prollig

13. März 2012

OK, man muss sich wohl damit abfinden, dass dieser Stadtbaurat aus Oldenburg kein Interesse an Stadtgestaltung zeigt und die CDU sowieso nicht. Man lässt zu und machen und Lingens Innenstadt wird mit immer mehr Werbemüll grandios zugepflastert.  Die Werbung für die Lohner Landbäckerei und die Andreasapotheke am Haus Lookenstraße 12 sind rare, löbliche Ausnahmen und wenn man sich gerade darüber freut, zerknallen die zahllosen Geschmacksverirrungen die Reste lokaler Asthetik. Besonders daneben die Bierreklame an den Gaststätten, die Lottowerbung, die Nasenschilder quer zur Hausfassade. Die neueste Verunstaltung findet sich seit der letzten Woche am Haus Neue Straße 9a, in dem früher die lokale Niederlassung der Barmer Ersatzkasse residierte und danach lange Jahre die Firma Kamphorst Immobilien.

Jetzt ziehen Rechtsanwälte  dort ein und haben das Gebäude aus den 1960er Jahren beiderseits mit prollig-billiger

GROSSWERBUNG

behängt. Aus der Wand schauen Elektrostrippen, die werbliche Geschmacksverirrung wird künftig also wohl auch noch halogenbeleuchtet. Einmal mehr wird diese missgestaltete Visitenkarte am Eingang zur Innenstadt bauaufsichtlich akzeptiert. Im Rathaus scheint sie genauso wenig jemanden zu interessieren, wie die einige Schritte entfernten, am Konrad-Adenauer-Ring dreckig-hell leuchtenden Großwerbetafeln.

Wohin dieses gleichgültige Laissez-faire führt, zeigt ein abendlicher Besuch auf dem Marktplatz. Unser historisches Rathaus, seit fünf Jahren kitschig-schräg in modernistischer Riefenstahl-Ästhetik  beleuchtet, ist durch das Haus Große Straße 2 inzwischen gestalterisch so was von in den Hintergrund gedrängt, das es mich ärgert , auch wenn mein alter Kampfgefährte Hannes Rakers dafür verantwortlich zeichnet. Sorry Hannes, ein rotes Wohnzimmersofa, ein seit fast einem halben Jahr rot strahlender Weihnachtsstern und eine sich in den Vordergrund drängende,  kleinteilige Fensterfront auf der einen und Werbeschriften an der anderen Seite mit beidseitigen Dachflächenfenstern ganz oben … der alte Stadtbaurat Nikolaus Neumann hätte das zu recht niemals zugelassen. Das konnte nur entstehen, weil der Hochschuldozent, der jetzt mehrmals in der Woche den lokalen Stadtbaurat gibt, offenbar so wenig Interesse an Lingen und noch weniger Ahnung von Stadtgestaltung hat. Allabendlich wird bekanntlich unser kleines Rathaus zu allem Überfluss zusätzlich hintergrundbestrahlt von der IntersportAdventure-Neonreklame an Huesmanns missglücktem, disproportioniertem Neubau am Ende der Großen Straße. Wer hinschaut sieht, dass das 400 Jahre alte Bauwerk nicht mehr unseren Marktplatz prägt und das ist ästhetisch eine geschichts- wie gesichtlose Unverschämtheit oder auch einfach nur schade. Im Herbst 2013 geht die 8-jährige Amtszeit des Oldenburgers zu  Ende. Sein Nachfolger wird 30 Jahre brauchen, um die Fehlentwicklungen zu korrigieren.