nicht vor Ort

13. November 2021

Zum ersten Mal seit 1977 war die Redaktion der lokalen „Lingener Tagespost“ am vergangenen Dienstag, 9. November nicht vor Ort., als am sog. Familienstein nahe des Gedenkortes Jüdische Schule  des Novemberpogroms und seiner jüdischen Lingener Opfer gedacht wurde, bei dem in unserer Stadt in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Lingener Synagoge im damaligen Gertrudenweg in Brand gesetzt und zerstört wurde. Die Abwesenheit der Lokalzeitung ist oberflächlich und töricht und man muss sie hart verurteilen – vor allem, wenn man die wirklich belanglosen Beiträge sieht, die in dieser Woche als lokale Aufmacher der „LT“ dienten.

Erstmals auch hielt Walter Höltermann für das Forum Juden Christen die mahnende Gedenkrede; vor gut einem Monat war der bisherige Vorsitzende des Vereins Gernot Wilke-Ewert zurückgetreten – aus persönlichen Gründe heißt es. Tatsächlich aber wohl, weil er die Kritik an der Beliebigkeit einiger, eher einsamer Entscheidungen nicht ignorieren konnte. Oberbürgermeister Dieter Krone war übrigens krankheitsbedingt verhindert; ihn vertrat der gerade gewählte 1. Bürgermeister Stefan Heskamp.

Höltermann unterstrich die „Verpflichtung auch nach 83 Jahren das auszudrücken, was mich an diesem Tag und an diesem Ort bewegt. Dabei geht es mir nicht nur um ein Erinnern, sondern um die Verschränkung der Vergangenheit mit der Gegenwart. Es geht mir um eine Kultur der Erinnerung, die nicht rückwärts sondern in die Zukunft hin gerichtet ist.
Die Ungeheuerlichkeiten die sich damals ereignet haben, diese Hemmungslosigkeit in der Gewaltausübung, diese ohne Skrupel durchgeführten seelischen Entehrungen und körperlichen Verletzungen sind ohne Beispiel in der deutschen Geschichte. Ich frage mich, wie dieses geschehen konnte, warum dieses ohne öffentlichen Protest von der Bevölkerung hingenommen wurde.“

Höltermann zog abschließend drei Schlussfolgerungen, die sich  in der Erinnerung an die Ereignisse des Novemberpogroms 1938 für das Heute ergeben:

„1. Ganz im Sinne von Michel Friedmann: Entweder gibt es eine Zukunft für uns alle, die wir frei leben wollen, oder für niemanden für uns.
2. Ganz im Sinne von Kurt Tucholsky: Machen wir uns fähig, nicht nur zuzuschauen und uns innerlich begrenzen, wenn wir in eine Situation kommen, die unseren Grundüberzeugungen widerspricht. Sagen wir dann laut NEIN.
3. Ganz im Sinne von Sophie Scholl: Antworten wir auf die allgegenwärtige Hetze der Gegenwart nicht mit der Trägheit des Herzens.“

2 Antworten zu “nicht vor Ort”

  1. Kib said

    Ein wirkliches Armutszeugnis der LT. Mich stimmt es gleichermaßen traurig als auch ratlos.

  2. Paul Haverkamp, Lingen said

    Die LT-Redaktion auf einem gefährlichen Weg

    Meinem gesunden Menschenverstand wird es sich wohl nie erschließen, welchem Rattenfänger es gelungen ist, die Entscheidungskräfte von Mitgliedern der Lingener Tagespostredaktion derart zu verdunkeln bzw.zu vernebeln, dass dieses Gremium den Entschluss fassen konnte, nicht mehr über alle (!) Orte im Lingener Umland zu berichten, an denen Gedenkfeiern aus Anlass der Reichspogromnacht stattgefunden haben, sondern nur noch von einem Ort aus dem Lingener Umland eine Berichterstattung vorzunehmen.

    Konkret: Die LT verzichtet auf eine Berichterstattung der Reichspogromgedenkfeiern z.B. in Lingen und Lengerich.

    Ich halte eine solche Entscheidung für einen absoluten Tabubruch staatsbürgerlicher Verantwortung, die auch den Medien und nicht nur Einzelpersonen obwaltet. Ich kann die Entscheidung der LT-Redaktion nur dahingehend deuten, dass dieser Personenkreis zu der Entscheidung gekommen ist, dass Gedenkfeiern aus diesem Anlass nicht mehr derjenige Stellenwert beizumessen ist, der bisher immer zur medialen und nie (!) zur Diskussion gestandenen Raison d’Être einer verantwortlichen Berichterstattung gestanden hat.

    Wer eine solche Raison d’Être mit einer solchen Redaktionsentscheidung in Frage stellt, muss sich selber jetzt Fragen gefallen lassen:

    • Verfügt die Redaktion nicht über die Erkenntnis, dass die Reichspogromnacht für die deutschen Juden der Vorhof der Hölle war, der die Tür zur eigenen Hölle in Auschwitz geöffnet hat?

    • Vertritt die Redaktion die Ansicht, dass die Berichterstattung von allen (!) Reichspogromgedenkfeiern aus dem Lingener Umland (über deren Länge kann man ja reden) keine überzeugende mediale Relevanz besitzt, weil ein solches Ereignis nur „einen Vogelschiss in der deutschen Geschichte“, eine quantité négligeable abbildet?

    • Gerät die Redaktion mit einer solchen Entscheidung nicht in die Gefahr, genau das Narrativ derjenigen zu bedienen, die seit langem eine Schlussstrichdebatte über die Shoa fordern? Mein Petitum ist sehr eindeutig: Es darf nie eine Schlussstrichdebatte geben, im Übrigen genau so wie es in Lingen nie ein Museum für einen SS-Hauptsturmführer geben darf – egal welche sportlichen Leistungen dieser Mann erbracht hat.

    • Weiß die Redaktion wirklich nicht, dass es nur eine „Bewältigung“ (in diesem Zusammenhang ein furchtbares und zugleich irreführendes Wort) dieser Zeit geben kann, wenn man die Ereignisse dieser Verbrechenszeit immer und immer wieder erzählt?

    • Hat die Redaktion vergessen, dass ein wichtiger Grund der Shoa-Überlebenden für ihre sich immer wiederholenden persönlichen Berichte derjenige war, die Vergangenheit am Leben zu erhalten, um für eine friedliche Zukunft die Grundlagen zu legen?

    • Hat die Redaktion all die unendlichen Bemühungen von Hella Wertheim, Erna de Vries, Bernard Grunberg, Bernard Suskind, Ruth Foster, u.v.a.m. vergessen, die es als ihre Lebensaufgabe angesehen haben, den Verstorbenen eine Stimme zu geben und die Gegenwart und Zukunft mit Hilfe ihrer persönlichen Berichte gewaltfreier zu gestalten und Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu verhindern?

    • Ist die momentane Berichterstattung der LT mit reichlichem Platz zuzüglich großer Bildformate über neue Bürgermeister im Lingener Umland wichtiger als der Bericht aus Anlass der Reichspogromnacht aus jedem(!) Ort mit einer solchen Feier?
    Die Entscheidung der Lokalredaktion der LT ist in meinen Augen ein fataler und in die falsche Richtung führender Irrtum, die schleunigst einer Korrektur bedarf und so von der Lingener Bevölkerung nicht hingenommen werden sollte.

    Wenn all meine Fragen bei der LT-Redaktion keine Reaktionen hervorrufen sollten, so versuche ich es abschließend mit dem Statement eines Propheten aus dem AT:

    “Hört her, ihr Ältesten,
    horcht alle auf, ihr Bewohner des Landes!
    Ist so etwas jemals geschehen
    in euren Tagen oder in den Tagen
    eurer Väter ?

    Erzählt euren Kindern davon
    und eure Kinder sollen es ihren
    Kindern erzählen
    und deren Kinder dem folgenden Geschlecht.”

    (Buch Joel 1, 1 – 3 )

    Möge der diesen Zeilen innewohnende Geist des Propheten die LT-Redaktion wachrütteln und den in diesem Jahr erstmals eingeschlagenen Irrweg schleunigst und für immer und ewig korrigieren, und zwar

    • um den Rechtsradikalen kein Wasser auf ihre Mühlen zu gießen

    • um dem Antijudaismus keine Spielbühne zur Verfügung zu stellen

    • um den Frieden in der Welt durch das Wissen um die Vergangenheit ein wenig sicherer zu machen.

    Paul Haverkamp, Lingen

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