Leeuwarden Bosk

8. August 2022

Bis zum 14. August, also noch eine knappe Woche lang, verändert ein „wandernder Wald“ von 1.000 Bäumen die niederländische Stadt Leeuwarden (Friesland), die vor vier Jahren neben La Valetta (Malta) ein Jahr lang Europäische Kulturhauptstadt war.  Das Spektakel von Laubesche, Eiche und Ulme, die durch die Straßen der 110.000-Einwohner-Stadt Leeuwarden wandern, bietet die Vision einer grüneren Zukunft.

Das Ereignis ist damit kein Langstreckenlauf sondern langsames Wandern; kein Wald aus 1.000 Bäumen würde rennen. Seit Mai transportieren Freiwillige die in Holzcontainern gepflanzten einheimischen Bäume Stück für Stück über eine 3,5 km lange Strecke durch das Zentrum von Leeuwarden und lassen so die Menschen eine alternative, grünere Zukunft erleben. „Wir sind eine Generation, die fast schon alle Hoffnung verloren hat“, erklärt Johan Lakke, Student an der Universität Groningen; Lakke hilft bei dem Projekt mit dem Namen Bosk. Das bedeutet in der regionalen friesischen Sprache „Wald“. „Dieses Projekt macht mir Hoffnung“, sagt er. „Es zeigt uns nämlich, dass man Dinge erreichen kann, wenn man verrückt genug ist, um die Ecke zu denken.“

Bosk ist die Idee des Landschaftskünstlers Bruno Doedens und seines langjährigen Mitarbeiters, des verstorbenen Joop Mulder. Hervor ging es aus Doedens’ Essay Planet Paradise, der die Frage nach der Beziehung des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt stellte. „Im Moment verhalten wir Menschen uns wie Jugendliche, die ihr Zimmer nicht aufräumen wollen“, erklärt Doedens. „Wir müssen endlich erwachsen werden und aufhören, alles durcheinander zu bringen. Wir müssen uns um unseFrieslaUmgebung kümmern.“

Das Bosk-Programm mit dem „wandernd“ Wald  ist Teil von Arcadia, einem alle drei Jahre stattfindenden  Kunstfestival,  und umfasst Debatten, Ausstellungen und Performances zum Thema Reconnecting Nature. Sjoerd Bootsma, künstlerischer Leiter von Arcadia, sagt: „Wir brauchen die Kunst und die Künstler, die uns helfen, die verschiedensten Möglichkeiten dazu vorstellbar zu machen.“

Die erste Station der Wald-Wanderroute war der Stationsplein vor dem Bahnhof von Leeuwarden. „Die Bäume hatten eine so beruhigende Wirkung, dass sich die Menschen sofort entspannten“, sagt Sjoukje Witkop, Chefin des nahe gelegenen Oranje-Hotels. Witkop wurde überzeugt, 10 große Pflanztröge vor dem Hotel zu installieren und fragt heute: „Warum hatten wir dort früher keine Bäume?“

Die 1.000 Bäume bestehen aus 60-70 einheimischen Arten, darunter Erle, Esche, Ulme, Ahorn, Eiche und Weide, sind in 800 Holzbehältern gepfanzt. Jeder Trog hat einen QR-Code, der Details wie Baumart, die durchschnittliche Lebensdauer und bevorzugte Bodenart enthält. Ein Bodensensor warnt das Gartenteam der Stadt, wenn die Bäume Wasser brauchen. „Dies sind einige von den am besten gepflegten Bäume der Welt“, sagt Doedens.

Das Bosk-Projekt hat beeindruckende lokale Unterstützung erhalten. Menschen aller Altersgruppen, Geschlechter und Herkunft meldeten sich freiwillig, um die Bäume zu bewegen. Die örtliche Zaailander Brauerei hat sogar ein spezielles Bier entwickelt – das Bosk-Bier – mit 10 Cent von jedem Verkauf, die an Plan Boom gespendet werden, ein nationales Baumpflanzprogrammn.

Verantwortliche anderer niederländischer Kommunen sind längst nach Leeuwarden gepilgert, um zu sehen, was getan werden kann. „Auch die Kirchen wollen Teil von Bosk sein“, ergänzt Bootsma. Laut Doedens haben die Menschen in Leeuwarden die Bäume so sehr genossen, dass sie wollen, dass sie bleiben. „Wir haben einen ‚wandernden‘ Wald geschaffen und die Leute wollen, dass wir ihn an Ort und Stelle belassen“, lacht er.

Nicht alle sind allerdings begeistert. Einige halten das Projekt für Zeit- und Geldverschwendung. Andere mögen es nicht, dass sie eine Woche woanders parken müssen oder Zufahrten wegen der Bäume blockiert sind. Aber Almar Dam, der das Projekt für die Stadt Leeuwarden leitet, fordert die Skeptiker auf, das Ganze zu sehen. „Normalerweise sind die Straßen so laut und man muss aufpassen, dass die Fahrer einen mit ihren Autos nicht totfahren“, sagt er. „Doch schauen Sie sich einen Bosk-Standort an. Es ist so friedlich.“  Ab dem 14. August, wenn 100 Tage nach ihrem Start die Kunstaktion zu Ende geht, – werden die 1000 Bäume in der ganzen Stadt gepflanzt, auch in einkommensschwachen Vierteln, wo Grün knapp ist. Schon in drei Jahren will die Provinz Friesland die Region in der ganzen EU mit der besten Kreislaufwirtschaft sein und Abfall, Umweltverschmutzung wie den Verlust der biologischen Vielfalt drastisch verringern. Obwohl dies nicht einfach sein wird, ist Doedens zuversichtlich. „Wenn sogar Bäume laufen können, können auch wir uns verändern“, sagt er.

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Quelle/Text: Arcadia.nl, The Guardian (meine Übersetzung)

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