Stanly Utubor

1. Oktober 2014

Fussballer-trauern-Toter-Asylbewerber-war-Mitspieler_ArtikelHochSie können es nicht lassen. Keine 24 Stunden nach dem Tod des aus Nigeria stammenden Flüchtlings Stanly Utubor instrumentalisiserte die CDU-Landtagsabgeordnete Angelika Jahns die Schießerei: Vor dem Plenum des Landesparlaments fabulierte sie vor einer Gefährdung von Polizei und Öffentlichkeit durch Flüchtlinge. Der Nigerianer war zuvor in der Asylbewerberunterkunft Hafenstraße in Wolfsburg-Fallersleben seinen Schussverletzungen erlegen.

Das ist besonders perfide. Denn nach Medienberichten hatte Stanly Utubor am Mittwochabend vergangener Woche versucht, einen Streit in dem Flüchtlingsheim zu schlichten, in dem er auch selbst lebte – offenbar als völlig Unbeteiligter.

In dem Lager war es nach Zeitungsberichten zu einem Streit zwischen einem Bewohner und zwei Männern gekommen, die nicht Bewohner der Unterkunft sind, als diese von dem Bewohner die kostenlose Herausgabe von Drogen verlangten. Im Verlauf des Streits rief der betroffene Bewohner des Lagers um Hilfe. Auf diesen Hilfeschrei reagierte der 31jährige Stanly Utubor. Laut Zeugenberichten wurde er in dem Augenblick von einem der beiden Männer erschossen, in dem er aus seinem Zimmer kam, um einzugreifen.

Augenzeugen erheben inzwischen schwere Vorwürfe gegen Polizei und Rettungsdienst. Etwa eine Dreiviertelstunde habe es gedauert, bis nach ersten Notrufen ein Krankenwagen zur Erstversorgung des schwer Verletzten vor Ort gewesen sei, sagte ein Bewohner der Flüchtlingsunterkunft einem Journalisten der taz.

„Selbstverständlich“ hätten sich damit die Überlebenschancen des 31-Jährigen verschlechtert, so ein Flüchtling, der seinen Namen aus Angst vor Repressionen nicht in der Zeitung lesen will. Nach der Schießerei habe es allein 25 Minuten gedauert, bis die Polizei eingetroffen sei. Behörden wiesen dies inzwischen zwar zurück. Die Flüchtlinge erklärten jedoch, erst als der Hausmeister den Notruf betätigt hätte, sei etwas geschehen. Ihre Notrufe seien nicht beachtet worden.

Rund 50 Heimbewohner zollten Stanly Utubor vorgestern mit einer Demonstration Respekt. Nach einem anderthalbstündigen Protestmarsch von der Hafenstraße zum Wolfsburger Rathaus wurden die Flüchtlinge von Oberbürgermeister Klaus Mohrs und Stadtrat Werner Borcherding empfangen. Die Protestierer wiesen darauf hin, dass Stanly Utubor starb, weil er Zivilcourage zeigte und helfen wollte und dass er keineswegs Drogendealer war.  Unter den Demonstranten befand sich auch der Bruder des Getöteten, Tim Utubo aus Hannover – ihm sprachen Mohrs und Borcherding ihr tiefes Mitgefühl aus. Cynthis Schäfer fasste die Anliegen der Asylbewerber zusammen: „Wir fordern Gerechtigkeit für Stanly und wünschen, dass er zu Hause beerdigt werden kann.“

Auch die Wolfsburger Spaß-Hallenfußballer trauern um Stanly Utubo: Der hatte im WDZ-Hallenpokal mitgespielt (Foto: © privat). Ligavertreter Maik Nahrstedt sagt: „Er war ein sehr netter Mitspieler und beteiligte sich auch am gemeinsamen Liga-Training, an dem Spieler aus verschiedenen Nationen aller Teams teilnahmen. Wir alle waren sehr geschockt und traurig, als wir von seinem Tod erfuhren.“

Eine Trauerfeier für Stanly Utubo findet am Samstag, 4. Oktober, ab 19 Uhr im Laagberg Pub (Laagbergstraße 100) statt.

[Material: taz, Flüchtlingsrat, WAZ, Braunschweiger Zeitung)