U-Bahn

20. Juli 2020

Man bräuchte eine Angela Merkel in jedem Berliner U-Bahn-Waggon.

Originally tweeted by Stefan Lischka (@stefan_lischka) on 17. Juli 2020.

Ein, auch aus Lingener Sicht, ebenso spannendes wie bedrückendes Stück deutsch-jüdischer Geschichte behandelt das in Berlin erschienene, neue Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das die „Berliner Woche“ jetzt vorstellte. 

Der Beitrag enthält ein Foto von Johannes Jakob aus dem Sommer 2016. Unschwer erkennt man auf ihm Lingens Ehrenbürger Bernard Grünberg (Jg. 1923), der vor mehr als 80 Jahren eine Ausbildung an eben diesem Ort in Berlin-Niederschönhausen machte. Die Dame mit der gepunkteten Bluse ist Eva Seker, geb. Jany, aus Tel Aviv/Israel; sie wurde 1933 in Pankow in der Kissingenstraße geboren, wo ihr Vater bis 1939 einen Großhandel für Landmaschinen unterhielt. Das Fabrikantenehepaar, Selma und Paul Latte (Bild auf der Stele), das ab 1934 mehrere Ausbildungshallen für junge Leute zur Verfügung stellte, waren Evas Großtante und Großonkel. Der Herr (Bildmitte, mit Krawatte) ist Dennis Kew aus Cambridge/GB, Sohn von Leopold „Poldi“ Kuh (später „Kew“), dem damaligen Ausbildungsleiter, der für Bernard Grünberg zum Lebensretter wurde.

Vor vier Jahren waren sie alle in Berlin-Niederschönhausen, als eine bis dahin namenlose Grünfläche zwischen Beuth- und Buchholzer Straße endlich einen Namen erhielt. Benannt wurde sie nach Selma und Paul Latte. Gleichzeitig wurde vor Ort eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. An deren Einweihung nahmen Zeitzeugen und deren Angehörige teil, darunter auch Bernard Grünberg. Inzwischen erhielt auch die dortige BVG-Haltestelle den Namen Selma- und Paul-Latte-Platz.

Dieser Benennung ging eine jahrelange Recherche und Beschäftigung mit der Geschichte des nahegelegenen ehemaligen Betriebsgeländes der Flaschenfabrik Latte voraus. Diese wurde in der NS-Zeit zu einer bedeutenden Hachscharah-Einrichtung für jüdische Auswanderer. Initiatoren der Benennung waren Gudrun Schottmann und Christof Kurz. „Im November 2013 erfuhren wir vom Leiter der Stolpersteingruppe Pankow, dass das Mehrfamilienhaus, in dem wir seit 2001 wohnen, früher dem jüdischen Flaschenfabrikanten Paul Latte und seiner Frau Selma gehört hat“, berichtete Gudrun Schottmann zur Platzbenennung. Eine Radioreportage des rbb über das Ehepaar Latte und die auf dem Gelände ihrer Flaschenfabrik befindliche Hachschara-Einrichtung regte sie und Christof Kurz an, mehr über das Schicksal des Ehepaares und die Geschichte ihres Fabrikgeländes herauszufinden. 

Bei der Hachschara-Einrichtung handelte es sich um eine Ausbildungsstätte, in der junge Juden in der NS-Zeit auf eine Emigration vorbereitet wurden. Die Einrichtung bestand aus Lehrwerkstätten, einem großen Garten und Wohnbaracken für junge Frauen und Männer. 

Nach der Platzbenennung liefen die Recherchen weiter, und in einigen Tagen erscheint nun unter dem Titel „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“ ein Buch über das engagierte jüdische Ehepaar Selma und Paul Latte. Herausgegeben wird es von Museum Pankow im Verlag Hentrich & Hentrich. Daran mitgeschrieben haben die langjährige Baccumerin Anne-Dore Jakob mit Verena Buser, Gudrun Schottmann und Christof Kurz.

Das Fabrikantenehepaar Latte betrieb zwar eine große Flaschenhandlung. Aber ab 1934 befanden sich auf dem Fabrikgelände eben auch die Hachscharah-Einrichtung. 

Das jetzt erschienene Buch ermöglicht einen Blick in den Alltag der Hachscharah in Berlin-Niederschönhausen. Darin ist unter anderem mehr über Einzelschicksale ehemaliger Teilnehmer zu erfahren. Illustriert ist es mit zahlreichen Fotos. Natürlich wird auch auf die Biografie des Ehepaares Latte eingegangen. Diese widerspiegelt auch, welche Versuche der jüdischen Selbsthilfe es gab und wie das jüdische Unternehmertum in Nazi-Deutschland systematisch ausgelöscht wurde. 

Das Buch umfasst 120 Seiten und ist im Buchhandel und im Museum Pankow an der Prenzlauer Allee 227/228 zum Preis von 16,90 Euro erhältlich, ISBN 978-3-95566-377-4.

Nachtrag:
Manchmal schließen sich Kreise: Ruth Foster-Heilbronn, der die Stadt Lingen (Ems) zusammen mit Bernard Grünberg die Ehrenbürgerwürde verlieh, war mit Leopolds Witwe, Ruth Kew, zusammen in einem Survivor Club in London. Gemeinsam besuchten sie Ende der 90er Jahre „Beth Shalom“ in Laxton/GB und luden dann Bernard Grünberg dorthin ein. Es war der Beginn eines 20jährigen Engagements Grünbergs, um englischen Schulkindern als Zeitzeuge von seiner Rettung durch den Kindertransport zu erzählen.


Quelle: rbb, berlin.de, Berliner Woche, Foto: © privat/Johannes Jakob