„Ich bin kein Fisch!“

26. Oktober 2020

Der Film mit Bruno Ganz in der Hauptrolle erzählt die Lebensgeschichte des deutsch-amerikanischen Flötisten Günther Goldschmidt

Der Musiker lebte zur Nazi-Zeit in Oldenburg. Der Film „Winterreise“ ist Ganz‘ letzte, würdige Rolle. Bruno Ganz, der im Februar letzten Jahres verstarb, spielt dabei den alten jüdischen Musiker Goldschmidt, der in den USA lebt und von seinem Sohn nach seiner Vergangenheit befragt wird.

Meist sitzt er nur an einem Tisch in Tucson, Arizona, und erzählt. In einigen Szenen sieht man ihn beim Autofahren oder in seinem Garten. Es soll wie ein Homemovie wirken, kunstlos vor vielen Jahren mit einer VHS-Videokamera vom Sohn gedreht, den man dann auch nie zu sehen bekommt. Man hört nur seine bohrenden Fragen.

Und Bruno Ganz wird vor unseren Augen zu diesem Mann, der am Ende seines Lebens vor seinem Sohn Rechenschaft ablegt. Zuerst nur widerwillig, denn das Thema wurde in der Familie immer totgeschwiegen. Er und seine Familie heißen Goldsmith und sein Sohn muss ihn erinnern: „Vater, du heißt Günther Goldschmidt, du bist so jüdisch wie Gefilte Fisch.“ „Ich bin kein Fisch!“, antwortet der Vater.

Diese Gespräche hat es, wenn nicht wörtlich, so doch sinngemäß, wirklich gegeben. Martin Goldsmith, ein in den USA sehr bekannter Radiomoderator, hat sie kurz vor dessen Tod mit seinem Vater geführt und darüber ein Buch geschrieben. „Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches“ heißt es auf Deutsch, der amerikanische Titel spricht historisch angemessener von „Nazi-Germany“. Goldsmith ist es dann auch, der aus dem Off die Fragen an Bruno Ganz in der Rolle seines Vaters stellt.

„Vater, du heißt Günther Goldschmidt, du bist so jüdisch wie Gefilte Fisch“, sagt der Sohn. „Ich bin kein Fisch!“, antwortet der Vater

Zuerst war es dessen deutscher Akzent, der Goldsmith und den Regisseur Anders Østergaard dazu bewogen hatten, Ganz die Rolle anzubieten. Obwohl Ganz Goldsmith nie Fragen nach seinem Vater stellte und bei der Entwicklung seiner Rolle nur vom Text ausging, gab es viele Szenen, in denen Goldsmith fast seinen Vater vor sich zu sehen glaubte.

Bruno Ganz’ Sequenzen geraten nie zu Starauftritten, die das Thema in den Hintergrund drängen könnten. Denn von den Szenen zwischen Vater und Sohn weitet sich der Film schnell zum Panoramablick auf die Lebensgeschichte des jüdischen Flötisten Günther Goldschmidt, der mit seiner Frau Rosemarie Gumpert noch lange nach der Machtübernahme in Deutschland blieb, weil beide Arbeit im „Kulturbund deutscher Juden“ fanden. Dieser organisierte bis 1941 Konzerte, Theateraufführungen und Varieté-Abende mit jüdischen Künstler/innen. Dabei…

[weiter bei der taz

und bei der Jüdischen Allgemeinen]

Der Film ist seit dem 22. Oktober im Kino.


The Inextinguishable Symphony: A True Story of Music and Love in Nazi Germany
Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches

Herder, 2002, 380 Seiten, ISBN-10: 3451273071

Das -in deutscher Sprache vergriffene- Buch von Martin Goldsmith erzählt die aufregende Geschichte zweier jüdischer Musiker, die unter unvorstellbaren Umständen darum kämpften, aufzutreten und sich ineinander verliebten. 1936 wurden Günther Goldschmidt und Rosemarie Gumpert zusammen mit zahllosen anderen jüdischen Künstlern aus allen deutschen Orchestern verbannt. Unter der Aufsicht von Goebbels Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda wurde der Jüdische Kulturbund gegründet, in dem diese Künstler integriert wurden, um der Welt zu demonstrieren, wie gut doch die Juden unter dem Hitlerregime behandelt wurden. Zum Leidwesen der Nazis entwickelte sich der Kulturbund mit der Zeit zu einem Zufluchtsort für jüdische Künstler, der dem bedrängten Volk die dringend ersehnte geistige Bereicherung bot.
Martin Goldsmith hat hier die ergreifende Liebesgeschichte seiner Eltern erzählt, des Flötisten Günther Goldschmidt und der Bratschistin Rosemarie Gumpert, die den scheinbar aussichtslosen Kampf gewannen, um in Liebe vereint zu sein. (Text: amazon)

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