Täuschungsversuch

31. Oktober 2020

Nicht das Urteil, über das Udo Vetter in seinem LawBlog berichtet, ist das Problem, sondern die Verantwortlichen sind es, die das kleine Malheur nicht sofort als solches erkannt und behoben haben. Diese Handelnden würde ich übrigens grundsätzlich namentlich benennen, und dann gäbe es -allemal hier bei uns an Ems und Vechte- sofort wieder so besonders erhobene Zeigefinger, die wahlweise das hohe Lied des Datenschutzes oder des Das-kannst-du-doch-nicht-tun singen. Dabei geht es um „Fehlerkultur, um Kritik und wie man mit ihr umgeht. Denn wenn Fußballer sich daneben benehmen, ein Musiker einen falschen Ton spielt oder -nicht auszudenken- ein Anwalt sich vertut, stehen sie alle schließlich auch in der Öffentlichkeit.

Also, Freunde dieses kleinen Blogs, ist es nicht ein eigener, spezieller Täuschungsversuch, wenn sich öffentlich Bedienstete für ihre -wie hier unsäglichen- Fehler hinter der Anonymität ihrer Behörde verbergen?

Weil der Wecker seines Handys klingelte, sollte ein Student durch eine Klausur fallen. Das Klingeln wurde als Täuschungsversuch gewertet. Kurios wird diese Entscheidung durch den Umstand, dass die Tasche 40 Meter entfernt abgestellt war.

Die Universität verwies auf die Prüfungsordnung. Danach sei es verboten, Mobiltelefone eingeschaltet mit in den Prüfungsraum zu nehmen. Ob das im Flugmodus befindliche Handy überhaupt „eingeschaltet“ im Sinne der Vorschrift war, will das Verwaltungsgericht Koblenz gar nicht entscheiden. Denn der Student habe das Handy ja gar nicht an den Klausurarbeitsplatz mitgenommen, vielmehr habe der Wecker rund 40 Meter entfernt geklingelt. Wenn man das auch verbieten wolle, so das Gericht, müsse man es auch ausdrücklich in die Prüfungsordnung schreiben. Nur so könne ein Kandidat wissen, was erlaubt und was verboten ist.

Auch eine Störung des Prüfungsablaufs mit der Folge „Nicht bestanden“ sieht das Gericht nicht. So eine Sanktion sei schlicht unverhältnismäßig. Die Störung durch das Klingeln hätte problemlos mit einer kurzen Verlängerung der Schreibzeit ausgeglichen werden können. Außerdem habe der Student glaubhaft belegt, dass er nicht vorsätzlich handelte. Er habe vergessen, den Wecker zu deaktivieren. Außerdem habe er angenommen, dass sein Handy im Flugmodus gar keine Töne von sich gibt.
(VG Koblenz, Aktenzeichen 4 K 116/20.KO).

 

 

präkolumbianisch

31. Oktober 2020

Das imposanteste Denkmal auf dem Alten Friedhof in Lingen ist sicherlich das frühere Mausoleum der Familie Koke, das heute als Kolumbarium dient. An herausragender Stelle gelegen besticht das Bauwerk durch seine markante Architektur im strengen griechisch-dorischen Stil.

Inneres des Mausoleums vor der Sanierung (im orangefarbigen Kreis das Fundstück)

Doch bevor die Friedhofskommission nach dem Erwerb des Mausoleums mit den Restaurierungs- und Umbauarbeiten beginnen konnte, waren umfangreiche Vorarbeiten notwendig. Bauschäden an Dach und Mauerwerk mussten aufgenommen, Sanierungskonzepte erstellt und Finanzmittel beantragt werden.

Bei einer der ersten Begehungen stand im Inneren des Gebäudes noch diverses Inventar wie Blumenvasen, Garten- und Reinigungsgeräte sowie anderes mehr. Darunter befand sich auch ein eigenartiges Gefäß, das auf den ersten Blick wie eine Gießkanne für Zimmerpflanzen aussah. Die Oberfläche zeigte einen metallischen Glanz. Es handelt sich aber nicht um Zinkblech, Bronze oder Blei, sondern um Keramik mit einer sehr glatten, grau glänzenden Oberfläche. Wenn dieses seltsame Objekt die geplanten Bauarbeiten überstehen sollte, musste es an einen sicheren Ort überführt werden – „manchmal findet man eben Sachen, die haben andere Leute noch nicht einmal verloren“ (Heinrich Wilming, Darme).


Auffällig sind die flache Form des Behälters, die runde, spitz zulaufende Ausgusstülle, der eigenartig gebogene Griff sowie vier kleine Figuren, die auf die Oberfläche aufgesetzt sind: zwei stilistierte Frösche, eine Art Kaulquappe und ein Wesen mit einem menschenartigen Gesicht.

Das Material erwies sich bei genauerer Analyse als Keramik mit sogenanntem Reduktionsbrand. Dabei wird gegen Ende des Brandes wurde der Ofen hermetisch abgedichtet, um Zufuhr von Sauerstoff zu verhindern. Der noch vorhandene Rauch schlägt sich auf die Oberfläche des Gegenstandes nieder und gibt ihm eine glänzende, schwarze Farbe. In Europa war dieses Brennverfahren z.B. bei traditioneller Keramik in Portugal, der sogenannten „schwarzen Keramik, lange Zeit üblich.

Bei der regionalen und zeitlichen Zuweisung des Objektes herrschte zunächst allgemeine Ratlosigkeit. Selbst gestandene Museumskollegen hatten „so ein Ding“ noch nie gesehen, womit die Option, dass es sich um ein außereuropäisches Objekt handeln könnte, an Wahrscheinlichkeit gewann. Doch wo suchen?

Im Zweifelsfall bei Google-Bildsuche: Keramik, Irdenware, grau, schwarz, Tülle… – Treffer! – Südamerika, Peru, präkolumbianisch. Nun konnte Dr. Michael Brodhäcker vom Emslandmuseum mit seinen Musealogen die Spur aufnehmen und landete bei der Keramik aus Chan Chan, der Hauptstadt des Königreiches Chimu im heutigen Peru, das zuerst von den Inka angegriffen und dann im 16. Jahrhundert von den spanischen „Entdeckern“ vernichtet wurde. Dort werden bei Ausgrabungen auf Gräberfeldern solche Keramiken als frühere Grabbeigaben häufig geborgen.

Doch wie kommt das mindestens 500 Jahre alte Stück von einem Gräberfeld in Peru in ein Mausoleum auf dem Alten Friedhof in Lingen? Nun, Bauherr bzw. Auftraggeber des um 1930 entstandenen Koke-Mausoleums waren der 1857 in Lingen geborene Müllersohn Friedrich Koke, der 1924 im chilenischen Rancagua starb. Seine Frau Maria, geb. Klasing, wurde 1875 in Lingen geboren und starb 1938 ebenfalls in Chile. Beide wurden in Särgen in ihre alte Heimat überführt und ihrem Mausoleum beigesetzt. Später fanden hier auch ihre Tochter und ihr Schwiegersohn ein Urnengrab: der Vizeadmiral der Kriegsmarine Friedrich Frisius (1895-1970) und seine Frau Bianca geb. Koke (1897-1993)

Prakolumbianische Keramik war schon früher ein beliebtes Sammelgebiet bei Antiquitätenfreunden. Vermutlich also wurde die antike Grabbeigabe mit Kokes Sarg nach Europa überführt und in seinem Mausoleum aufgestellt. Die Bedeutung des Gegenstandes geriet dann bald in Vergessenheit. Vielleicht hat ja einer der Leser dieses Beitrags hierzu genauere Kenntnisse oder eine eigene Idee.


Ein Beitrag/Crosspost zur Lokalgeschichte aus dem Blog des Emslandmuseum Lingen (Ems). Von dort stammen auch die (c) Fotos.

Hajo Wiedorn war Jahrzehnte Mitglied im Stadtrat. Jetzt ist ihm der Kragen geplatzt, als er  diese Antwort auf die Anfrage eines Bürgers unserer Stadt las. Wiedorn schreibt über „ein Beispiel bürgerfreundlichen Handelns“; man erkennt sofort, dass diese Einordnung beißende Ironie ist:

Sehr geehrter Herr….,

bezüglich unseres Telefongesprächs teile ich ihnen hiermit mit, dass die von einem Bürger/Maßnahmenträger grundsätzlich zu beachtenden wasserrechtlichen Belange im § 9 (Benutzungen) des Wasserhaushaltsgesetzs WHG) vom 31.07.2009  (BGBl. I S. 2585), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 04. Dezember 2018 (BGB. I S. 2254) bzw. im § 46 WHG und dem  § 86 (erlaubnisfreie Benutzungen) des Niedersächsischen Wassergesetz (Gesetz zur Neuregelung des Niedersächsischen Wasserrechts) vom 19.02.2010 (Nds GVBl. S. 64), zuletzt geändert durch Artikel 2 § 7 des Gesetzes vom 12.11.2015 (GVBl. S 307) geregelt sind.

Es folgt der Hinweis auf einen Antragsvordruck, der ausgefüllt mit den erforderlichen Unterlagen einzureichen ist.

„Das ist“, schreibt der 79jährige Ehrenratsherr aus Holthausen/Biene, „keine Satire sondern der Originaltext einer Mitteilung aus dem Rathaus. Für mich“, so Wiedorn, „ist es ein Beispiel dafür, wie man mit Bürgern und Bürgerinnen auf keinen Fall umgehen darf. Es macht einfach wütend. Bedienstete die so „arbeiten“ haben im Rathaus nichts zu suchen! Im vorliegenden Fall ist das ein „Herr Lühn““ [den Vornamen verschweigt „Lühn, Herr“ in der Liste der städtischen Bediensteten].

Wiedorns Resumee: „Ich überlege noch, ob ich das ebenfalls an den OB schicke. Seine Ausreden, ich meine Begründungen, wären interessant….“


Foto. Neues Rathaus, CC s. Archiv v. 13.08.2012

Estelle Revaz

29. Oktober 2020

201. °pro nota°-Konzert
Estelle Revaz (Violoncello)
Nordhorn, Manz-Saal im NINO Hochbau, NINO Allee 11,
Samstag, 31. Okt. 2020, 20 Uhr

Bach & Friends
Eine Gegenüberstellung von Tradition und Moderne –
Werke für Violoncello von J. S. Bach und zeitgenössischen Komponisten

Die Sätze der 3. Suite für Violoncello solo C-Dur BWV 1009 von J. S. Bach werden im Wechsel mit kurzen Stücken für Violoncello solo von B. A. Zimmermann, L. Berio, S. Gubaidulina, G. Kurtag, W. Lutoslawski und G. Ligeti gespielt.

Eintritt
Erwachsene 18,- € (Vorverkauf 17.- € )
– mit GN-CARD 1,- € Ermäßigung –
Schüler/in 5,- €
Schüler/innen der Musikschule der Grafschaft Bentheim erhalten freien Eintritt, müssen sich aber vorab über die Musikschule beim Veranstalter melden.

Hinweis:
Einstündiges Konzert ohne Pause – Reduziertes Platzangebot

Containerbrief

28. Oktober 2020

Seit einigen Tagen steht ein Polizei-Container auf unserem Marktplatz in Lingen. Wegen Corona. BN-Ratsmitglied Sabine Stüting hat dazu heute einen Brief an Oberbürgermeister Dieter Krone geschrieben.

Hier ist er im Wortlaut:

Sehr geehrter Oberbürgermeister Krone,

mit großem Befremden habe ich nach kurzer Abwesenheit aus Lingen heute zum ersten Mal den Polizeicontainer auf dem Marktplatz gesehen.

Er stellt einen irritierenden Fremdkörper dar, der in meinen Augen einschüchternd wirkt und den Eindruck eines Kriminalitätsschwerpunktes auf unserem Marktplatz befördert.

Ähnliches wurde zum Beispiel Ende 2017 am Berliner Alexanderplatz implementiert, nachdem dieser nach einer Reihe von Schlägereien, tödlichen Messerstechereien und zahlreichen Taschendiebstählen bundesweit in Verruf geraten war.

Die „Lingener Tagespost“ zitiert Sie, Sie hätten die Entscheidung außerordentlich begrüßt. Daraus entnehme ich, dass es sich nicht um Ihre Entscheidung handelt. Wer hat die Entscheidung getroffen und auf welcher Grundlage?

Ich spreche mich selbstverständlich nicht dagegen aus, dass Polizei und Ordnungsamt Lärm und Müll in der Innenstadt verhindern helfen.

Aber die Containerlösung ergibt ein häßliches, bedrohliches und darüber hinaus falsches Bild von unserer Stadt. Sofern es andere Möglichkeiten gibt, den Streife-Gehenden gelegentliches Aufwärmen, Ausruhen oder Schreibarbeiten zu ermöglichen, sollten diese genutzt werden. Dies kann in städtischen Räumlichkeiten oder ggf. auch in dem bereits existierenden, bedauerlichen Leerstand geschehen.

Solange diese Möglichkeiten nicht ausgeschöpft sind, handelt es sich um eine unverhältnismäßige Lösung.

Ich fordere Sie daher im Namen der Fraktion die BürgerNahen auf, für Abhilfe zu sorgen.

Mit freundlichen Grüßen

Sabine Stüting
Die BürgerNahen

Ein Crosspost vom Blog der Bürgernahen

NDR Retro

27. Oktober 2020

Heute ist der UNESCO-Tag des audiovisuellen Erbes. Der öffentlich-rechtliche NDR hat sich dazu etwas Besonderes einfallen lassen Mit NDR Retro hat der Norddeutsche Rundfunk sein Fernseh-Archiv geöffnet und stellt zeit- und kulturhistorisch relevante Beiträge online zur Verfügung. Man liest von einer Archiv-Offensive zum audiovisuellen Welterbe-Tag.

Was hat den Norden in den 50ern und 60ern geprägt? Wie haben die Norddeutschen gelebt, was haben sie erlebt? Und vor allem: Wie sah das alles aus? Wir können selbst nachschauen:

Ab sofort stellen die ARD und das Deutsche Rundfunkarchiv schrittweise rund 40.000 zeitgeschichtlich relevante Videos ins Netz. Besonders berücksichtigt sind eigene NDR-Fernsehproduktionen aus dem Bereich der aktuellen und regionalen Berichterstattung für die Zeit vor 1966. Die Beiträge anderer ARD-Landesrundfunkanstalten können zentral über die ARD Mediathek abgerufen werden. Das Angebot des NDR finden Sie dort separat gebündelt im Channel NDR Retro.

Unter diesem Label  beteiligt sich der Norddeutsche Rundfunk an dem Gesamtprojekt mit einer vierstelligen Zahl an Sendungen und Beiträgen. Neben der aktuellen Berichterstattung der damaligen Sendereihen Nordschau und Berichte vom Tage laden unter der Rubrik „Norddeutsche Geschichte(n)“ eine Vielzahl interessanter Langformate dazu ein, in Alltag, Arbeit, Leben, und Gesellschaft der damaligen Zeit einzutauchen. Ergänzt wird das Angebot durch ausgewählte Sendungen und Beiträge aus den Bereichen Sport und Kultur.

Die Reihe „Diesseits und jenseits der Zonengrenze“ bietet spannende Einblicke in die deutsch-deutsche Teilung und den Kalten Krieg aus norddeutscher Sicht. Sie wurde von 1960 bis 1965 in Hannover produziert und berichtete unter anderem über das heutige Sendegebiet Mecklenburg-Vorpommern. Die Sendung bemühte sich – aus westlicher Sicht – um Objektivität und wollte damit auch DDR-Zuschauer ansprechen. Bei den Beiträgen handelt sich meist um kommentierte Mitschnitte aus dem DDR-Fernsehen. Der Sprecherton ist in vielen Fällen allerdings nicht mehr erhalten.

In einem ersten Schritt werden der Öffentlichkeit aus rechtlichen Gründen zunächst Videos mit dem Entstehungsdatum bis 31. Dezember 1965 zugänglich gemacht. Die Publikation von Audios aus diesem Zeitraum wird geprüft. Wegen der damals noch anderen technischen Voraussetzungen und Sendeabläufe steht ein Teil der Beiträge nur ohne Ton beziehungsweise ohne Sprecher-Ton zu Verfügung. Denn insbesondere in Nachrichten-Formaten wurde der Text häufig live in der Sendung eingesprochen – und dabei oftmals nicht mit aufgezeichnet.

Auch die Sehgewohnheiten und gesellschaftlichen Gepflogenheiten haben sich im Lauf der Jahrzehnte verändert: So mögen Einstellungen, Bildschnitte, Einschätzungen und auch die Sprache an einigen Stellen ungewohnt oder überholt erscheinen oder sogar irritieren – ermöglichen dadurch aber gleichzeitig einen originalgetreuen und lebendigen Blick auf das Leben in den 50er- und 60er-Jahren in Norddeutschland.

Quellen: NDR, UNESCO

Jerry Jeff Walker ist tot

27. Oktober 2020

Jerry Jeff Walker (* 16. März 1942 in Oneonta, New York, als Ronald Clyde Crosby; † 23. Oktober 2020 in Austin, Texas) ist am vergangenen Freitag gestorben, und ich habe erst jetzt davon erfahren. Walker war ein US-amerikanischer Singer/Songwriter. Walker schrieb eine der großartigsten Balladen der vergangenen 6ß0 Jahre: “Mr. Bojangles”. RIP.



(Quelle: zoom

„Ich bin kein Fisch!“

26. Oktober 2020

Der Film mit Bruno Ganz in der Hauptrolle erzählt die Lebensgeschichte des deutsch-amerikanischen Flötisten Günther Goldschmidt

Der Musiker lebte zur Nazi-Zeit in Oldenburg. Der Film „Winterreise“ ist Ganz‘ letzte, würdige Rolle. Bruno Ganz, der im Februar letzten Jahres verstarb, spielt dabei den alten jüdischen Musiker Goldschmidt, der in den USA lebt und von seinem Sohn nach seiner Vergangenheit befragt wird.

Meist sitzt er nur an einem Tisch in Tucson, Arizona, und erzählt. In einigen Szenen sieht man ihn beim Autofahren oder in seinem Garten. Es soll wie ein Homemovie wirken, kunstlos vor vielen Jahren mit einer VHS-Videokamera vom Sohn gedreht, den man dann auch nie zu sehen bekommt. Man hört nur seine bohrenden Fragen.

Und Bruno Ganz wird vor unseren Augen zu diesem Mann, der am Ende seines Lebens vor seinem Sohn Rechenschaft ablegt. Zuerst nur widerwillig, denn das Thema wurde in der Familie immer totgeschwiegen. Er und seine Familie heißen Goldsmith und sein Sohn muss ihn erinnern: „Vater, du heißt Günther Goldschmidt, du bist so jüdisch wie Gefilte Fisch.“ „Ich bin kein Fisch!“, antwortet der Vater.

Diese Gespräche hat es, wenn nicht wörtlich, so doch sinngemäß, wirklich gegeben. Martin Goldsmith, ein in den USA sehr bekannter Radiomoderator, hat sie kurz vor dessen Tod mit seinem Vater geführt und darüber ein Buch geschrieben. „Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches“ heißt es auf Deutsch, der amerikanische Titel spricht historisch angemessener von „Nazi-Germany“. Goldsmith ist es dann auch, der aus dem Off die Fragen an Bruno Ganz in der Rolle seines Vaters stellt.

„Vater, du heißt Günther Goldschmidt, du bist so jüdisch wie Gefilte Fisch“, sagt der Sohn. „Ich bin kein Fisch!“, antwortet der Vater

Zuerst war es dessen deutscher Akzent, der Goldsmith und den Regisseur Anders Østergaard dazu bewogen hatten, Ganz die Rolle anzubieten. Obwohl Ganz Goldsmith nie Fragen nach seinem Vater stellte und bei der Entwicklung seiner Rolle nur vom Text ausging, gab es viele Szenen, in denen Goldsmith fast seinen Vater vor sich zu sehen glaubte.

Bruno Ganz’ Sequenzen geraten nie zu Starauftritten, die das Thema in den Hintergrund drängen könnten. Denn von den Szenen zwischen Vater und Sohn weitet sich der Film schnell zum Panoramablick auf die Lebensgeschichte des jüdischen Flötisten Günther Goldschmidt, der mit seiner Frau Rosemarie Gumpert noch lange nach der Machtübernahme in Deutschland blieb, weil beide Arbeit im „Kulturbund deutscher Juden“ fanden. Dieser organisierte bis 1941 Konzerte, Theateraufführungen und Varieté-Abende mit jüdischen Künstler/innen. Dabei…

[weiter bei der taz

und bei der Jüdischen Allgemeinen]

Der Film ist seit dem 22. Oktober im Kino.


The Inextinguishable Symphony: A True Story of Music and Love in Nazi Germany
Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches

Herder, 2002, 380 Seiten, ISBN-10: 3451273071

Das -in deutscher Sprache vergriffene- Buch von Martin Goldsmith erzählt die aufregende Geschichte zweier jüdischer Musiker, die unter unvorstellbaren Umständen darum kämpften, aufzutreten und sich ineinander verliebten. 1936 wurden Günther Goldschmidt und Rosemarie Gumpert zusammen mit zahllosen anderen jüdischen Künstlern aus allen deutschen Orchestern verbannt. Unter der Aufsicht von Goebbels Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda wurde der Jüdische Kulturbund gegründet, in dem diese Künstler integriert wurden, um der Welt zu demonstrieren, wie gut doch die Juden unter dem Hitlerregime behandelt wurden. Zum Leidwesen der Nazis entwickelte sich der Kulturbund mit der Zeit zu einem Zufluchtsort für jüdische Künstler, der dem bedrängten Volk die dringend ersehnte geistige Bereicherung bot.
Martin Goldsmith hat hier die ergreifende Liebesgeschichte seiner Eltern erzählt, des Flötisten Günther Goldschmidt und der Bratschistin Rosemarie Gumpert, die den scheinbar aussichtslosen Kampf gewannen, um in Liebe vereint zu sein. (Text: amazon)

Ärzte, Hell

25. Oktober 2020

Versprochen habe ich, noch etwas zum neuen Album der Ärzte zu veröffentlichen. Das mach ich dann heute, zwei Monate vor Weihnachten, das wohl ziemlich anders werden wird. Die Ärzte sind bekanntlich zurück, waren vorgestern Abend der Aufmacher für die TAGESTHEMEN und Frontmann Farin Urlaub hat dem Bayerischen Rundfunk das neue Album erklärt:

Es gab mehr als Trennungsgerüchte – aber Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González haben sich offenbar doch immer noch, naja lieb. Nach acht Jahren haben „Die Ärzte“ endlich ihr neues Album herausgebracht –  mit dem heimeligen Titel „Hell“. Roderich Fabian von BR2 hat mit Farin Urlaub über den Punk von heute, Alexa Lautsprecher und Bielefeld gesprochen. Das dürft ihr hier nach– und dann zuhören.

Sprüche Salomos

24. Oktober 2020

Nicht einmal das Zitat soll gepasst haben, dass der sich  bibelfest gebende Erste Staatsanwalt Ingolf Nagel Mitte der Woche vor dem Landgericht Oldenburg vortrug. So erklärt es ein leitender Theologe der Evangelischen Kirche und ergänzt: „Kinder stehen unter Gottes besonderem Schutz“.

Was war geschehen? „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“ – mit diesem eher metaphysischen Bibelzitat suchte der Oldenburger Ankläger seinen Antrag auf Strafmilderung in einem Berufungsprozess zu begründen.

In dem Strafverfahren vor einer Jugendschutzkammer am Landgericht ging es um eine Kindesmisshandlung. Deswegen hatte das Amtsgericht Cloppenburg den 50jährigen Akademiker zu einer Geldstrafe von rund 4.500 Euro verurteilt. In seinem Schlussplädoyer suchte der Staatsanwalt dann am Mittwoch -für derartige Verfahren wie seine Position sehr bemerkenswert-  Strafmilderungsgründe.

Die Oldenburger Nordwest-Zeitung berichtete anschließend, dass der erfahrene Staatsanwalt den alttestamentlichen Bibelsatz aus den Sprüchen Salomos, Kapital 13, Vers 24 zitierte: „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“. Dann erklärte der Jurist auch noch, selbst  Papst Franziskus halte es für in Ordnung, wenn man seine Kinder würdevoll schlage. Schließlich relativierte der Staatsanwalt die Taten des Angeklagten noch mit dem Hinweis, es sei „noch gar nicht so lange her, da sei das Schlagen der eigenen Kinder erlaubt“ gewesen.

Die wörtliche Aussage des Staatsanwaltes in dem Berufungsverfahren lasse sich zwar nicht nachvollziehen, sei inhaltlich aber zutreffend, erklärte dazu tags darauf Staatsanwalt Dr. Mathias Hirschmann, Pressesprecher der Oldenburger Staatsanwaltschaft, in einer Presseerklärung.

Hirschmann bedauerte  „die überaus missverständliche, unangebrachte und nicht zeitgemäße Wortwahl des Anklagevertreters“ und erklärte: „Religiöse Begründungen gehören nicht in ein Plädoyer. Es darf kein Zweifel an staatlicher Neutralität gegenüber den Religionen aufkommen und schon gar nicht dürfen religiöse Erwägungen sich gegen gesetzliche Vorgaben wenden und begangenes Unrecht relativieren.“ Der Vorgang vom Mittwoch der Woche sei „Gegenstand einer internen Aufarbeitung“ gegen seinen 55jährigen Berufskollegen.

Einem Bericht des NDR zufolge (sehr interessant sind übrigens die zahlreichen Kommentare unter dem NDR-Bericht) soll die Vorsitzende Richterin am Landgericht Oldenburg nach den Aussagen des Staatsanwalts fassungslos gewesen sein; so hätten es Prozessbeobachter berichtet. Bei dem Prozess stand der Angeklagte aus Friesoythe (Landkreis Cloppenburg) vor Gericht, weil er seine jüngste Tochter geschlagen hatte. Der Angeklagte hatte die Taten zugeben und damit begründet, dass er von seinen Kindern provoziert worden sei.

Seine älteste Tochter hatte den Mann angezeigt und ausgesagt, sie habe Schreie gehört und gesehen, dass ihr Vater „mit einem Gürtel in der Hand“ aus dem Kinderzimmer ihrer jüngeren Schwester gekommen sei. Auch sie selbst sei in ihrer Kindheit vom Vater geschlagen worden.

In Deutschland ist das Schlagen von Kindern ausdrücklich verboten., wenn auch erst seit 20 Jahren. Seither haben Kinder laut § 1631 Abs 2 Bürgerliches Gesetzbuch das „Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“. Schlagen Väter oder Mütter ihre Kinder dennoch, können sie wegen Körperverletzung bzw. Misshandlung von Schutzbefohlenen belangt werden.

Übrigens blieb es am Ende totz Salomo und Papst Franziskus bei dem Schuldspruch gegen den Angeklagten: Körperverletzung.  BILD berichtete, die Geldstrafe sei unwesentlich geringer ausgefallen: 4.200 Euro.

Und der Staatsanwalt könnte jetzt einen anderen Spruch Solomos kennenlernen: „Ich wandle auf dem Wege der Gerechtigkeit, mitten auf der Straße des Rechts“ (Kap. 8, Vers 20); das Justizministerium in Hannover hat nämlich -aufgeschreckt durch die Medienberichte- einen Bericht über den denkwürdigen mittwöchlichen Auftritt des Oldenburger Staatsanwalts angefordert…

Update:
Der  Niedersächsische Kinderschutzbund forderte den Staatsanwalt am Samstag zum Rücktritt auf. Der Mann solle seinen Stuhl als Staatsanwalt verlassen und nach Hause gehen, forderte der Vorsitzende des Niedersächsischen Kinderschutzbundes, Johannes Schmidt. Das Schlagen von Kinder unter Strafe zu stellen sei eine der größten Errungenschaften; das infrage zu stellen, passe nicht zu einem Gesetzeshüter. Und der Verband  teilte mit: Der Kinderschutzbund prüfe jetzt juristische Schritte.
Dazu:
Zurücktreten kann der Oldenburg Staatsanwalt ohnehin nicht, allenfalls kündigen, aber ich glaube, das steht auch nicht in den Sprüchen Salomos und auch sonst nicht im Alten Testament. Da fällt mir ein: Einer der größten Skandale am Landgericht Oldenburg war ein Vorsitzender, der in den 1990er Jahren gleich in zwei unterschiedlichen Verfahren sowohl vom Bundesverfassungsgericht als auch von der Europäischen Kommission für Menschenrechte, dem späteren Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wegen verfassungs- und menschenrechtswidriger Verfahrensweise gerügt wurde. Nicht viel später wurde dieser Mann befördert und zwar zum Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht Oldenburg. So ist das im öffentlichen Dienst, und legt man diese Erfahrung zugrunde, dürfte der alsbaldigen Beförderung des bibelnden Staatsanwalts zum Oberstaatsanwalt wenig entgegenstehen. 

—-

(Foto: Landgericht Oldenburg CC Corradox CC BY-SA 3.0)