zum Heulen

1. Oktober 2020

Im März 2018 feierte Bernard Grünberg, Ehrenbürger unserer Stadt und durch glückliche Fügung Überlebender des Holocaust, in Lingen seinen 95. Geburtstag. An diesem Tag wurden vier Stolpersteine vor seinem Geburts- und Elternhaus in der Georgstraße verlegt, und der alte, greise Mann berichtete dabei den Anwesenden mit stockender, tränenerstickter Stimme vom Schicksal seines kleinen Verwandten (Herman) Nico de Jong, zu dessen Andenken ein Stolperstein verlegt wurde. Nico war Grünbergs Großneffe. Zusammen mit seinen Eltern wurde das jüdoische Kind im Juni 1943 im Vernichtungslager Sobibor vergast. Nico war da gerade einmal zwei Jahre alt.

Am 9. November 2018 schlug der damalige Vorsitzende des Forum Juden Christen Dr. Heribert Lange vor, an Nico de Jong zu erinnern und nach ihm die Kita an der Kiesbergstraße zu benennen. Das blieb unbeachtet, bis die Fraktion Die BürgerNahen im Lingener Rat im Juli einen Antrag dazu ankündigte und dann nach der Sommerpause einbrachte, die zweite Kindertagesstätte („Kita“) nach Nico de Jong zu benennen, die gerade neu am Kiesberg entsteht.

Ich durfte für die BN den Antrag schreiben, ich habe ihn ergänzend begründet und allen stimmberechtigten Mitgliedern des Jugendhilfe-Ausschusses noch weiteres Material zugänglich gemacht. Doch bei diesen siegte nicht Verantwortung sondern angstvolle Geschichtslosigkeit.

Der Jugendhilfe-Ausschuss hat den Nico-Antrag der BürgerNahen nämlich am Montag dieser Woche abgelehnt. Die Begründung: Die Kita-Kinder bekämen Angst, wenn sie vom Schicksal Nicos erführen. Unbenannte „Lingener Kinderärzte“ und ein Kinderpsychiater wurden dafür ins Feld geführt, die „das bestätigt“ hätten. Dabei ist die Behauptung falsch, weil es längst kluge, menschliche Konzepte gibt, allen Vorschulkindern Angst-nehmende Informationen zum Holocaust zu vermitteln. Zum Beispiel aus Yad Vashem, aber auch von deutschen Fachleuten wie Matthias Heyl oder Andrea Becher. Diese Erziehungswissenschaftler wollte man aber nicht hören und hat stattdessen lieber den Herzenswunsch von Bernard Grünberg rundweg abgelehnt: Alle Jugendhilfe-Mitglieder stimmten mit Nein, nur unsere Fraktionskollegin, die Ärztin Sabine Stüting, stimmte mit Ja, ein Vertreter der Grünen enthielt sich, was ich übrigens auch nicht verstehe.

Ich sehe, nicht wenige Entscheidungsträger/innen in Lingen erkennen gar nicht, welche einende gesellschaftliche Kraft aktiver Erinnerungsarbeit innewohnt. Stattdessen brüskieren sie mit all ihrer undurchdachten Angst unseren 97jährigen Ehrenbürge. Doch damit noch nicht genug: Sie beschließen ihr -auch antisemitisches- Nein genau an dem Tage, an dem Juden weltweit Jom Kippur feiern, den heiligsten jüdischen Feiertag.

Jom Kippur ist der Tag der Versöhnung, und damit war das Nein auch noch dumm und geschichtslos: Bei besagter Feierstunde im März 2018 vor dem Geburtshaus von Bernard Grünberg erinnerten sowohl Dr. Heribert Lange als auch Oberbürgermeister Dieter Krone daran, dass Bernard Grünberg bei seinem ersten Besuch in Lingen 1986 die Hand ausgestreckt habe –

nicht mit dem Willen zur Vergebung und zum Verzeihen sondern mit dem Willen zur Versöhnung. Diese Versöhnung setzt darauf, dass sich alle Nachverfahren der Tätergeneration sich immer der Verantwortung bewusst sind, die aus den Millionen ermordeter Juden und den Millionen Toten des hitlerkrieges erwachse. Es gilt, dafür zu sorgen, dass solch teuflisches Machwerk nie wieder in die Köpfe der Menschen und auch nich auf unsere Straße und Plätze kommt.“ (Lange)

Ausgerechnet der Jugendhilfe-Ausschuss unserer Stadt ist dieser, seiner Verantwortung nicht ansatzweise gerecht geworden. Vielmehr hat er mit seinem montäglichen Nein die  von Bernard Grünberg ausgestreckte Hand weggeschlagen. Es ist zum Heulen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.