Handwagen

9. Februar 2021

Wieder einmal glänzt das Blog des Lingener Emslandmuseums mit besonders Aufschlussreichem, dieses Mal zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – ein denkwürdiges Jubiläum. Es hat etwas Paradoxes, doch das schadet nicht. Warum paradox? Vor 1700 Jahren gab es zwar zweifellos schon Juden, aber noch keine Deutschen und kein Deutschland. Es gab vielleicht Germanen – jedenfalls gab es Leute, die von anderen als solche bezeichnet wurden. Aber das waren keine Deutschen und schon gar keine Christen. Zu sagen hatten sie auch nichts, denn große Teile des heutigen Deutschlands waren damals eine römische Provinz. Darum war es auch der römische Kaiser Konstantin, der im Jahr 321 in einem Schreiben zum ersten Mal eine jüdische Gemeinde in Köln erwähnt, einer Stadt, die bekanntlich von den Römern gegründet wurde….

Die ersten jüdischen Stücke, die ich 1988 in Lingen entdeckte, war zwei Sabbatlampen aus dem 18. Jahrhundert. Sie hingen als Flurbeleuchtung bei zwei alten Damen im Strootgebiet. Eine der beiden war früher Haushälterin bei dem Lingener Kunstsammler, Carl Johannsen, gewesen. Sie hatte die beiden Lampen nach seinem Tod unerkannt geerbt und nichtsahnend als Flurleuchten eingebaut. Sollte der gute alte Carl Johannsen 1938 etwa… – hat er nicht! Denn schon 10 Jahre vorher, bei der Heimatschau der Kivelinge 1928, waren seine beiden „siebenstrahligen Schabbeslampen“ zum 650sten Stadtjubiläum als Zeugnisse der Lingener Geschichte ausgestellt. Ob sie bei der Wiederholung dieser Schau 1937 auch noch ausgestellt waren?

Besomimdose für die Sabbatfeier, aus einer Lingener jüdischen Familie

An dunkle Zeiten erinnert eine silberne jüdische Gewürzdose im Museum. Wir erhielten sie 1989 von einem früheren Lingener Arzt. Einer seiner Patienten hatte seine Arztrechnung damit bezahlt. Später hat ein anderer Patient dem Arzt erzählt, dass er diesen Mann am Abend des 9. November 1938 mit einem Handwagen voller Wertsachen aus den geplünderten jüdischen Haushalten nach Hause fahren sah.

Später einmal kam eine Lehrerin mit einer Schulklasse in die jüdische Schule. Sie sah dort eine ähnliche Silberdose und fragte ahnungslos, was das denn wohl sei, so etwas habe sie nämlich auch zuhause, ebenfalls aus Silber, von ihren Eltern geerbt. Aber die waren keine Juden. Auch nicht heimlich. Bei Nachfrage stellte sich nämlich heraus: die Lehrerin war die Tochter jenes Mannes mit dem Handwagen….“

(von Andreas Eiynck, Quelle: Emslandmuseum Lingen, mehr)

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