an diese Zeit

14. Januar 2021

Eine ehemalige NS-Führungsschule in Haselünne (Landkreis Emsland), in der längst das Haselünner Kreisgymnasium untergebracht war, soll abgerissen werden. Das hat der Landkreis als Eigentümer beschlossen. Hiergegen gibt es zunehmenden Widerstand, und jetzt fordert die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ein Moratorium.

Bemerkenswert ist, dass die NOZ-Lokalpresse den NS-Hintergrund des Gebäudes in ihren Berichten fast überhaupt nicht aufzeigt, aber mitteilt, dass Haselünner den „Abriss mit Erleichterung“ sehen, „um nun den Schulhof für die Schüler modern gestalten zu können“ (mehr). Der Heimatverein und eine lokale Bürgerinitiative betonen hingegen die besondere geschichtliche Bedeutung des Gebäudes. Der Haselünner Rolf Hopster: „Es ist … ein letzter Zeitzeuge für ein Element aus unrühmlicher Zeit“.

Die Gedenkstättenstiftung, informiert der NDR, könne nicht endgültig beurteilen, ob der Erhalt des Gebäudes gerechtfertigt sei, habe ihr Sprecher betont. Daher fordere sie eine erneute Prüfung. „Denn gerade die Sicht der Denkmalpflege auf frühere NS-Gebäude befindet sich derzeit in einem Prozess der Schärfung und damit veränderten Gewichtung.“

Die Stiftung argumentiert, dass es sich bei dem Komplex um den einzigen Standort einer sog. National Politischen Lehranstalt (Napola) in Niedersachsen handelt. Haselünne füge sich auch daher gut in die Gesamtheit von Gedenkstätten und NS-Erinnerungsorten in Niedersachsen ein, schreibt die Stiftung in einem Brief an Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Der sich darauf gründende „gesetzlich angeordnete Aufschub“ (Süddeutsche) soll die Möglichkeit bieten, den Abriss-Beschluss zu prüfen und gegebenenfalls zu revidieren.

Die konservativen Politiker im Emsland sind allerdings bisher nicht einsichtig. Der Kreistag des Landkreises Emsland hatte den Abriss-Votum im vergangenen Oktober beschlossen, wobei aber der historische Hintergrund überhaupt keine Rolle gespielt haben soll. An den Beschluss sei man gebunden, behauptete jetzt der Erste Kreisrat des Emslandes Martin Gerenkamp gegenüber NDR 1 Niedersachsen. Er wies darauf hin, dass eine Sanierung des Gebäudes rund fünf Millionen Euro kosten würde. „Dass man an diese Zeit erinnern muss und dass man das in Gedenken behalten muss, leuchtet uns absolut ein, und das wollen wir auch tun“, sagte Gerenkamp. Er verwies darauf, dass es mit der Gedenkstätte Esterwegen einen zentralen Gedenkort gebe.

Nun, das „Man Muss“ reicht nicht. Vielmehr muss der Abriss jedes Baudenkmals genehmigt werden und jede/r Beurteilende sieht, dass das Schulgebäude angesichts seiner historischen Bedeutung zweifellos ein Baudenkmal ist. Die Einstufung als Baudenkmal hängt nämlich nicht von architektonischen Fragen ab, was aber offenbar Kreisrat Gerenkamp nicht weiß. Insbesondere die „geschichtliche Bedeutung“ eines Bauwerks kann ein öffentliches Interesse an seinem Erhalt begründen – so wie hier in Haselünne. Dabei hängt der Schutz des Nieders. Denkmalschutzgesetzes für ein Baudenkmal nicht einmal davon ab, dass das betreffende Bauwerk in das entsprechende behördliche Verzeichnis der Kulturdenkmale eingetragen sind. So formuliert es § 5 des Gesetzes. Das alte Schulgebäude ist also ohne weiteres als Denkmal geschützt.

Ein öffentlicher Eigentümer wie der Landkreis darf ein solches Baudenkmal auch gar nicht abreißen; er muss es erhalten. Auch dies legt das niedersächsische Denkmalrecht fest.

Folglich ist die Gerenkamp-Argumentation gleichermaßen oberflächlich wie bedeutungslos, dass der Erhalt des NaPoLa-Gebäudes 5 Mio Euro koste. 1941 war der Ursulinen-Orden enteignet worden. Erst nach fünf Jahren kamen die Nonnen zurück. In den vergangenen Jahrzehnten ist wenig geschehen, um an das den ursulinen zugefügte Unrecht und die braune Geschichte der am 17.10.1941 eröffneten NS-Schule zu erinnern. Das leistet, wenn ich richtig informiert bin, bisher nur eine vor 26 Jahren von den damaligen Abiturienten gestiftete Plakette (Foto lks, CC Haselünner CC Attribution-Share Alike 4.0 International)

Übrigens, liebe Kreisverwaltung, wäre ein im Macher-Emsland immer denkbarer „Hau-weg-den-Scheiß-Abriss“ eine Straftat: „Wer ohne die nach § 10 erforderliche Genehmigung und ohne Vorliegen der Voraussetzungen des § 7 ein Kulturdenkmal oder einen wesentlichen Teil eines Kulturdenkmals zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Das Gesetz gilt dabei gleichermaßen für Beamte wie für CDU-Parteigänger wie für verbeamtete CDU-Parteigänger und verantwortliche CDU-Kreistagsabgeordnete – spätestens jetzt, wo sie alle informiert sind.

Nun ist jedenfalls die „Untere Denkmalschutzbehörde“ am Zuge. Das ist natürlich der Landkreis selbst; aber die zuständigen Beamten tun gut daran, das Landesamt für Denkmalpflege zu fragen, ob sie den Abriss genehmigen dürfen oder nicht. Wer will sich schon Straf- und Disziplinarverfahren einfangen…

Nachtrag:
Die Beschlagnahme des Ursulinenklosters blieb, lese ich hier auf dieser wichtigen Seite, nicht die einzige im Zusammenhang mit der Errichtung der NPEA Emsland. Auf Betreiben des Leiters der NPEA Emsland und der Haselünner Stadtverwaltung wurde im Januar 1942 das Haus der jüdischen Familie Steinburg in der Nordstraße 2 beschlagnahmt. Samuel und Henny Steinburg mit ihren Kindern Hans (14), Anna (19) und Hildegard (17) mussten ihr Zuhause umgehend verlassen. Das Haus wurde zugunsten des Deutschen Reiches enteignet und vom Leiter der NPEA Emsland als Dienstwohnung genutzt. Die jüdische Familie Steinburg wurde in das Ghetto Riga verschleppt und in einem Konzentra­tionslager ermordet.


Foto:   Quelle: www.napola-emsland.de
Quellen: NDR, SZ, napola-emsland.de, MT, LT

4 Antworten zu “an diese Zeit”

  1. Rene Esser said

    Sehr gut, Herr Koop. Es gibt noch Hoffnung zwischen den Betongold-Köpfen…

  2. Paul Haverkamp, Lingen said

    Geschichtsvergessen und antiaufklärerisch

    Der Schulausschuss des Landkreises Emsland hat am 30. September 2020 mit der absoluten Mehrheit der CDU-Mitglieder den Abriss des Schulgebäudes beschlossen. Der Kreisausschuss bestätigte diese Entscheidung in nicht-öffentlicher Sitzung. Der Kreistag bewilligte am 18. Januar 2021 mit der Stimmenmehrheit der CDU 350.000 Euro für den Abriss.

    Dem Landkreis Emsland muss man wohl einen sehr unsensiblen und zugleich verantwortungslosen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vorwerfen, da es sich bei dem Baukomplex Ursulinenschule um den einzigen Standort einer sogenannten National Politischen Lehranstalt (Napola) in Niedersachsen handelt.

    Der Kreistag stellt sich mit seinem Beschluss offen gegen die Gedenkstättenstiftung des Landes Niedersachsen, die ein Moratorium fordert: „Denn gerade die Sicht der Denkmalpflege auf frühere NS-Gebäude befindet sich derzeit in einem Prozess der Schärfung und damit veränderten Gewichtung.“ (dpa-Meldung vom 13. Januar 2021).

    Dass wir vor dem Hintergrund gegenwärtiger Ereignisse in Deutschland und weit darüber hinaus mehr denn je einer kritischen Auseinandersetzung mit menschenverachtenden Systemen benötigen, scheint den verantwortlichen des Landkreises Emsland nicht bewusst zu sein; in diesem Falle hilft auch nicht der Verweis auf die Gedenkstätte in Esterwegen (Emslandlager).

    Alle ca. 40 Napola-Schulen – also auch diejenige in Haselünne – waren Kaderschmieden und Eliteschulen zugleich; vor allem für die SS, um ihre rassistischen, antisemitischen, menschenverachtenden und kriegerischen Ziele mit Brutalität und unvorstellbarer Grausamkeit zu erreichen. Hier sollten Menschen erzogen werden, die „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ (Hitler-Zitat) sich willenlos dem Verbrechersystem zu unterwerfen hatten. Hier sollten jungen Menschen jede Achtung vor der Menschenwürde aberzogen und dafür gestählt werden, den Holocaust ohne Skrupel und Moral bis zum Exzess durchzuführen.

    Eine stetig zunehmende Rückkehr von Menschen, die sich eine Erneuerung nationalistischer-chauvinistischer und rassistischer Ideologie wünschen ist erschreckend. Das Gebäude in Haselünne wäre genau der richtige Standort, um junge Menschen in der Gegenwart vor den Gefahren einer solchen Entwicklung zu warnen und ihnen klarzumachen, dass am Ende dieser Ideologie, die immer in den Köpfen ihren Anfang nimmt, stets Gewalt, Krieg, und Ausrottung stehen.

    Dass den CDU-Mitgliedern des Meppener Kreistages offensichtlich diese Zusammenhänge mit ihrem Beschluss entgangen sind, kann ich nur als fatal, geschichtsvergessen und antiaufklärerisch bezeichnen.

    Paul Haverkamp, Lingen

  3. Christoph Frilling said

    In der jetzt aufgetauchten SS-internen Funktionsbestimmung dieser emsländischen „nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ – im Volksmund „NAPOLA“ geheißen – wird in dankenswerter Offenheit erklärt, weshalb gerade Haselünne und das Emsland für diese Eliteschule des SS-Nachwuchses eine so wichtige Rolle spielten; Die SS hatte sich bis in die 40er Jahre an den Katholiken des Emslands und ihren weithin noch intakten Strukturen die Zähne ausgebissen. Die „Jungmannen“ der NAPOLA erhielten die Aufgabe, demonstrativ Nazi-Propaganda zu betreiben: Zackiges uniformiertes Auftreten in der Öffentlichkeit, ausgesucht vorbildliches und höfliches Benehmen gegenüber der lokalen Bevölkerung, Hilfsbereitschaft, Ernteeinsätze und degleichen mehr sorgten langsam, aber wirksam dafür, dass die „Volksgemeinschaft“ ihre Vorbehalte gegenüber den Nazis relativierte. Ergänzt wurde dies durch eine permanente und intensive Präsenz der „Erzieher“ der NAPOLA, die in den Abendstunden als speziell geschulte Parteiredner auf allen relevanten Versammlungen und Veranstaltungen der Region auftraten. Unabhängig davon, aber auf der gleichen Linie, verstand es die NS-Propaganda, Identifikationsfiguren wie den Lingener Rennfahrer-Star Bernd Rosemeyer und seine Ehefrau, die nicht minder prominente Fliegerin Elly Beinhorn, für den Nationalsozialismus zu gewinnen.
    Im Emsland waren diese Akteure der Propaganda neben den „Jungmannen“ der NAPOLA die entscheidenden Instrumente im „Kampf um die Köpfe“. In der Geschichte des Nationalsozialismus im Emsland verdient deshalb die Aufarbeitung der NS-Propaganda, ihrer Täter und Instrumente eine besondere Aufmerksamkeit. Gibt es hierfür einen idealeren Ort als das alte NAPOLA-Gebäude in Haselünne?

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