpersteingruppe Pankow, dass das Mehrfamilienhaus, in dem wir seit 2001 wohnen, früher dem jüdischen Flaschenfabrikanten Paul Latte und seiner Frau Selma gehört hat“, berichtete Gudrun Schottmann zur Platzbenennung. Eine Radioreportage des rbb über das Ehepaar Latte und die auf dem Gelände ihrer Flaschenfabrik befindliche Hachschara-Einrichtung regte sie und Christof Kurz an, mehr über das Schicksal des Ehepaares und die Geschichte ihres Fabrikgeländes herauszufinden. 

Bei der Hachschara-Einrichtung handelte es sich um eine Ausbildungsstätte, in der junge Juden in der NS-Zeit auf eine Emigration vorbereitet wurden. Die Einrichtung bestand aus Lehrwerkstätten, einem großen Garten und Wohnbaracken für junge Frauen und Männer. 

Nach der Platzbenennung liefen die Recherchen weiter, und in einigen Tagen erscheint nun unter dem Titel „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“ ein Buch über das engagierte jüdische Ehepaar Selma und Paul Latte. Herausgegeben wird es von Museum Pankow im Verlag Hentrich & Hentrich. Daran mitgeschrieben haben die langjährige Baccumerin Anne-Dore Jakob mit Verena Buser, Gudrun Schottmann und Christof Kurz.

Das Fabrikantenehepaar Latte betrieb zwar eine große Flaschenhandlung. Aber ab 1934 befanden sich auf dem Fabrikgelände eben auch die Hachscharah-Einrichtung. 

Das jetzt erschienene Buch ermöglicht einen Blick in den Alltag der Hachscharah in Berlin-Niederschönhausen. Darin ist unter anderem mehr über Einzelschicksale ehemaliger Teilnehmer zu erfahren. Illustriert ist es mit zahlreichen Fotos. Natürlich wird auch auf die Biografie des Ehepaares Latte eingegangen. Diese widerspiegelt auch, welche Versuche der jüdischen Selbsthilfe es gab und wie das jüdische Unternehmertum in Nazi-Deutschland systematisch ausgelöscht wurde. 

Das Buch umfasst 120 Seiten und ist im Buchhandel und im Museum Pankow an der Prenzlauer Allee 227/228 zum Preis von 16,90 Euro erhältlich, ISBN 978-3-95566-377-4.

Nachtrag:
Manchmal schließen sich Kreise: Ruth Foster-Heilbronn, der die Stadt Lingen (Ems) zusammen mit Bernard Grünberg die Ehrenbürgerwürde verlieh, war mit Leopolds Witwe, Ruth Kew, zusammen in einem Survivor Club in London. Gemeinsam besuchten sie Ende der 90er Jahre „Beth Shalom“ in Laxton/GB und luden dann Bernard Grünberg dorthin ein. Es war der Beginn eines 20jährigen Engagements Grünbergs, um englischen Schulkindern als Zeitzeuge von seiner Rettung durch den Kindertransport zu erzählen.


Quelle: rbb, berlin.de, Berliner Woche, Foto: © privat/Johannes Jakob

Heute: Antikriegstag 2019

1. September 2019

Genau um diese Uhrzeit begann am 1. September vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg. Nazi-Deutschland überfiel das friedliche Polen. Deutsche Bomber brachten um 4:37 Uhr 1200 schlafenden Einwohner der zentralpolnischen Kleinstadt Wielun den Tod, ein erstes terroristisches Kriegsverbrechen an der Bevölkerung einer Stadt, die militärisch keine Bedeutung hatte. Das Kriegsschiff Schleswig-Holstein griff zehn Minuten später die polnischen Soldaten auf der Danziger Westerplatte an. In den sechs Jahren danach kamen 60 Millionen Menschen zu Tode.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht heute die Hauptstadt Warschau und ganz früh das kleine Wielun, wo ihn vor einer knappen halben Stunde der Präsident der Republik Polen, Andrzej Duda, begrüßte. Steinmeier gedenkt dort gemeinsam mit polnischen Politikern des verbrecherischen Überfalls Deutschlands auf seine Nachbarn:

http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2019/08/190808-Reiseaufruf-Polen.html

Übrigens hat Wielun inzwischen vier deutsche Partnerstädte, darunter auch das westfälische Ochtrup.

Das ZDF überträgt ab 9.30 Uhr einen Fernsehgottesdienst aus der Friedenskirche in Frankfurt/Oder. Die Predigt dort hält der Ratsvorsitzende der EKD Bischof Heinrich Bedford-Strohm.

Unter dem Motto „Nie wieder Krieg!“ – ruft der DGB am Antikriegstag bundesweit zum Mitmachen auf.

In Weser-Ems sind offenbar an mehreren Orten Gedenkfeiern vorgesehen.

In Lingens Nachbarstadt Nordhorn beginnt die Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag 2019 um 11.30 Uhr in der Kornmühle in Nordhorn, Mühlendamm 1 und hat dieses Programm: Begrüßung durch  Horst Krügler (DGB-Kreisverband Grafschaft Bentheim), Grußwort: Ingrid Thole (stellv. Bürgermeisterin der Stadt Nordhorn), Vortrag: Gerhard Naber:“Die Grafschaft Bentheim – eine militarisierte Region“, anschließend gemeinsamer Gang zum „Schwarzen Garten“, 11.30 Uhr.

In der Friedensstadt Osnabrück finden diese Veranstaltungen statt:

https://www.dgb.de/themen/++co++bfb67658-b2d6-11e9-944b-52540088cada

Die traditionelle Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag an der Begräbnisstätte in Esterwegen, Friedhof Bockhorst (B 401) beginnt um 18 Uhr.  Nach der Begrüßung durch Anton Henzen (DGB-Kreisverbandsvorsitzender Nördliches Emsland) spricht der Journalist und Autor Hermann Vinke über „Zeit zum Handeln: Antikriegstag 2019 – Pathos und Parolen reichen nicht mehr“.

Weitere Veranstaltungen in Weser-Ems gibt es bereits vormittags in Wilhelmshaven und später ab 15 Uhr im ehemaligen KZ Engerhafe im Dreieck von Emden, Aurich und Norden.

„An’s Herz legen“ möchte ich den Hinweis von Anne-Dore Jakob, die viele in unserer Region aus der pax christi Bewegung kennen, einen Brief von Heinz Missalla. In dem kurz vor seinem Tod am 3. Oktober 2018 verfassten fünfseitigen Brief fordert der Theologe von den katholischen deutschen Bischöfen ein offenes und ehrliches Bekenntnis zum problematischen Verhalten der damaligen Bischöfe zu Hitlers Krieg. Die katholische Friedensbewegung pax christi und die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche unterstützen. Hier findet man den Brief im Wortlaut.

update: Und hier -seit heute früh- weitere Informationen auf telepolis!

Epilog:
Dass heute in unserer Stadt an den Furor des Krieges gedacht würde, konnte man trotz unserer  polnischen Partnerstadt Bielawa nicht erwarten, und es passiert auch nicht. Das provinzielle Nichtbeachten dieses weltgeschichtlichen Datums (hier die Lingener Veranstaltungen an diesem 1.9.)  ist eine Form der Erinnerungsarbeit, über die ich nur den Kopf schütteln kann.

Ich bin zwar kein Kirchgänger, aber es interessiert mich schon, ob und inwieweit das Gedenken an den 1. September 1939 und der Antikriegstag 2019 Eingang in die zahlreichen Sonntagspredigten in unserer Region gefunden haben.


Foto: Wielun am 1. September 1939 Public domain