Einer weniger

10. Oktober 2021

In der vergangenen Woche ist in Dortmund Siegfried Borchardt gestorben. „SS-Siggi“, wie er nicht nur in der NS-Szene hieß, war ein schauerlich bösartiger Neonazi. Der Journalist und Fotograf Gerd Kromschröder – seit 40 Jahren sein besonderer „Begleiter“ – erinnerte sich am Freitag an Borchardt  und dessen inkomplexen Helfershelfer auf seiner Facebook-Seite:

EINER WENIGER
Siegfried Borchardt, 67, Kampfname: „SS-Siggi“ ist tot. Wir haben eine lange gemeinsame Geschichte. Vor bald 40 Jahren kreuzten sich zum ersten Mal unsere Wege. Ich war damals, 1983, für den „Stern“ undercover in der Neonazi-Szene unterwegs. Von dem jungen Fotografen Harmut Schwarzbach erfuhr ich, dass sich in Dortmund ein bis dahin unbekanntes Phänomen breitmachte: rechtsradikale Fußballfans.

Unter falscher Identität konnte ich mich zusammen mit Schwarzbach unter den rechten Schlägertrupp „Borussenfront“ mischen. Ihr Anführer: Siegfried Borchardt. Schwarzbach und ich begleiteten ihn und seinen rechten Fanclub wochenlang, wir fuhren mit ihnen zu Auswärtsspielen, lernten ihr Netzwerk kennen, dokumentierten ihre Überfälle auf Ausländer.
Unsere „Stern“-Reportage „But, Blut muss fließen…“ war der erste Beleg für das neue Phänomen und erregte Aufsehen. Doch der BVB und Dortmunds Polizei wiegelten ab: Neonazis unter Fußballfans kennen wir nicht, gibt’s nicht, Ende der Durchsage. Statt gegen Borchardt und seine „Borussenfront“ wurde erst einmal gegen Schwarzbach und mich ermittelt.

Das Springerblatt „Bild am Sonntag“ folgte der abwiegelnden Dortmunder Sprachregelung und schlug sich unter der Überschrift „‘Stern‘ – neue Fälschung?“ auf die Seite der „Borussenfront“, die sich als „stinknormaler Fanclub“ darstellen durfte. Mir unterstellte das Blatt, ich hätte „eine Gruppe Dortmunder Fußballfans als ‚Neo-Nazis‘ diffamiert.“

Borchardt, den die BamS auf Fotos adrett in dunklem Anzug, weißem Hemd und Krawatte als verfolgte Unschuld präsentierte, strafte das Blatt Lügen, indem er, wie im „Stern“ beschrieben, weiterhin als strammer Neonazi agierte.

Immer wieder kassierte er Haftstrafen, unter anderem wegen Volksverhetzung, schwerem Landfriedensbruch, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung. Er rekrutierte Nachwuchs, brachte Skinheads auf Linie und koordinierte Aktionen und Demonstrationen, wurde zu einem rechtsextremen Strippenzieher über das Dortmunder Stadtgebiet hinaus. Gehörte zum Führungskader der inzwischen verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP), war Kreisvorsitzender der Kleinstpartei „Die Rechte“, für die er 2014 einen Sitz im Dortmunder Stadtrat holte, den er allerdings nach zwei Monaten niederlegte; angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Zuletzt war er einem eigenen Instagramkanal aktiv, auf dem er gegen „das Joch des Schuldkults“ hetzte und die Corona-Maßnahmen kritisierte; in den Schutzmasken sah er „Sklavenlappen“.

Borchardt wurde von seinen Gefolgsleuten stets „SS-Siggi“ genannt. In einem Interview mit „Spiegel-TV“ meinte er einmal, eigentlich sei ihm „SA-Siggi“ viel lieber. – Welcher Name besser zu ihm passt, das kann er nun in aller Ruhe mit seinen toten Nazi-Kameraden in Walhalla diskutieren.


Gerhard Kromschröder
war von 1963 bis 1967 Redakteur bei der Lingener Tagespost und der Ems-Zeitung in Papenburg – dort zusammen mit Bernd Rosema und Hermann Vinke. Ab Mitte 1967 arbeitete er wie Rosema für die politisch-satirische Zeitschrift Pardon in Frankfurt am Main, zuletzt als Art Director und stellvertretender Chefredakteur.

1979 wurde „Kromo“ Redakteur und Reporter des Stern in Hamburg, wo er seinen Ruf als investigativer Journalist begründete. Im Stern erschienen seine Reportagen über Neonazis, Giftmüll-Skandale oder zur Flick-Spendenaffäre. 1983 brachte Kromschröder seinen Erlebnisbericht als türkischer Arbeiter unter dem Titel „Als ich ein Türke“ war heraus, drei Jahre vor Günter Wallraffs „Ganz unten“. Im selben Jahr berichtete er aus dem Inneren der sog. Borussenfront, einer extremistischen Truppe von Neonazis im Fußballfan-Milieu. 1985 gelang ihm auch der Zugang zum inneren Zirkel deutscher Altnazis um Otto Ernst Remer.

Ab 1989 war Kromschröder Nahost-Korrespondent des Stern; in der Zeit des ersten Irak-Kriegs arbeitete er als einziger deutscher Journalist und Fotoreporter im bombardierten Bagdad. Zum zweiten Irak-Krieg erschien sein Buch „Bilder aus Bagdad – Mein Tagebuch“, in dem er seine Erfahrungen als Kriegsreporter beschrieb.

Über das Emsland veröffentlichte Gerhard Kromschröder mehrere Bücher. Legendär sein vor 10 Jahren erschienener Fotoband „Expeditionen ins Emsland“ (mehr…), der den damaligen Landrat in Meppen fassungslos toben ließ.

Quellen: FB, wikipedia, Bernd Eilert (CvO-Uni Oldenburg)