1839-II

19. März 2010

Nun schwächel‘ ich selber, hab ich feststellen müssen. Sie erinnern sich an diesen Kitschnamen „Am Schwalbenufer“, mit dem die ehemalige Panzerstraße zwischen Kasernengelände und Nordlohner Straße beglückt werden soll, weil 1839…. Das hatte  ich nun spöttisch kritisiert und dann am Dienstag… peinlich! Was ist passiert:

In dieser Woche gab es zwei Ratssitzungen. In der ersten stand „Am Schwalbenufer“ auf der Tagesordnung. Direkt zuvor wurde ein Beschluss über die Annahme von Spenden durch die Stadt gefasst. Grundsätzlich muss die Annahme aller Spenden durch eine Gemeinde nach einer Gesetzesänderung jetzt ausdrücklich beschlossen werden. Das ist richtig und gut, weil in der Vergangenheit da doch viel undurchschaubarer Wildwuchs ein Geschmäckle von Vorteilsannahme entstehen ließ. Vor allem Firmen spendeten an die Stadt mit der Auflage, dies zu einem ganz bestimmten Zweck zu verwenden. Die Stadt machte das dann und die Firmen bekamen eine kommunale, „saubere“ Spendenquittung. Jetzt gibt es mehr Offenheit. Also präsentierte der OB in der Vorlage 70/10 eine Liste aller Spenden, die seit Inkrafttreten der Gesetzesänderung bis zum 28.02. eingegangen waren. Beschlussvorschlag: Genehmigen.

Birgit Kemmer (Bündnis ’90/Die Grünen; Foto) hatte sich diese Liste aber ganz genau angesehen und fragte, was es mit einer 900 Euro-Spende der RWE Power für die Aktion Brandmelder auf sich habe. Ob es sich dabei um die von der Lingener CDU propagierte PR-Aktion der CDU-Stadtratsfraktion handele. Was soll ich sagen? Das war der Stich ins Wespennest.

Heraus kam, dass die Spende tatsächlich für diese CDU-Aktion erfolgt war. Aber „natürlich nicht für die CDU sondern für die Freiwillige Feuerwehr“, die allerdings die Aktion „gemeinsam  mit der CDU“ veranstaltet habe. Nach einer kurzen heftigen Debatte beschloss die CDU-Mehrheit dann die Annahme auch dieses, für die eigene Aktion gespendeten Geldes. Für mich ist es keine Frage, dass dies eine Parteienspende der RWE Power für und an die CDU Lingen ist, und auch keine Frage, dass diese Spende nicht über die Stadt Lingen verbucht werden  kann. Nach dem unrechtmäßigen Mehrheitsbeschluss dachte ich noch einen Augenblick über dieses Politschlagloch nach, das ich gerade erlebt hatte. Sie kennen das: Mal eben sacken lassen.

Derweil  rief der OB den nächsten Tagesordnungspunkt auf: „Tagesordnungspunktachtbenennungeinerstraßeimortsteilschepsdorfwortmeldungendazu-nicht-ichlasseabstimmenweristdafür?
gegenstimmenenthaltungensobeschlossen. Da wars passiert! „Am Schwalbenufer! “  Hatte 10 Sekunden nicht auf- und meinen Einsatz verpasst. Tja, wenn man in einer Fraktion sitzt, passt da ein Kollege oder eine Kollegin auf. Wenn man allein nachdenkt, muss man das eben selber. Auch die Feststellung, dass (m)ein Wortbeitrag nicht wirklich zu einem anderen Beschluss geführt hätte, ist nur ein schwacher Trost.

ps Apropos Nachdenken: Kann aus der verehrten Leserschaft vielleicht jemand an den Bundestagspräsidenten schreiben, damit die RWE-an-die-CDU-Spende geklärt wird? Ich bin zeitlich zurzeit zeitlich reichlich ausgebucht.

(Foto: © Birgit Kemmer)

1839

10. März 2010

Zwei miteinander verwobene Nachrichten aus der kommunalen Kultur, zu der neben der Bestattung auch die Findung von Straßennamen zählt, rauben mir den Schlaf. Straßennamen sollen ja Ausdruck und Symbol sein. In Lingen sind sie erst einmal Ausdruck des gemeinen Dativs. Denn unter A finden wir im Straßenverzeichnis unseres Mittelzentrums mit oberzentralen Teilaufgaben diese bemerkenswerte Auflistung:

Am Alten FlugplatzAm Alten FriedhofAm Alten HafenAm AmeisenhügelAm BahndammAm BergAm BerggartenAm Biener SandAm Biener SeeAm BirkenhainAm BloomholtAm BotterkampAm BrinkAm BrunnenparkAm BuchenhainAm BuchenwaldAm BunkerAm BöckelAm DachsbauAm DammAm Darmer BahndammAm Darmer SportzentrumAm DiekseeAm DreieckAm DreispitzAm DurchstichAm DükerAm FalkenhorstAm ForstAm ForstpfadAm FährdammAm GalgeneschAm GasthausdammAm GemeinschaftshausAm GrabenkampAm Grünen RevierAm HasenbrinkAm HeidkampAm HeimathausAm HilgenbergAm HundesandAm KanalAm KanaldammAm KaninchenbergAm KindergartenAm KirchblickAm KohschultenhofAm KreuzbachAm KurparkAm Laxtener EschAm MarkengrundAm MarktAm MühlenbachAm MühlenbergAm MühlensteinAm Neuen FriedhofAm PapenbruchAm PulverturmAm PumpenkolkAm ReinelhofAm RobbenpohlAm SandhügelAm SchallenbachAm SeitenkanalAm SenderAm SonnenhangAm SpeicherseeAm SportplatzAm StorchengrundAm StrootbachAm StrubbenbergAm TankfeldAm TelgenkampAm TreffpunktAm VennbachAm WacholderhainAm WachtelringAm WaldessaumAm WaldfriedhofAm WaldhügelAm WaldstadionAm Wall-NordAm Wall-OstAm Wall-SüdAm WallgrabenAm WalzkampAm WasserfallAm WiesengrundAm WildwechselAm WollenkampAm Wulwer EschAm ÖvernhoffAn den HöfenAn den Städt. TannenAn der GräfteAn der KapelleAn der KokenmühleAn der MarienschuleAn der SchleuseAn der SchonungAn der SeilereiAn der Wilhelmshöhe

Ich glaube, es ist schon mehr als ein Dutzend Mal in vielerlei Gremien bekräftigt worden, das Am wegzulassen. Nicht genitivspezifisch wegen des Dativs, sondern wegen der Übersichtlichkeit.  Sie können selbst durchlesen, welches Am überflüssig ist. Es sind die meisten.

Doch -zweite Nachricht- kommt jetzt eine neue Am-Benennung des Ortsrats Schepsdorf und des Kulturausschusses hinzu: Am Schwalbenufer. So soll die im Volksmund Panzerstraße betitelte Verbindung zwischen der ehemaligen Scharnhorstkaserne und der Straße nach Nordlohne künftig heißen. Am plus Schwalbenufer. So hat es nach dem Ortsrat Schepsdorf nun am 3. März der Kulturausschuss  beschlossen, weil „in Unterlagen aus dem Jahr 1839 … der damalige Bereich Schwalbenufer genannt (wird)“ – so die Vorlage. Ist das nicht historisch und schlichtschön zugleich!?

Wir erkennen zugleich zwanglos: Beschluss und Beratungsvorlage sind  eine Steilvorlage für diesen Blog.
Schon sprachlich: Kann etwa ein Bereich damalig sein? Nun, trotz vorbeifließenden Emswassers eher unwichtig scheint mir bei der Evaluation von Namen und Entscheidungsfindung, dass das Jahr 1839 bekanntlich mit der Niederlage der peruanischen Flotte im Peruanisch-Bolivianischen Konföderationskrieg begann. Deutlich relevanter ist schon, dass damals die britischen Soldaten afghanistanmäßig den Flecken Kandahar besetzten (kampflos! – das waren noch Zeiten, die an aktuelle Herausforderungen…’tschuldigung, ich schweife ab) und dass -wir hätten es fast vergessen- das Erzbistums Addis Abeba gegründet wurde. Kommt immer gut hierzulande. In Lingen indes hieß 1839 der damalige Bereich Schwalbenufer. Dieses 171 Jahre zurückliegende Jahresereignis trägt und prägt bis heute.

Doch weil er  den Dativ in seiner Reinheit liebt, entwickelt, angestoßen durch den Ortsrat Schepsdorf, der Kulturausschuss die Straßennamenskultur entschlossen weiter; denn so soll es Heinrich Heine gesagt haben: „Am Anfang jeder Kultur ist Liebe!“ Also aus Liebe der Kulturbeschluss für den heutigen Bereich: Am Schwalbenufer.

Ist das nicht extra-schön!?
Eine Betonstraße, auf der Panzer zum Schießen rollten, wird auf diese Weise richtig  ökologisch-friedlich. Der olle Scharnhorst (Foto re), von mir als Namensgeber vorgeschlagen, würde glatt Zivildienstleistender, wenn er das noch erfahren hätte.

Am Schwalbenufer. Großartig und dabei zugleich so niveauvoll – diese paraphrasierende linguistische Sehnsucht nach ein bisschen Frieden und 1839.  Ich bin ganz am Wegsein …

(Schwalbenfoto, © Ernst Rose, pixelio.de)