Lingen: Hilferuf des Einzelhandels und der Gastronomie in der Innenstadt

12. Juni 2020

Einen dringenden Hilferuf haben heute der Einzelhandel und die Gastronomie in der Lingener Innenstadt an die Fraktionen im Stadtrat geschickt. Die Vorsitzenden des LWT eV Dirk Iserlohe und Stefanie Neuhaus-Richter richteten einen öffentlichen Brief an die Stadtratsfraktionen. Hier das Schreiben im Wortlaut:

„Leider ist es nicht es nicht so, dass nun, wo unsere Geschäfte und Restaurants und Cafés wieder öffnen dürfen, alles wieder gut ist. Für die Gastronomie ist das leicht vorstellbar: Die halbe Zahl der Tische bedeutet halber Umsatz.

Die aktuelle, schwierige Situation für den Einzelhandel, die nicht so offensichtlich ist, möchten wir hier deutlich machen:  Der Einzelhandel scheint bei flüchtiger Betrachtung weniger betroffen, da wir relativ schnell wieder öffnen konnten und die Mehrzahl der Flächen in Lingen nicht über 800m² groß sind. Doch in die Statistiken fließen die Lebensmittel – und Onlineumsätze ein, die während des Lockdowns bekanntermaßen Rekorde feierten.

Der stationäre Facheinzelhandel erzielte vor Corona aus 100 Euro Umsatz etwa 3 Euro Gewinn. Sinkt jedoch der Umsatz um mehr als 5%, rutscht der Händler in ein Defizit, da ein großer Teil des Ertrages zur Deckung von Fixkosten dient. Miete, Personalkosten (trotz Kurzarbeit nicht in dem Maße reduzierbar, wie der Umsatz wegbricht), Steuerberater und Versicherungen bleiben zunächst nahezu gleich -auch, wenn der Umsatzes sinkt. Im Rahmen des Lockdowns haben die Unternehmen der Lingener Innenstadt branchenunterschiedlich zwischen 10-20% ihres Jahresumsatzes verloren – für sich betrachtet schon eine betriebswirtschaftliche Katastrophe mit hohen Defiziten. Diese Defizite haben die Unternehmen in der Regel durch entsprechende staatlichen Kreditprogramme ausgleichen müssen, deren Kapitaldienst in den nächsten 10 Jahren den Spielraum für Investitionen nimmt und die Geschäfte auf das Äußerste belasten wird.

Noch mehr Sorge bereitet uns jedoch die aktuelle Entwicklung. Nach intensiven Austausch mit den Kollegen wissen wir, dass sich viele Unternehmen nach wie vor zwischen 40% und 70% ihres normalen Umsatzes bewegen, womit sie jeden Tag tiefer und tiefer in die roten Zahlen rutschen. Hinzu kommt, dass sich in den Innenstadtleitbranchen, dem Textil- und Schuhhandel, riesige Warenläger aufgebaut haben, die saisonal bedingt deutlich an Wert verloren haben. Diese werden inzwischen durch entsprechender Reduzierungen ohne Ertrag verkauft, um die wenigstens die kurzfristige Liquidität der Unternehmen zu sichern. Diese Entwicklungen gefährden unsere Unternehmen massiv in ihrer Existenz und damit eben auch die Arbeitsplätze und nicht zuletzt die Innenstadt in ihrem bisherigen Handelsbesatz und ihrer Attraktivität.

Schätzungen von Handelsexperten gehen davon aus, dass 20-30% der Facheinzelhändler in den kommenden zwei Jahren aufgeben müssen. An dieser Entwicklung ändert leider auch die Mehrwertsteuersenkung, die sicher ein positives Signal ist, nur zum Teil etwas. Die Menschen haben während des Lockdowns, belegbar und nachhaltig, ihr Einkaufsverhalten noch weiter in Richtung des Onlinehandels verlagert, der wiederum gleichermaßen von der Mehrwertsteuersenkung profitiert.

Um es ganz unverblümt zu sagen: Einigen Kollegen steht das Wasser bis zum Hals und wir brauchen so schnell es geht mehr Frequenz in unseren Geschäften.

Daher möchten wir an dieser Stelle auf eine wichtige, richtige und vor allem nachahmenswerte Initiative der CDU Rheine verweisen, die für ihre Bürger plant, die innerstädtischen Parkgebühren und die Tickets des ÖPNV bis zum Jahreswechsel entfallen zu lassen, um die innenstädtischen Geschäfte und Gastronomie erhalten zu können. Es ist wichtig, jetzt Impulse zu setzen, um die Verhaltensweisen der Konsumenten zu einem innenstädtischen Einkaufserlebnis zu animieren, bevor aus neuen Verhaltensweisen Gewohnheiten geworden sind.

Wir sind der Auffassung, dass die Rettung der innerstädtischen Geschäfte und Gastronomie langfristig die Lebensqualität der Bürger sichert und hoffen daher sehr auf die Unterstützung.

Wenn wir jetzt nicht tätig werden und sehr schnell alles Machbare realisieren, dann werden wir uns über einen Masterplan Innenstadt unter ganz anderen Prämissen unterhalten müssen.

Gerne stehen wir für Gespräche zur Verfügung und hoffen auf ein positives Feedback.
Mit freundlichen Grüßen
Dirk Iserlohe                      Stefanie Neuhaus-Richter
Vorsitzender LWT e.V.         stell. Vors. LWT e.V.

-.-.-.-.-.-.-

Unsere Fraktion „Die BürgerNahen“ hat die LWT-Vorstandsmitglieder sofort zu einem Gespräch eingeladen. Das sowie das Schreiben selbst dürften auch die übrigen Stadtratsfraktionen zu entsprechenden Einladungen veranlassen. Unsere Antwort:

Lieber Dirk, sehr geehrte Frau Neuhaus-Richter,

wir stimmen Ihrer Bewertung zu, dass die Situation im Einzelhandel der Innenstädte dramatisch ist. Bei den Beratungen in den letzten drei Monaten haben wir mehrfach unser Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Super- und Verbrauchermärkte vor den Toren des Stadtzentrums geöffnet bleiben durften, die kleinen Einzelhandelsgeschäfte aber nicht. Wir halten auf dem Hintergrund des Corona-Krise auch die Expansionspläne bei BvL sowie die etwa zweijährige Großbaustelle der Sparkasse für ein Hindernis der Erholung der Innenstadtbetriebe.
Für die Innenstadt-Gastronomie haben wir eine Ausdehnung der Außenflächen angeregt, die dann auch gekommen ist. Die Ideen der CDU-Rheine sind allemal diskussionswürdig.
Ihr Angebot zum Gespräch greifen wir daher sehr gern auf …
Mit freundlichen Grüßen
Die BürgerNahen – Stadtratsfraktion
Robert Koop, Vors.

 

6 Antworten zu “Lingen: Hilferuf des Einzelhandels und der Gastronomie in der Innenstadt”

  1. Mathis said

    Schon 2019 wurde in einer Studie(IFH) deutlich , dass bis 2030, 20% aller Einzelhändler nicht mehr existieren werden. Die Pandemie ist ein Katalysator. Alle Maßnahmen, die entgegen wirken sind gut und notwendig. Aber gratis Parkplätze? Das verschärft die Verkehrssituation. Kostenloser ÖPNV (zur Not auch erstmal für ein Jahr als Testphase) halte ich für deutlich zielführender.
    Und diejenigen, die in der Stadt konsumieren (Einkaufen), könnten ja verbilligte Tickets bekommen. Verkehrswende und mehr Menschen in die City zu bekommen ist m.M. nach mit kostenlosen Parkplätzen unwahrscheinlich. Was sollen wir mit mehr SUVs in der Stadt???

  2. Günther Möller said

    Passt heute auch nicht zum Thema, aber es ist ja ein lokaler Beitrag, deswegen nochmal:
    Herr Koop, normalerweise schreiben Sie doch über alles und jenes in Ihrem Blog.
    Jetzt lese ich in der LT, das der einzige Sohn des berühmtesten Sportlers der Stadt verstorben ist, aber in Ihrem Blog nicht ein einziges Wort darüber.
    Gut, Sie können schreiben, was Sie wollen, das kann Ihnen niemand vorschreiben.
    Hat es etwas damit zu tun, dass er Rosemeyer heißt?
    Mit diesem Namen können Sie glaube ich, nicht gut umgehen, das ist mein Eindruck, was ich in den vergangenen Jahren gelesen habe.
    Es ist jammerschade, dass der Verstorbene die Eröffnung des Museums nicht mehr erleben durfte.
    Wer das alles verzögert und verhindert hat, sollte sich an die Brust klopfen und in sich gehen.

    • Mathis said

      Ja Sie haben Recht…..Es passt überhaupt nicht. Weder inhaltlich oder Lingen relevant.

      • Günther Möller said

        Sie mögen ja ein „schlaues Kerlchen“ sein. Trotzdem brauche ich von Ihnen keine Bestätigung.
        Nun zu Ihrem Beitrag:
        Das diverse Einzelhändler 2030 nicht mehr existieren werden, das befürchte ich auch.
        Aber das Sie die Vorschläge hinsichtlich Belebung durch die Befürchtung ausdrücken, dass noch mehr Autos in die Innenstadt kommen, ist doch paradox, vor allem wie Sie befürchten, wegen der SUVs.
        Erst einmal, nicht jeder der so ein Auto fährt, lässt sich zum kostenlosen parken einladen.
        Es gibt auch Menschen, die andere Autos fahren.
        Es ist schon ein Grund, auf die Parkgebühren zu achten, die sind in Lingen z.Zt. noch moderat, gegenüber Rheine. Günstiger ist es in Nordhorn.
        ÖPN was ist das? Dann noch kostenlos!
        Wir auf dem Lande wären froh, wenn wir eine vernünftige Anbindung hätten.

        • Mathis said

          ÖPNV= öffentlicher Personen Nahverkehr. Etwas was Sie anscheinend nicht kennen….;-)

          • Günther Möller said

            Wenn die Argumente fehlen, dann wird man unverschämt.
            Natürlich weiss ich was das ist. Die Frage war so gestellt, das wir ganz schlecht daran angeschlossen sind und es deshalb nicht kennen, ja weil wir auf dem Land leben.

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