Götz und Theater als Film

22. Dezember 2020

Das Theater Osnabrück zeigt „Götz von Berlichingen“ digital – als Film, der nicht nur Bühnengeschehen dokumentiert. Ein taz-Besuch bei den Dreharbeiten.

Spätmittelalterlicher Nahkampf ist laut. Kettenhemden klirren, Schwerter krachen auf Schilde, Harnische knirschen, Lanzenspitzen verhaken sich ineinander. Schlachtrufe branden auf, Verwundete röcheln sich in den Tod. In einem riesigen Banner wühlt knallend der Wind. Spätmittelalterlicher Nahkampf ist brutal.

Auch an diesem Mittwochmorgen Ende November, im 3. Akt von Goethes brachialem Sturm-und-Drang-Epos „Götz von Berlichingen“: Sechs blutgetränkte Kämpfer des Theaters Osnabrück stechen, hacken, schneiden, stoßen und prügeln aufeinander ein, ringen einander zu Boden, mitten unter ihnen Oliver Meskendahl mit bizarr deutschblonder Mähne, als Titelfigur. Schmerzschreie, Flüche, Wutgebrüll. „Yeah!“, feuert Kampfchoreograf Jan Krauter an. „Ihr macht das geil!“

Er ist der richtige Mann für solche (un-)klassischen Gemetzel. 2019 hat er in Osnabrück Heinrich von Kleists „Die Familie Schroffenstein“ auseinandergenommen, schräg, ironisch, nihilistisch und wild. Damals, als noch Zuschauer ins Theater durften, live, ohne Maske und Mindestabstand.

Es geht um die Grenzen der Freiheit. Darum, dass Gewalt Gegengewalt gebiert. Und der Kill Count ist am Ende wirklich beeindruckend

Seit vier Wochen dreht Foerster jetzt an seinem „Götz“. Jeden Morgen ist Aufnahme, jeden Nachmittag Probe. Dazwischen noch der Schnitt. Es wird ein abendfüllender Film. Am 12. Dezember hat er auf der Theater-Website Premiere, als Stream. „Götz“ ist eine Antwort auf Corona. Der einzige Weg, sich dem Publikum zu zeigen, ist ja derzeit das Video, die Drift ins Digitale.

Den Wandel zum Filmstudio ist das Theater Osnabrück mittlerweile gewohnt: Jüngst lief hier Dominique Schnizers „Tödliche Entscheidung“, ein interaktiver Krimi in drei Folgen, als Livestream, Chat mit dem Regieteam während der Vorstellung inklusive.

Aber heute, an diesem Mittwochmorgen Ende November, ist alles ein bisschen anders. Denn das goethesche Gefecht findet nicht auf der Bühne statt, sondern draußen, auf einem echten Gefechtsfeld, 20 Kilometer von Osnabrück entfernt, in Kalkriese: Für die Kampfszenen steht Foersters Regietisch ganz bewusst dort, wo…

[weiter bei der taz]

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