Jochen Berke – Ein Nachruf

1. Oktober 2018

In den ersten Septembertagen ist der Lingener Jochen Berke im Alter von 87 Jahren gestorben. Der leidenschaftliche Fotograf und Autor war am 18.11.1930 in Bad Landeck/Schlesien als erstes Kind von Max und Maria Berke geboren worden.  Seine Eltern tauften ihn auf die Namen Joachim Paul Ferdinand.

1932 zog die Familie nach Glatz/Schlesien und übernahm dort die Gaststätte  „Reichsgarten“, die sie bis 1941 bewirtschafteten. Hier in Glatz wuchs der kleine Jochen auf. 1941, mitten im Krieg, zog die Familie zurück nach Bad Landeck und bewirtschaftete dort den „Waldtempel“ am Rande des Kurortes. Täglich fuhr Jochen Berke mit der Bahn nach Glatz, um dort auf das altsprachliche Gymnasium zu gehen.

Noch mit gerade einmal 14 Jahren zum „Schanzen“ eingezogen, erlebte der Verstorbene das Kriegsende 1945 mit seiner Familie und Verwandten, die sich nach Landeck geflüchtet hatten, im „Waldtempel“ (Foto unten). 1946 wurde die Familie dann auf immer aus Schlesien vertrieben. Ein Trauma, das Jochen Berke bis zu seinem Lebensende nicht überwinden konnte. Alles verloren, die Zukunftspläne zerstört, fand er sich als Knecht auf einem Bauernhof in Ostfriesland wieder. Die seelischen und körperlichen Wunden der Vertreibung waren für Berkes Vater zu viel. Der Hotelier Max Berke starb schon nach kurzer Zeit in Ostfriesland und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Loppersum bei Emden.

1949 kam Jochen Berke nach Lingen und begann hier, in der legendären Drogerie „Zum Goldenen Becher“ im heutigen Kivelinghaus, seine Lehre als Drogist bei Kurt Wisniewsky, dem Vater des später so erfolgreichen Axel Wisniewsky.  Während seiner Lehrzeit entdeckte Jochen Berke seine Leidenschaft für das Photographieren, denn die „Drogerie zum goldenen Becher“ verkaufte auch Photoartikel und entwickelte im Kundenauftrag auch schon Rollfilme und stellte Bilder her.

Nach Abschluss seiner Lehre trampte (wohl gemerkt in den fünfziger Jahren!) Jochen Berke nach Florenz und von dort nach Rom. Eine Reise, die ihn tief beeindruckte und sicher auch den Keim für seine spätere Reiselust legte.

Mitte der fünfziger Jahre verstarb unerwartet Kurt Wisniewsky und sein Sohn Alexander, genannt Axel, übernahm die kleine Drogerie.  Das Photolabor wurde schnell in den Keller des Wisnieswky Hauses an der Tecklenburger Straße verlegt, Jochen Berke wurde Laborleiter, heiratete Gisela van Kampen. Die Eheleute bekamen zwei Kinder, Claudia und Stephan. 

Jochen Berke arbeitete viel und gerne. An der Expansion der Firma Colibri und dem Neubau von Colibri 1962 an der Laxtener Hohenfeldstraße hatte er großen Anteil. Axel Wisniewsky und er waren beide aus Schlesien und vielleicht auch deshalb ein kongeniales Paar, das sich sehr gut ergänzte. Es trafen das Organisationstalent von Jochen Berke und das geschäftliche Talent von Axel Wisniewsky zusammen und das führte zum Erfolg. Auf dem Weg in den Urlaub wurde in jener handyfreien Zeit noch während der Hinfahrt von der Autobahn mit Lingen telefoniert, ob alles in Ordnung sein. Bei der Rückkehr dann, fuhr die Familie nicht nach Hause, sondern erst einmal in die Firma, um zu schauen, was es Neues gab. Sonntagabends Ging es nicht selten an die Hohenfeldstraße und man stellte dort die Maschinen an, damit die Nachtschicht schon alles vorbereitet vorfand. Viele Wochenenden verbachten die Berkes bei Colibri in Laxten und sortierten Filme. Auch Familie Wisniesky fand den Weg dorthin und so arbeitete man gemeinsam an zahlreichen  Sonntagnachmittagen.

Mit zunehmendem geschäftlichem Erfolg von Colibri und dem Ankauf wie der Neuerrichtung von weiteren Großlaboren in Deutschland verlagerte sich die Arbeit. Jochen Berke richtete die neuen Labore ein, brachte sie zum Laufen.

Mit einer Fernreise Jochen und Gisela Berkes nach Ceylon brach Anfang der siebziger Jahre bei Berke das Reisefieber aus. Ausgerüstet mit diversen Kameras, ging es, mal alleine, mal mit Ehefrau rund um die Welt. Nepal, Afghanistan, China, Feuerland, die USA und Kanada, Italien, Spanien, Norwegen oder Afrika waren nur einige der Ziele. Von allen Reisen brachte Jochen Berke Hunderte Photoaufnahmen und Erinnerungen mit ins emsländische Lingen. In diese Zeit fielen auch Berkes erste schriftstellerischen Versuche. Er wollte das Erlebte auch im Wort verarbeiten und festhalten.

Jochen Berke wurde bei Colibri für den Umweltbereich zuständig – ein Thema, in das er sich akribisch ein – und mit viel Freude bearbeitete. Dann 1993 änderte sich alles. Axel Wisniewsky verkaufte Colibri an Kodak und für Jochen Berke – wie auch manch andere – war in dem Unternehmen kein Platz mehr. Mit 63 Jahren ging er vorzeitig in den Ruhestand – ein Ereignis, das ihn tief traf. Er fühlte sich um den Lohn seiner vielen Jahre Arbeit betrogen und beiseite gedrängt.

Bis dahin hatte die „alte Heimat“ Schlesien in seinem Leben keine sichtbar Rolle gespielt. Erst die Idee seiner Frau in dieser Zeit, bei einer Busreise dahin mitzufahren, führte dazu, dass er sich wieder dafür interessierte.  Von diesem Zeitpunkt reiste Jochen Berke regelmäßig in die schlesische Grafschaft Glatz – „nach Hause“ wie er es nannte.

Mit der Entdeckung der Möglichkeiten des Computers begann Jochen Berke mit seiner zweiten Karriere. Er wurde „Autor“ – Autor von Geschichten und Anekdoten, aus der alten schlesischen und der emsländischen Heimat, über Tschernobyl und Reiseerzählungen. Daneben gab er Bildbände heraus und verlegte alte Heimatkalender aus der Grafschaft Glatz neu. Er wurde aktiv in der Schreibwerkstatt der Volkshochschule, veranstaltete Lesungen aus seinen Werken und trat der Bürgerstiftung bei. Jochen Berke hatte sich neu erfunden.

Ergebnis sind über zwanzig Bücher, ungezählte gedruckte Geschichten und weltweit verkaufte Fotografien. Noch in diesem Frühjahr erschien sein letztes Buch mit dem Titel: „Weltenbummel. Reiserzählungen“ (mehr…). Die Arbeiten an seinem letzten Vorhaben: „Weihnachtsgeschichten“ konnte er nicht mehr abschließen.

Jochen Berke hat mich und meine Familie mehr als 60 Jahre begleitet. Er fotografierte alle  unsere Familienfeiern, häufig mit seiner 9 x 9 Rollei und, wenn es richtig festlich war, auch im Cut. Jochen war unser Fotograf, weil Gisela, seine Frau,  und meine Mutter Cousinen waren. Ich durfte ihn auch in diesem Blog zitieren und erwähnen. Als er 2015 seinen 85. feierte, fragte ich ihn, ob er nicht Sorge vor dem, was komme, habe, beispielsweise Demenz. Er schaute auf und antwortete: „Ganz und gar nicht. Ich bin so gespannt darauf, was noch kommt.“

Bis zum Schluss seines Lebens war er blitzgescheit und ein angenehmer Gesprächspartner, stets charmant und witzig, ein Optimist, stolz und kritisch zugleich. Jochen Berke diskutierte gern und kontrovers, bisweilen auch traurig und mit sich hadernd, geduldig wie  ungeduldig und nicht selten war er auch ein Träumer. Ja, er war unmusikalisch, aber  schriftstellerisch begabt, neugierig und eigensinnig. Ein Organisationstalent und ein Vorbild für alle, die mit ihm zu tun hatten. Danke, dass ich ihn kennenlernen durfte.

(Foto oben: Jochen Berke, © Foto Gisela)

2 Antworten to “Jochen Berke – Ein Nachruf”

  1. Kib said

    Ich hab nicht viel von J. Berke gelesen, aber, dass was ich las, gefiel sehr gut. Robert, könntest Du hier vlt. eine Liste seiner Arbeiten veröffentlichen? Ich kann es nur jedem empfehlen, der sich für “ junge historische“ lingener Literatur interessiert (oder mehr).

  2. Kib said

    Robert, Du hast mich mal vor einigen Jahren gefragt, ob Du den Blog hier einstellen solltest ( Annette hatte es Dir nahegelgt). Ehrlich gesagt: Sie hatte recht! Solltest Du künftig etwas zu sagen haben (wovon ich ausgehe), findest Du andere Möglichkeiten. Ciao Kib

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