Die Zwangskonvertiten

23. Dezember 2018

Zu den Wehnachtstagen veröffentliche ich diesen Beitrag von Josef Möddel, der vor 40 Jahren den Arbeitskreis Juden Christen im Altkreis Lingen eV gründete. Nehmen Sie sich einige Mínuten  Zeit, ihn zu lesen, bitte. Josef Mödel hat in seinem Exkurs den Namen des Neonazis verschlüsselt. Ich meine, das sollte nicht sein.

Zur Situation der Juden in Spanien/Portugal im 15. Jahrhundert

Im 8. Jh. drangen muslimische Araber in die „Iberischen Halbinsel“ ein. Und, man staune, Juden und Christen, zählten zu den Schutzbefohlenen. Die Situation der Juden unter dem Kalifat war deutlich besser als in den Reichen des  christlichen Europas. Juden aus anderen Teilen Europas wanderten ein. Die Juden, die Sepharden, wie man sie nannte, lebten dort friedlich bis zu ihrer Vertreibung 1492 und 1513 (Inquisitionin Portugal, zweite Verfolgungswelle gegen die Juden auf der iberischen Halbinsel), da hatte das tolerante Kalifat schon ausgedient und das „christliche“ Mittelalter hatte das Sagen: Die katholischen Könige (Ferdinand II.und Isabella I.) stellten  die Juden Spaniens vor die Wahl zwischen Exil/ Flucht, Konversion zum Katholizismus durch die Taufe oder Tod. Viele zogen die Flucht der Taufe vor. Die Zwangskonvertiten blieben, aber sie zahlten einen hohen Preis. Viele dieser Konvertiten, die zwangsweise Getauften, die Marranen, wanderten in der zweiten Verfolgungswelle aus.

Einige flüchteten nach Nord-West-Deutschland, Emden, Esens, von dort auch ins Emsland, viele nach Hamburg. Ein Teil der „Hamburger“ zogen weiter nach Amsterdam. Dort wurde 1675 die Portugiesische Synagoge (s. oben, Kupferstich von Romeijn de Hooghe) eingeweiht.

Fahrt mit Schülern nach Amsterdam

Vor Gründung des  Arbeitskreises Juden-Christen  habe ich mit meinen Schülern 1979 an einem Wettbewerb der Bundeszentrale Politischen Bildung teilgenommen. Wir bekamen für unsere eingereichte Arbeit eine Klassenfahrt nach Amsterdam zum Anne-Frank-Haus und zur Portugiesischen Synagoge. Ehemalige Schüler sprechen heute noch gerne davon: Efterpi Kalligas, Restaurant Santorini in der Rheinerstraße, und Frosa in dem Kurzwarengeschäft in der Burgstraße.

Nach der Gründung des AK Judentum-Christentum  folgte eine weitere Fahrt nach Amsterdam im Jahr 1989. Leo de Vries, der Schwager von Erna de Vries, der Onkel von Michael Grünbergs Frau Ruth, der vom Judenhaus in Lingen 1941 deportiert wurde und überlebte, war unser Reiseführer in Amsterdam. Eine Schülerin, Nicola Büher, die damals noch van Acken hieß, berichtet noch gerne von ihren Eindrücken.

Zusammenleben von Juden und Christen in Lingen

In Lingen lebten Juden und Christen lange friedlich zusammen. Im Dezember bestückten die Christen ihren Adventskranz mit vier dicken Kerzen und freuten sich auf den 24. Dezember, auf Weihnachten, auf die Geburt Jesu. Dass er Jude war, dass Maria, seine Mutter, Jüdin war, das war schon lange vergessen. Das Schmücken des Weihnachtsbaumes musste bis Heilig Abend geschafft sein – und darunter sollten dann Äpfel und Nüsse liegen.

Die Juden holten in dieser Zeit ihre Menora, ihren achtarmigen Leuchter hervor und zündeten acht Tage lang Kerzen zur Erinnerung an die Befreiung des Tempels durch die Makkabäer an, die übrigens zu den katholischen Heiligen gehören, ohne die das Christentum gar nicht entstanden wäre. Den Deutungsschlüssel, besonders, was das Lichterfest mit uns Christen zutun hat, findet man in den  religiös gedeuteten Geschichten,  in den Büchern der Makkabäer (AT), bes. im Zweiten Buch, das nach 160 v. Chr. entstanden sein dürfte.

Juden sprechen übrigens von der Zeit im Dezember gelegentlich auch von „Weihnukka“.

Das Schicksal von Selma Hanauer

In Lingen gab es ein Mädchen, das freute sich jedes Jahr auf den 22. Dezember, auf ihren Geburtstag. Sie heiß Selma und gehörte zu den Hanauers, die in der Elisabethstraße mit Kohlen und anderen Brennstoffen handelten. Für die handfeste Arbeit im Kohlehandel war sie nicht geeignet. Aber sie machte sich schon früh nützlich durch schriftliche Arbeiten; besonders ihre tadellose Buchführung war von ihren Brüdern gefragt. Das erfuhr der Direktor der Kreissparkasse, auf welchem Wege auch immer, möglicherweise durch besonders sorgfältig erstellte Rechnungen oder Quittungen. Er holte sie in sein Institut. Dort arbeite sie jahrelang zu seiner vollen Zufriedenheit.

Juden waren deutsche Staatbürger mit allen Rechten und Pflichten, bis zum unheilvollen Jahr 1933. In der noch jungen NS-Diktatur passten sich einige schnell an, hatten keine Berührungsängste, machten unterm Hakenkreuz Karriere und ließen sich umjubeln. Andere verloren ihre Jobs, beispielsweise Selma Hanauer, die angesehene Sparkassenangestellte. Sie fiel unter das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums; sie wurde bereits 1933 entlassen. Ihr Chef und Sparkassendirektor stelle ihr noch ein Zeugnis voller Lob aus und bat den NS-Kreisleiter um Rücknahme der Entlassung – leider erfolglos. Wären es doch mehr Stimmen gewesen, die, wie die Propheten des Alten Testaments, z.B.  Jeremia, Jesaja oder Amos, die  laut aussprachen, was alles falsch lief. Ihnen war es nicht egal, wie es mit ihrer Stadt weiterging.

Am Anfang war alles nicht so schlimm, keiner wusste davon, wird argumentiert. Falsch, sagten in den 80-er Jahren Änne Brümmer und Rita de Hoek, die Schwester von Fredy Markreich, die, in Amsterdam untergetaucht, überlebte. Jeder in Lingen (in der Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern) hatte bei der Sparkasse ein Sparbuch – und auf einmal war die freundliche Selma nicht mehr da!

Das Fremdwerden in Deutschland begann und hörte nicht auf. Die Ungewissheit wich, „das wird nicht gut enden“ kam in großen Schritten. Das mussten die Hanauers mit einem realistisch deprimierenden Blick auf ihre neue Situation feststellen.

Reichspogromnacht in Lingen

Selma musste noch die Reichspogromnacht gegen jüdisches Leben und jüdischen Glauben mit ihren Geschwistern Hedwig und Hugo in Lingen durchleiden. Vor ihrem Gotteshaus stand ein Schild „Hier stand einmal eine Synagoge“. Sie stand, nachdem man sie aus dem Bett geholt hatte, am frühen Morgen des 10. November mit 17 weiteren Männern und Frauen jüdischen Glaubens in der Nähe „ihrer Kreissparkasse“ auf dem Marktplatz. Nach Öffnung der Polizeiwache wurden alle dort festgehalten. Sie und Hedwig konnten später nach Hause gehen. Hugo nahm man Uhr, Schlüssel und Geld ab, dann wurde er der SS-übergeben; er „ging“ –  wie die anderen Männer –  nach „Buchenwald“. In Lengerich und Freren war es nicht besser. Wohnungen wurden demoliert und Menschen misshandelt. Bevor man die jüdischen Männer in Freren in das KZ Buchenwald verfrachtete, wurden sie noch vorher stundenlang auf einem Viehwagen durch die Stadt gefahren und verspottet.

Nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald kam Hugo, wie seine Glaubensgenossen, abgemagert, kahlgeschoren und traumatisiert zurück. Immerhin konnte Selma ihren kleinen Bruder, er war elf Jahre jünger als sie, in ihre Arme schließen und ihn wiederaufpäppeln.

Die Perspektivlosigkeit mit dem Kohlenhandel wurde den Hanauers nun endgültig klar. „Man kauft nicht bei Juden“  war ja auch in Lingen angekommen. Und Selma hatte seit über fünf Jahren kein Einkommen mehr aus ihrer Tätigkeit bei der Kreissparkasse. Zudem wurden den Juden eine Milliarde Reichsmark als sog. Sühneumlage in Rechnung gestellt. Perverser ging’s nicht, 1939 noch nicht, später aber wohl.  Hitler hatte bereits 1938 Göring mit der „Gesamtlösung der Judenfrage“ beauftragt. In Heydrichs undHimmlers teuflischen Köpfen wurde sie konkret umgesetzt. Die SS war sowohl treibender Faktor als auch Werkzeug der Shoa.

Selma suchte mit ihren Geschwistern verzweifelt nach Zukunft, nach Sicherheit, nach einem erträglichen Leben. Da sie lt. Gesetz vom 30.04.1939 auch aus ihrem „trauten Heim“ ausziehen und in sog. Judenhäuser einziehen sollten, drängte die Zeit. Ihre Glaubensbrüder, auch aus Lengerich und Freren, wurden in die Häuser in der Wilhelmstraße und in der Marienstraße einquartiert und verbrachten die Zeit vor ihrer Deportation in qualvolle Enge.

Im Frühjahr Jahr 1939 gelangen Selma, Hugo und Hedwig noch die Ausreise nach Spanien, Ibiza, wo schon seit 1936 Alfred, Henriette und Else in Sicherheit lebten. In Sicherheit?

Exkurs:

Der liebe tiefreligiöse Opa von Jens Hessler (Name nicht geändert) in Laxten kannte die Lingener Juden gut und erzählte seinem Enkel ausführlich und gerne von den Juden, die Jesus ans Kreuz schlugen und ihrer gerechten Strafe nicht entgehen können. Aber sie machen sich schlau, mit ergaunertem Geld davon und leben dann gut im Ausland. Einmal, 1993, drang Jens mit seinem Freund aus Magdeburg, in Springerstiefeln und in Bomberjacken in unsere Veranstaltung im Gemeindehaus St. Josef ein und sie „klärten uns auf“. Gott sei Dank sorgte Gerhard Sels mit seiner ruhigen Stimme für „Deeskalation“.

Jens erbte später das Häuschen von seinem Opa, die NS-Ideologie hatte er ja schon vorher geerbt. Davon lebt er heute noch gut, schreibt Dirk Fisser in seinem LT-Bericht vom 13.08.2018.

Ein Leben – weit weg von Sicherheit

Die Flucht der Familie Hanauer war 1936 und dann 1939 mit Selma „geglückt“, sie konnten sorgenfrei am Strand liegen. Falsch Sie lebten als emigrierte deutsche Juden auf „Spanischem Boden“ extrem gefährlich, weil ab 1936 Herr Franco, ein Freund und Gehilfe (Guernikca) von Adolf Hitler, diktatorisch und gnadenlos regierte. Hier erlebten die Hanauers neue Machtstrukturen.

Der lange Arm der Deutschen Botschaft, die nach San Sebastian verzogen war, machte sich immer wieder bemerkbar und bereitete der Familie Hanauer mehr als Sorgen. Sie lebte in Angst und Schrecken vor einer Auslieferung nach Deutschland. Was das bedeuten würde, war ihnen bewusst. Mit den Namen Dachau, Esterwegen, Börgermoor, Buchenwald, später dann Auschwitz, verbanden sie Deportationen in Orte unbeschränkter Gewaltherrschaft, Folter, die willkürliche Entscheidung über Leben und Tod; SS-Wachmänner behandelten gerade jüdische KZ-Insassen besonders brutal, das musste ihnen niemand erklären.

Hugo, den kleinen Bruder von Selma, plagten wieder Alpträume, die er aus „Buchenwald“ mitgebracht hatte.

Gab es einen Ausweg? Hoffnung durch eine Taufe keimte auf, die in NS-Deutschland inzwischen undenkbar war (Edith Stein). Aber in Francos Spanien herrschte ein steingewordener Nationalkatholizismus, der gewissen Schutz bot, wenn man einmal dazugehörte. In großer Not ließen sie sich taufen. Was macht Hoffnungslosigkeit mit den Menschen?

Selma wurde auf den Namen Maria getauft, eine zusätzliche Firmung kam hinzu. Die Hanauer zahlten mit ihrem „Überkreuzlaufen“ einen hohen Preis. Sie gehörten zu einem Volk, das ständig auf Wanderschaft war. Es hatte wenig Gelegenheit, sich an Orte zu klammern, um heimisch zu werden. War ihr Auf und Ab mit der Himmelsleiter vergleichbar, von der einst der biblische Jakob träumte? Stand am anderen Ende der Leiter jemand, ein Engel? Bot ihnen ihr alter Glaube „Heimat“? Konnten sie im Dezember, wenn auch nicht öffentlich, aber in ihren eigenen vier Wänden ihre Chanukkakerzen anzünden – ihren inneren Tempel wieder einweihen?

Ganz sicher ist, dass sie jeweils am 22. Dezember Selmas Geburtstag feierten. Vielleicht dachten sie dann auch an gute Zeiten in Lingen, an „Weihnukka“.

Wie oft die  LingenerZwangskonvertiten im spanischen Herrschaftsbereichihr „Sch´ma Israel“ in äußerster Bedrängnis gesprochen, geflüstert haben, wie oft es als Stoßseufzer über die Lippen kam, das weiß nur Haschem.

Die Zwangskonvertitin Selma/Maria Hanauer verstarb 1969. Wer kann schon tief in die Welt von Selma Hanauer eintauchen? Hier ist die Grenze des Beschreibbaren erreicht.

Epilog

Wer setzt sich heute in einem Erinnerungskult für Umjubelte ein? Wer pflegt das Gedenken an die Opfer in angemessener Erinnerungskultur?

G´tt hat keinen anderen Wirkungsraum als unseren Lebensraum. Daher müssen wir hellhörig sein für das, was in ihm heute geschieht – und auch mal, wie die Propheten damals, kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn etwas falsch, wenn was aus dem Ruder zu laufen droht.

Nach vielen relativierenden Erklärungen ohne eindeutige Haltung, nach schwer erträglichen Diskussionen, muss auch mal ein unbedingtes „NEIN – nicht mit uns“ gesprochen werden – „neutral“, „gleichgültig“, „unbestimmt“, „unentschieden“, oder „mal sehen, wie sich alles entwickelt“ – geht nicht.

Eine Antwort to “Die Zwangskonvertiten”

  1. Paul Haverkamp said

    Eine Schlussstrichdebatte darf es niemals geben!

    Die gegenwärtigen Ereignisse in Europa zeigen mir überdeutlich, wie höchst notwendig die Erinnerung an den einmaligen und maschinell betriebenen Kultur- bzw. Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts ist; ein Kulturbruch, den heute viele geschichtsvergessene Mitbürger, denen es nur auf Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft ankommt, gern entsorgen möchten auf dem Müllhaufen der Geschichte und nur von einem „Vogelschiss“ sprechen einer ansonsten doch so glorreichen deutschen Geschichte.

    Die Anzahl der Personen, die in Europa der Leitfigur eines nationalistischen und nativistischen Diskurses frönen, zeigt eine erschreckend zunehmende Tendenz. Das demokratische Selbstverständnis und bisher wie selbstverständlich gepflegte und praktizierte Einstellungen wie Toleranz, Respekt vor Andersdenkenden und Andersglaubenden zeigen tiefe Risse bzw. Brüche und eine sich ständig senkende Latte der Gewaltbereitschaft sind alarmierende Signale, die uns alle wachrütteln und elektrisieren sollten, aus unserem Zufriedenheitsschlaf aufzuwachen und uns stärker, intensiver und engagierter zu Verteidigern in Richtung demokratischer Grundwerte, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte zu verändern.

    Viele Gespräche mit Holocaust-Opfern haben mir überdeutlich gemacht, dass das Erinnern nie verstummen darf. Und zwar deshalb, um den Opfern des Holocaust eine Stimme zu geben und zugleich einen Beitrag zu leisten, dass diese bestialischen Ereignisse sich nie wiederholen dürfen.

    Je weiter die Ereignisse des Holocausts in die Vergangenheit rücken, desto notwendiger wird es für uns als „Nachkriegskinder“, uns bewusst zu machen, warum und in welcher Weise wir die Erinnerungskultur an den Holocaust weiter betreiben sollten. Der am 31.Januar 2015 verstorbene Altbundespräsident v. Weizsäcker formulierte dazu aus Anlass des 40. Jahrestages des Endes des 2. Weltkrieges 1985 u.a.:

    „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.

    Das jüdische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Versöhnung.

    Gerade deshalb müssen wir verstehen, daß es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann. Die Erfahrung millionenfachen Todes ist ein Teil des Innern jedes Juden in der Welt, nicht nur deshalb, weil Menschen ein solches Grauen nicht vergessen können. Sondern die Erinnerung gehört zum jüdischen Glauben.

    „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

    Diese oft zitierte jüdische Weisheit will wohl besagen, dass der Glaube an Gott ein Glaube an sein Wirken in der Geschichte ist.
    Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung. Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erlösung, an Wiedervereinigung des Getrennten, an Versöhnung. Wer sie vergisst, verliert den Glauben.

    Würden wir unsererseits vergessen wollen, was geschehen ist, anstatt uns zu erinnern, dann wäre dies nicht nur unmenschlich, sondern wir würden damit dem Glauben der überlebenden Juden zu nahe treten, und wir würden den Ansatz zur Versöhnung zerstören.“ – Soweit der Ende Januar verstorbene R. v. Weizsäcker.

    Weizsäcker hat uns immer deutlich ermahnt, keine Schlussstrichdebatte zu akzeptieren. Erinnern ist und bleibt eine unverzichtbare Aufgabe. Die Erinnerung an die barbarische Naziherrschaft darf nie aus der DNA eines Deutschen verschwinden, weil wir nur so eine Chance haben, einer Wiederholung dieser Zustände entgegenzuwirken. Erinnerung bleibt somit um der Gestaltungsmöglichkeit einer humanen und friedlichen Zukunft willen das unverzichtbare Element eines jeden aufrechten Demokraten – das Gebot der Erinnerung muss zu einem Gebot der Staatsräson erhoben werden , zu einem Gebot der „Raison d’Être“ der Bundesrepublik Deutschland!

    Und am Ende seiner Rede formulierte er Weizsäcker:

    „Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß.

    Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“
    Wir haben in diesen Tagen genügend Anlass über diese Worte nachzudenken, damit Vorurteile, Hass und Feindschaften immer weniger eine Chance haben, ein neues Auschwitz in die Welt zu setzen.

    Auschwitz ist und bleibt für immer das Symbol für den Holocaust, den systematischen Mord an den Juden Europas. Das größte deutsche Konzentrationslager ist Sinnbild für das Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen können. Auschwitz steht aber nicht nur für die Verbrechen der Deutschen, sondern auch für den „Zivilisationsbruch“ – dessen Möglichkeit jede Gesellschaft in sich trägt.

    Als am 27. Januar 2005 die Vereinten Nationen zum ersten Mal in ihrer Geschichte in einer Feierstunde an den Holocaust erinnerten, sprach Redner Joschka Fischer aus, was in Deutschland Selbstverständlichkeit sein sollte: „Als Symbol für Menschenverachtung und Völkermord wird Auschwitz für immer in die Geschichte der Menschheit und die Geschichte meiner Nation eingeschrieben sein.“

    Nicht nur Fischer sprach damals vor den Vereinten Nationen. Hauptredner war der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel. Er mahnte damals die Welt, die Erinnerung an den Holocaust für „die Kinder von heute“ wach zu halten. Denn hätte die Welt die Botschaft von Auschwitz gehört, die Morde in Darfur, Kambodscha, Bosnien und Ruanda hätten verhindert werden können.

    Am Ende richtete Wiesel eine bange Frage an die Vertreter der Weltgemeinschaft: „Aber wird die Welt je lernen?“ Die Antwort darauf steht aus. Laut Wiesel werden sich die Enkel von Tätern und Opfern an ihr einst messen lassen müssen.

    Die von Wiesel genannten Länder können jedoch nicht darüber hinwegsehen lassen, dass der von den Nationalsozialisten betriebene Holocaust in der Weltgeschichte stets eine traurige Singularität einnehmen wird.

    Fazit:

    • Eine Schlussstrichdebatte darf es in Deutschland niemals geben. Erinnern ist und bleibt eine unverzichtbare Aufgabe. Die Erinnerung an die barbarische Naziherrschaft darf nie aus der DNA eines Deutschen verschwinden, weil wir nur so eine Chance haben, einer Wiederholung dieser Zustände entgegenzuwirken. Erinnerung bleibt somit um der Gestaltungsmöglichkeit einer humanen und friedlichen Zukunft willen das unverzichtbare Element eines jeden aufrechten Demokraten – das Gebot der Erinnerung muss zu einem Gebot der Staatsräson erhoben werden , zu einem Gebot der „Raison d’Être“ der Bundesrepublik Deutschland!

    • Auschwitz ist und bleibt für immer das Symbol für den Holocaust, den systematischen Mord an den Juden Europas. Das größte deutsche Konzentrationslager ist Sinnbild für das Leid, das Menschen anderen Menschen zugefügt haben und immer wieder zufügen können.

    • Natürlich darf es gegenüber den nach 1945 Geborenen nicht den leisesten Verdacht geben, dass man mit der Keule „Kollektivschuld“ die Nachkriegsgeneration für ewige Zeiten in Büßerkleidung stecken und in Haftung nehmen möchte. Alle Shoa-Opfer, die noch heute der jungen Generation von ihren Leiden erzählen, betonen immer wieder, dass diese junge Generation keinerlei Schuld trifft. Doch mit der gleichen Leidenschaft betonen sie, dass diese Generation eine Kollektivverantwortung hat, dass sich die Hölle auf Erden zwischen 1933-1945 nie wiederholen darf. Alle Holocaust-Gedenkfeiern müssen sich von dieser Leitidee bestimmen lassen. Das bleibt für einen jeden ein nie zu löschendes Vermächtnis!

    • Die Beispiele aus jüngster Zeit sind alarmierend, wenn z.B. Neonazis mit menschenverachtenden Parolen durch die Straßen ziehen, wenn Flüchtlinge bedroht werden und ihre Unterkünfte in Flammen aufgehen oder wenn Juden sich nicht trauen, ihre Religionszugehörigkeit zu zeigen. Oder wenn, wie in jüngster Zeit geschehen in Sachsen-Anhalt ein Bürgermeister zurücktritt, weil er von Neonazis in seiner Privatsphäre bedroht wird, wenn ein Landrat unter Polizeischutz gestellt werden muss oder wenn es Gegenden gibt, die als „no go areas“ bezeichnet werden, in denen Neonazis das Sagen haben und Polizei und Justiz quasi kapitulieren vor dem Bedrohungsszenario der Neonazis.

    • Die Relativierer und Verharmloser deutscher Hauptverantwortung und Hauptschuld sind auch heute noch allgegenwärtig. Eine große Mehrheit von 77 Prozent stimmte vor nicht allzu langer Zeit der Aussage zu, ‚man sollte die Geschichte ruhen lassen‘. Chauvinismus, Xenophobie, Nationalismus, Rassismus und Ethnizismus führen zu einem sich wiederholenden „Auschwitz“. Bei jeder Gedenkfeier müssen die von diesen Einstellung ausgehenden Gefahren eindeutig benannt werden.

    Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, das Thema „Auschwitz“ zu einem Ankerpunkt des Nicht-Vergessens zu machen!

    Mit großem Nachdruck möchte ich die Worte Möddels aus seinem Epilog wiederholen:

    „Nach vielen relativierenden Erklärungen ohne eindeutige Haltung, nach schwer erträglichen Diskussionen, muss auch mal ein unbedingtes „NEIN – nicht mit uns“ gesprochen werden – „neutral“, „gleichgültig“, „unbestimmt“, „unentschieden“, oder „mal sehen, wie sich alles entwickelt“ – geht nicht.“

    Paul Haverkamp, Lingen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.