Unsichtbares Leben

6. Januar 2019

Kennen Sie piqd [pɪkt]? Der Name ist abgeleitet von „hand-picked“ (handverlesen) und kommt als sog. „News-Aggregator“, in deutscher und englischer Sprache daher. Auf der Plattform empfehlen journalistische Kuratoren Inhalte aus online verfügbaren Publikationen, es gibt also Tipps von Menschen, nicht von Algorithmen. Sie verfassen dazu kurze, einfÜhrende Text, in denen sie Besonderheit und Bedeutung ihrer Empfehlung deutlich machen. piqd ist und soll damit ein Gegenentwurf sein, vor allem zur auf Reichweiten abzielenden Verbreitung medialer Inhalte in sozialen Netzwerken  und „Raum für eine ausgeruhtere Debatte“ bieten. Ich lasse mich gern auf diese Weise informieren und empfehle die Plattform.

Auf piqd.de also habe ich jetzt einen Beitrag von Alexandra Rojkov über Mirabel in Hamburg gelesen. Mirabel ist unsichtbar, sie ist eine Illegale. Ihr Schicksal beschäftigt mich; ich frage mich, wie man so leben kann. Ohne Konto, ohne Versicherung und .vor allem- ohne Teilhabe am sozialen Leben.

Alexandra Rojkovs Text: „Das Leben in Deutschland besteht aus viel Papierkram. Um eine Wohnung zu bekommen, braucht man ein Konto. Um ein Konto zu bekommen, benötigt man einen Ausweis. Und bei jedem Arztbesuch ist die Krankenkassenkarte fällig.

Mindestens 180.000 Migranten in Deutschland haben weder ein Konto, noch eine Versichertenkarte. Ihren Ausweis können sie nicht vorzeigen, weil sie fürchten, sonst ausgewiesen zu werden. Sie haben in Deutschland kein Bleiberecht – und leben doch dauerhaft hier. So wie Mirabel Anaya, die aus Honduras stammt und seit 22 Jahren in Hamburg wohnt.

Ich habe mich oft gefragt, wie ein solches Leben funktioniert. Wovon ernährt man sich? Was macht man, wenn man mal krank wird?

Anaya verdient ihr Geld, indem sie schwarz putzt. Sie lebt bei einer Freundin – gemeldet ist sie dort nicht. Bei medizinischen Notfällen geht sie zu einer Ärztin, die Migranten für zehn Euro behandelt.

Um zu vermeiden, dass man sie abschiebt, lebt Anaya nach strengen Regeln. Sie meidet Orte, an denen Polizisten sein könnten. Geht nie zu Verabredungen, wenn sie nicht weiß, wer noch kommt. Im Gegenzug kann sie ihrem Sohn in Honduras Geld schicken. Von ihrem Verdienst hat er eine Fischzucht aufgebaut.

Für mich besonders überraschend: Ab und zu besucht Anaya ihr Heimatland sogar.

Von Honduras aus kauft sie ein Ticket für einen Hin- und Rückflug innerhalb von drei Monaten. Das ist die längste legale Aufenthaltsdauer für Touristen aus Honduras ohne Visum. Auf diese Weise kommt sie mit ihrem honduranischen Reisepass nach Deutschland. Die Rückreise nimmt sie nicht wahr und bleibt. Später geht sie zur honduranischen Botschaft und meldet ihren Pass als verloren, um einen neuen ohne Einreisestempel zu beantragen. Mit dem neuen Pass kann sie zurückreisen,“

Hier geht es zum Beitrag in der ZEIT. über den piqd berichtet.

Als ich
den piqd-Beitrag und dann den ZEIT-Artikel gelesen hatte, fragte ich mich, wie viele „Illegale“ es denn in unserer Stadt gibt. Sicherlich sind die Möglichkeiten in deutschen Großstädten besser, unsichtbar zu sein. Aber wenn es geschätzt 180.000 Illegale in Deutschland gibt (wie errechnet man eigentlich diese Zahl?) dürften es einige Dutzend Menschen auch bei uns geben, die ein Leben führen, das unsichtbar ist. Ist es würdelos? Und was kann man tun, um diesen Menschen zu helfen. Will die Mehrheit ihnen überhaupt helfen? Und Sie? Und wie? Was meinen Sie?

Googelt man ihn, erscheint der andere Bernd Rosemeyer unter „ferner liefen…“, was nichts über seine gegenwärtige Bedeutung aussagt; die ist nämlich aktueller als die des längst verblichenen Rennfahrers aus Lingen und Namensgebers für ein umstrittenes Museumsprojekt in der Lingener Burgstraße. Der „andere“ Bernd Rosemeyer stammt aus Löningen und ist ein „Neffe 3. Grades“ des Lingener Rennfahrers und SS-Offiziers.

Der eine befand sich mit 25 Jahren an der Schwelle zu einer Karriere als Autorennfahrer und SS-Führer in Nazi-Deutschland, der andere wanderte im gleichen Alter 1986 nach Brasilien aus, um sein Leben fortan den Straßenkindern in der Umgebung der Metropole Recife zu widmen.

Größte Kinderhilfsorganisation in Brasilien

Er gründete den Verein „O pequeno Nazareno“ (Der kleine Nazareno), der inzwischen zur größten Hilfsorganisation für Straßenkinder in Brasilien geworden ist.  So gibt es zwei Kinderdörfer, in denen die Straßenkinder nach oft mehreren Jahren eines erbärmlichen Lebens auf der Straße eine Schul- und Berufsausbildung erhalten. Rosemeyers Verein hilft den Kindern dabei, den Weg in eine neue Zukunft ohne Not und Elend einzuschlagen.

Der Machtantritt des neu gewählten rechtsgerichteten Präsidenten Jair Bolsonaro bereitet Bernardo Rosemeyer und seinem Projekt große Sorgen, denn die neue Regierung wird Gewalt und Korruption im Lande nicht eindämmen – Anlass für Bernd Rosemeyer, einen dramatischen Hilferuf nach Deutschland zu senden, der von der Löninger Lokalzeitung „Münsterländische Tageszeitung“ vor kurzem veröffentlicht wurde. Aus der Heimat erhält Bernd Rosemeyer Hilfe durch den Verein „Der kleine Nazareno“, den sein Bruder Werner Rosemeyer von Löningen aus leitet und dessen erklärtes Ziel es ist, Geld für das brasilianische Hilfsprojekt zu sammeln .

Joseph Wilhelm Rosemeyer, genannt „der Feuerfeste“

Wie sind die beiden Bernd Rosemeyers miteinander verwandt? Beider Ursprünge gehen zurück in das Jahr 1808, als in Löningen Joseph Rosemeyer geboren wurde. Dieser machte eine Lehre als Schlosser und gründete als Schlossermeister ein Unternehmen, das sich auf die „Herstellung von diebstahlsicheren Geldschränken“ spezialisierte und damit reüssierte. Er hatte zwei Söhne, Bernhard und Joseph Wilhelm, die ebenfalls Schlosser wurden. Joseph Wilhelm, im Volksmund „der Feuerfeste“ genannt, blieb in Löningen und war der Urgroßvater des nach Brasilien ausgewanderten Bernd Rosemeyer und dessen Bruder Werner, der eine Druckerei in Löningen betreibt.

Das 1. Automobil von Lingen

Bernhard hingegen trieb es nach Lingen. Er war der Großvater des Rennfahrers. 1876 wurde dessen Vater Wilhelm geboren, der in der früheren Lingener Bahnhofstraße eine Werkstatt mit Autohandel betrieb. Wilhelm war der erste Lingener, der ab 1911 ein eigenes Automobil fuhr,.  In seiner Werkstatt machte der junge Bernd Rosemeyer eine Lehre als KfZ-Mechaniker, hier bastelte er an Motorrädern und Autos und bereitete sich auf seine Rennkarriere vor. Hier erfuhr er allerdings auch seine „primäre Sozialisation“ als Nationalsozialist: Der damals noch junge Architekt Heino Deeken wohnte als möblierter Herr im Hause Rosemeyer. Er war Mitglied der SS und freundete sich schnell mit dem jungen Bernd an.  Aber auch Bernds Onkel Julius Rosemeyer war SS-Mann und dürfte seinen Neffen entsprechend beeinflusst haben.

Olympiateilnehmer Josef Rosemeyer aus Lingen

Wilhelms Bruder Josef (auch Jpseph) Rosemeyer war ein erfolgreicher Radrennfahrer, der für Deutschland bei den Olympischen Spielen 1896 in Athen startete. Er kam 1919 bei einem Unfall in Köln ums Leben.

In einem Gespräch von Christoph Frilling mit Werner Rosemeyer, dem Löninger Bruder des anderen Bernd Rosemeyer, stellte sich heraus, dass die Löninger Rosemeyers nur wenig über die Pläne des Lingener Bauunternehmers Heinrich Liesen informiert sind, ein Museum zu Ehren des SS-Rennfahrers Bernd Rosemeyer zu errichten.

Werner Rosemeyer: „Wenn mein Bruder in Brasilien über diese Gelder verfügen könnte, die in Lingen für das Museum ausgegeben werden, könnte er damit hunderten weiterer Straßenkinder eine bessere Zukunft bieten“.

Das Spendenkonto für die Organisation „Der Kleine Nazareno“ ist: Volksbank Löningen, DE91 280650610008070500 (Spendenquittungen werden ausgestellt)


Autor dieser kleinen Geschichte ist der Lingener Christoph Frilling. Er bot vor den Feiertagen den Beitrag der „Lingener Tagespost“ an, die aber ablehnte.