Ein Crosspost von Netzpolitik.org

Während in der Ukraine Panzer rollen und Raketen einschlagen, ist auch der „Cyberkrieg“ in aller Munde. Viele Aktionen davon sind aber eher symbolische Angriffe. Vor Attacken auf echte kritische Infrastruktur warnen nicht nur IT-Experten, sondern auch das Hackerkollektiv Anonymous selbst.

Das Kollektiv Anonymous ist „offiziell im Cyberwar gegen die russische Regierung“, der ukrainische Digitalminister sucht über Twitter „IT-Talente“ und bewirbt dort einen Kanal der „IT-Armee der Ukraine“ auf Telegram, den in kürzester Zeit mehr als 230.000 Menschen abonniert haben. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat längst das Netz erfasst und die unterschiedlichsten Player spielen mit – von putintreuen Ransomware-Gruppen bis hin zu Leuten, die von IT keine Ahnung haben, aber aus Solidarität mit der Ukraine browserbasiert bei DDoS-Attacken mitmachen.

Die Lage ist unübersichtlich, der offizielle Aufruf des ukrainischen Digitalministers allerdings ein Novum. „Für ein Land, das mit einer existenziellen Bedrohung konfrontiert ist, wie die Ukraine, ist es nicht verwunderlich, dass ein solcher Aufruf ergeht und dass einige Bürger darauf reagieren“, sagt J. Michael Daniel, Leiter von Cyber Threat Alliance und ehemaliger Cyber-Koordinator des Weißen Hauses unter US-Präsident Barack Obama gegenüber Wired.

Ungewollte Eskalation möglich

Bislang ist im Telegram-Kanal der „IT-Armee“ nur von DDoS-Attacken die Rede. Daniel warnt zugleich aber auch vor digitalen „Querschlägern“ aus dem Kanal und Angriffen auf kritische Infrastrukturen, die dann Zivilisten in Russland verletzen könnten. Er sieht in der Maßnahme auch die Gefahr einer ungewollten Eskalation, „wenn die Russen dies als direkten Befehl, als direkte Absicht der ukrainischen Regierung wahrnehmen und entsprechend reagieren“, so der IT-Experte weiter.

Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), schließt nicht aus, dass sich Menschen durch den Krieg und Aufrufe wie die des ukrainischen Digitalministers inspiriert fühlen könnten, echte Attacken auf kritische Infrastruktur zu fahren und damit auch erfolgreich sein könnten. „Das würde dann sehr schnell sehr gefährlich, weil Staaten auf derartige Angriffe mit militärischer Logik reagieren“, so Neumann gegenüber netzpolitik.org. Weil die Attribution derartiger Angriffe ohnehin kaum möglich sei, könnte Putin sich zudem dann aussuchen, wem er die Schuld gibt, und wo er „Vergeltung“ üben möchte.

Anonymous im „Cyberwar“

Auch das internationale Hacktivism-Kollektiv Anonymous macht im Ukraine-Krieg mit. Es hat nach eigener Aussage in den letzten Tagen „mehrere 100 Websites der russischen Regierung, von Banken und Staatsunternehmen“ per DDoS attackiert. Viele von ihnen sind nach wie vor nicht erreichbar. Unter den Seiten sind die Webseite des Kremls, die der populären Sberbank, den Staatssender RT sowie das Gasunternehmen Gazprom, bei dem auch die deutsche Webseite derzeit nicht aufrufbar ist. Neben den DDoS-Attacken, die einfach gesagt mit vielen Zugriffen eine Seite überlasten, hat Anonymous nach eigenen Angaben auch richtige Hacks durchgeführt, darunter auf das russische Verteidigungsministerium und den belarussischen Waffenhersteller Tetraedr.

Der deutsche Ableger von Anonymous erklärt in einem Blogpost die Hintergründe der Aktionen. Es gehe nicht darum, die russische Bevölkerung zu treffen. „Putin, der Hackertruppen und Trollarmeen gegen westliche Demokratien einsetzt, bekommt einen Schluck seiner eigenen bitteren Medizin“, heißt es in der Erklärung.

Neben der Störung der Infrastruktur Russlands und der Unterstützung der Ukraine in technischer Hinsicht sei ein weiterer Schwerpunkt die Information der russischen Bevölkerung. Deswegen würden Sendungen auf Russisch in das staatliche Fernsehen eingeschleust und Botschaften über Rundfunk verbreitet. Darüber hinaus engagierten sich Anonymous-Aktivisten dafür, dass die Bürger der Ukraine trotz massiver Störungen des Internets in der Ukraine weiter online bleiben können. Dazu gehörten die Bereitstellung von VPN-Services genauso wie Anleitung zur Umgehung von Sperren des Tor-Netzwerks durch den Einsatz von Bridges.

Digitaler Protest und Zeichen der Solidarität

CCC-Sprecher Neumann sieht DDoS-Attacken, wie sie von Anonymous propagiert werden, eher als digitalen Protest als eine echte Teilnahme am Krieg. „Solche Aktionen können als Zeichen der Solidarität wahrgenommen werden, weil sie zeigen, dass quasi die ganze Welt gegen diesen Krieg und hinter den Ukrainer:innen steht. Und das eben auch auf der Ebene digitaler Aktionen.“

Wenn die Webseiten von Kreml oder Gazprom wegen einer DDoS-Attacke nicht erreichbar seien, dann sei das eher eine symbolische digitale Sitzblockade, bewertet Neumann die Lage. „Die bisherigen Aktionen von Anonymous dürften Russland wohl kaum nennenswert schaden oder gar den Verlauf des Angriffskriegs beeinflussen“, so der CCC-Sprecher weiter.

Theoretisch sei ein nennenswerter Einfluss von Hackerangriffen auf den Krieg natürlich denkbar, wenn die Angriffe sich auf kritische Infrastrukturen richten würden. „Praktisch kommt den Angriffen, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, eher die Rolle zu, für Ausfälle, Kosten, Instabilität und Verwirrung zu sorgen. Das angegriffene Land hat dann mehr mit sich selbst zu tun.“

Das gibt auch Anonymous als Ziel aus. Es gelte, den russischen IT-Apparat beschäftigt zu halten. Angriffe auf wirklich kritische Infrastrukturen lehnt Anonymous in seiner Erklärung als „NoGo“ ab. „Derzeit sind auch Hacker unterwegs, die sich nicht an die Werte von Anonymous gebunden fühlen, die Ukraine selbst hat ja den Hackeruntergrund zur Hilfe aufgerufen. Auf diese Leute hat man keinen Einfluss“, distanziert sich die deutsche Gliederung des Hacker-Kollektivs schon vorab von solchen Aktionen.


Ein Beitrag von Markus Reuter auf Netzpolitk.org
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