tollkühn in einer ideologiefreien Kiste

13. Juli 2022

Lingens traurige Provinzposse vom vergangenen Mittwoch erreicht jetzt  die überregionalen Medien. Ein tollkühner Mann in einer völlig ideologiefreien Kiste, titelt die taz den heutigen Beitrag von Autorin Simone Schnase:

Seit der NS-Zeit ehrt in Lingen im Emsland eine Straße den Namen eines SS-Hauptsturmführers. Nun hat die Stadtrat-Mehrheit beschlossen: So soll‘s auch bleiben

Im emsländischen Lingen wird mit Bernd Rosemeyer eine höchst fragwürdige Figur verehrt. Denn der gebürtige Lingener war in der NS-Zeit nicht nur ein berühmter Rennfahrer, sondern auch Mitglied der SS. Das kann man seit Freitag auch auf dem Schild der Straße lesen, die seit 1939 nach Rosemeyer benannt ist.

Denn der Rechtsanwalt Robert Koop, Fraktionsvorsitzender der unabhängigen Wählergemeinschaft „Die BürgerNahen“ im Stadtrat, hat es gemeinsam mit weiteren Lin­ge­ne­r*in­nen kurzerhand modifiziert oder, wie er es selbst nennt, „nach rechts justiert“: Neben den Informationen „Bernd Rosemeyer (1909–1938) Motorrad- und Autorennfahrer. Weltrekordler“, die auf dem Schild zu lesen sind, steht dort nun auch: SS-Hauptsturmführer.

Der wird in Lingen fast schon wie ein Heiliger verehrt: Es gibt einen Motorsportclub Bernd Rosemeyer, ein aus dem Mittelalter stammender Lingener Junggesellenverein namens Kivelinge hat eine Sektion nach Rosemeyer benannt, der lokale Schützenverein ebenfalls. Der Bauunternehmer Heinrich Liesen gründete eine Bernd-Rosemeyer-„Stiftung“ und plant in Lingen ein Rosemeyer-Museum. Ginge es nach ihm, wäre dem SS-Mann schon längst posthum die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen worden.

Letzteres wurde abgelehnt, aber eine Umbenennung der ehemaligen Lingener Bahnhofstraße ebenfalls: Am vergangenen Mittwoch stimmte der Stadtrat dagegen. Und so wird die Straße auch weiterhin den Namen Bernd Rosemeyer tragen.

Rosemeyer…

[weiter in der taz]

15 Antworten zu “tollkühn in einer ideologiefreien Kiste”

  1. Norman said

    Herr Koop…. zeigen Sie endlich Größe und akzeptieren Sie die Abstimmung! Es kann nunmal im Leben nicht immer alles so laufen wie man sich das gerne wünscht, ob es einem passt oder nicht! An D. Trump haben wir gesehen wie man sich in diesen Dingen lächerlich machen kann!
    Aber ich befürchte gar, dass (die BN) in Zukunft noch über die Rommelstraße und den Na(r)zissenweg debattieren werden 😉

  2. heinrich Liesen said

    Roko, nun nimm mal Gas raus. Eine demokratische Entscheidung ist gefallen. Alles andere ist Selbstdarstellung, veletztes Ego usw., nicht gut für die BN, kostet unnötig Stimmen

    • Günther Möller said

      Was kann er denn noch selbst darstellen? Er hat doch alles, aber auch alles dadurch verwirkt, dass er die demokratische Abstimmung ignoriert und genau das Gegenteil macht. Der Hammer ist doch, im nächsten Jahr eine erneute Abstimmung zu planen, obwohl die Abstimmung noch nichtmal 1 Woche her ist. Es ist schade, aber allmählich tut er
      mir leid

  3. Spielmanns, Conny said

    Natürlich muss der Antrag in 12 Monaten erneut in den Rat. Dann hoffentlich mit einer SPD-Fraktion, die sich GESCHLOSSEN an ihre Parteigeschichte und die Geschichte erinnert und ihre moralische Pflicht zu 100% kennt.

  4. Eva said

    Welche Kivelingssektion ist denn nach Rosemeyer benannt. Das wäre mir neu.

  5. heinrich Liesen said

    ja, die berühmte TAZ..Die Taz druckt ja auch alles ungeprüft, was Roko hereingibt. da weden gerne grenzwertige Berichte veröffentlicht.

  6. heiner11 said

    Ein konstituierender Faktor einer funktionierenden Demokratie ist der Umstand, dass Mehrheitsentscheidungen reversibel sind bzw. sein sollten.
    Demokratietheoretisch erlangen gerade dadurch Mehrheitsentscheidungen ihre Verbindlichkeit und ihre Anerkennung durch die unterlegene Minderheit. Dieser reversible Charakter von Beschlüssen erlaubt es der Minderheit, durch Einflussnahme auf den demokratischen Meinungsbildungsprozess eine Änderung eines aktuellen Mehrheitsbeschlusses herbeizufuhren.Denn das Mehrheitsprinzip in einer Demokratie ist nicht so ausgelegt, dass es zu einer „permanenten Herrschaft einer Majorität“ führt. (Prof. Werner Heun, Das Mehrheitsprinzip in der Demokratie, 1983)
    Deshalb wählen wir ja z.B. alle paar Jahre unsere Volksvertretungen neu.
    Irreversible Mehrheitsentscheidungen stoßen dagegen auf eine geringere Akzeptanz durch die unterlegene Minderheit. Dies kann in einzelnen Fälle auch zu außerparlamentarischen Bewegungen und zur Gewaltanwendung führen. Beispiel „Hambacher Forst“ bzw. der Zielkonflikt zwischen der Ernergiegewinnung und dem Erhalt gewachsener Lebensräume für Mensch und Natur.

    Tja, „Demokratie“ sagt sich so leicht, aber sie fordert uns einiges ab,
    zum Glück!

    Da ich nicht namenos bleiben möchte , z.Z. aber keine Lust habe, mich mit „WordPress und neuen Passwörtern herumzuschlagen:

    heiner11 = Heiner Keller

  7. Paul Haverkamp, Lingen said

    Mangelhaft ausgeprägtes Demokratie- und Rechtsstaatlichkeitsbewusstsein bei einer Anzahl von Lingener Stadtratsvertretern

    Der nach der Ratssitzung vom 6.7.2022 in der Öffentlichkeit von bestimmter Seite gestreute Eindruck, Rosemeyer-Kritiker würden die Abstimmung nicht anerkennen, ist ein nur allzu durchsichtiger Versuch, diese Personengruppe zu diffamieren, indem man sie eines schwerwiegenden Demokratievergehens zeiht.

    Ich kann selbstverständlich nicht für alle Rosemeyer-Kritiker sprechen. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass keiner der Kritiker eine Anerkennung einer demokratisch abgelaufenen Abstimmung im Lingener Stadtrat verweigert. Für meine Person bekenne ich, dass ich selbstverständlich das Abstimmungsergebnis vom 6.7. anerkenne.

    Große Zweifel hege ich jedoch an der demokratisch-rechtsstaatlichen Gesinnung bestimmter Abgeordneter.

    Meine Begründung:

    Zunächst galt es am 6.7. darüber abzustimmen, ob man die Straße grundsätzlich umbenennen solle.

    Doch vorab zunächst etwas zur Person, die die Umbenennung der Bahnhofstr. in Bernd-Rosemeyer-Str. verfügte:

    Der Landkreis Lingen gehörte zunächst zum NSDAP-Bezirk 26, welcher von Josef Ständer aus dem Grafschafter Ort Gildehaus (Bad Bentheim) geführt wurde. Der Kreis Lingen wurde am 1. Juli 1932 als eigener Bezirk herausgelöst, eine Geschäftsstelle in der Gymnasialstraße 3 eingerichtet und Erich Plesse als Kreisleiter der NSDAP im Landkreis Lingen ernannt. Mit dem Lingener Bürgermeister Hermann Gilles von der Zentrumspartei führte er eine Fehde, welche in die Absetzung Gilles nach der Machtergreifung mündete. Zuvor hatte er eine Korruptionskampagne gegen Gilles gestartet, um ihn zu diskreditieren. Gilles war neben dem Bürgermeisteramt auch Polizeileiter und ließ die NSDAP in Lingen überwachen und bekämpfen, was den Zorn Plesses auf ihn zog.

    Nach der Machtergreifung ließ er durch den Regierungspräsidenten Bernhard Eggers die zentrumsnahen Schulräte Heinrich Meyer und Schwenne aus Lingen entfernen, wobei Gerhard Schwenne zugleich ein führender Zentrumspolitiker auf Provinzialebene war.
    Dem in Lingen geborenen Rennfahrer und SS-Hauptsturmführer Bernd Rosemeyer bereitete er am 17. Juli 1937 einen großen Empfang auf dem Lingener Marktplatz.

    Nach dem Tod Rosemeyers verfügte er noch 1938 die Umbenennung der Lingener Bahnhofstraße in Bernd-Rosemeyer-Straße.

    Die Personalentscheidungen betreffs der Amtsentfernung von Schwenne und Gilles zeigen, dass so ein Kreisleiter schon in seinem eigenen Bereich eine nicht zu unterschätzende Machtfülle besaß, die auf jeden Fall ausreichte, um demokratiefreundliche Personen ihres Amtes zu entfernen. Auch die Umstände der Beerdigung von Fredy Markreichs Mutter zeigen, wie eingeschüchtert die Bevölkerung reagierte und wie perfide das Spinnennetz der Angsteinflößung – von Plesse perfekt ausgelegt – die Bevölkerung bereits beherrschte.

    Mit Hilfe eines ausgeklügelt durchorganisierten Spitzelsystem konnte er die gesamte Klaviatur der Angsteinflößung, des Säens von Misstrauen, der Tyrannisierung und der politischen Propaganda bespielen. Mit anderen Worten: in seinem Bereich war er ein nahezu unbeschränkt herrschender Despot, der die Instrumente des nationalsozialistischen Terrorsystems glänzend verinnerlicht hatte.

    Genau dieser Kreisleiter – gewiss durch die von den Nazis perfekt durchorchestrierte Beerdigung Rosemeyers ermutigt – verfügte 1938 im Alleingang die Umbenennung der Bahnhofstr. in Bernd-Rosemeyer-Str.

    Und nun zum Mitschreiben:

    Die CDU Lingen hat mit ihrem Beschluss vom 6.7. eine vor 84 Jahren von einem vor keiner Gräueltat und Terrormaßnahme zurückschreckenden NS-Kreisleiter verfügte Straßenumbenennung im Nachhinein noch einmal bestätigt und mit ihrer Weigerung einer Umbenennung in Fredy-Markreich-Str. dem damaligen Kreisleiter und Lokaldespoten der NSDAP auch noch einen Ehrenkranz gebunden, indem sie dieser autoritär verfügten Umbenennung noch einen demokratischen Mantel verliehen hat.

    Ich frage mich schon, wie groß das Ausmaß an Geschichtsunkenntnis, Geschichtsklitterung und Geschichtsvergessenheit dieser Abgeordneten ist.
    Dieser Vorgang bestätigt noch einmal die immer wieder vorgetragene Binsenweisheit, dass derjenige, der keine Vergangenheitskenntnisse besitzt, auch sich als unfähig erweist, die Zukunft unter den Maßstäben von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verantwortungsbewusst auszugestalten.
    Deshalb müssten diese betreffenden Personen sofort ihr Mandat zurückgeben und aus allen politischen Ämtern ausscheiden.
    Sie haben der Stadt Lingen – und noch weit darüber hinaus – eine Schande zugefügt.

    Wenn ich mir diesen Vorgang noch einmal auf der Zunge zergehen lasse, so kann ich für mich nur zu dem Ergebnis kommen, dass die CDU-Abgeordneten (und wohl einige auch aus der SPD) ihre demokratische Legitimation für mich verloren haben.

    Für mich ist das Verhalten dieser Stadtratsabgeordneten nicht nur vollkommen inakzeptabel, sondern perfide und ungetrübt von jeglichem demokratischen Rechtsstaatbewusstsein.

    Abschließend noch ein Zitat von der Homepage des Bundesinnenministeriums vom 10.5.2022:

    „41 Prozent aller Opfer politisch motivierter Gewalttaten wurden 2021 von Rechtsextremisten attackiert. Das zeigt: Der Rechtsextremismus ist die größte extremistische Bedrohung für unsere Demokratie und die größte extremistische Gefahr für Menschen in unserem Land. Mit unserem Aktionsplan gegen Rechtsextremismus haben wir die Gangart deutlich verschärft. Die Sicherheitsbehörden haben jüngst mehrfach sehr konsequent zugeschlagen. Wir müssen die Spirale von Hass und Gewalt stoppen.“

    Paul Haverkamp, Lingen

  8. Christoph Frilling said

    Der TAZ-Artikel ist in einem Punkt unrichtig: Es gibt keine Rosemeyer Stiftung und es hat sie nie gegeben. Herr Liesen versuchte allerdings auf betrügerische Art und Weise seit 2013, diesen Eindruck zu erwecken. Sogar der OB fiel darauf herein und erschien zu einer Fake-Gründungsveranstaltung. Erst 2019 gelang es, den Schwindel aufzudecken.

  9. Kib said

    Meine Herren: Zu dem Thema ist alles gesagt. Die Fronten sind verhärtet und – auch das gehört zu einem demokratischen Prozess- Robert Koop (RoKo passt nicht, klingt nach GroKo) wird sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Mittel wahrnehmen, um eine Umbenennung der BR-Strasse durchzusetzen. Ich denke, es wird ihm gelingen: Steter Tropfen hoehlt den Stein. OB Krone hat mir mit seiner Stellungnahme (zum ersten Mal überhaupt während seiner Amtszeit) gefallen- das war klare Kante. Chapeau dafür

    • . „Herr Rudeloff meint in seinem Leserbrief vom 12. Juli, gegen die Ratsentscheidung in Sachen Bernd-Rosemeyer-Straße dürfe nicht mehr protestiert werden, weil sie ja demokratisch zustande kam. Aber Vorsicht! Wenn er im Recht wäre, dürften auch Bauern nicht mehr gegen Gülleverordnungen, Querdenker gegen Corona-Schutzmaßnahmen oder Eltern gegen Schulschließungen demonstrieren.
      Ich meine, im Gegenteil wird ein Schuh draus. Der Ratsbeschluss vom vergangenen Mittwoch ist empörend, weil er sich ganz offen auf die Seite eines Günstlings der Nazis zulasten eines Opfers stellt. Für diese Bevorzugung spricht nichts, dagegen aber der Respekt, den wir den Opfern schulden. Man sollte froh sein über das Forum Juden-Christen, namentlich über Dr. Höltermann und Dr. Lange, die daran erinnern. Eigentlich hätte das der Stadtrat tun sollen. Er hat es nicht getan. Man kann das, wie geschehen, eine Schande nennen. Ein herbes Urtteil. Aber falsch ist es leider nicht.“
      Reinhard Hohmann Lingen“

  10. Christoph Frilling said

    Hinsichtlich der Frage, ob es noch eine Rosemeyer Sektion bei den Kivelingen gibt, kann ich bestätigen, dass dies nicht mehr der Fall ist. Vor längerer Zeit hatte ich allerdings den Kivelingen den Vorschlag gemacht, eine Sektion nach Fredy Markreich zu benennen. Fredy Markreich war ja Mitglied bei den Kivelingen, ehe er 1934 plötzlich nicht mehr in den Mitgliederlisten auftauchte. Zeitzeugen sagten dazu: „Die haben den rausgeschmissen.“ Eine Fredy Markreich Sektion wäre eine späte, aber schöne Wiedergutmachung und würde unseren Kivelingen Ehre machen.

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