Täuschungsversuch

31. Oktober 2020

Nicht das Urteil, über das Udo Vetter in seinem LawBlog berichtet, ist das Problem, sondern die Verantwortlichen sind es, die das kleine Malheur nicht sofort als solches erkannt und behoben haben. Diese Handelnden würde ich übrigens grundsätzlich namentlich benennen, und dann gäbe es -allemal hier bei uns an Ems und Vechte- sofort wieder so besonders erhobene Zeigefinger, die wahlweise das hohe Lied des Datenschutzes oder des Das-kannst-du-doch-nicht-tun singen. Dabei geht es um „Fehlerkultur, um Kritik und wie man mit ihr umgeht. Denn wenn Fußballer sich daneben benehmen, ein Musiker einen falschen Ton spielt oder -nicht auszudenken- ein Anwalt sich vertut, stehen sie alle schließlich auch in der Öffentlichkeit.

Also, Freunde dieses kleinen Blogs, ist es nicht ein eigener, spezieller Täuschungsversuch, wenn sich öffentlich Bedienstete für ihre -wie hier unsäglichen- Fehler hinter der Anonymität ihrer Behörde verbergen?

Weil der Wecker seines Handys klingelte, sollte ein Student durch eine Klausur fallen. Das Klingeln wurde als Täuschungsversuch gewertet. Kurios wird diese Entscheidung durch den Umstand, dass die Tasche 40 Meter entfernt abgestellt war.

Die Universität verwies auf die Prüfungsordnung. Danach sei es verboten, Mobiltelefone eingeschaltet mit in den Prüfungsraum zu nehmen. Ob das im Flugmodus befindliche Handy überhaupt „eingeschaltet“ im Sinne der Vorschrift war, will das Verwaltungsgericht Koblenz gar nicht entscheiden. Denn der Student habe das Handy ja gar nicht an den Klausurarbeitsplatz mitgenommen, vielmehr habe der Wecker rund 40 Meter entfernt geklingelt. Wenn man das auch verbieten wolle, so das Gericht, müsse man es auch ausdrücklich in die Prüfungsordnung schreiben. Nur so könne ein Kandidat wissen, was erlaubt und was verboten ist.

Auch eine Störung des Prüfungsablaufs mit der Folge „Nicht bestanden“ sieht das Gericht nicht. So eine Sanktion sei schlicht unverhältnismäßig. Die Störung durch das Klingeln hätte problemlos mit einer kurzen Verlängerung der Schreibzeit ausgeglichen werden können. Außerdem habe der Student glaubhaft belegt, dass er nicht vorsätzlich handelte. Er habe vergessen, den Wecker zu deaktivieren. Außerdem habe er angenommen, dass sein Handy im Flugmodus gar keine Töne von sich gibt.
(VG Koblenz, Aktenzeichen 4 K 116/20.KO).

 

 

präkolumbianisch

31. Oktober 2020

Das imposanteste Denkmal auf dem Alten Friedhof in Lingen ist sicherlich das frühere Mausoleum der Familie Koke, das heute als Kolumbarium dient. An herausragender Stelle gelegen besticht das Bauwerk durch seine markante Architektur im strengen griechisch-dorischen Stil.

Inneres des Mausoleums vor der Sanierung (im orangefarbigen Kreis das Fundstück)

Doch bevor die Friedhofskommission nach dem Erwerb des Mausoleums mit den Restaurierungs- und Umbauarbeiten beginnen konnte, waren umfangreiche Vorarbeiten notwendig. Bauschäden an Dach und Mauerwerk mussten aufgenommen, Sanierungskonzepte erstellt und Finanzmittel beantragt werden.

Bei einer der ersten Begehungen stand im Inneren des Gebäudes noch diverses Inventar wie Blumenvasen, Garten- und Reinigungsgeräte sowie anderes mehr. Darunter befand sich auch ein eigenartiges Gefäß, das auf den ersten Blick wie eine Gießkanne für Zimmerpflanzen aussah. Die Oberfläche zeigte einen metallischen Glanz. Es handelt sich aber nicht um Zinkblech, Bronze oder Blei, sondern um Keramik mit einer sehr glatten, grau glänzenden Oberfläche. Wenn dieses seltsame Objekt die geplanten Bauarbeiten überstehen sollte, musste es an einen sicheren Ort überführt werden – „manchmal findet man eben Sachen, die haben andere Leute noch nicht einmal verloren“ (Heinrich Wilming, Darme).


Auffällig sind die flache Form des Behälters, die runde, spitz zulaufende Ausgusstülle, der eigenartig gebogene Griff sowie vier kleine Figuren, die auf die Oberfläche aufgesetzt sind: zwei stilistierte Frösche, eine Art Kaulquappe und ein Wesen mit einem menschenartigen Gesicht.

Das Material erwies sich bei genauerer Analyse als Keramik mit sogenanntem Reduktionsbrand. Dabei wird gegen Ende des Brandes wurde der Ofen hermetisch abgedichtet, um Zufuhr von Sauerstoff zu verhindern. Der noch vorhandene Rauch schlägt sich auf die Oberfläche des Gegenstandes nieder und gibt ihm eine glänzende, schwarze Farbe. In Europa war dieses Brennverfahren z.B. bei traditioneller Keramik in Portugal, der sogenannten „schwarzen Keramik, lange Zeit üblich.

Bei der regionalen und zeitlichen Zuweisung des Objektes herrschte zunächst allgemeine Ratlosigkeit. Selbst gestandene Museumskollegen hatten „so ein Ding“ noch nie gesehen, womit die Option, dass es sich um ein außereuropäisches Objekt handeln könnte, an Wahrscheinlichkeit gewann. Doch wo suchen?

Im Zweifelsfall bei Google-Bildsuche: Keramik, Irdenware, grau, schwarz, Tülle… – Treffer! – Südamerika, Peru, präkolumbianisch. Nun konnte Dr. Michael Brodhäcker vom Emslandmuseum mit seinen Musealogen die Spur aufnehmen und landete bei der Keramik aus Chan Chan, der Hauptstadt des Königreiches Chimu im heutigen Peru, das zuerst von den Inka angegriffen und dann im 16. Jahrhundert von den spanischen „Entdeckern“ vernichtet wurde. Dort werden bei Ausgrabungen auf Gräberfeldern solche Keramiken als frühere Grabbeigaben häufig geborgen.

Doch wie kommt das mindestens 500 Jahre alte Stück von einem Gräberfeld in Peru in ein Mausoleum auf dem Alten Friedhof in Lingen? Nun, Bauherr bzw. Auftraggeber des um 1930 entstandenen Koke-Mausoleums waren der 1857 in Lingen geborene Müllersohn Friedrich Koke, der 1924 im chilenischen Rancagua starb. Seine Frau Maria, geb. Klasing, wurde 1875 in Lingen geboren und starb 1938 ebenfalls in Chile. Beide wurden in Särgen in ihre alte Heimat überführt und ihrem Mausoleum beigesetzt. Später fanden hier auch ihre Tochter und ihr Schwiegersohn ein Urnengrab: der Vizeadmiral der Kriegsmarine Friedrich Frisius (1895-1970) und seine Frau Bianca geb. Koke (1897-1993)

Prakolumbianische Keramik war schon früher ein beliebtes Sammelgebiet bei Antiquitätenfreunden. Vermutlich also wurde die antike Grabbeigabe mit Kokes Sarg nach Europa überführt und in seinem Mausoleum aufgestellt. Die Bedeutung des Gegenstandes geriet dann bald in Vergessenheit. Vielleicht hat ja einer der Leser dieses Beitrags hierzu genauere Kenntnisse oder eine eigene Idee.


Ein Beitrag/Crosspost zur Lokalgeschichte aus dem Blog des Emslandmuseum Lingen (Ems). Von dort stammen auch die (c) Fotos.