Out of the box

18. Dezember 2022

„Menschen, die Kreativitätsseminare besucht haben, aber selbst nicht kreativ genug sind für eigene Formulierungen, sagen gern Sätze wie: „Wir müssen ‚out of the box‘ denken.“ Die Box ist in dem Fall die Auswahl an gewöhnlichen Vorschlägen, die in der Vergangenheit alles nur schlimmer gemacht haben.

Bei allem, was sich unter dem Begriff Mobilitätswende zusammenfassen lässt, ist zum Beispiel ein großes und bislang ungelöstes Problem, dass in den Innenstädten zu wenig Platz ist. Man könnte so schön breite Gehwege, Radwege und Grünstreifen bauen, wenn am Rand nicht überall Häuser stehen und in der Mitte Autos fahren würden. Wie soll man das lösen?

Man kann den zur Verfügung stehenden Raum umverteilen. Das ist der naheliegendste Vorschlag. Man reißt also die Häuser ab und ersetzt sie durch Radwege, doch dann ziehen die Leute aufs Land und fahren mit ihren Autos in die Stadt, man braucht breitere Straßen. Aber das will man auch nicht. Nimmt man den Autos dagegen den Platz, riskiert man einen Bürgerkrieg.

In Osnabrück, der anderen Stadt des Westfälischen Friedens, hat man daher auch im Sinne der Harmonie im Straßenverkehr ein bisschen „out of the box“ gedacht, und herausgekommen ist: eine Schwebebahn. Ja, genau, eine Schwebebahn – wie man sie aus dem 19. Jahrhundert in Wuppertal kennt. Daher kann man sie auch nicht einfach Schwebebahn nennen, sie braucht einen Namen, der etwas mehr hermacht. Vielleicht  „Flyover”? Nein, sie heißt  „Sunglider”. 

Über den Sunglider spricht man in Osnabrück schon etwas länger. In dieser Woche beschäftigt sich die Wochenzeitung „Die Zeit“ mit der Idee (€) Der Artikel skizziert sie sehr schön in zwei Sätzen. Am Boden sei in den Städten wenig Platz. Also müsse man eine Ebene nach oben gehen.

Die Bahn soll aus dem 3D-Drucker kommen und sich selbst mit Strom versorgen, am Steuer soll eine künstliche Intelligenz sitzen. Schon das würde ein Problem lösen, für das im öffentlichen Personennahverkehr bislang eine Lösung fehlt. Es findet sich kaum noch wer, der die Busse und Straßenbahnen fährt. Aber warum sieht man solche Systeme dann nicht vielfach auf dieser Welt?

„Es muss einen Grund geben, warum wir solche Systeme nicht vielfach auf der Welt sehen“, sagt ein Verkehrsfachmann der Uni München in dem Artikel. Aha. Wir kommen der Antwort also näher.

In den Städten einen „massiven, durchgehenden Fahrweg herzustellen“, das sei eine Herausforderung, sagt der Münchener Verkehrsexperte. In anderen Worten: In den Innenstädten ist zu wenig Platz. Man müsste also gewissermaßen „out of the box“ denken. Und so käme man wieder weg von der Idee einer Schwebebahn.

So weit ist man in Osnabrück allerdings noch nicht. Dort soll der nächste Schritt eine Machbarkeitsstudie sein, die eine Antwort auf die Frage gibt, ob so eine Bahn – Sie ahnen es – überhaupt machbar ist. Und wer weiß, vielleicht ist sie das ja.

Möglicherweise gibt es aber auch noch andere Lösungen…“

[Ein Beitrag von Ralf Reimann in RUMS, der Münsteraner Online-Zeitung, die ich empfehle zu abonnieren]

2 Antworten zu “Out of the box”

  1. Dr. Dieter Otten said

    Leider wurde vergessen, drei wichtige Errungenschaften des Sun Gliders zu erwähnen:
    1. Die Einsparungen bei der Fahrzeugherstellung, der Energieerzeugung und im Personalbereich sowie die verschiedenen Einnahmen der Bahn führen zu einer Mischkalkulation, bei der der Sun Glider den Bürgern einen Nulltarif anbieten kann, ohne dass die Betreiber-Gesellschaft auch nur einen Cent hinzufügen muss oder Geld aus Steueraufkommen bedarf.
    2. Der Sun Glider ist nicht nur eine Schwebebahn. Er ist ein Metro Netzwerk aus Schienenfahrzeugen in der Luft und Bodenfahrzeugen, die als autonome Busse die letzte Meile bedienen. Deshalb ist das Konzept eine Smart Uberground Metro.
    3. Der Sun Glider ist eine Metro für mittelgroße Stadträume. Er bedient also nicht nur die Stadt Osnabrück, sondern den gesamten städtischen und ländlichen Raum. Er integriert die umliegenden Städte und Gemeinden mit dem Zentrum und umgekehrt. Er löst auf diese Weise eines der zentralen Probleme der Region, nämlich dass 86 % der Mobilität derzeit mit dem Auto bewältigt wird. Langfristig trägt er entscheidend dazu bei, dass die Stadt-Region stärker zusammen wächst und zu einer modernen MEZZOPOLIS wird.
    .

  2. Heinz-Bert said

    Na, der Blog-Beitrag suggeriert ja schon mit kreativer Gewalt, dass man einfach nur die Häuserreihen entlang der Hauptstraßen abreißen müsse um dort breitere Radwege zu errichten.
    Wenn das mal so einfach wäre – hier scheitert es weder am Willen „Kreativer“, noch an Kommunen sondern schlichtweg an den Eigentümerverhältnissen.
    Es wäre ja mal interessant zu erfahren, was Eigentümer entlang solcher Straßen meinen, wenn man ihnen ein Grundstück an anderer Stelle anböte damit ihr eigenes Haus einem Radweg weichen könne.

    Das Gesamtproblem wird sein: Die vielerorts aufgrund von Flächendruck praktizierte Nachverdichtung wird konterkariert – zu Gunsten breiter Verkehrswege (die leider auch „nur“ eine weitere Versiegelung darstellen) wird der Flächenbedarf für die gleiche Anzahl an Einwohnern einfach nur vervielfacht.

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