Diese jüdisch-christliche Andacht in Berlin mit dem Titel „Du sollst nicht morden“ von heute Abend erinnert an drei Ereignisse: Die Wannsee-Konferenz (20. Januar 1942), den Holocaustgedenktag (27. Januar) und an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion (vor 80 Jahren, 22. Juni 1941).  Der Gottesdienst wurde in der Synagoge Sukkat Schalom  in Berlin Charlottenburg aufgenommen.

Mitwirkende der Andacht:
– Esther Hirsch (Kantorin in der Synagoge Sukkat Schalom, theologische Referentin im House of One)
– Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama (Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK), Synagoge Sukkat Schalom)
– Pfarrer Lutz Nehk (Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur)
– Pfarrerin Marion Gardei (Beauftragte der EKBO für Erinnerungskultur)
– Karlotta Greinert (Violine).

Gut 200 Lingenerinnen und Lingener nahmen gestern im großen Saal der Lingener Wilhelmshöhe an einem eindrucksvollen Festakt „150 Jahre Jüdische Synagogengemeinde Lingen“ teil, die Anfang Oktober 1869 in Lingen gegründet worden war und die 1942 aufhörte zu existieren, als alle ihre Mitglieder deportiert und ermordet waren. 

Emotionalster Augenblick der fast zweistündigen Feier war sicher die Übergabe einer alten und daher nicht mehr koscheren Thorarolle durch Michael Grünberg, den Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, an das Forum Juden Christen, um diese künftig sicher aufzubewahren. (Foto oben, lks Michael Grünberg). Einer der interessantesten Momente des Festaktes war zuvor, als angesprochen, aufgegriffen und unterschiedlich beantwortet wurde, ob es bald, jemals oder nie wieder eine neue jüdische Synagogengemeinde in unserer Stadt geben wird. Ein weiterer Höhepunkt war schließlich die Rede von Andreas Nachama, in der dieser für den interreligiösen Dialog warb, wie er unter anderem zwischen Christen, Juden und Muslimen im „House of One“ in Berlin gepflegt wird.

Draußen vor der Tür sicherte derweil eine Polizeistreife den vom Forum Juden Christen, der Stadt Lingen (Ems) und der Osnabrücker Jüdischen Gemeinde veranstalteten Festakt zur Erinnerung an die kleine Lingener Syngagogengemeinde. Zeitgleich wurde aber nur ein paar Meter weiter auf dem Parkplatz des ehrwürdigen Lingener Gastronomiebetriebs der Pkw des Vorsitzenden des Forum Judentum-Christentum, Dr. Heribert Lange, Ziel einer gotchaähnlichen Farbattacke. Nur sein Auto wohlgemerkt. Auf den ersten Blick sah es tatsächlich aus wie Vogelschiss. Es war aber nichts dergleichen a la Gauland sondern stattdessen allegorische Farbe.

Festveranstaltung 
150 Jahre Jüdische Syngagogengemeinde Lingen
Lingen (Ems) – Wilhelmshöhe
Donnerstag, 31.10. – 11:30 Uhr

Veranstaltet von der Jüdischen Ge­meinde Osna­brück, der Stadt Lingen (Ems) und dem Forum Judentum – Christentum Altkreis Lingen

Den Festvortrag hält Prof. Dr. Andreas Nachama, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbi­nerkonferenz Deutsch­lands (ARK), Vor­sitzender des Gesprächskreises Christen und Ju­den beim Zentralkomitee der Katholiken, zum Thema „Judentum in Deutsch­land heute – das Projekt „House of One“ in Berlin.“

Vor 150 Jahren

30. September 2019

Heute vor 150 Jahren wurde die Jüdische Gemeinde Lingen im damaligen Stadthaus am Markt gegründet. Isaac Friedland wurde zum ersten Gemeindevorsteher gewählt. Er war dabei übrigens weder eingeladen noch anwesend und nahm die Wahl erst fünf Tage später durch Erklärung gegenüber dem damaligen preußischen Bürgermeister Werner von Beesten an, der dafür staatlicherseits zuständig war.

In einem Monat, am Reformationstag, wird ab 11:30 Uhr im Saal der Wilhelmshöhe an „150 Jahre Gründung der Jüdischen Gemein­de Lingen“ erinnert –  veranstaltet durch die Jüdische Ge­meinde Osna­brück, die Stadt Lingen (Ems) und das Fo­rum Ju­den-Christen. Den Festvortrag hält dabei Prof. Andreas Nachama, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbi­nerkonferenz Deutsch­lands (ARK), jüdischer Vor­sitzender des Gesprächskreises Christen und Ju­den beim Zentralkomitee der Katholiken. Nacha­ma spricht zum Thema Judentum in Deutsch­land heute – das Projekt „House of One“ in Berlin.

Die Lingener Jüdische Gemeinde bestand nur etwas mehr als 70 Jahre, bevor sie und ihre Mitglieder dem antisemitischen Wahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Ihr letzter Vorsteher war Jacob Wolff, nachdem der Platz zwischen Lindenstraße und Konrad-Adenauer-Ring benannt ist. Nach der Reichspogromnacht in das KZ Buchenwald verschleppt, kam Wolff nach Wochen krank i unsere Stadt zurück und starb am 4. April 1941. Seine Leiche wurde nachts in einem Handwagen zum Jüdischen Friedhof an der Weidestraße gebracht und  heimlich dort begraben. Es war die letzte Beerdigung  dort, bis 1976 dort die jüdische Buchhändlerin Helga Hanauer beigesetzt  wurde. die Lingenerin hatte ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern den Spiegel vorgehalten und in einem einfachen Leserbrief gefragt, weshalb bei der1000-Jahrfeier der Stadt im Jah 1975  die Verfolgung, Entrechtung und Ermordung der Lingener Juden nicht erwähnt wurde.

Aktuell fordert das Forum Juden-Christen eine umfassende, wissenscaftliche Darstellung und Aufarbeitung der Geschichte Lingens während der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 in Auftrag zu geben. Dies ist im Rathaus nur auf eingeschränkte Unterstützung gefalle; während die CDU-Mehrheitsfraktion gleich „die ganze Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert“  dargestellt wissen und so die NS-Zeit faktisch in einen allgemein-unverbindlichen Kontext einbinden will, gibt es keine sichtbare Unterstützung durch Oberbürgermeister Krone. Ihm, so heißt es, sei das Projekt zu teuer. Die Aufarbeitung des Dunklen und Verbrecherischen in der Geschichte Lingens ist trotz mahnender Worte für manche offenbar immer noch (oder schon wieder?) ein Problem.

Hier aus dem Lingener Stadtarchiv die Niederschrift ser Gemeindegründung am 30. September 1869: