Avocado verschlingt

22. Januar 2023

Avocado-Toast, Avocado-Smoothies, Avocado-Butter, Guacamole und sogar eine gebratene Variante: In den Sozialen Netzwerken tritt die Avocado in den unterschiedlichsten Varianten auf. Die digitale Popularität dieses „Superfood“ spiegelt den aktuellen Konsum-Boom wider: Bis 2030 wird Avocado die zweitmeist gehandelte tropische Frucht sein, noch vor Mango und Ananas, übertroffen nur von der Banane – so die Prognose der Welternährungsorganisation FAO der Vereinten Nationen sowie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Bedingungen, unter denen Avocados produziert werden, sind deutlich weniger glänzend. Während manchen beim Anblick der Frucht das Wasser im Mund zusammenläuft, fehlt anderen genau das: Wasser.

In Chile ist die Avocado – oder palta, wie sie dort genannt wird – ein Synonym für ein drastisches Umweltproblem: Wassermangel. Die Provinz Petorca in der Region Valparaíso, in der sich mehr als die Hälfte der landesweiten Avocado-Produktion konzentriert, hat sich zum Epizentrum der Krise entwickelt. Seit mehr als einem Jahrzehnt haben die Menschen dort mit extremer Dürre zu kämpfen. Wo früher ein Fluss war, findet man heute nur noch Geröll und Staub. Bevölkerung und Kleinbauern leiden unter dem Mangel an Trinkwasser.

Derweil gedeiht das Grün der Avocados in der begehrten Variante Hass üppig, um die weltweite Nachfrage zu decken. Lokale Umweltschützer*innen versetzt das in Rage. Die Produktion von einem Kilogramm Avocado verschlingt im Durchschnitt eintausend Liter Wasser, sechsmal mehr als Tomaten und viermal mehr als Kartoffeln, rechnet die Organisation Water Footprint Network vor. Ein Mensch wiederum braucht am Tag zwischen 50 und 100 Liter Wasser für seine Grundbedürfnisse an Eigenbedarf und Hygiene, so die UNO.

„Die gesamte Region wurde für die exportorientierte Landwirtschaft umstrukturiert. Nun fehlt der Bevölkerung der Zugang zu Trinkwasser, und der Staat muss es in Tankwagen anliefern, von niedriger Qualität und stark rationiert“, erklärt Aldo Madariaga, Politikwissenschaftler der chilenischen Universität Diego Portales. Petorca symbolisiert für den Wissenschaftler den Sieg des Wirtschaftswachstums über Umweltbedenken und Menschenrechte in Chile: „Das ganze Wasser geht an die Großproduzenten. Die Kleinbauern können nichts mehr anbauen. Die Tiere sterben, Überlebensmöglichkeiten schwinden, es gibt weniger Arbeit“.

Laut Greenpeace leidet Chile unter dem größten Wassermangel der westlichen Hemisphäre, und die Ursache des Problems ist nicht nur Dürre, sondern die Verteilung des Wassers. Während das chilenische Agrobusiness die wirtschaftliche Bedeutung der Avocado betont, beklagen Bewegungen wie Modatima, die sich für den Zugang zu Wasser in Valparaíso einsetzen, den „Raub“ des Wassers durch Großproduzenten in Zusammenarbeit mit Politiker*innen. Der Konflikt in der Region verschärfte sich derart, dass Amnesty International 2018 eine Kampagne zum Schutz des Aktivisten Rodrigo Mundaca lancierte, weil dieser Todesdrohungen erhielt. 2021 wurde Mundaca zum Gouverneur von Valparaíso gewählt.

Anders als im Rest der Welt gehorcht das Wasser in Chile den Gesetzen des Marktes. Nach dem 1981 unter der Diktatur von Augusto Pinochet erlassenen Wassergesetz können Individuen und Unternehmen von der Regierung kostenlos „lebenslange Wasserrechte“ erwerben. Die Inhaber dieser Rechte dürfen eine bestimmte Menge Wasser aus Flüssen entnehmen und vermarkten. „Die Idee dahinter, dass der Markt die Verteilung von Ressourcen besser regeln könne als der Staat, hat sich als die schlechtmöglichste herausgestellt. Nun fehlt Wasser nicht nur, weil es von Produzenten gehortet wird, sondern auch wegen der globalen Erwärmung. Für das 21. Jahrhundert ist das keine gute Lösung“, findet Madariaga. „Das System berücksichtigt nicht, dass Wasser-Ressourcen endlich sind.“

In der Praxis, erklärt Christina Fragkou, Professorin an der Fakultät für Geografie der Universität Chile, vergibt das chilenische System das Recht zur Ausbeutung der Ressourcen kostenlos an große Bergbau- und Agrarunternehmen, wie etwa die Avocado-Produzenten in Petorca: „Der chilenische Staat hat von jeher die Wasserentnahme für die Produktion priorisiert. Die Lösungen für den menschlichen Bedarf waren immer prekär und teuer. Was für den Notfall gedacht war, die Versorgung mit Tankwagen, ist hier seit Jahrzehnten im Einsatz. Petorca ist für mich ein Blick in die Zukunft. Das, was in den nächsten 20 Jahren in ganz Chile passieren wird“, prognostiziert sie.

Radikale Veränderungen im Umgang mit Wasser-Ressourcen waren Teil des Vorschlags einer neuen chilenischen Verfassung, die als Reaktion auf die Demonstrationen von 2019 erarbeitet wurde, als in Chile Tausende für soziale Gerechtigkeit auf die Straße gingen. „Nach der neuen Verfassung hätte der Staat Wasserrechte zurückrufen, streichen oder aussetzen können. So hätte der Staat im Fall einer großen Dürre die Wasserrechte der Bergbaugesellschaften suspendieren können, um das Wasser für den menschlichen Bedarf oder für ökologische Zwecke zu verwenden“, erläutert Fragkou. Doch der Verfassungsentwurf wurde von der Mehrheit der Bevölkerung in einer Volksabstimmung vom September 2022 abgelehnt. „Es gab reichlich Lobbyarbeit seitens der Bergbaugesellschaften und der Agrarfirmen gegen den Verlust ihrer Privilegien“, fügt sie hinzu.

Sieben von zehn der in Chile produzierten Avocados werden exportiert. Die wichtigsten Importländer waren 2020 die Niederlande und Großbritannien. Die vom amerikanischen Kontinent stammende Frucht steht heute in allen fünf Erdteilen auf dem Speiseplan und ist bei Vegetarier*innen, Veganer*innen und Flexitarier*innen weltweit beliebt. Laut der Brasilianerin Ailin Aleixo, die als Gastronomie-Kritikerin tätig ist, begann die Avocado-Mode Anfang der 2000er-Jahre mit der wachsenden Popularität der Atkins-Diät, die auf Fette und Proteine anstelle von Kohlehydraten setzt. Avocados werden Menschen empfohlen, die abnehmen wollen, weil die Früchte reich an ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen und Vitaminen sind.

„Wir glorifizieren einige Nahrungsmittel und verkaufen sie wie Heilmittel. Aber es gibt keine Wunder, weder im Fall der Goji-Beere, noch bei Açaí oder Avocado. Es ist eine Falle“, sagt Aleixo. Vor allem die physischen Eigenschaften der Sorte Hass seien schuld am internationalen Erfolg der Avocado: Hass-Avocados sind klein, leicht zu transportieren und genau ausreichend für eine Person. Doch Ernährung sollte zunehmend lokal und biodivers sein, ganz anders, als es derzeit weltweit der Fall ist.

„Essen ist zur Ware geworden und seine ernährungstechnische und kulturelle Rolle tritt in den Hintergrund. Es kann nicht sein, dass die ganze Welt das Quinoa der Anden isst. Monokultur steht einer nachhaltigen Ernährung entgegen“, sagt die Expertin. „Wir möchten die Avocado genau in der richtigen Größe für den Avocado-Toast der Hipster in einem Café in Tokyo oder San Francisco. Es ist die Mentalität der Standardisierung“, fügt sie ironisch hinzu.

Und die Nachfrage nach Avocado wurde, betont Aleixo, künstlich herbeigeführt: „Im Fall der tropischen Nahrungsmittel, die nur in einer bestimmten Weltregion produziert werden können, wird auf diese Regionen ein enormer Druck ausgeübt. So geschieht es derzeit in Chile. Wir haben es auch in Mexiko erlebt, wo die Avocado eine solche Wertschöpfung erfuhr, dass die Plantagen von Drogenkartellen kontrolliert wurden. Es geht nicht, ein Nahrungsmittel für acht Milliarden Personen zu globalisieren, wenn es nicht überall wächst“.
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Text: Goethe-Institut, Juliana Vaz. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland

Foto  von sandid  auf Pixabay