Koalitionsgesänge

30. September 2021

Montagabend bei Instagram ( alle in trauter Einigkeit) und gestern früh dann als Deep Fake:

Leni

29. September 2021

„Apothekerin war Leni Johannsen von Beruf, ein Beruf, der zu ihr passte. Sich um andere Menschen kümmern, sie gesund machen auch an Verletzungen, die seelischer Natur waren, das tat Leni Johannsen nämlich auch ehrenamtlich in vorbildlicher Weise.“ Unter dem Titel „Lingenerin mit einem großen Herzen“ veröffentlichte die „Lingener Tagespost“ vor 13 Jahren einen Nachruf auf die Ehrenbürgermeisterin unserer Stadt.

Der Redakteur erinnerte: „Von 1981 bis 1986 war sie Zweite Bürgermeisterin und anschließend bis 1989 Erste Bürgermeisterin der Stadt. Mit ihrem Rücktritt als Erste Bürgermeisterin 1989 verließ sie die CDU und schloss sich der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) an. Zwischen 1991 und 1996 war Leni Johannsen auch im Kreistag aktiv. Im Juli 1997 wurde sie zur Ehrenbürgermeisterin der Stadt Lingen ernannt.“ 38 Ratsmitglieder stimmten übrigens am 30. Januar 1997 für diese Ehrung von Leni Johannsen, darunter die komplette CDU.

„Eng mit ihrem Namen verbunden ist die Verabschiedung des „Familienpolitischen Programms“ der Stadt Lingen, das sie als Vorsitzende des Ausschusses für Soziales und Familie auf den Weg brachte. Dass sich Lingen heute als Familienstadt mit Herz verstehen darf, hat sie in erster Linie Leni Johannsen zu verdanken. Wegen ihres herausragenden sozialen Engagements erhielt sie 1992 das Bundesverdienstkreuz.“

Nachdem bereits der Wunsch des vor einigen Monaten verstorbenen Holocaustüberlebenden Bernard Grünberg, die „Kita am Kiesbergwald“ nach seinem, von den Nazis ermordeten Neffen Nico de Jong am geschichtslosen Nein der CDU und ihrer Helfershelfer scheiterte, hat dieselbe Koalition gestern im Jugendhilfeausschuss der Stadt den zweiten Antrag der Lingener BürgerNahen abgelehnt, die zweite „Kita am Kiesbergwald“ nach der so verdienstvollen Leni Johannsen zu benennen. Der Noch-Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses Björn Roth (CDU) begrüßte „das Konzept“ der „Kita am Kiesbergwald“ und den gleichen Namen der beiden Kitas. Margitta Hüsken (BN, Foto) entgegnete, dies sei wahrlich kein Grund, wenn bei der katholischen Kirche in Laxten das Gegenteil gelte: nämlich St. Josef und St. Ida auch mit gleichem Konzept und auch auf dem gleichen Grundstück – aber eben kirchlich.

Roth fiel dazu nichts Inhaltliches mehr ein. Peinlich dann das Abstimmungsverhalten: BN-Ratsfrau Margitta Hüsken stimmte für den Leni-Johannsen-Antrag, doch der sonstige Ausschuss lehnte ihn ab – auch alle fachkundigen Vertreter der Jugendverbände, alle CDU-Vertreter u.a. Uwe Hilling, Michael Adams, Björn Roth und Heinz Niehus, die beiden Sozialdemokraten Herbert Jäger und Martina Lippert, die in einem Monat aus dem Rat ausscheiden. FDP und Grüne waren in der Sitzung nicht vertreten.

Da fragt man sich: Was sind das eigentlich für Menschen, die die Erinnerung an eine anerkannte, verdiente Lingener Persönlichkeit so schroff verweigern?

 

Sascha Korf

29. September 2021

Sascha Korf
„…denn er weiß nicht, was er tut.“

Schüttorf – Jugend- und Kulturzentrum Komplex, Mauerstraße 56
Donnerstag, 7. Oktober – 20 Uhr
Karten: 23 Euro via www.gn-ticket.de.
Corona: 3G Regel.

inen Comedyabend mit „Deutschlands lustigstem Spontanitätsexperten“ kündigt das Schüttorfer Jugend- und Kulturzentrum Komplex an. Am Donnerstag, 7. Oktober, gastiert dort Sascha Korf. Nach seinem vorangegangenen Erfolgsprogramm „Aus der Hüfte, fertig, los!“ legt er nach mit „…denn er weiß nicht, was er tut.“ Der Vollblutcomedian und interaktive Kabarettist erzählt mit vollstem Körpereinsatz aus seinem Leben und ist dabei auf der Suche nach dem ultimativen Glück. Doch nicht nur für sich, sondern vor allem für sein Publikum!

In einer Ankündigung heißt es weiter: „Wild und rasant, aber immer sympathisch bindet Sascha Korf alle Menschen im Saal in seine Show mit ein. Die Zuschauer sind nach eigener Aussage das Herzstück des Abends. Aber Sascha wäre nicht der Tausendsassa, den man kennt, hätte er sich nicht auch selbst in die aberwitzigsten Situationen begeben, von denen es zu berichten gilt. Erleben Sie was passiert, wenn Sascha in einem Nobel-Restaurant den Kellner für einen Pantomimen hält, wenn er beim Waldbaden sämtliche heimischen Tiere in den Wahnsinn treibt oder wenn er zu einer Yogastunde geht und beim ,herabschauenden Hund‘ mit einer Taube kollidiert. Lachseminare, Eishotels oder Schwimmen mit Forellen: Der Turbolader der Comedy hat alles probiert, um sein Publikum davon zu berichten und um stellvertretend zu schauen, was davon wirklich glücklich macht. Getreu seinem Motto ,Alles ist möglich‘ findet Sascha Korf auf dem Grabbeltisch seiner Gedanken ein neues Ereignis. Seine Schnelligkeit, Energie und Sympathie sind der Motor der Show. Dazu kommen grandiose Situationskomik, pointierte Alltagsbetrachtungen und wilde Improvisationen. Und wie das Leben selbst, weiß niemand so genau, was passieren wird. Am wenigsten Sascha Korf selbst, ,… denn er weiß nicht, was er tut.‘“
(Quelle: PM)

Peter Finger

28. September 2021

Peter Finger
Akustikgitarre
57. Hauskonzert bei Familie Löning
Lingen (Ems) – Emsphilharmonie, Falkenstraße 17
Samstag, 2. Oktober 2021 – 19 Uhr
Eintritt frei, aber Spende erbeten
Corona: 2 G

Peter Finger, ein fantastischer Künstler auf Stahlsaiten, hat in der Gitarrenwelt in vielen Jahren so etliches bewegt. Peter Finger baut immer schon seine Gitarren selbst und entlockt diesen mehr als beeindruckende Musik.

„Wer sich je für Gitarrenmusik oder, noch besser, für akustische Gitarrenmusik interessiert, kommt um diesen Namen kaum vorbei. Bereits in den siebziger Jahren genießt Peter Finger international einen hervorragenden Ruf als Akustikgitarrist, und die Musikpresse hat ihn in das Pantheon der weltbesten Gitarristen aufgenommen. Wer auch nur eine seiner Albumproduktionen gehört hat, wird dieser Einschätzung gerne zustimmen. Unzählige Tourneen führten den erfolgreichen Musiker rund um den Globus: Gefeierte Auftritte in Europa, Nord- und Südamerika, Asien etc. markieren nur einige der musikalischen Meilensteine dieses außergewöhnlichen Künstlers. Peter Finger hat etwas erreicht, was heute nur wenigen Menschen gelingt: die perfekte Harmonie von Virtuosität, Musikalität und Komposition. Sein musikalischer Kosmos ist grenzenlos und zeigt profunde Kenntnisse sowohl der Musikgeschichte als auch des zeitgenössischen Stands der Technik.

Der aufmerksame Zuhörer wird so immer wieder auf die Tonsprache von Debussy, Ravel oder Strawinsky stoßen – und sich im selben Atemzug vielleicht im Reich des Rock wiederfinden. Oder er bestaunt Fingers fast orchestralen, manchmal atemberaubenden, experimentellen Wandteppich aus Rhythmus, Harmonie und Melodie. Es sollte auf jeden Fall erwähnt werden, dass all dies organisch miteinander verschmilzt, anstatt nur nebeneinander ohne Verbindung zu stehen. Deshalb ist Peter Fingers Musik immer ein großer sinnlicher Genuss, fernab jeglicher intellektueller Coolness – fordernd und anregend zugleich. Dass Peter Finger „nebenbei“ mehrere erste Preise bei Kompositionswettbewerben gewinnen und ein Studio mit exzellentem Ruf betreiben konnte, ist angesichts seiner abwechslungsreichen künstlerischen Biografie kaum verwunderlich. Andererseits verdient Peter Finger auch Anerkennung als engagierter Verleger und Labelchef: Neben seiner Tätigkeit als Herausgeber der Zeitschriften AKUSTIK GITARRE und ACOUSTIC PLAYER hat er auch eine Gruppe von Musikern höchster Qualität auf seinem mehrfach ausgezeichneten Label Acoustic Music Records versammelt.“
(Kai Schwirzke)

Fiasko

27. September 2021

Die CDU hat in Lingen (Ems) hat bei der gestrigen Bundestagswahl ein historisch zu nennendes Fiasko erlebt: Sie fährt mit nur 31,9 % der Zweitstimmen das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein.

(bessere Grafik: bitte draufklicken)

Sie verlor 15,4 % der Zweitstimmen gegenüber der letzten Bundestagswahl 2017.

[update 7.00 Uhr:]

Zur Region:
Nur zwei Bundestagsabgeordnete vertreten den Wahlkreis 31 Mittelems künftig in Berlin und das in einem mit 739 MdB deutlich größeren Parlament.

Der Lingener Jens Beeck gehört weiterhin dem Deutschen Bundestag an. Er zieht über die FDP-Landesliste Niedersachsen in das deutsche Parlament ein. Neben dem direkt gewählten Albert Stegemann (CDU) hat

offenbar auch Dr. Daniela de Ridder (SPD) den Wiedereinzug geschafft; nachdem die SPD die Grafschafterin bei der Aufstellung der Landesliste abgestraft hatte, war damit nicht gerechnet worden.

Offenbar ist auch der in Geeste wohnende Dany Meiners  über die AfD-Landesliste in den Bundestag eingerückt. Dazu werde ich den Antrag in die Gremien der Stadt einbringen, diesen Abgeordneten zu keiner städtischen Veranstaltung einzuladen.

es nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis des Bundeswahlleiters aber weder die bisherige SPD-Abgeordnete Dr. Daniela de Ridder noch Dany Meiners geschafft. Die SPD-Landesliste „zog“ nur bis Platz 20; die SPD hatte die innerparteilich umstrittene De Ridder nur auf Platz 24 nominiert. Am Abend hatten die Grafschafter Nachrichten noch den Wiedereinzug De Ridders in das Parlament vorhergesagt.

Aus Niedersachsen sind nur sechs AfD-Abgeordnete in den Bundestag gewählt worden; der siebte wäre Meiners gewesen. Der Nichteinzug des rechtsextremen Meiners ist Folge des schlechten Ergebnisses der AfD in Niedersachsen, wo sie lediglich auf 7,4% kam (Bund: 10,3%), im Wahlkreis 31 waren es lediglich 5,1%, in Lingen knapp unter 5%.

Hier das vorläufige Endergebnis der Bundestagswahl21 und im Bundestagswahlkreis 31 Mittelems.

Fußnote: Hellmuth Hoffmann, der Direktkandidat der gescheiterten Partei „Die Linke“ im Wahlkreis Mittelems, hat am Wahlabend erklärt, aus der Partei auszutreten. So ein Statement gab es in unserer Region auch noch nicht; es wirkte  -wie sagt man heute- besonders „weird“.

Heute…

26. September 2021

…ist unser Festtag. Wir Demokraten wählen das neue deutsche Parlament. Der Wahl-o-Mat hat mir eine Partei vorgeschlagen. Also dann:

Tahnee

25. September 2021

Tahnee
Vulvarine
Lingen (Ems) – Theater an der Wilhelmshöhe, Willy-Brandt-Ring 44
Donnerstag, 30. Sept – 19 Uhr
Karten 23,50 zzgl. Geb
ViBus –Eventim

Tahnee ist wieder da. War sie überhaupt weg? Wenn ja, dann nicht allzu lange. Nach kurzer Pause ist sie zurück und präsentiert sich in ihrem zweiten Bühnenprogramm gewohnt bescheiden: Tahnee ist Vulvarine.

Welche Assoziation einem dabei auch immer zuerst in den Kopf schießen mag, an der Realität geht sie meilenweit vorbei. Denn auch dieses Mal redet die Frau mit den feuerroten Haaren so unerbittlich Klartext, dass sie jedes Blatt vor ihrem Mund zerfetzt.

In ,,Vulvarine“ geht es um die eigene Superkraft, Tahnees Metamorphose, das Erwachsenwerden und die Grenzen des guten Geschmacks. Ihre Bühnenpower treibt ihr Publikum natürlich auch dieses Mal in den Intimbereich der Gesellschaft, den es – wie könnte es anders sein – nach ein paar Höhepunkten des Humors umso glücklicher verlässt.

Denn in ihrer Offenheit ist Tahnee ebenso gnadenlos gut wie in ihrer Spielfreude. Und die reißt ihr Publikum von der Leichtigkeit der Oberfläche immer wieder mit hinab in die tiefsten Abgründe des Humors. Kein Thema, keine Pointe ist vor ihr sicher. Auch deshalb ist sie die Heldin in einer von Boulevard und Influencerinnen weichgespülten Welt.

Vulvarine ist gekommen, um die Welt zu retten. Mit dem einzigen Mittel, das wirklich hilft: dem lauten Lachen eines im besten Sinne ,,invulvierten“ Publikums, das sich nach der Show wieder in viele ganz unterschiedliche Menschen teilt. Und die als Helden ihres eigenen Lebens jede Menge Power mitnehmen…

Sound of Germany

24. September 2021

„Olli Schulz‘ dreiteilige und großartige Serie „Sound of Germany“ gibt es jetzt zum Stream in der ARD-Mediathek und sei hiermit jedem ans Herzchen und an die Öhrchen gelegt. Guter Tüp einfach. Und hier nicht nur er.

„Sound of Germany“ dokumentiert wie Musik hierzulande die verschiedensten Menschen durchs Leben trägt und ihnen Halt gibt. Die Dokureihe ist gezeichnet von Gegensätzen: Musikfans und Musikschaffenden, jung und alt, politisch und privat, kleinen Kopfhörern und großen Konzertsälen, Community und Einsamkeit. Es war für mich teilweise eine sehr emotionale Erfahrung, in dieser merkwürdigen Corona Zeit auf Menschen zu treffen und mir ihre Geschichten anzuhören.

• Episode Wut:

In der ersten Folge seiner Reise trifft Olli Schulz auf viele wütende Menschen. Wut kann die Gesellschaft spalten, aber auch Energie für Neues freisetzen. Die fünf Jugendlichen aus Bad Bentheim, die sich den Namen „5 B“ gegeben haben, packen ihre Wut über Gewalt, Rassismus und Kriegserfahrungen in bewegende Deutschrap-Texte – auch wenn Deutsch für viele nicht die Muttersprache ist. Olli Schulz verbringt einen Tag mit ihnen – inklusive einer Live-Performance im strömenden Regen.

• Episode Sehnsucht:

Die dreiteilige Dokuserie „Sound of Germany“ will eine schlichte und spannende Frage stellen: Wie klingt die Gesellschaft in Deutschland? Die „Deutschlandreise mit Olli Schulz“ sucht im zweiten Teil die Sehnsucht in der Playlist Deutschlands: Wonach sehnen sich die Menschen in diesem Land? Was ist ihr Soundtrack?

• Episode Spaß

Im Stream: Sound of Germany – Eine Deutschlandreise mit Olli Schulz
(gefunden bei/Text von Das Kraftfuttermischwerk)

Wer will, kann sich die Episoden unter https://mediathekviewweb.de/#query=Sound%20of%20germany für den späteren offline Moment sichern.

Peter Alexander Herwig

23. September 2021

Peter Alexander Herwig
„Christian Morgenstern und seine Zeit“
Freren – Alte Molkerei, Bahnhofstr.
Samstag 25. September 2021  – 20 Uhr
Eintritt: 5,- € – online 

„Christian Morgenstern und seine Zeit“ – unter diesem Motto erinnern Heike Koschnike (Texte), Linda Moeken (Klavier) und Peter Alexander Herwig (Bariton) an Christian Morgenstern erinnern,dessen 150.Geburtstag in diesem Jahr wird feiern

Neben Vertonungen seiner Gedichte u.a. von Paul Graener (1872-1944) erklingen auch Kompositionen von Hugo Wolf (1860-1903), einem bedeutenden Komponisten aus dieser Epoche. Heike Koschnike rundet den Abend mit humorvollen Gedichten und phantastischen Geschichten von Christian Morgenstern und seine Zeit ab.

Morgenstern? Den Mann kennt man doch:

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge überfahren.
„Wie war „(spricht er sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
„möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?“

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
„Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil“, so schließt er messerscharf,
„nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Meine Zugabe bereits hier:

Palmström

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht sich hineinzuschneuzen –
er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

Candiru

22. September 2021

Die Bundesregierung will nicht sagen, ob deutsche Behörden den Staatstrojaner Candiru nutzen. Die Antwort könnte das Staatswohl gefährden. CitizenLab und Microsoft haben über hundert Opfer der israelischen Schadsoftware gefunden, darunter eine politisch aktive Person in Westeuropa.

Büro mit Catering
Büro des Staatstrojaner-Herstellers „Candiru“ mit Logo. – Alle Rechte vorbehalten Catering-Firma

RCIS, FinFisher, Pegasus – Polizei und Geheimdienste in Deutschland besitzen eine ganze Reihe an Staatstrojanern, mit denen sie Geräte hacken und überwachen. Die Liste gekaufter Schadsoftware könnte wohl noch länger sein, aber Bundesregierung und Behörden verweigern fast jede substantielle Auskunft. Möglicherweise kommt ein bisher wenig beachteter Staatstrojaner hinzu: Candiru.

Im Amazonas gibt es einen parasitären Fisch, dem nachgesagt wird, dass er in die Harnröhre von Männern schwimmen kann und dort Blut saugt. Deshalb wird er Harnröhrenwels oder Penisfisch genannt. Der lokale und englische Name ist „Candiru“. Diesen Namen hat sich eine israelische Staatstrojaner-Firma gegeben, wohl in Anlehnung an ihr Produkt.

Vor zwei Jahren enthüllte der israelische Journalist Amitai Ziv die Existenz der 2015 gegründeten Firma in der Tageszeitung Haaretz. Ein Eigentümer von Candiru hat zudem die Pegasus-Firma NSO gegründet: Isaac Zack. Wie NSO und andere israelische Hacking-Firmen rekrutiert Candiru viele Mitarbeiter vom Militär-Geheimdienst. Die Firma hat keine Webseite, scheut die Öffentlichkeit und ändert öfter den Namen.

Während andere Trojaner vor allem Smartphones angreifen, hat sich Candiru zunächst darauf spezialisiert, „Computer und Server“ zu hacken. Mittlerweile kann Candiru alle möglichen Systeme infizieren: iPhones, Androids, Macs, Windows-PCs und Cloud-Accounts. Als Einfallstor dienen unter anderem den Herstellern unbekannte Schwachstellen – ein Kernproblem von Staatstrojanern.

Im Juli haben CitizenLab und Microsoft über hundert Opfer der Candiru-Schadsoftware in der ganzen Welt gefunden, darunter Menschenrechtler:innen, Dissident:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen und Politiker:innen. Ein Opfer war eine politisch aktive Person in Westeuropa, auf dessen Windows-Computer sie den Trojaner nachweisen konnten.

Die Angreifer nutzten für ihre Infrastruktur auch Namen und Domains anderer Organisationen, darunter NGOs wie Amnesty International, politische Bewegungen wie Black Lives Matter, Medien wie Deutsche Welle und France 24, internationale Organisationen wie Vereinte Nationen und Weltgesundheitsorganisation, aber auch die großen Tech-Firmen und Social-Media-Plattformen.

Ob Polizei oder Geheimdienste in Deutschland diesen Staatstrojaner gekauft haben, will die Bundesregierung nicht sagen. Bis vor ein paar Jahren haben sich zumindest Polizeibehörden schwer getan mit Staatstrojanern aus Israel. Mit dem Kauf von NSO Pegasus ist diese Beschränkung vorbei.

Bereits im Januar 2019 zitierte Haaretz eine ungenannte Quelle mit einem Hinweis in diese Richtung: „Wenn beispielsweise Deutschland offensive Cyber-Tools für eine Angelegenheit nationaler Sicherheit benötigt, entwickelt es diese definitiv selbst. Wenn Deutschland aber beispielsweise Menschenhandel aus der Türkei verfolgt, kauft es Cyber-Tools von außerhalb, wo das Thema weniger sensibel ist.“

Die linke Bundestagsabgeordnete hat Martina Renner hat die Bundesregierung gefragt, ob Bundesbehörden wie Bundeskriminalamt oder Bundesamt für Verfassungsschutz Staatstrojaner von Candiru nutzen. Das Innenministerium verweigert erneut jede Auskunft und beruft sich dabei auf das „Staatswohl“.

In seiner Antwort behauptet Bundes-CIO und Innenministerium-Staatssekretär Markus Richter, dass sich Kriminelle und Terroristen gegen Staatstrojaner schützen könnten, wenn die Namen der Statstrojaner-Firmen öffentlich werden. Deshalb müsse die Kontrolle von Parlament und Medien unterbleiben. Netzpolitik.org veröffentlicht die Antwort des Innenministeriums in Volltext.

Martina Renner (Die Linke) kritisiert diese Geheimhaltung. Gegenüber netzpolitik.org sagt sie:

„Die Bundesregierung hat bereits im Falle der Spähsoftware Pegasus der Firma NSO wie nunmehr auch im Fall von Candiru alle Auskünfte verweigert. Nachdem inzwischen eingeräumt wurde, dass Pegasus vom BKA eingesetzt wird, gehe ich davon aus, dass dies auch bei Candiru der Fall ist. Angesichts dieser Intransparenz muss das Vorgehen der Bundesregierung und der Behörden als unkontrollierbar bezeichnet werden.“


Quelle: Netzpolitk.org / Andre Meister, Creative Commons BY-NC-SA 4.0.