Beschämend wenig

24. Januar 2023

Bundespräsident Roman Herzog erklärte 1996 den 27. Januar zum Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus. Seine Proklamation lautete:

1995 jährte sich zum 50. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In diesem Jahr haben wir uns in besonderer Weise der Opfer des nationalsozialistischen
Rassenwahns und Völkermordes erinnert und der Millionen Menschen gedacht, die durch das nationalsozialistische Regime entrechtet, verfolgt, gequält oder ermordet wurden. Symbolhaft für diesen Terror steht das Konzentrationslager Auschwitz, das am 27. Januar 1945 befreit wurde und in dem vor allem solche Menschen litten, die der Nationalsozialismus planmäßig ermordete oder noch wollte. Die Erinnerung darf nicht enden; sie muß auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken. Ich erkläre den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Daran zu erinnern ist und war notwendig.

Denn in diesem Jahr schweigt das verdienstvolle gute Gewissen unserer Stadt, das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen, zu dem nationalen Gedenktag. Auf seiner Webseite findet sich ein einziger Satz. Sie können ihn oben nachlesen. In einer E-Mail des Vereinsschriftführers wollte das Forum stattdessen „auf das Theaterstück hinweisen, das Beitrag des Forums zum Internationalen Holocaust Gedenktag“ sei: „Die Kempowski-Saga: Tadellöser & Wolff“. Die Inszenierung des Altonaer Theater Hamburg wird am Freitagabend im Lingener Theater aufgeführt.

Der Hinweis auf diese Theatervorstellung im Rahmen des 2021 geplanten städtischen Kulturprogramms des „Abo A“ ist beschämend wenig. Es ist kein Abend des Forum, das sich an die städt. Veranstaltung bloß dranhängt. Auf eine eigene Veranstaltung im Sinne des Auftrags der eigenen Satzung verzichtet der Verein hingegen – wenn ich richtig nachgeschaut habe, zum ersten Mal seit 27 Jahren. Das geschieht unter der Verantwortung des im vergangenen Sommer gerade erst gewählten Vorsitzenden Simon Göhler. Der CDU-Mann taucht offenbar weg, man nimmt ihn nicht wahr, weil er seine Aufgabe nicht lebt. Und das in Zeiten, in denen das Verschweigen des Holocaust und des Gedenkens daran die deutschen Rechten mit der AfD propagieren. Dabei ist die rechte Partei bekanntlich  bei den letzten Wahlen auch in unserer Stadt ein Stück weit  erstarkt.

Gerade angesichts dessen ist das desinteressiert wirkende Schweigen mindestens zweierlei: Gefährlich und geschichtslos.

Update:
Gestern Abend zeigte der TV-Sender 3sat den französischen Film „Blinden Schrittes“. Er handelt von „Schnappschüssen“, die es in sich haben: Dokumentarfilmer Christophe Cognet zeigt Fotos von KZ-Insassen, die sich unter Lebensgefahr ablichteten. Es sind Porträts von ungeahnter Würde.

Die Alltagsszenen aus dem Inneren des Holocaust wurden 2021 erstmals im Forum der Berlinale gezeigt.

Christophe Cognet  wurde 1966 in Marseille geboren und studierte Filmwissenschaft an der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris. In seinen Filmen legt er immer ungewöhnliche Schwerpunkte auf künstlerisches Schaffen und Erinnerungsarbeit. Der Vorgängerfilm „Weil ich Künstler war“ von 2013 handelt von Künstlern in KZ-Haft und ihrem Überleben in und mit der Kunst.

Der Film ist noch bis zum 22. Februar in der 3Sat-Mediathek sichtbar. Es ist ein privat-persönliches Veranstaltungsprogramm für den Holocaust-Gedenktag des 27. Januar.