Oleg Senzow: Haft

25. Februar 2022

Oleg Senzow, geboren 1976 in Simferopol auf der Halbinsel Krim, ist ukrainischer Autor und Filmemacher.  2013/14 unterstützte er den Maidan in der Ukraine, während der Annexion der Krim durch Russland im Frühjahr 2014 leistete er humanitäre Hilfe. Am 11. Mai 2014 wurde er zugleich mit drei weiteren Aktivisten wegen angeblicher terroristischer Handlungen vom russländischen Inlandsgeheimdienst FSB in Simferopol festgenomme; zuvor hatte Russland völkerrechtswidrig die Krim besetzt.. Die Anklage warf ihm die Gründung einer terroristischen Vereinigung, Senzow wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Menschenrechtsorganisationen Memorial und Amnesty International schätzten das Verfahren und Urteil gegen Senzow als politisch motiviert und als Schauprozess ein. Sie stellten gravierende Verstöße gegen internationale Rechtsnormen fest.

Im Mai 2018 trat Senzow in einen unbefristeten Hungerstreik, den er während der Fußball-WM in Russland fortsetzte, dann aber im Oktober 2018 nach 145 Tagen wegen seines kritischen Gesundheitszustandes abbrach. Im gleichen Jahr verlieh ihm das Europäische Parlament den Sacharow-Preis für Menschenrechte und die französische Hauptstadt Paris die Ehrenbürgerwürde. Am 7. September 2019 wurde Oleg Senzow im Rahmen eines großen Gefangenenaustausches freigelassen und kehrte in die Ukraine zurück.

Während seines Hungerstreiks hat Senzow Tagebuch und Kurzgeschichten geschrieben. „‚Haft‘  ist keine leichte Lektüre, nicht, weil es der Autor so wollte. Das Buch ist so grausam wie die Erfahrung in russischer Haft.“ (BR24).  Senzows Schilderungen geben Einblick in den Alltag in der russischen Strafkolonie „Eisbär“ in Labytnangi am Polarkreis, in der er seine Lagerstrafe bis zu seiner Freilassung verbüßen musste. Der Autor beschreibt die körperlichen Veränderungen, die während der ausgesetzten Nahrungsaufnahme mit ihm vor sich gehen, das launische Wetter in dieser unwirtlichen Gegend, seine Lektüren und die Erinnerungen an die Revolution auf dem Maidan im Winter 2013/14, an der er unmittelbar beteiligt war. Er porträtiert Mitgefangene und beleuchtet die Mechanismen eines brutalen und menschenverachtenden Rechts- und Haftsystems, in dem der betreuende Lagerarzt Senzows einzige vertrauenswürdige Stütze ist. Willkür kennt keine Logik. „Haft“ ist ein Überlebensbericht.

In der Rezension auf DLF-Kultur heißt es:

„Noch am 120. Tag, knapp einen Monat vor Beendigung seines Hungerstreiks und mehr tot als lebendig, schreibt Senzow: „Heute habe ich für mich vier Hauptregeln formuliert, nach denen ich lebe: Mach das, was du willst, hab keine Angst, gib nie auf, verlass dich nur auf dich selbst.“
Die geistige Freiheit, die aus diesen Worten spricht, macht dieses Tagebuch einzigartig und bewegend. Trotz der omnipräsenten Dramatik liest es sich nicht nur deprimierend, sondern inspiriert durch Entschlossenheit und Kraft – schon deshalb, weil man von Anbeginn um das „Happy End“ weiß. „Je näher die Leute dem Tod sind, um so reiner ist ihr Herz.“
Auch das macht diesen Text so lesenswert.“

Oleg Senzow, Haft: Notizen und Geschichten
Verlag: Voland & Quist, Leipzig 2021, 431 Seiten, 26 Euro
ISBN-13 ‏: ‎ 978-3863912925
Bestellung per E-Mail im örtlichen Buchhandel: info(at)Buecher-Holzberg.de

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..