Ursachenforschung

31. März 2011

Das niederländische Online-Fachmagazin „Schuttevaer“ berichtet heute über mögliche Ursachen der Explosion des Tankmotorschiffs Alpsray am Montagabend im Raffineriehafen der BP in Holthausen-Biene – wie das im Nachbarland so normal ist, in niederländischer Sprache.  Hier das Original – eine Übersetzung folgt der interessanten Passage finden Sie hier:

BP verletzt eigene Sicherheitsvorschriften

‘’Berichte von Schiffern, die regelmäßig in Lingen laden und entladen, weisen auf unsichere Arbeitsverfahren beim Beladen und Entladen hin. So sollten Mitarbeiter des BP-Terminals in Lingen regelmäßig Deckel von Ladetanks aufreißen, schon bevor das Schiff vollständig angelegt hat, und ohne um die Zustimmung des Schiffers zu fragen und zu kontrollieren, ob die Tanks unter Druck stehen. Nach dem Beladen bleibt in dem Schlauch des diagonalen Ladearms des BP-Terminals immer etwas Produkt zurück. Üblich ist es in Lingen, dieses mit einer Art Hilfsschlauch, durch einen geöffneten Tankdeckel, ins Schiff fließen zu lassen. Der Schlauch in dem Arm wird dann leergedrückt. Solche Verfahren widersprechen den  EBIS [European Barge Inspection Scheme ≈ Europäisches Binnenschiff-Inspektionssystem] und eigenen Sicherheitsregeln von BP. Nach Angaben von Schiffern in Lingen wird aber trotzdem seit Jahr und Tag so verfahren.
’Wir haben dort auch Benzin geladen. Da war es sicherlich 30 Grad’, berichtet einer von ihnen. ’Die Terminalbesatzung fragte, ob wir einen Tankdeckel öffnen wollten, damit sie eine Art Deckwaschschlauch in den Tank hängen konnten. Der war an den Ladearm angeschlossen, damit sie diesen leerdrücken konnten. Bei der Hitze strömen die Benzindämpfe dann in einer dicken Schicht über das Deck. Sie sagten, das machen wir immer so. Ich habe dieses später meinem Sicherheitsberater gemeldet und gefragt, ob er Van de Ven – der EBIS-Mann von BP – bitten wollte, dagegen etwas zu tun. Später bat er mich freundlich, hierüber meinen Mund zu halten, um keine Kunden zu verlieren. Van de Ven war über das Verfahren nicht glücklich und wollte dafür sorgen, dass sich das während einer zukünftigen Modernisierung des Terminals ändern würde. Als ich jetzt von der Explosion erfuhr, habe ich sofort gedacht, dass es genauso passiert sein kann’.

Mehrere Schiffer bestätigen diese Berichte. ’Es findet schon so lange statt, wie ich hierher komme und ich komme schon seit Jahren’, sagt ein etwas älterer Schiffer.

Eine andere oder eine begleitende Ursache könnte sein, dass ein oder mehrere Überdruckventile nicht richtig funktionierten, wodurch der Druck in einem oder mehreren Tanks zu hoch anstieg. Die Alpspray soll auf einer Werft neue Überdruckventile erhalten haben, möglicherweise war eines nicht geöffnet.

Tanker werden bei BP in Lingen wohl standardmäßig über eine Gaspendelleitung zum Kai hin entgast. Aber auch das scheint nicht immer sicher zu geschehen. ’Ich habe miterlebt, dass man fragte, ob ich Dampf durch die Tanks blasen wollte, um die Entgasung zu beschleunigen. Ich war gerade leer von Benzin und befand mich voll an der Explosionsgrenze’, sagt ein Schiffer. ’Dieser Dampf hat eine Temperatur von 350 Grad.’.
…“

Hier ein weiterer Bericht aus der Lokalpresse „Lingener Tagespost, der in etwa in dieselbe Richtung weist. Ich lese:

„Die Beschäftigten in der Be- und Verladung waren erst vor kurzer Zeit an den Personaldienstleister „iHp“ ausgegliedert worden. Dennoch seien das Engagement und die Motivation der dort arbeitenden 50 Mitarbeiter nach wie vor gut, erklärte Mohr (kfm. Leiter der ERE). „Wir arbeiten schon seit vielen Jahren und in vielen Bereichen mit der iHp zusammen. Bisher hat es noch keine Klagen gegeben.“

„Dennoch“ und „nach wie vor“ irritieren mich dann doch. Dann ging bei mir noch diese Information ein:

Sämtliche Großkonzerne (…) betreiben dem „Gewinnmaximierungsprinzip“ gehorchend eine ganz gefährliche Politik zu Lasten der Arbeitssicherheit etc.: outsourcing – like devil – anstatt Fachkräfte, die definitiv fehlen, seriös auszubilden.
… ist die „Verladung“ bei BP ebenfalls in Händen von „Fremdarbeitnehmern“.  Tja, eine Abrechnung des Einkaufs kann ExxonMobil über Ungarn/Tschechien fahren, iHP macht die Personalkostenabrechnung für BP-Mitarbeiter. Aber sicherheitstechnisch sensible Bereiche in die Hände von werksfremden Niedriglöhnern zu legen: Da kann es nur knallen! Hat/ wird es auch…“

Lingens CDU-Fraktionschef Uwe Hilling wird heute mit diesem Satz zitiert: „Wenn die Ursachen bekannt sind, müssen BP und die Verantwortlichen in der Stadt prüfen, welche Vorkehrungen und Regelungen notwendig sind, damit solch ein Vorfall sich nicht wiederholen kann.“ – Recht hat er, der Mann. Danach muss die Abhilfe aber auch durchgesetzt werden.