Heute vor 100 Jahren

14. November 2021

… wurde Ruth Foster als Ruth Heilbronn in Lingen geboren. Ihre Eltern waren der aus Lengerich stammende Viehhändler Wilhelm Heilbronn und seine Frau Caroline, eine geborene Grünberg. Die Familie wohnte Kaiserstraße 1, direkt gegenüber dem Gefängnis. Wenn dort ein jüdischer Gefangener einsaß, versorgte ihn die Mutter mit koscherem Essen. Der Vater geriet 1933 in Konflikt mit einem SA-Mann und wurde kurzzeitig in Schutzhaft genommen. Die Tochter besuchte derweil die Höhere Töchterschule, wo sie getrennt von ihren „arischen“ Mitschülern sitzen musste.


(Foto: Ruth Heilbronn (hintere Reihe Mitte) unter Mitschülerinnen der Höheren Töchterschule; Stadtarchiv Lingen)

Am Morgen nach der Reichspogromnacht (9.11.1938) wurden in Lingen 19 jüdische Männer und Frauen festgenommen. Ruths Vater Wilhelm Heilbronn verwies auf seine Auszeichnungen im Ersten Weltkrieg und verlangte, in einigem Abstand und auf der anderen Straßenseite zur Polizeiwache zu gehen. Seine Frau Caroline wurde bald wieder freigelassen, Wilhelm aber und fünf andere Männer verbrachten Wochen, teils Monate im KZ Buchenwald. Ruth hielt sich damals nicht in Lingen auf; sie besuchte mittlerweile eine jüdische Schule in Berlin, machte dort ihr „Einjähriges“ und lernte dann Krankenschwester und Kindergärtnerin.

Die Auswanderung der Familie Heilbronn gelang nicht. 1941 musste das Ehepaar in ein sog. „Judenhaus“ umziehen. Ruth, die immer noch in Berlin war, erinnerte sich später: „Am 9. Dezember 1941 bekam ich ein Telegramm von meinen Eltern, dass sie nach dem Osten deportiert wurden. Man musste damals als Jude – wir trugen zu der Zeit schon den Judenstern und hatten auch schon die separaten Lebensmittelkarten mit einem ‚J‘ – eine Erlaubns einholen, wenn man an einen anderen Ort gehen wollte, denn man konnte sich nicht frei bewegen. Ich holte mir also die Erlaubnis und kam dann von Berlin nach Lingen zurück. Die Bahnreise war nicht sehr angenehm. Juden mußten in einem separaten Abteil sitzen.“

Es war die erste Deportation aus Lingen. Neben Ruths Eltern waren auch andere Bewohner des „Judenhauses“ betroffen. Ruth entschloss sich, ihre Eltern freiwllig zu begleiten. Nach zwei Tagen in einer zur Sammelstelle umfunktionierten Osnabrücker Turnhalle bestiegen sie den sogenannten „Bielefelder Transport“, einen Sonderzug, der mit zuletzt über 1.000 Personen über Münster, Osnabrück und Bielefeld nach Riga fuhr.

Im Ghetto Riga wurden die arbeitsfähigen Bewohner in Arbeitskolonnen eingeteilt. Ruth und ihre Mutter arbeiteten im Armeebekleidungsamt. Der Vater Wilhelm musste außerhalb des Ghettos bei einer SS-Dienststelle Holz sägen. Im Juli 1944 begann die sogenannte Krebsbach-Aktion, bei der alle, die jünger als 18 oder älter als 30 waren, ermordet wurden. Wenig später wurde Ruth Heilbronn infolge der Auflösung des Ghettos zunächst in das KZ Kaiserwald gebracht, dann auf dem Seeweg in das KZ Stutthof bei Danzig. Im Januar 1945 begann die Evakuierung des Lagers Stutthof. Unter den Frauen, die bei eisigen Temperaturen auf offenen Güterwagen nach Westen transportiert wurden, war auch Ruth Heilbronn. Ziel war zunächst das Frauen-KZ Ravensbrück bei Berlin, dann ging es doch wieder ostwärts nach Stolp in Pommern. Dort mussten die Frauen Straßen bauen und Schützengräben ausheben. Als die Front näherrückte, begann der „Todesmarsch“ nach Westen.

Auf einem Bauernhof bei Lauenburg wurden die Frauen am 10.3.1945 von russischen Truppen befreit. „Als ich befreit wurde, habe ich 40 Kilo gewogen, und ich bin 1,76 m groß.“ Ruth wurde zusammen mit einer Freundin in ein russisches Lazarett nach Bromberg gebracht. Am 12. Juni 1945 verließ sie Bromberg, um nach Lingen zu kommen. Die Reise war schwierig, da alles in Trümmern lag. Um die amerikanische Zone zu erreichen, musste sie bei Dessau-Roßlau durch die Mulde schwimmen. Erst am 20. August erreichte sie nach zehn Wochen Lingen. Bei früheren Nachbarn fand sie Aufnahme. „In Lingen lernte ich auch meinen späteren Mann kennen. Er war Arzt in der polnischen Besatzungsarmee, ebenfalls Jude.“ Mit der Heirat nahm Ruth den Namen Foster an. „Im August 1947 zogen wir nach London.“ Von den 21 aus Lingen deportierten Juden war sie die einzige Überlebende. „Meine Familie wurde fast völlig in der Shoah vernichtet. Meine Eltern und neun von zehn Geschwistern meiner Mutter mit ihren Familien fanden den Tod in den Ghettos und Vernichtungslagern.“

Im September 1984 meldete sich Ruth Foster telefonisch bei der Lingener Stadtverwaltung. Sie sei gerade in Bremen und ihres Wissens die letzte noch lebende Jüdin Lingens. Sofern in Lingen eine Gedenktafel mit den Namen der Holocaustopfer geplant sei, könne sie bei den Recherchen helfen. Die Stadt nahm das Angebot an und begann gemeinsam mit dem Arbeitskreis Judentum-Christentum, der Pax-Christi-Gruppe und dem Stadtarchiv nun ihrerseits mit den Recherchen. Schließlich wurden die noch lebenden ehemaligen jüdischen Mitbürger nach Lingen eingeladen und ein Jahr später für die ermordeten jüdischen Mitbürger ein Gedenkstein aufgestellt. Auch Ruth Foster nahm an beiden Veranstaltungen teil. Außerdem gelang es ihr, Bernhard Grünberg ausfindig zu machen, der nach der Reichspogromnacht mit einem Kindertransport nach England entkommen konnte. Der ehemaligen Jüdischen Schule, die 1998 als Gedenkort eingeweiht wurde, überließ sie ihr KZ-Kleid zur Ausstellung. 1993 erhielt sie zusammen mit Bernhard Grünberg die Ehrenbürgerschaft der Stadt Lingen. Ruth Foster starb am 5. August 2014 in London. Sie hinterließ eine Tochter und Enkelkinder. In diesen Tagen wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Und dann noch von mir: Happy Birthday, Ruth!


Den vollständigen Beitrag über das Leben von Ruth Foster mit weiteren Erinnerungszitaten bietet die Archivalie des Monats November 2021 des Stadtarchiv Lingen (Ems).

Quelle: Stadtarchiv Lingen, Archivalie des Monats November 2021; Meppener Tagespost, 15.8.2014; augias.net