Sorge

2. Dezember 2022

Überraschend hat Buchhändlerin Andrea Thal Mitte  der Woche mitgeteilt, dass sie die Lingener Buchhandlung Holzberg verkauft .„Ich habe mich entschieden, mehr Kraft und Zeit für meine Familie haben zu wollen“, begründete Inhaberin Andrea Thal den Schritt, die traditionsreiche Buchhandlung Bücher Holzberg in Lingen an Thalia zu verkaufen. Der Übergang findet zum 1. Februar 2023 statt.

Bücher Holzberg ist eine Instution: 1953 gründete die legendäre Buchhändlerin Ingeborg Rosenthal, geb. Holzberg, die Buchhandlung. Als sie Anfang der 1980er Jahre in den Ruhestand ging, führten ihre Söhne, zuletzt Axel Rosenthal, das Geschäft weiter. 1992 übergab er es 1992 an das Ehepaar Petra Niemann-Franz und Ulrich Franz. Im Juli 2014 übernahm die Buchhändlerin Andrea Thal die Buchhandlung, die damals noch den Familiennamen Salomon führte.

Die Entscheidung der Inhaberin, das traditionsreiche Buchhandlung nicht weiter zu führen, muss man akzeptieren. Sie hat dafür wahrlich gute familiäre Gründe. Womit ich mich aber ausgesprochen schwer tue, ist der Käufer: Es ist Branchenführer Thalia.

Auf dem deutschen Markt setzt dieser Filialist mit der Übernahme von Bücher Holzberg seinen Expansionskurs fort. Dabei ist Thalia in Lingen derzeit mit einem Standort im Shopping-Center Lookentor vertreten. Dieser Standort wird auch, so Thalia, weiter bestehen. 

Neben einem klassischen Buchvollsortiment und der Beratung durch das langjährig bekannte und vollständig übernommene Buchhandlungsteam, das aus vier BuchhändlerInnen und zwei Aushilfen besteht, will Thalia, weiß das Branchenmagazin Buchreport, „den Kundinnen und Kunden am neuen (!) Standort auf rund 160 Quadratmetern Verkaufsfläche eine Kinder- und Jugendbuchabteilung, ausgewählte Geschenkartikel sowie tolino E-Reading-Produkte bieten.“ Außerdem soll weiterhin die individuelle Ausrichtung und Beratung gewährleistet sein. Doch wie lange?

Zur Erinnerung: 2019 hatten sich Thalia und die NRW-Kette Mayersche zusammengeschlossen und es war ein Buchhandelsunternehmen entstanden, das die Branche dominiert und im größten Bundesland NRW die Buchhandel-Landschaft prägt. Dass das Bundeskartellamt den Zusammenschluss damals ohne Auflagen durchgewinkt hatte, lag am großen Online-Wettbewerber Amazon, der aus Sicht der Wettbewerbshüter als Einkaufsalternative jede  stationäre Dominanz ausgleicht. 

Thalia präsentiert sich dem Buchhandel übrigens nicht nur als Nachfolgelöser und Käufer, sondern, schreibt wiederum gestern der Buchreport, „forciert eine Plattform-Philosophie, bei der Unternehmen zwar eigenständig bleiben und nach außen unter dem eigenen Namen auftreten, aber vergleichbar einem Franchise-System umfassende Dienstleistungen vom Marktführer erledigen lassen.“ Doch, ich wiederhole mich, wie lange? Ist es nicht absehbar, dass ein schlauer Betriebswirtschaftler die vermeintliche Rentabilität oder Rendite von Bücher Holzberg vermisst und was dann?

Wie bereits die Technikbranche oder auch das Fleischerhandwerk wird der individuelle Einzelhändler zugunsten von Filialisten-Ketten dann auf der Strecke bleiben. Wie andere Innenstädte büßt auch das Lingener Zentrum damit dann neuerlich an Attraktivität ein und wird damit Besuchende und Gäste verlieren. Das muss man mit Fug und Recht befürchten. Ein Filialist statt einer inhabergeführten Buchhandlung wird sich mittelfristig auch sonst auf das lokale kulturelle Leben auswirken.

Der kulturelle Auftrag des örtlichen Buchhandels wird so auf der Strecke bleiben. Wird es beispielsweise noch, wie in diesem Herbst, regelmäßig eine Kinderbuch-Woche mit Bücher Holzberg geben?  Nachdem sich bereits die NOZ mit ihrer Lokalzeitung LT aus der Kulturberichterstattung ausgeklickt hat, ist für mich kaum vorstellbar, dass die kulturelle Institution Bücher Holzberg noch so in Lingen präsent sein wird wie in den letzten 70 Jahren. Dabei ist sie – Robert Blanke mag mir verzeihen- die letzte klassische Buchhandlung in unserer Stadt und in der angrenzenden Region. Die Entwicklung macht mir Sorge.


Quellen: Website Bücher Holzberg, Lingener Tagespost, Buchreport

Eine Antwort zu “Sorge”

  1. B. Falkenberg said

    Das ist in der Tat sehr besorgniserregend und auch sehr traurig!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..