Veza Canetti (geboren als Venetiana Taubner-Calderon in Wien) starb heute vor 56 Jahren in London. Die österreichische Schriftstellerin  gehörte zum engeren Kreis um Karl Kraus. In der Wiener Arbeiter-Zeitung erschien im November 1933 ihre Erzählung Der Kanal in drei Fortsetzungen. Veza Canetti publizierte im legendären Malik-Verlag und in Exilzeitschriften unter den Pseudonymen Veronika Knecht, Martha Murner, Martina Murner und Veza Magd. 1934 heiratete die österreichische Jüdin den späteren Nobelpreisträger Elias Canetti. Veza Canetti war spätestens seit der Flcht mit ihrem Ehemann im Jahr 1938 nach England eine Vertriebene, ein Flüchtling, und ich habe in dieser Woche auf einem Kalenderblatt von ihr und über sie dies gelesen:

„Du findest mich unter obiger Adresse, 10 Minuten von Canetti entfernt und zum ersten Mal eine schöne Wohnung, das heißt ein großes, sehr helles und gemütliches Zimmer und eine eigene Küche. Es ist mein 27. Umzug seit Grinzing, siebenundzwanzigster, und als der Canetti mir alles hierher getragen hatte (ein Fahrzeug war nicht rechtzeitig zu kriegen) und mir alles ordentlich in die Kommode gelegt und den elektrischen Ofen angestellt, damit meine Füße warm wurden und mir meine Zigarette angezündet hatte, während ich in einem riesigen Sessel saß – fing ich an zu heulen. Ich heulte und heulte über eine Stunde lang, während C. verzweifelt auf und ab ging … ich versuchte es bleibenzulassen, doch dann begann ich von neuem…

[Veza Canetti an George Canetti, Amersham, Bucks, 27. November 1945]

Ein Zimmer für sich allein„. Virginia Woolfs berühmtes Credo galt für die Emigrantin in England, Veza Canetti, und gilt nach wie vor für Menschen in ähnlicher Situation. Sie hat mich mit ihren wenigen Zeilen angerührt, und ich meine, das kaum etwas Treffenderes an diesem Mai-Feiertag gesagt und geschrieben werden kann, an dem Hunderttausende hierzulande für „Europa, jetzt aber richtig“ demonstrieren und nicht weniger Flüchtlinge unterwegs nach einem „Zimmer für sich allein“ sind.

Ihren Gefühlsausbruch schilderte Veza Canetti übrigens in einem ihrer so ausgesprochen geistreichen Briefe an Georges, den geliebten jungen, schwulen Schwager in Paris. Diese Briefe, erst Anfang dieses Jahrtausends und damit 40 Jahre nach Veza Canettis Tod gefunden, wurden 2006 vom Hanser-Verlag in deutscher Sprache verlegt (mehr…).