#geschichtenderbefreiung

10. April 2021

Die Gedenkstätte Esterwegen erinnert mit ihrer Reihe #geschichtenderbefreiung an das Ende des 2. Weltkriegs in unserer Region. Gestern stand der 9. April 1945 im Fokus, als das Kriegsgefangenenlager Wesuwe befreit wurde. Es geht um die Geschichte des Weißrussen Aleksandr Machnatsch.
Am 9. April 1945 wird das mit sowjetischen Kriegsgefangenen belegte Zweiglager Wesuwe des Offizierslagers VI Oberlangen durch kanadische Truppen befreit. Aleksandr Machnatsch schreibt anschließend seiner Mutter aus dem Lager folgenden Brief:
„Jetzt erst bin ich frei. Am 9. April 1945 wurde ich (zum zweiten Mal) neu geboren. An diesem Tag befreiten unsere verbündeten kanadischen Truppen an der Grenze Hollands das Konzentrationslager inmitten der öden Moore. Dorthin waren wir rund 500 Kommandeure am 1. Dezember 1944 gebracht worden, wo täglich 18 – 20 Menschen aus Hunger starben. Wer dort umfiel, stand dann nicht mehr auf. Ich bestand nur noch aus Knochen, Wunden öffneten sich, und ich stand nicht mehr auf. Noch 10 – 12 Tage, und ich wäre nicht mehr unter den Lebenden gewesen. […]“ (Übersetzung aus dem Russischen; Museum der Verteidigung der Brester Festung, Brest, Weißrussland)

Das Lager Wesuwe – 1934 ursprünglich als Konzentrationslager geplant – wurde im Juni 1938 als Strafgefangenlager für 1.000 Gefangene fertiggestellt. Ab September 1939 übernahm das Oberkommando der Wehrmacht das Lager Wesuwe als Zweiglager des Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlagers (Stalag) VI B Versen. 1940 wurde das Lager mit 200 polnischen Fähnrichen belegt und ab 1941 mit ca. 2.100 sowjetischen Kriegsgefangenen. Formell wurde das Lager ab Mai 1942 zum Zweiglager des Stalag VI C Bathorn und ab 1943 Zweiglager des Offizierslagers VI Oberlangen. Am 17. Februar 1945 war das Lager Wesuwe mit 1.875 sowjetischen Kriegsgefangenen belegt.

Der Brief von Aleksandr Iwanowitsch Machnatsch kam erst ein Jahr später – abgestempelt von der sowjetischen Militärzenzur – bei seiner Mutter an. Machnatsch wurde 1922 im Dorf Sabolotje/Weißrussland geboren. 1941 schloss er die militärische Ausbildung als Leutnant ab. Die Rote Armee stationierte ihn anschließend als Kommandeur einer Einheit in Brest. Kurz nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde er bei den Kämpfen um die Festung Brest schwer verletzt, bevor er am 27. Juni 1941 in Kriegsgefangenschaft geriet. Über Kriegsgefangenlager in Polen und Deutschland kam er schließlich 1944 in das Lager Wesuwe, wo er am 9. April 1945 befreit wurde.

Kurze Zeit später kehrte er zurück in seine Heimat. Aber dort stand er unter dem Verdacht des Verrats – wie viele ehemalige Kriegsgefangene: sie hätten angeblich nicht tapfer gekämpft. Dadurch, dass in seinen Unterlagen vermerkt war, dass er bewusstlos gefangen genommen worden sei, geriet er aber nicht in weitere Lagerhaft. Er lebte anschließend in Minsk. In Weißrussland wurde er ein erfolgreicher Schriftsteller, schrieb Kinderbücher und verarbeitete so auch seine Kriegserlebnisse. Das Buch „Kinder der Festung“ handelt von Kindern, die seinerzeit den sowjetischen Soldaten in Brest halfen, indem sie diese mit Trinkwasser und Munition versorgten. Machnatsch starb 2001.
Foto: Aleksandr Machnatsch (3. von links) nach der Befreiung im Lager Wesuwe, 12. April 1945; Fotograf Alexander M. Stirton.
Quelle: Library and Archives Canada, Gedenkstätte Esterwegen

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