Armin Langer war auf Einladung von „Philosophie in der Kunsthalle“ und des Forum Juden Christen zum Oktober-Lehrhausgespräch in die Kunsthalle gekommen und traf dort auf zahlreiche interessierte und gesprächsbereite Zuhörer. Sein Thema: „Wer gehört zu Deutschland?“

Der in Berlin lebende ungarische Philosoph, Soziologe und jüdische Theologe startete mit einem Kurzfilm von Rebecca de Vries und Johannes Müller und erläuterte daran anknüpfend mit einem einleuchtenden Rückblick auf die gesellschaftliche  Entwicklung Deutschlands, dass Zuwanderung ein seit Jahrhunderten bekannter und von den Landesfürsten sogar geförderter stetiger Prozess gewesen sei. Ebenso sei Deutschland ab dem 17. Jahrhundert Zuflucht geworden, z.B. für die in Frankreich verfolgten Hugenotten und genauso für Hundertausende Osteuropäer, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge der russischen Revolution und angesichts zahlreicher Judenpogrome als Geflüchtete nach Deutschland kamen. Inzwischen sei Deutschland nach Amerika weltweit das Land mit der größten Zuwanderungsrate.

Langer trieb in seinem Referat die Sorge um Akzeptanz und Ansehen der Menschen um, die als Migranten nach Deutschland kommen – überwiegend aus anderen europäischen Ländern, aber auch aus dem Nahen und Mittleren Osten wie aus Afrika. Ereignisse wie in jüngster Zeit in Chemnitz mit Hetzjagden auf sogenannte Ausländer, wie Vandalismus in Lokalen, in denen  Migranten verkehren, oder Hakenkreuz-Schmierereien an jüdischen Restaurants belegten, dass die Neuankömmlinge wie auch längst als deutsche Staatsbürger anerkannten Migranten und ihre Familien nicht sonderlich willkommen seien und spürbarer Distanz und  Ablehnung begegneten.

Langer wies darauf hin, dass davon andererseits längst nicht alle sogenannten Ausländer betroffen seien – allemal nicht solche, die sie sich in Aussehen und Habitus nicht von der übrigen deutschen Bevölkerung unterscheiden. Seien sie aber schwarz, orientalischer Herkunft, erkenntlich islamischen Glaubens oder Juden, sei ihnen von Teilen der Gesellschaft die Einschätzung sicher, hier nicht hinzugehören, da sie, so Alexander Gauland, Björn Höcke und viele andere mehr, „die 1000-jährige Kontinutät einer deutschen Ethnie“ gefährdeten und sogar zu beenden drohten.

Aus dieser alltäglichen Praxis einer Ausgrenzung dieser besonderen Migrantengruppen zog Langer den Schluss, dass man deshalb nicht von Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit reden könne. Die Ausrichtung der Feindseligkeiten und Krawalle gegen gerade diese Menschen sei  vielmehr schlicht Ausdruck von Rassenhass und Rassismus gegen diese Menschen.

Wenn solchen, allemal vom rechten Rand des politischen Deutschlands befeuerten Stimmungen wirksam Einhalt geboten werden solle, bedürfe es aber auch neuen Nachdenkens über das, was wir selbst vernünftigerweise heute als Deutsch-Sein verstehen könnten und verstehen sollten. Lehren könne da die Rückschau auf die multikulturelle Vielfalt der Deutschen und deren Akzeptanz zu Zeiten Goethes und Schillers, die auch der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche höher schätzte als jeden Nationalismus. Das sei immer schon so gewesen –  abgesehen von der völkischen Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Belegen konnte Langer diese Sicht zudem mit der Festlegung der Paulskirchenverfassung von 1848 (!), dass „Nationalität nicht bestimmt ist durch Abstammung und Sprache, sondern ganz einfach bestimmt ist durch den politischen Organismus, den Staat und die Zugehörigkeit zu ihm“.

Die Rückbesinnung auf diesen Grundsatz forderte Armin Langer als unseren Teil der Integration, wenn ein offenes, aber auch befriedetes Zusammenleben mit Migranten und Geflüchteten gelingen soll. Er nannte dies ein „inklusives Verständnis von Zugehörigkeit zur Nation und des Deutsch-Seins“. Eindringlich warnte Langer vor der Verinnerlichung der Feindbilder gleich einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung bei den davon betroffenen Menschen.

Dem tritt  Armin Langer übrigens in seiner muslimisch-jüdischen Initiative Salaam-Shalom in Berlin-Neukölln entgegen, als User mit seinen #MeTwo-Beiträgen in sozialen Netzwerken, mit seiner Arbeit an Berliner Schulen. Er verwies auf Kampagnen, die die Integration der Mehrheit ebenso im Blick haben und daran arbeiten wie eben die der Minderheit.

Er beendete seine Problembeschreibung mit der Klage Albert Einsteins bei einem fast 100 Jahre zurückliegenden Vortrag vor der Philosophischen Gesellschaft der Pariser Sorbonne: “Wenn ich mit meiner Relativitätstheorie recht behalte, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher. Erweist sich meine Theorie als falsch, werden die Deutschen sagen, ich sei Jude“. Ein Umstand, der jüngst in anderem Zusammenhang vom deutschen Fußballnationalspieler Mesut Özil paraphrasiert wurde.

Dies mehr als 70 Zuhörer, unter denen leider nur wenige lokale Entscheidungsträger waren, dankte Armin Langer mit einer konstruktiv-lebhaften, langdauernden Diskussion.

update: Der Vortrag  auf YouTube,

(Quelle des Rückblicks: PM Forum Juden-Christen; Foto dito Armin Langer, Meike Behm, Heribert Lange v. lks)

 

Am 21. Oktober 1878, also heute vor 140 Jahren, trat im Deutschen Reich das Sozialistengesetz ( „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“) in Kraft. Ersonnen hatte es Reichskanzler Otto von Bismarck:

Ich habe in den sozialdemokratischen Elementen einen Feind erkannt, gegen den der Staat, die Gesellschaft sich im Stande der Notwehr befinden.

Bismarck  fürchtete einen Aufstand, ähnlich dem der Pariser Commune. Mit einer Reihe von Sozialreformen sollte deshalb das im Elend lebende Proletariat ruhig gestellt werden. Mit Verfolgungen bis zu Festungshaft für August Bebel, Ferdinand Lassalle und Wilhelm Liebknecht hoffte er gleichzeitig, die SPD führungs- und damit wirkungslos zu machen.

Doch es nutzte alles nichts. Damals ließen sich die Sozialdemokraten nicht unterkriegen, und als das Gesetz 12 Jahre später -nach vier Verlängerugen- aufgehoben wurde, war sie stärker als zuvor.

Heute steckt die SPD in einer existentiellen Krise. Weder hat sie ein übergreifendes politisches Thema noch hat sie sonderlich viel Glaubwürdigkeit oder gar entsprechendes Spitzenpersonal. Wenn ich es richtig sehe, findet sich auf der Internetseite der heutigen SPD bislang kein Wort zum 21. Oktober 1878, an dem der damalige Bundesrat dem Gesetz zustimmte und Kaiser Wilhelm es unterzeichnete. Tags darauf stand es im Reichsgesetzblatt (s.o.). Dies lässt den Schluss zu, dass sich die SPD in ihrem Existenzkampf nicht an ihre verdienstvolle Geschichte und daran erinnert, was sie stark macht(e). Obwohl dies bitter nötig ist.

 

Klosterkirchenkonzerte
„Zu Gast in Niedersachsen“
im Rahmen des Joseph Joachim Violinwettbewerb

Haselünne – Alte Klosterkirche
Mi 24.10.2018 – 19 Uhr
Karten 15 € (erm. 9 €, Schüler 5 €)

Seit 1991 lädt die „Stiftung Niedersachsen“ alle drei Jahre herausragende, junge Violinisten aus der ganzen Welt zum Internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb nach Hannover ein. Mit diesem größten Stiftungsprogramm bekennt sich die 1987 gegründete Landeskulturstiftung zu einer musikalischen Spitzennachwuchsförderung, die in Fachkreisen weltweite Beachtung findet. Zum Joseph Joachim Violinwettbewerb 2018 lädt die Stiftung Niedersachsen die Weltspitze junger Violinisten vom 11. bis zum 27. Oktober nach Hannover ein.

Am Mittwoch, 24. Oktober 2018 besuchen die Semifinalisten des Wettbewerbs ausgewählte Orte in ganz Niedersachsen. Eines der Konzerte mit einem Semifinalisten unter dem Motto „Zu Gast in Niedersachsen“ findet an diesem Abend in Haselünne statt. Es wird ein Klosterkirchenkonzert der ganz besonderen Art.

„Wir dürfen uns auf ein außergewöhnliches Konzerterlebnis freuen- und begreifen es als Auszeichnung unserer Konzertreihe, dass ein solches in Haselünne stattfindet. Fest steht – an diesem Abend besteht die Möglichkeit musikalische Glanzleistungen von international gefeierten Künstlern auf ihrem Weg zur Weltkarriere zu erleben.“ heißt es auf der Seite der Klosterkirchenkonzerte in der Nachbarstadt.