10 Jahre

26. März 2021

Vor etwa 10 Jahren bekam der jüngst verstorbene Kaufmann Bernhard van Lengerich in seiner Wohnung an der Lindenstraße Besuch. Führende Leute der CDU und der damals noch nicht so lang im Amt befindliche Oberbürgermeister versuchten, ihren Gastgeber van Lengerich davon zu überzeugen, keine Einwände gegen die vor dem Neubau stehenden EmslandArena zu erheben. Schließlich versprachen sie ihm in die Hand, einen lukrativen Neubau bzw Anbau zu seinem BvL-Haus zu genehmigen, wenn er in Sachen EL-Arena still halte.

In der vergangenen Woche hat der Planungs- und Bauausschuss unserer Stadt zugestimmt, den damals versprochenen Anbau auf einem zu einem Großteil städtischen Grundstück zu ermöglichen. Zuvor hatte bereits der Grundstücksbewertungsausschuss des Katasteramts in einem unfassbar hanebüchenden Gutachten festgelegt, dass die notwendigen städtischen Grundflächen nur rund 90 Euro pro Quadratmeter wert seien. Eine grotesk falsche Bewertung, wie man zwanglos erkennt, wenn man weiß, dass das direkte Nachbargrundstück für das Vierfache dieses Preises dem Investor verbindlich angeboten wurde. Oder dass die Neubaugebiete der Stadt mehr als das Doppelte für Wohnbauflächen kosten. Dabei ist der Investor längst nicht mehr die Familie van Lengerich sondern eine niederländische Investmentgesellschaft. Kurzum: Es ist nur schlimm und wird der längst gebeutelten Lingener Innenstadt einen weiteren Stoß versetzen. So etwas ist übrigens die direkte Folge von geheimen, politisch motivierten Zusagen einerseits und unqualifizierter Führung im Rathaus; OB Krone hatte und hat nämlich von Stadtentwicklung keine Ahnung. Und in der CDU hatten und haben Ortsratsfürsten aus ländlichen Ortsteilen das Sagen, denen das Stadtzentrum gleichgültig ist.

„Wir müssen unsere Städte ein Stück weit neu erfinden und auch neu entdecken“, sagte in dieser Woche Raumplaner Frank Osterhage vom Dortmunder Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in einer digitalen Konferenz des niedersächsischen Regionalministeriums am Donnerstag. Damit meinte er nicht Ortsteile von Mittelstädten. Schon vor Corona seien viele Innenstädte leerer geworden, so Osterhage. Eine bessere Aufenthaltsqualität, etwa mit mehr Grünflächen, ansprechenderen digitale Angebote sowie einer vielfältigeren Nutzung, zu der neben Geschäften auch Gastronomie, Ärzte und Wohnungen gehörten. Zudem gewinne die Anbindung an den Nahverkehr im Vergleich zur Erreichbarkeit mit dem Auto an Bedeutung. Viele Städte arbeiteten bisher nicht strategisch, sagte Axel Priebs von der Akademie für Raumentwicklung in Hannover. Die Abstimmung der Öffnungszeiten oder die Modernisierung des öffentlichen Raums beispielsweise seien vernachlässigt worden. Priebs sprach zudem von einer oftmals katastrophalen Online-Präsenz des stationären Handels.

Wie das Ende einer Innenstadt geht, kann man in Lingen (Ems) längst an jeder Ecke sehen. Die Spezialgeschäfte schließen, eine Moschee belastet die nördliche Innenstadt und in Lingen werden Spezialgeschäfte durch großflächige Handelsbetriebe außerhalb des Stadtzentrums ersetzt. Beispielsweise durch das über den Grundstückspreis mit rund 1 Million Euro subventionierte, von CDUSPD goutierte „Fachmarktzentrum“ bei BvL. Mit solchen Vorhaben presst man die Menschen aus ihrem Zentrum, und unsere Stadt bekommt Leerstände in einem entvölkerten Stadtzentrum ohne Perspektive. Es wird Jahrzehnte und viel (Steuer-)Geld kosten, die Fehler dieser Krone-Jahre wieder rückgängig zu machen. Wenn es überhaupt geht.

 

3 Antworten zu “10 Jahre”

  1. KIga St. Dickkkopf said

    Liest sich ein wenig wie das letzte Gespräch in der Kita St.Dickkopf.

    Der kleine Konrad Oop beschwert sich, dass die anderen Kinder nicht das spielen wollen, was er will. Dabei ist er doch der einzige, der wirklich Ahnung von der Materie hat. Sogar die Erzieherinnen haben keine Ahnung.

    Jetzt ist er „dull“ und erfindet einfach Dinge. Evtl. gibt ihm das ja ein wenig Aufmerksamkeit. Sind ja schließlich bald Wahlen in der Spielecke. Und keiner ist so gut im Spielen wie Konrad. Meint er …

    • Alex said

      …putzig, aber doch sehr treffend, dass die im Blogbeitrag erwähnten „Oberfürsten“ in der Parabel des Kommentators als „Erzieherinnen“ dargestellt werden…

      • Fred said

        Auch sehr passend: der Vergleich der hiesigen Herrschaftsverhältnisse mit einem Kindergarten. Der kleine Konrad kennt das ja: dabei sein darf er, mitreden vielleicht auch, mitgestalten lieber nicht, er ist ja ‚dull’….

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