„Ex-Nazi“

9. März 2020

Ein wenig deutsche, emsländische Geschichte heute, nachdem am vergangenen Wochenende auch die NOZ-Emslandausgaben über eine aktuelle Gerichtsentscheidung aus dem US-Bundesstaat Tennessee berichteten. Diese beleuchtet exemplarisch die Verstrickung wie die Schuld der Menschen, die in NS-Deutschland lebten. Im aktuellen Geschehen spielen dabei die Emslandlager eine bedeutsame Rolle, insbesondere das Lager in Meppen-Versen (Emslandlager IX) und das Emslandlager XII in Dalum (Foto), die im Herbst 1944 in das KZ Neuengamme eingegliedert wurden.

Ab dem 18. November 1944 wurden zwischen 1.000 und 3.000 Zivilisten aus Rotterdam in das Emslandlager XII Dalum eingewiesen. Sie wurden deportiert, um als Zwangsarbeiter Teile der Verteidigungslinie „Friesenwall“ aufzubauen. Dazu mussten sie Panzergräben und Stellungssysteme ausheben. Der Friesenwall sollte mehrere gestaffelte Stellungslinien und Riegel umfassen. Westlich der Lager war die „Nordsüd-Kanal-Stellung“ und östlich die „Ems-Rhein-Stellung“ vorgesehen. Ende Dezember wurden die Niederländer in andere Zwangsarbeiterlager verlegt.

Am 3. Januar 1945 kamen dann über 1.000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme nach Dalum. Schon ab November 1944 waren KZ-Häftlinge aus Neuengamme zunächst in das Lager Versen verlegt worden. Die insgesamt bis zu 4.000 in die beiden Lager überführten Häftlinge sollten im Raum Meppen die militärisch völlig sinnlose Verteidigungsstellung [„Friesenwall“] gegen die vorrückenden alliierten Truppen weiterbauen. Die Unterbringung im Lager erfolgte unter schlimmsten Bedingungen; Kälte und Nässe sowie eine völlig unzureichende Verpflegung führten zu zahlreichen Todesfällen. Innerhalb von fünf Monaten starben 566 Gefangene in diesem Außenkommando, häufig an epidemisch auftretenden Darm- und Lungenerkrankungen.

Zuletzt waren im Lager Dalum 807 KZ-Häftlinge registriert. Am 24. März wurden die noch Arbeitsfähigen zu Fuß nach Cloppenburg [und zurück nach Neuengamme] in Bewegung gesetzt, die Kranken folgten mit dem Zug, untergebracht in geschlossenen Waggons. [Der Zug wurde von Tieffliegern nahe Cloppenburg angegriffen.] Während dieses Transportes und des Evakuierungsmarsches starben weitere Hunderte von Häftlingen. (Quelle)

Der Wachmann und Marinesoldat Friedrich Karl Berger aus Oak Ridge, Tennessee, steht deshalb seit der vergangenen Woche im Fokus internationaler Berichterstattung. Er war ab Januar 1945 im Emslandlager XII Dalum eingesetzt. Denn die für Einwanderung zuständige US-Bundesrichterin Rebecca L. Holt in Memphis (Tenn.) hat ihm deshalb nach einer zweitägigen Gerichtsverhandlung auf der Grundlage des „Holtzman Amendment  to the Immigration and Nationality Act“ aus dem Jahr 1978  das Recht entzogen, weiter in den USA zu leben. Er muss die USA verlassen, wo er über 60 Jahre lebte; denn er habe bereitwillig mit der Waffe in einem Konzentrationslager seinen Wachdienst geleistet.

Die NOZ-Ausgaben nennen, im Gegensatz zu allen US-Medien, nicht den Namen des 94jährigen, zur Ausreise verurteilten Mannes, aber titeln (Clickbaiting!) dazu  „Ex-Nazi aus dem Emsland vor Gericht.“ Ob der Schleswig-Holsteiner tatsächlich Nazi war, liegt nahe, aber man weiß es nicht. Allemal war er ein damals 19jähriger Soldat der deutschen „Kriegsmarine“, der zu dem Urteil selbst, laut „New York Times„, sagt,

… dass er in das Lager abkommandiert wurde, für kurze Zeit dort war und keine Waffe getragen habe. In den Vereinigten Staaten habe er seinen Lebensunterhalt mit dem Bau von Abisoliermaschinen verdient.
„Nach 75 Jahren ist das lächerlich. Ich kann es nicht glauben“, sagte er zu Washington Post und fügte hinzu, „sie zwingen mich aus meinem Haus.“

Ein Wachmann ohne Waffe? Das muss man nicht glauben. Man muss aber auch nicht die Aussage des zuständigen Staatsanwalts Eli Rosenbaum glauben, dass sich Karl Berger 1943 für den Dienst in der Wehrmacht „entschieden“ habe (“Mr. Berger made his choice to enlist in 1943 in the German military”). Das lief vor 77 Jahren dann doch wohl etwas anders ab. Doch Rosenbaum sagt auch, dass Berger nie seine „Versetzung“ beantragt habe, als er vom ostfriesischen Langeoog in die KZ-Wachmannschaft abkommandiert wurde. Das stimmt offenbar.

Der Fall des Friedrich Karl Berger ist inzwischen auch von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgegriffen und beleuchtet worden. Sie klärt die Zusammenhänge auf:

„Das US-amerikanische Justizministerium hat bekannt gegeben, dass sie den 1959 [aus Kanada] in die USA eingewanderten Deutschen Friedrich Karl Berger ausweisen wird, da dieser als Angehöriger der Wachmannschaft des KZ Neuengamme „Teil des SS-Systems der Unterdrückung gewesen ist, das KZ-Häftlinge unter grausamen Haftbedingungen hielt“.

Friedrich Karl Berger, geb. 1925 in Bargen, heute Ortsteil der Gemeinde Erfde im Kreis Schleswig-Rendsburg, war als Maschinengefreiter der Kriegsmarine ab 23. Januar 1945 dem Wachpersonal des KZ Neuengamme in den Außenlagern in Meppen-Versen und Meppen-Dalum zugeteilt, die zu den „Friesenwall“-Lagern gehörten. Im März 1945 wurden beide Lager aufgelöst und die Häftlinge per Bahn oder in Fußmärschen ins Hauptlager Neuengamme zurückgeführt. Die Kriegsmarine-Bewacher wurden anschließend zu anderen Marineverbänden ohne Bezug zum KZ-System versetzt oder bekamen neue Bordkommandos.

Wie kam es dazu, dass Marineangehörige zu Wachmannschaften eines Konzentrationslagers gehörten? Im Herbst 1944 hat im KZ Neuengamme ein umfangreicher Personalaustausch stattgefunden. Angehörige des Wachpersonals wurden auf Waffen-SS-Verbände in Frankreich verteilt. Als Ersatz erhielt das KZ Neuengamme Soldaten aus allen Wehrmachtteilen. Gleichzeitig expandierte das Außenlagersystem des KZ Neuengamme. Dem gestiegenen Bedarf an Bewachungspersonal wurde entsprochen, indem die Wehrmacht Soldaten abstellte. Die Hälfte des Wachpersonals des KZ Neuengamme bestand damit ursprünglich nicht aus SS-Angehörigen oder wurde – wie Teile des Heers und der Luftwaffe – in die Waffen-SS übernommen. Unter den Bewachern der Außenlager waren auch 80-100 Angehörige des Marineinsel-Bataillons 354, die am 23. Januar 1945 von Langeoog aus nach Neuengamme abkommandiert wurden, darunter auch der 19jährige Friedrich Karl Berger.

Aus  kriminalpolizeilichen Ermittlungsunterlagen ist bekannt, dass 80 dieser Männer nach wenigen Tagen den Auftrag erhielten, Häftlinge in das Außenlager Meppen zu bringen. In Meppen mussten über 1700 Häftlinge den Bau des so genannten „Friesenwalls“ vorantreiben. Mit dem „Friesenwall“ wurde ein gigantisches Befestigungswerk an den Küsten und Grenzen geplant, das gegen eine Landung der Alliierten schützen sollte. In Wedel, Aurich-Engerhafe, Husum, Ladelund, Meppen-Dalum und Meppen-Versen an der niederländischen Grenze mussten KZ-Häftlinge unter Bewachung von Marineangehörigen die Erdarbeiten ausführen. Die Namen der Häftlinge, die v.a. aus der Sowjetunion, Polen und den Niederlanden kamen, aber auch aus Deutschland, Dänemark, Lettland, Frankreich oder Italien stammten, sind durch eine Liste aus dem Januar 1945 bekannt. Wegen unzureichender Ernährung, Kleidung und Unterbringung starben bei dem harten Arbeitseinsatz hunderte Häftlinge. Auf der Kriegsgräberstätte Versen befinden sich noch die Grabstätten von 297 verstorbenen Häftlingen aus den beiden Meppener Außenlagern des KZ Neuengamme.

Am 25. März 1945 ließ die SS das Lager räumen. Die „marschfähigen“ Häftlinge wurden zu Fuß über Cloppenburg nach Bremen getrieben, von wo ein Großteil von ihnen, begleitet von den Marineangehörigen, zurück ins Stammlager Neuengamme kam. Mindestens 50 Häftlinge sind auf dem Marsch umgekommen. Die Bewachereinheit wurde anschließend nach Cuxhaven zurückbeordert.“

Berger hat übrigens jetzt bis Anfang April Zeit, gegen die Entscheidung vorzugehen.

Mehr zum Thema
Pressemitteilung des US-Department of Justice: https://www.justice.gov/opa/pr/tennessee-man-ordered-removed-germany-based-service-concentration-camp-guard-during-wwii

Artikel von Reimer Möller: Wehrmachtsangehörige als Wachmannschaften im KZ Neuengamme, in: Wehrmacht und Konzentrationslager, Beiträge Heft 13 (Link)

Webseite der Gedenkstätte Esterwegen für die „Emslandlager“: https://www.gedenkstaette-esterwegen.de/geschichte/die-emslandlager/ix-versen.html

Webseite zum Außenlager Meppen-Versen: https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/kz-aussenlager/aussenlagerliste/meppen-versen/

Artikel über Karl Saling Møller, der Häftling in Meppen-Versen war: https://www.noz.de/lokales/meppen/artikel/126865/haftlinge-mussten-bei-meppen-panzergraben-ausheben#gallery&0&0&126865

Webseite der Gedenkstätte KZ Neuengamme
https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de

Webseite des Emslandlagers XII Dalum
https://www.diz-emslandlager.de/lager/lager12.htm

Moor ohne Grenzen – Webseite der Gemeinde Geeste über die Gräber der in den Emslandlagern Dalum und Groß-Hesepe Umgekommenen https://www.moor-ohne-grenzen.de/aktuelle-projekte/tourismus-umweltbildung-freizeit-kultur/historische-spuren-der-lager-in-geeste/

Artikel in der New York Times über die Entscheidung in Memphis
https://www.nytimes.com/2020/03/05/us/friedrich-karl-berger-nazi-concentration-camp.html

Artikel in der New York Times über die Hintergründe des Urteils
https://www.nytimes.com/2020/03/07/us/Friedrich-Karl-Berger-nazi-guard.html

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Noch eine persönliche Bemerkung:
Nach der sog. Einebnung des Emslandlagers XII Dalum sind von diesem Ort des Grauens nur noch ganz wenige Reste verblieben. Das Foto oben zeigt eine alte Transformatorenstation und drei Pfeiler des Eingangstores. Sonst gibt es nichts. Auf dem nur wenige Kilometer entfernten Gelände des Emslandlagers XI Groß Hesepe, das seit Jahrzehnten eine Außenstelle der JVA Lingen ist, befindet sich direkt vor dem Tor der Anstalt noch eine einzige historische Baracke aus der NS-Zeit, die aber nicht erhalten wird sondern dem systematischen Verfall ausgesetzt ist.

Dieser Umgang mit einem steinernen Zeugnis von Gewalt, Rassismus und Rechtlosigkeit ist eine geschichtslose Schande für das Land Niedersachsen, den Landkreis Emsland und auch die Gemeinde Geeste. Wann geschieht etwas, um sie als Mahnmal zu erhalten?


Foto: Eingangsbereich zur früherem Emslandlager XII Dalum; Aufnahme von CC Frank Vincentz CC BY-SA 3.0 via wikipedia; unten: Grafik Emslandlager XII Dalum