„Einkaufsbox“

9. April 2022

Alle im sogenannten „ländlichen Raum“ kennen es: Der letzte Lebensmittelladen im Ortsteil hat längst geschlossen und niemand kann mehr im Ort einkaufen. Alle müssen fahren, um ihre Lebensmittel zu bekommen. Alle regen sich darüber auf, die Kommunalpolitik sucht eine Lösung, und das ist nicht einfach. Anstelle der beispielsweise im Stadtteil Lingen-Bramsche praktizierten direkten Subventionierung eines kleinen Geschäftes aus Steuermitteln oder einem genossenschaftlichen Dorfladen hat jetzt Lebensmittelriese REWE eine neue Idee entwickelt: Im oberfränkischen Pettstadt eröffnete der Konzern vor einigen Tagen die  erste sog. „Einkaufsbox“. Auf einer Verkaufsfläche von rund 39 Quadratmetern kann der Kunde dort an sieben Tagen ganztags („24/7“) einkaufen.
Zuvor konnten auch in Pettstadt die Menschen nicht mehr einkaufen. Nachdem ein geplantes Dorfladenprojekt nicht voran kam, ist aber jetzt für die 2000 Einwohner der Gemeinde im Landkreis Bamberg einkaufen wieder möglich. Statt einer Dorfladen-Genossenschaften in Eigenregie eröffnete in Pettstadt vor einigen Tagen der „Dorfladen 2.0“, mit der REWE ein neues Dorfladen-Konzept testet.

Das hochtechnisierte „Ladenlokal“ hält 700 Artikel in den Regalen vor: Von A wie Apfel bis Z wie Zahnbürste – eben alles für den täglichen Bedarf. Den Schwerpunkt des Angebots bilden die Konzern-Eigenmarken, Bioprodukte und Produkte örtlicher und regionaler Lieferanten, so REWE. Alkoholisches suchen die Kund*innen allerdings vergebens.

Der Einkauf funktioniert so: Zutritt zu dem kleinen Geschäft erlangt man mittels der eigenen Giro- oder Kreditkarte. Kundin oder Kunde stecken sie in einen roten Kasten vor dem Eingang, sie wird eingelesen, dann öffnet sich die Tür. Im Laden können die Kunden ihre Lebensmittel in Ruhe zusammenstellen. Mit der Giro- oder Kreditkarte wird dann auch an einer Selbstbedienungskasse bargeldlos bezahlt, nachdem die ausgewählten Artikel einzeln und selbständig gescannt wurden. Danach können die Kunden die Einkaufsbox verlassen.

„Allein in Deutschland gibt es rund 8.000 unterversorgte Siedlungsgebiete, in denen die Menschen für den täglichen Lebensmitteleinkauf sehr weite Strecken zurücklegen müssen“, erklärt REWE-Bereichsvorstand Peter Maly: „Dafür eignet sich unser ‚nahkauf‘-Format perfekt, das dort die Nahversorgung sichert, wo sich alle Wettbewerber zurückgezogen haben.“

Pettstadts Bürgermeister Jochen Hack freute sich öffentlich darüber, dass sich die Bürger im Ort wieder versorgen können. Selbstversorgung übrigens im wahrsten Sinne des Wortes, denn Personal gibt es in dem kleinen Supermarkt nicht!

Die Gemeinde hat die Aufstellung von „Josefs Einkaufsbox“ -benannt nach dem Vornamen seines örtlichen Betreibers Josef Sier – sofort genehmigt. Bürgermeister Hack freute sich: „Die Einkaufsmöglichkeit ist ein weiteres Puzzlestück bei der Weiterentwicklung unseres Ortes.“

——

Nachtrag 1:
Nun allerdings gibt es eine aktuelle neue Entwicklung: Es gibt großen Ärger um die Ladenöffnungszeiten. Sonntags bleibt -im Gegensatz zu Zigerattenautomaten- das Geschjäft möglicherweise geschlossen. Dies liege am Bayerischen Sonn- und Feiertagsgesetz.  Die Süddeutsche informierte in dieser Woche darüber (€) und kommentierte kopfschüttelnd.

Nachtrag 2:
Das Ganze, lese ich gerade, ist übrigens doch nicht ganz neu. Ein ähnliches Konzept hatte zuvor auf regionaler Basis bereits der Händler „Tegut“ vorgestellt. Unter dem Namen „teo“ eröffnete die Supermarktkette im November 2020 ihre erste Selbstbedienungs-Box. Seitdem stehen im Raum Fulda zehn „Teo“-Filialen, in denen -herzliche Grüße nach Franken- rund um die Uhr eingekauft werden kann, wie bei einer automatischen Tankstelle. Auch in der Schweiz gibt es ähnliche Konzepte.

——————

Quellen: SZ, REWE, Kommunal.de,watson Foto: REWE