1833 Bäume

16. Januar 2022

Anfang der 1990er Jahre knüpften zwei ehemalige ukrainische Zwangsarbeiter eine Betziehung zwischen ihrem Dorf Juskovzy und Lingen. Sie und mehr als 80 weitere Männer waren aus ihrer Heimat in das Eisenbahnausbesserungswerk Lingen verschleppt und hier zur Zwangsarbeit gezwungen worden. Längst trägt die kleine Gemeinde den ukrainischen Namen Juskiwzi und aus der benachbarten Kleinstadt Lanovski ist das ukrainische Laniwzi geworden. Die Orte im Landkreis Ternopil liegen in der westlichen Ukraine, 190 km westlich von Lemberg (Lwiw).

Seit 30 Jahren setzt sich der Freundeskreis der Ukrainefahrer Lingen (Ukrainefreunde) für die Bevölkerung in Juskiwzi und Laniwzi (Ukraine) ein. Das letzte Projekt war die Isolierung der Außenwände der Schule in Juskiwzi. Es wurde mit 5.000,- Euro bezuschusst. Zu den Gesamtkosten von 45.000,- Euro, konnten die Ukrainefreunde außerdem 10.000,- Euro Spendengelder zur Verfügung stellen. Sie schreiben: „Alle Maßnahmen wurden bisher und auch jetzt, von uns kontrolliert. Damit wird gewährleistet, dass das Geld auch zweckgebunden eingesetzt wird.“

„Vor ungefähr 3 Jahren erfuhren wir uns von einem jüdischen Friedhof in Laniwzi. Ohne den geschichtlichen Hintergrund zu kennen, lehnten wir das Anliegen der Stadt Laniwzi ab, uns an der Errichtung einer Gedenkstätte dort zu beteiligen. Wir haben damals darauf verwiesen, dass wir humanitäre Hilfe leisten und einzelne Projekte unterstützen, die der Bevölkerung zu Gute kommen.“

2021 waren die Ukrainefreunde mit einer Sportgruppe wieder in der Ukraine und besuchten begleitet von Bürgermeisterin Anja Usiken (Juskowzi) in Laniwzi erstmals den örtlichen jüdischen Friedhof. Eine alte Frau erzählte ihnen dort einen Teil der Geschichte des Ortes. „Es ist unvorstellbar, was sich dort zugetragen hat. Wir erfuhren, dass dort am 13./14. August 1942 insgesamt 1.833 jüdische Personen, davon 42 aus Laniwzi, erschossen und getrennt nach Männer, sowie Frauen und Kinder, in zwei Massengräbern verscharrt wurden.

1940 war Ostpolen mit der Region um Laniwzi von der Sowjetunion besetzt worden. 1941 überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion, wobei die Besetzung von Lanowzi am 3. Juli desselben Jahres begann. Mit Hilfe ukrainischer Wachleute schufen die Deutschen in Laniwzi ein jüdisches Ghetto, in dem Juden als Zwangsarbeiter arbeiten mussten. Bis 1942 wurden sämtliche  Juden aus der Umgebung dort eingesperrt. Vom 13. bis 14. August 1942 erschossen die Deutschen und Ukrainer insgesamt 1.833 Juden neben offenen Gruben. Nur wenige überlebten den Holocaust. Moshe Rosenberg, einer dieser Überlebenden berichtet in einem Buch im Kapitel 2 über den Lanowitz-Holocaust und die furchtbaren Verhältnisse in dem viel zu kleinen Ghetto, in dem bis zu 2.000 Juden aus der Region und aus Polen leben mussten. Viele verhungerten.

Rosenberg: “ Ich kann mich nicht erinnern, die Hinterbliebenen während der Beerdigungen  weinen gesehen zu haben. Die Quelle unserer Tränen war zu dieser Zeit versiegt. Wir waren apathisch, hungrig und wollten nicht mehr leben.“

„Das Ghetto bestand 1/2 Jahr. In dieser Zeit hungerten wir und verloren dabei jede Hoffnung für die Zukunft. Die Juden, mit denen ich in Kontakt kam, verhielten sich wie Gefangene, die auf ihre Todesurteile warteten. Sie verloren den Willen, Dinge zu diskutieren, auf ein besseres Morgen zu hoffen. Sie schienen Angst zu haben zu sprechen, um nicht die Leere in ihren Herzen zu offenbaren. Sie schienen das Entgegenkommen des Todes und der Unvermeidlichkeit zu spüren. Sie hatten keine Angst vor dem Tod, aber sie fürchteten den Prozess des Wartens darauf.“

„Der schlimmste Aspekt dieses Gefühls der Depression war der Verlust des Glaubens. Orthodoxe Juden, die in der Vergangenheit für ihren starken Glauben bekannt waren, hörten auf zu beten, zumindest in der Öffentlichkeit. Nur wenige beteten weiterhin in der Privatsphäre ihrer Häuser. Einige weitere hielten weiterhin Gebetstreffen im Haus von Rabbi Ahareli ab. Der Rabbi selbst betete nicht.“

„Am Samstag vor dem des Monats Elul 1942 bemerkten wir plötzlich eine große Bewegung ukrainischer Polizisten und vieler deutscher Polizisten mit scharfen Hunden. Die Hunde waren beängstigend und zogen ständig an der Leine, um ihre Ziele anzugreifen. Wir fürchteten das Schlimmste. Wir warteten auf den nächsten Befehl der deutschen Behörden. Ein Ring patroullierender Polizisten versiegelte Tag und Nacht hermetisch das Ghetto. Wir wussten, dass dies unser Ende war.“

„In den letzten 5 Tagen hörten wir Berichte ukrainischer Arbeiter, die große Gruben aushoben. Uns wurde am zweiten Tag gesagt, dass Hunderte von Männern mit vielen Pferdewagen mit dieser Aufgabe beschäftigt waren. Drei weitere schreckliche Tage vergingen. Unsere Männer und Frauen waren beunruhigt durch die Spannung, die immer stärker wurde. Die psychische Anspannung wurde unerträglich. Die Menschen rannten sinnlos hin und her. Sie wollten fliehen, wussten aber, dass eine Flucht unmöglich war, dass sie eingeschlossen waren. Die deutschen Behörden hatten aufgehört, auf uns zu achten. Die ukrainischen Milizionäre betrachteten uns als Körper, die kein Leben mehr hatten, deren Bewegungen für sie nur ein Ärgernis waren. Sie wollten, dass wir sie bei ihrer bevorstehenden wichtigen Aufgabe nicht störten, sie von ihren jüdischen Mitbürgern zu befreien.““Vielleicht, weil ich als Junge stark war und der Wunsch zu leben hatte, gab ich mich nicht mit meinem Schicksal zufrieden. Stattdessen beschloss ich, zu fliehen. um mich so selbst zu retten. Auch ich rannte hin und her. Ich konnte meinen Plan niemandem erklären. Irgendwie gelang mir die Flucht nach Burshchiska.“

„Alle Ghettobewohner wurden unter schwerer Bewachung von Milizen mit Hunden auf den neuen Friedhof gebracht. Alle wurden zum Friedhofswagen-Parkplatz geführt. Dort mussten sie sich ausziehen. Die Ghettobewohner wurden nach Geschlecht und Alter getrennt. Männer, Frauen und Kinder wiederum standen vor den großen Gruben und wurden dann aus nächster Nähe erschossen.“

Bei den Ukrainefreunden reifte der Entschluss, eine einmalige Aktion zu starten. Sie bitten um Unterstützung der Aktion 1833 Bäume. Für jeden damals i Lanowzi ermordeten Menschen soll ein Baum gepflanzt werden. Die Bäume sollen in Laniwzi gekauft werden. Ein Pflanzplan wird von der Stadtverwaltung Laniwzi erstellt.

Wer diese Aktion mit unterstützen möchte, kann einen Betrag auf das Konto der Stadt Lingen (Ems), IBAN: DE41 2666 0060 1100 9438 00, BIC: GENODEF1LIG, Stichwort: 1833 Bäume, überweisen.


Fotos: oben: Ukrainefreunde 2015, unten: Gedenkstätte auf dem jüdischen Friedhof von Lanowzi, jeweils © Ukrainefreunde

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