Niederlande kaufen Rembrandt

23. September 2015

Das Amsterdamer Rijksmuseum und der niederländische Staat kaufen zwei fast 400 Jahre alte Werke des niederländischen Malers Rembrandt, die sich im Besitz des französischen Zweigs der Bankiersfamilie Rothschild befinden. 160 Millionen Euro sollen die zwei Portraits kosten. „Wenn wir diese Rembrandts jetzt nicht kaufen, dann gehen wir das Risiko ein, dass ein reicher Ölscheich zuschlägt und die Bilder für immer aus Europa verschwinden“, erklärte die sozialdemokratische Kultur- und Bildungsministerin Jet Bussemaker am Montagmorgen gegenüber NPO Radio 1 Journaal. Ein vorläufiger Kaufvertrag ist unterschrieben.

Rembrandt Portraits Soolmans Coppit
Die Portraits von Marten Soolmans und Oopjen Coppit aus dem Jahr 1634.

Rembrandts kommen nach Hause“ – Unter dieser Überschrift berichtete die Boulevardzeitung De Telegraaf am Montagmorgen als eine der ersten von dem Kunstkauf. Unter strengster Geheimhaltung hätten die Kaufverhandlungen über mehrere Wochen stattgefunden. Tatsächlich hatte das NRC Handelsblad bereits Mitte März über Gerüchte berichtet, wonach die Familie Rothschild eine Exportlizenz für die beiden Meisterwerke beantragt hatte. Sprecher der Familie wollten damals die Gerüchte nicht bestätigen.

Die zwei lebensgroßen Portraits aus dem Jahr 1634 zeigen das Brautpaar Maerten Soolmans und Oopjen Coppit. Coppit, damals 23 Jahre alt, stammte aus reichem Amsterdamer Elternhause. Der zwei Jahre jüngere Soolmans kam aus Antwerpen. Sich lebensgroß portraitieren zu lassen – Ein Format das bis dato allein dem höchsten europäischen Adel vorbehalten war – kostete das Paar 500 Gulden, damals ein Jahresgehalt für einen erfahrenen Arbeiter. Die beiden Portraits legen damit Zeugnis über den besonderen Status der niederländischen Bürgerschaft im Goldenen Zeitalter ab. Rembrandt fertigte das Doppelportrait zu Beginn seiner Karriere.

In den Besitz der Familie Rothschild kamen die Malereien im Jahr 1877 als Gustave Baron de Rothschild die beiden Werke von der adligen Familie van Loon erwarb. Im Jahr 1956 wurden die Bilder für kurze Zeit im Rijksmuseum und im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen ausgestellt.

Laut Ministerin Bussemaker sollen die zwei Portraits künftig nicht nur im Rijksmuseum zu sehen sein, sondern eine „Tour“ durch das ganze Land machen. Das Rijksmuseum erklärte, man finde es „fantastisch“, dass die niederländische Regierung beim Ankauf helfe. Noch ist nicht ganz klar, wie das Museum die Hälfte der Kaufsumme, aufbringen will.

Mehr über Rembrandt erfährt man in der Niederlande.Net-Kurzbiografie: Rembrandt Harmenszoon van Rijn

Mehr über das Rijksmuseum, das Boijmans Van Beuningen und viele weitere Museen lesen Sie in unserem Dossier: Museen in den Niederlanden

[Quellen für diese Meldung von Niederlande.net  AF/NOS/NRC/Radio 1/TG/VK. 21. September 2015; Fotos Quelle: Beide Wikimedia Commons/gemeinfrei]

Persönliche Nachbemerkung:
Respekt, liebe Niederländer! Vor allem auch für die öffentliche Akzeptanz dieses wunderbaren Kaufs, der Europa und den Europäern zwei einzigartige Kunstwerke zurückgibt. Für mich war dies gestern die kulturelle Meldung des Tages. Und Kultur ist bekanntlich das Wichtigste. 

Dabei musste ich gleich an diesen völligen Krampf denken, wenn in unserem Städtchen auch nur ein einziges Bild für die zu Zeiten früherer, kulturnaher Oberbürgermeister geschaffene städtische Kunstsammlung gekauft werden soll. Dann -alle zwei Jahre!-  ereifern sich nämlich um die Wette die, die es immer schon besser wussten, mit denen, die mit moderner Kunst sowieso ihre, oft besonders provinziell-eng erscheinenden „Kann-das-weg?“-Probleme haben.

Wer 7.500 Euro im Lingener Etat für zu viel für Kunstwerke hält, darf sich darüber freuen, dass gestern an einem einzigen Tag  das Vierfache dieser Summe durch den Wertverlust von 61.995 trotzig von der Stadt Lingen (Ems) gehaltener RWE-Aktien eintrat; sie verloren am Montag dieser Woche 4,5% oder 0,49 Euro pro Aktie. Sinnfrei viel Geld dafür, mit den RWE im Gespräch zu bleiben

Visitenkarte

3. April 2015

ov-chipkaartEs ist für unsereins deutlich schwieriger geworden, sich in Bussen und Bahnen in den benachbarten Niederlanden zu bewegen. Nachdem im vergangenen Sommer die Papiertickets im gesamten Land abgeschafft wurden und man Busse und Bahnen seitdem nur noch per Chipkarte benutzen kann (NiederlandeNet berichtete), ist das System für uns ausländische Touristen oftmals nicht einleuchtend. Eine Mehrheit im niederländischen Parlament spricht sich jetzt für die Einführung eines Touristentickets für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr aus. Auch das niederländische Kabinett unterstützt die Pläne.

„Zu Ostern erwarten die Niederlande wieder hunderttausende Touristen aus aller Welt, im gesamten Jahr soll der Vorjahreswert von 14 Millionen Gästen erneut erreicht werden. Die meisten von ihnen besuchen traditionell die Hauptstadt Amsterdam und bleiben dann meist auch bis zum Ende ihres Aufenthalts dort. Politiker mehrerer Parteien wollen dies ändern und es für die Touristen attraktiver machen, auch andere Ort im ganzen Land zu besuchen. Dem entgegen steht nach ihrer Meinung bislang auch das für Ausländer wenig transparente Ticketsystem für Bus und Bahn mit sehr komplizierten Fahrscheinautomaten. Und wenn man es geschafft hat, sich eine Chipkarte zu kaufen, muss man das Ein- und Auschecken in den Bussen, Straßen- und U-Bahnen sowie an den Bahnhöfen lernen. Sofern man Teile der Strecke mit einem privaten Bus- oder Bahnanbieter bereist, muss man außerdem für jeden Anbieter einen neuen Einzelfahrschein erwerben.

Die Lösung soll ein Touristenpass sein, der für einen oder mehrere Tage gültig bleibt und zum Reisen im gesamten Land berechtigt. Erik Ziengs von der rechtsliberalen VVD kam als erster mit diesem Vorschlag und konnte bislang viele Kolleginnen und Kollegen davon überzeugen. Nach Ansicht Ziengs’ muss eine solche Touristenkarte eine „echte Visitenkarte der Niederlande“ werden.“                                   […weiter bei Niederlande.net]

Dass es spezielle Touristenangebote wie zB eine „Ems-Vechte-Karte“ in unserer Region nicht gibt, wissen wir. Angesichts von Eifersüchteleien und Provinzgehabe der Anbieter der Verkehrsleistungen wird sich daran auch nichts ändern, nehme ich an.  Außerdem ist unser Bus- und Bahnsystem ohnehin so schmal gehäkelt, dass Gäste sicherlich glauben, wir seien noch im Postkutschenalter. Ergänzt wird dies künftig und besonders zielgerichtet durch die CSUCDUSPD-Maut, die die Niederländer künftig davon abhalten wird, uns zu besuchen. Dann bleiben wir eben unter uns. Dafür brauchen wir keine Visitenkarte.

(Quelle/Material aus NiederlandeNet. Foto: öPNV-Chipkarte in den Niederlanden.  Quelle: Elger van der Wel/cc-by-nc-sa)

Michiel de Ruyter

28. Januar 2015

Ein kurzer Blick mit Niederlande.Net zu den Nachbarn im Westen, wo ein klein wenig gemeutert wird, lese ich:

„Die Uraufführung des neuen niederländischen Abenteuerfilms „Michiel de Ruyter“ hat am Montagabend zu Protesten geführt. Der Namensgeber des Werks war ein Seefahrer (1607-1676), der in den Niederlanden vielfach als Nationalheld angesehen wird. Die Demonstranten werfen den Machern des Films jedoch Geschichtsfälschung vor, weil de Ruyters Beitrag zum Kolonialismus und zum Sklavenhandel darin bewusst verschwiegen werde.

Vor dem Amsterdamer Schifffahrtsmuseum haben gestern rund vierzig Mitglieder der Facebook-Aktionsgruppe „Michiel de Rover“ (dt. Michiel der Räuber) demonstriert. Die Aktivisten stellen den Heldenstatus des berühmten niederländischen Seefahrers in Abrede. Aus ihrer Sicht war de Ruyter kein strahlender Held, sondern der „Schutzherr des niederländischen Sklavenhandels“ und daher ein „kolonialer Seeschurke“; so steht es auf der Facebook-Seite der Gruppe nachzulesen.

Bei der gestrigen Kundgebung machten die Teilnehmer mit Lärm auf ihre Kritik aufmerksam, während im Museum die Premiere stattfand. Ein Sprecher der Gruppe sagte: „Wir sind wegen dieses ‚Mistfilms‘ hier. Unsere Geschichte wird darin nicht erzählt, über Sklaverei wird nicht gesprochen.“ Gleichzeitig versammelte sich eine Gruppe von etwa zwanzig ehemaligen Marineangehörigen zu einer Gegendemonstration, die den Heldenstatus de Ruyters verteidigen wollten. Beide Kundgebungen verliefen nach Angaben der Polizei friedlich.

Der Seefahrer Michiel de Ruyter gründete vor 350 Jahren das niederländische Marinekorps. „Er hat zweifellos im Auftrag der damaligen Regierung Dinge getan, die im Zusammenhang mit Sklaverei stehen“, sagte einer der ehemaligen Marineangehörigen gestern. Er habe aber auch Sklaven befreit. Die Aktionsgruppe „Michiel de Rover“ wartet im Internet mit geschichtlichen Details auf: De Ruyter habe die westafrikanischen Forts Gorée und Elmina für den niederländischen Sklavenhandel erobert bzw. beschützt. Das sei nicht „ehrenwert“, sondern „verabscheuungswürdig“.

Der Regisseur des Films, Roel Reiné, hatte den Inhalt seines Films zuvor in einem Pressebericht als „essenziellen Bestandteil der niederländischen Geschichte“ bezeichnet; die von Frank Lammers gespielte Titelfigur nannte er uneingeschränkt „einen Helden“. Die feierliche Uraufführung des Films gestern wurde durch die kleine Schar der Gegendemonstranten übrigens nicht gestört. Der Vorführung im – speziell zu diesem Anlass eingerichteten, 1.200 Sitze umfassenden – Kinosaal des Schifffahrtsmuseums in Amsterdam wohnten viele niederländische Prominente bei.

Eine historische Übersicht über das Leben und Werk des Seefahrers Michiel de Ruyter findet sich in dieser Kurzbiografie.“

Trailer und Interviews zur Kritik am Film (auf Niederländisch):

Youtube-Text: Wanneer het diep verscheurde Nederland van alle kanten wordt aangevallen en op de rand van een burgeroorlog staat, probeert één man te vechten voor het landsbelang: Michiel de Ruyter. Maar zijn successen maken hem in ogen van de machthebbers te populair…

mit: Frank Lammers, Sanne Langelaar, Lukas Dijkema, Barry Atsma, Lieke van Lexmond, Roeland Fernhout, Hajo Bruins, Egbert-Jan Weeber, Tygo Gernandt, Derek de Lint, Jelle de Jong, Victor Löw, Jules Croiset, Pip Pellens, Bas van Prooijen, Rutger Hauer.

Regisseur: Roel Reiné

https://www.facebook.com/michielderuy…
https://twitter.com/MdeRuyterfilm

weißes Heroin

1. Dezember 2014

Am Hauptbahnhof, am Rembrandt- und am Leidseplein stehen große Warntafeln und nicht nur da. Die Hinweisschilder ließ das Gesundheitsamt in Amsterdam aus gutem Grund anbringen; denn derzeit wird eine „extrem gefährliche Droge“ in der niederländischen Stadt verkauft. Opfer der Straßenhändler sind offenbar vor allem unwissende Touristen. Drei Briten sind schon nach dem Konsum des „falschen Kokains“ in der vergangenen Woche gestorben. Der Grund: Sie kauften und konsumierten „weißes Heroin“, wohl in der Annahme es sei Kokain; denn die Droge sieht genauso aus.

„Das sind die ersten Fälle, in denen weißes Heroin wie Kokain in den Niederlanden konsumiert wurde. Wir haben das Zeug untersucht und es sah aus wie Kokain, aber mit einem Test fanden wir heraus, dass es weißes Heroin war. Die Konsistenz war die gleiche und es gab weitere Fälle, bei denen Leute krank wurden“, sagte Polizeisprecher Rob van der Veen (Amsterdam). Insgesamt mussten mehr als zwei Dutzend weitere Touristen medizinisch versorgt werden. Als weißes Heroin wird die Droge in ihrer reinen Puderform bezeichnet. In Amsterdam wird es derzeit zum gleichen Kurs auf den Straßen angeboten wie Kokain. Der bloße Konsum der Betäubungsmittel ist -übrigens wie hierzulande- straffrei.

Die niederländische Polizei hat die Händler noch nicht dingfest gemacht, obwohl sie Dutzende von Hinweisen aus Bevölkerung erreichten, nachdem eine Belohnung von 15.000 Euro ausgelobt war. Auch der Amsterdamer Stadtrat diskutiert auf Antrag der VVD-Fraktion in dieser Woche die Gefahr. Gleichzeitig warnen die städtischen Behörden seit mehreren Tagen mit ihren großen Hinweisplakaten. Auch Besucher aus Deutschland sollten sie in ihrem eigenen Interesse beachten.

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Zwarte Piet

13. November 2014

sint-und-piet
Die
haben Probleme, die Nachbarn! Bei den Niederländern hat sich das höchste Gericht mit einer kulturellen Frage ersten Ranges befasst; die dreht sich um den Zwarte Piet und Rassismus oder das, was manche dafür halten. Der Zwarte Piet („Schwarzer Peter“ auf Niederländisch) ist in den Niederlanden und Belgien der Helfer des Sinterklaas, des Heiligen Nikolaus in der niederländischen Überlieferung. Der im November und Dezember allgegenwärtige Zwarte Piet ist außerordentlich beliebt in der Bevölkerung, das Sinterklaasfest ist überhaupt wesentlich wichtiger als Weihnachten. Deshalb diskutieren die ganze Niederlande über den Zwarte Piet…Liest Du hier den Beitrag von Niederlande.Net:

„Die Stadt Amsterdam hat vergangenes Jahr zu Recht eine Genehmigung für den Sinterklaas-Einzug in Amsterdam erteilt. Die Frage, ob die Figur Zwarte Piet – der traditionelle Begleiter des niederländischen Nikolaus – diskriminierend wirke, sei dabei unerheblich gewesen. So urteilte das höchste niederländische Verwaltungsgericht, der Raad van State, am Mittwochmorgen. Gegner der Figur Zwarte Piet hatten die Stadt wegen der Genehmigung des traditionellen Umzugs verklagt und in erster Instanz Recht bekommen. Damals urteilten die Richter, dass die traditionelle Figur des Zwarte Piet ein negatives Klischee darstelle und der Einzug des Sinterklaas mit den schwarzen Helfern beleidigend für Menschen mit dunkler Hautfarbe sei.

Der Raad van State erklärte nun, dass die Genehmigung des Festzuges, die keine Regelungen zur Figur des Zwarte Piet vorsah, zwar „zu einem Eingriff in das Recht auf Respekt vor dem Privatleben der Kläger“ geführt habe. Dies bedeute aber nicht, dass der Bürgermeister der Stadt die Genehmigung hätte verweigern müssen. Auf gut 16 Seiten legen die Richter dar, dass die Gemeinde auch in den kommenden Jahren Genehmigungen für Straßenumzüge mit dem Heiligen Nikolaus und seinem schwarzen Helfer erteilen darf. Der Bürgermeister müsse bei der Erteilung der Genehmigung nur die öffentliche Ordnung im Blick haben und nicht beurteilen, ob die Veranstaltung inhaltlich zulässig sei.

Amsterdams Bürgermeister Eberhard van der Laan ist mit dem Urteil zufrieden, so ein Sprecher gegenüber der Tageszeitung de Volkskrant. „Er sieht, dass der Staatsrat seine Auffassung teilt, dass er kein Sittenwächter ist. Ihn kann und darf man nicht bitten, ein Event vorab inhaltlich zu beurteilen.“ Dennoch verstehe van der Laan, dass viele Amsterdamer Probleme mit der Figur des Zwarte Piet hätten, weshalb einige Änderungen durchgeführt worden seien.

Mit dem Urteil wurde der Diskussion um den Helfer des niederländischen Sinterklaas, den Zwarte Piet, ein neues Kapitel hinzugefügt. Seit sich eine UN-Arbeitsgruppe für Menschenrechte im Januar 2013 in einem Brief an die niederländische Regierung gewandt hatte, um anzukündigen, man wolle untersuchen, inwiefern eine rassistische Tradition hinter dem Sinterklaas-Fest stehe, welches mit dem Zwarte Piet ein Stereotyp des Afrikaners als „Bürger zweiten Ranges“ bediene (NiederlandeNet berichtete), zeigen sich die Niederlande gespalten. Traditionalisten wollen den Zwarte Piet beibehalten, Gegner wollen die Figur so schnell es geht abschaffen.“

Das Urteil des Raad van State 201406757/1/A3 vom 12.11.2014

Die Chronologie der Ereignisse im Kurzbeitrag
Zwarte Piet is racisme– Chronologie einer Debatte

 

[Quelle: Niederlande.Net; Foto: Sinterklaas und Piet, Quelle: Jan Arkesteijn/cc-by]

MH17

10. November 2014

halbmastDie Niederlande trauern um ihre Toten. Im Amsterdamer Kongresszentrum RAI fand heute die nationale Gedenkfeier für die Opfer des Flugs MH17 statt, der am 17. Juli in der Ostukraine abgestürzt war. Im Beisein des niederländischen Königspaares sowie hochrangiger Politiker gedachten rund 1.600 Hinterbliebene ihrer Angehörigen, drückten ihre Trauer aus und suchten Halt in der Verbundenheit.

„Wir sind es in den Niederlanden gewohnt, bei großen Katastrophen eine nationale Gedenkfeier zu veranstalten. Was ich von den Menschen höre, auch in der Vergangenheit, ist, dass so etwas hilft, auch wenn wir wissen, dass es damit nicht vorbei ist,“ so Ministerpräsident Mark Rutte im Vorfeld gegenüber der Rundfunkanstalt NOS. „Ich denke, dass es für die Niederlande eine Chance ist, erneut zu zeigen, dass die Angehörigen nicht allein sind, dass wir nicht nur am 17 Juli, am 18. Juli, am 19. Juli, sondern auch am 10. November einander an den Händen halten.“

Bei der heutigen Feier standen die Angehörigen der 298 Opfer im Mittelpunkt. Zwar waren auch das Königspaar Willem-Alexander und Máxima, Prinzessin Beatrix und Prinzessin Margriet und ihr Mann Pieter van Vollenhoven anwesend, sie setzten sich jedoch nicht, wie sonst üblich, in die erste Reihe, sondern nahmen zwischen den Angehörigen Platz.

Als einziger Außenstehender sprach Ministerpräsident… [hier weiter bei NiederlandeNet]

(Foto: Am nationalen Gedenktag hängen die niederländischen Flaggen auf Halbmast, Quelle: Wout/cc-by-nc-sa)

Kommunalwahl NL

19. März 2014

wahlplakateAngesichts einer voraussichtlich schwachen Wahlbeteiligung bei den niederländischen Kommunalwahlen am heutigen Mittwoch wird der Wahlkampfton zwischen den politischen Parteien zunehmend schriller. Am gestrigen Sonntag hatte das Meinungsforschungsinstitut Maurice de Hond mitgeteilt, dass die Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2010 noch weiter absinken dürfte. Sie werde dann voraussichtlich um die 50 Prozent liegen.

Laut jüngster Umfragen wird es bei den anstehenden Gemeinderatswahlen in einigen Städten zu einem Kopf-an-Kopfrennen zwischen den größeren Parteien kommen. In Amsterdam droht beispielsweise die sozialdemokratische PvdA erstmals ihre Position als stärkste Partei an die linksliberaleD66 zu verlieren. Aktuellen Prognosen zufolge liegt D66 augenblicklich bei zwölf Sitzen und die PvdA nur noch bei zehn Sitzen im Gemeinderat der Stadt.

Auch insgesamt sieht es nach Ansicht von Maurice de Hond nicht gut aus für die PvdA. Diederik Samsom, PvdA-Fraktionsvorsitzender in der Zweiten Kammer, äußerte dazu im niederländischen Fernsehen, dass dies lediglich Umfragen und noch keine Wahlergebnisse seien. Aus seiner Sicht wäre es merkwürdig, wenn man den Lokalwahlen eine landesweite Bedeutung zumessen würde und seine Partei sich deswegen beispielsweise aus der Regierungskoalition zurückzöge. „Wir sind schließlich gerade dabei, für mehr Stabilität zu sorgen“, fügte er hinzu. Samsom glaubt, dass die PvdA-Wählerschaft von der Wirtschaftskrise in den vergangenen fünf Jahren besonders hart betroffen gewesen sei. Daher müsse seine Partei nun intensiv daran arbeiten, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen.

Je näher der Wahltermin heranrückt, desto härter scheinen sich die niederländischen Parteien untereinander zu attackieren. Premierminister Mark Rutte (VVD) ließ am heutigen Montag wissen, dass die populistische PVV um Geert Wilders seiner Ansicht nach immer weiter nach links rücke, in manchen Punkten habe sie sogar schon die am linken Rand angesiedelte SP überholt. Konservativ eingestellte Kreise könnten daher eigentlich nur noch seine Partei, die rechtsliberale VVD, wählen. Besonders starke Verschiebungen konstatiert Rutte auf den Gebieten der Gesundheits- und Sozialpolitik. Damit stelle sich die PVV frontal gegen den Sparkurs der Regierung. Bei den anstehenden Kommunalwahlen müsse der Wähler sich schlicht zwischen „Experimentieren“ und „Kurshalten“ entscheiden. Trotz seiner Attacken gegen die Wilders-Partei hatte Rutte eine Zusammenarbeit seiner Partei mit der PVV sowohl auf Landes- als auch auf Gemeinderatsebene in einem Fernsehinterview vergangenen Freitag noch als „denkbar“ bezeichnet. Er reiße sich zwar nicht gerade darum, als Demokrat schließe er aber auch keine Partei aus.

Bildschirmfoto 2014-03-19 um 00.15.52Der PVV-Vorsitzende Geert Wilders hatte es jüngst wieder in die niederländischen Schlagzeilen geschafft, als er vergangenen Mittwoch öffentlich verkündete, dass Den Haag aus seiner Sicht eine Stadt mit „weniger Lasten und, wenn irgendwie möglich, etwas weniger Marokkanern“ werden solle. Diese Äußerung war von den meisten anderen Parteien in den Niederlanden postwendend als diskriminierend zurückgewiesen worden. Der PvdA-Parteivorsitzende Hans Spekman hatte sie sogar als „widerlich“ charakterisiert. Noch weiter ging Fouad Sidali, Mitglied des PvdA-Parteivorstands, vergangene Woche Donnerstag, als er den PVV-Vorsitzenden Wilders auf Twitter öffentlich mit Adolf Hitler verglich. Für diese Bemerkung entschuldigte er sich einen Tag später, offensichtlich auf Druck seitens der eigenen Parteispitze hin.

Gefunden bei NiederlandeNet [Danke!]
[mehr in der Berliner Zeitung]

]Foto oben: Kommunalwahlplakate der politischen Parteien in Den Haag. Quelle: Patrick Rasenberg/cc-by-nc]

Essen und trinken

11. Februar 2014

EssenKünftig soll der Willy-Brandt-Platz  der Ruhr-Metropole Essen von  alkoholkranken Hartz IV-Beziehern sauber gehalten werden. So will es der zuständige Essener Sozialdezernat. Die Betroffenen erhalten neben einer kleinen Aufwandsentschädigung Bier für ihre Arbeit. Ein ähnliches Modell wird seit einiger Zeit in Amsterdam von einer Stiftung betrieben. Ich hatte im vergangenen November darüber geschrieben [mehr…]. Laut „taz“ soll das Ruhrgebiet-Projekt im Mai starten.

In Essen folgt man dem offenbar erfolgreichen Amsterdamer Modell. Dezernent Peter Renzel (CDU) will dabei mit dem Alkohol die Projekt-Teilnehmer vor allem bei der Stange halten. „Mit Speck fängt man Mäuse“, zitiert „Spiegel Online“ aus einer Stellungnahme des Sozialdezernenten. Die Teilnehmer seien ohnehin nicht in der Lage ohne Alkohol, die Arbeiten durchzuführen und vor allem durchzuhalten. Zudem werde eine Aufwandsentschädigung gezahlt . „Über diesen Betrag können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbstverständlich frei verfügen“, zitiert das Magazin den Sozialdezernenten weiter.

Das Essener Projekt ist zunächst für ein Jahr geplant. Die Federführung liegt bei der „Suchthilfe direkt Essen“, einer städtischen Gesellschaft. Die Aufsicht vor Ort übernimmt ein sogenannter Umfeld-Manager , der die Teilnehmer kennt und in der Szene akzeptiert ist. Bis zu zehn Alkoholiker sollen als Reinigungskräfte mitmachen. „Es geht um ein Arbeitsmarktprojekt für langzeitarbeitslose Menschen, die alkoholabhängig oder chronisch mehrfach abhängig sind“, zitiert das Magazin weiter aus der Stellungnahme. Die Alkoholabhängigen werden vom Jobcenter und der Suchthilfe ausgewählt.

Die Essener Grünen begrüßen den städtischen Vorstoß. „Der Vorschlag einer Freibierausgabe für fegende Trinker hat durchaus eine Chance verdient“, sagte die Grüne Ratsfrau Elisabeth van Heesch-Orgaß. Doch es  regt sich auch erste Kritik an dem Vorhaben. „Es kann nicht sein, dass eine Stadt Schwerstalkoholabhängige ohne nennenswerte Bezahlung für sich arbeiten lässt und dann auch noch mit Suchtmitteln versorgt“, zitiert die „taz“ etwa den Geschäftsführer der Obdachlosenhilfe linker Niederrhein, Horst Renner. Er fordert stattdessen eine ordentliche Bezahlung „mindestens im Rahmen des Mindestlohns“. Das müsse sich eigentlich auch eine Stadt wie Essen leisten können.

Was dann angesichts der Alkoholkrankheit mit dem Lohn geschieht, sagt Renner ebenso wenig wie er verschweigt, weshalb das Projekt „nicht sein kann“. Vor allem sagt er auch nicht, welche Alternative er hat. Ich jedenfalls finde das Amsterdamer Modell gut.

Anerkannt

27. Januar 2014

jodenbreestraat59 69 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der deutschen Besatzung der Niederlande hat die deutsche Regierung jetzt drei Stadtteile Amsterdams, die im Zweiten Weltkrieg als Ghettos dienten, als solche anerkannt. Dies meldet NiederlandeNet und erläutert: „Dadurch kommen Personen, die während der deutschen Besatzung in diesen Ghettos arbeiteten, für eine einmalige Entschädigung in Höhe von 2.000 Euro in Betracht. Der Verbond Belangenbehartiging Vervolgingsslachtoffers (VBV, auf deutsch: Verband Interessenvertretung Verfolgungsopfer) hatte sich für diese Anerkennung eingesetzt.

Im Mai 2012 wurden die Straßen Waterlooplein und Jodenbreestraat in Amsterdam als Ghettos anerkannt. Dies war das Ergebnis einer zehnjährigen juristischen Auseinandersetzung. Doch der VBV war der Meinung, dass das Ghetto in Wirklichkeit größer war und überzeugte am vergangenen Freitag in Bonn auch eine Delegation des deutschen Finanzministeriums davon. Jetzt werden ein großer Teil des Amsterdamer Zentrums sowie die Viertel Transvaalbuurt und Rivierenbuurt zu diesem Ghetto gerechnet.

Laut VBV gab es bereits früher rund 1.200 Anmeldungen für Entschädigungszahlungen, die allerdings abgewiesen wurden, da die entsprechenden Gebiete bislang nicht als Ghettos anerkannt worden waren. Diese müssen nun erneut geprüft werden.

„Niederländische Juden erhielten während des Kriegs Berufsverbot und wurden in diesen Ghettos kaserniert bevor sie in die Konzentrationslager deportiert wurden. In den Amsterdamer Ghettos hielten sie sich und ihre Familien häufig mit Arbeiten wie dem Nähen von Taschen über Wasser. Das war keine Zwangsarbeit, aber sie waren gezwungenermaßen im Ghetto, also war es auch keine freiwillige Arbeit“, so Flory Neter, die Vorsitzende des VBV. Neter rechnet damit, dass die Zahl der Entschädigungsanträge noch steigen wird, da unter den Antragsstellern auch Personen seien, die als Kinder im Ghetto gearbeitet hätten.

Mehr über die Lebensbedingungen der niederländischen Juden während der deutschen Besatzungszeit erfahren Sie im NiederlandeNet- Dossier Die Judenverfolgung in den Niederlanden 1940-45

[Text: NiederlandeNet; Foto: Die Amsterdamer Jodenbreestraat im Jahr 1894, Quelle: Beelbank Stadsarchief Amsterdam/Wikimedia Commons/gemeinfrei]

Amsterdam

21. November 2013

Oosterpark4„Es ist ein Deal, der international für Aufsehen sorgt: Wer sechs Stunden lang Straßen kehrt, bekommt fünf Bierdosen, ein halbes Päckchen Tabak und zehn Euro. Mit diesem Angebot wirbt die staatlich finanzierte Stiftung seit einem Jahr gezielt Suchtkranke als Straßenkehrer an. Jahrelang hatte eine Gruppe von knapp 40 Alkoholabhängigen im Oosterpark im Osten der Stadt randaliert, die Polizei war hilflos, die Stadtverwaltung ebenso. Zu Sozialarbeit ließen sich die Männer nicht motivieren. „Bis wir ihnen als Gegenleistung Alkohol angeboten haben“, sagt eine Sprecherin der Initiative. „So beschäftigen wir sie. Wir vermitteln ihnen aber auch mehr Selbstachtung.“

Für das Projekt der Regenbogen-Stiftung haben sich 19 Männer freiwillig gemeldet. An drei Tagen in der Woche fegen sie die Bürgersteine, sammeln Müll auf und säubern die Parkanlagen, stets von 9.30 bis 15.30 Uhr. Morgens werden ihnen die ersten beiden Dosen Bier gereicht, und, wenn sie wollen, eine Tasse Kaffee. In der Mittagspause dürfen sie die nächsten beiden Dosen trinken, die letzte nach Feierabend. Begleitet werden sie von einem Sozialarbeiter. Für jeden Teilnehmer gibt die Stiftung täglich 19 Euro aus.“

[mehr über das soziale Experiment in Amsterdam in der Süddeutschen Zeitung]

(Foto: Amsterdam, Oosterpark: Foto CC S Sepp )