allen voran

19. September 2018

Gestern hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Lingen fünf weitere Stolpersteine verlegt (Foto). Dabei gab es neben manch anderen bedenkenswerten Beiträge – vor allem von Schülerinnen und Schülern der beiden Lingener Gymnasien Georgianum und Franziskus- zwei Reden, die cuh hier im Wortlaut wiedergeben möchte. Der Vorsitzendes des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, sprach eingangs der Verlegung der Stolpersteine und der Erste Bürgermeister Heinz Tellmann ganau Ende diese bemerkenswerten Worte:

Dr. Heribert Lange (Foum Juden-Christen)
Guten Morgen, meine Damen und Herren, guten Morgen lieber Gunter Demnig, l….
Seien Sie herzlich willkommen zur heutigen, wahrscheinlich letzten Stolpersteinverlegung, die einmal mehr, also auch diesmal Gertrud-Anne Scherger zusammen mit Benno Vocks vom Forum Juden-Christen vorbereitet hat.
Herzlich willkommen heiße ich auch die Sponsoren dieser Stolpersteine, die, soweit sie es einrichten konnten, heute Morgen dabei sind: Herr Dr. Adams, Herrn Aehling, Herrn Bröring, Frau Kläsener i,V. Dr. Reitemeyer vom LWH. und Herrn Oldiges
Und ich bin den Mitarbeitern des Bauhofs der Stadt Lingen dankbar, die Gunter
Demnig bereits vorgearbeitet haben, und anschließend auch noch nacharbeiten werden.
Lassen Sie mich bitte mit  dem Ende eines Satzes beginnen, der mir im Zusammenhang mit einem anderen, in der jüngsten politischen Debatte gefallenen Satz wieder in den Sinn gekommen ist. Er war als Resumé gemeint und lautet:

„ … dem internationalen Judentum, dem wir dies alles zu verdanken haben.“

Es ist einer der letzten Sätze Adolf Hitlers, die er am Ende seines sogenannten Poltischen Testaments und nur wenige Tage vor seinem Freitod am Ende des Kriegs, genau am 19.04.1945, geschrieben hat. Damit waren die Juden nach Hitlers unsäglicher Lesart nicht nur verantwortlich für all das, was ihnen schon vor Hitlers Machtergreifung ebenfalls von ihm, z.B. in „Mein Kampf“, angelastet worden war, sondern nun auch für den nachfolgende zweiten Weltkrieg, für 60 Millionen Kriegstote und sogar für den Holocaust, den Hitler und Himmler zur Auslöschung des europäischen Judentums ja nun wirklich selbst geplant und realisiert hatten.

Wir wissen um die mörderischen und infernalischen Folgen der hirnlosen Hass-deologie der Faschisten und wir wissen um die gesellschaftliche, zivilisatorische und moralische Katastrophe, die damit einherging. Und inzwischen wissen wir auch, dass Hitler in seinen besten Zeiten furchtbarerweise sogar die Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit dieser Sündenbock-Bestimmung hinter sich wissen konnte.

Stolpersteine haben wir in Lingen inzwischen für 44 jüdische Menschen verlegt, Heute werden es 49 werden. Sie zeugen von den Menschen und ihren Schicksa-en, die millionenfach Opfer Hitlers grundloser und sinnloser Mordmaschinerie wurden:
Es sind Meier Herz, Johanna Lewald, Johanna Moses, Andreas und Julia Os. Wir erinnern mit den Stolpersteinen für sie – und ihren Namenszügen darauf – an Menschen jüdischen Glaubens aus Lingen, an das schreckliche Unrecht, das ihnen widerfuhr, als sie zu Sündenböcken dieser Gesellschaft, zu Rassewesen, Untermenschen und zu Volksfeinden erklärt wurden, die ausgerottet gehörten.

Wir erinnern an den Verlust ihres Lebensrechts und ihrer Menschenrechte, und wir erinnern an ihre schließliche Auslöschung im Holocaust

Wir gedenken ihrer heute zutiefst beschämt, und mit dem guten und dem festen Willlen, ihr Ansehen und ihre Ehre und ihre Menschenwürde wiederherzustel-len, und unserer Erinnerung an sie ein menschliches Antlitz zu geben, von dem Juden und Christen im Buch Genesis der Hebräischen Bibel lesen:“ Und er schuf den Menschen nach seinem Bilde und Gleichnis“. Darum sind Stolpersteine nötig und darum sind sie unverzichtbar. Und darum kann man schlechterdings auch dem Satz aus dem Munde eines der aufgeregten Fans aus der Lingener Motorsportszene nicht zustimmen, mit dem ich neulich angeblafft wurde:

„Das, ….na, Sie wissen schon … Museum ist mir wichtiger als all‘ Ihre Stolpersteine, die Sie, also wir, verlegt haben.“

Da fällt mir dann immer nur der für diesen Zusammenhang komplementäre Satz
ein: „Wehret den Anfängen“ – und Ihnen, die sich hier heute Morgen zusammen mit uns zur Ehre dieser Opfer des faschistischen Nationalsozialismus und zu ihrem Gedenken versammelt haben, ganz gewiß auch. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld.

 

Erster Bürgermeister Heinz Tellmann (Stadt Lingen (Ems))

„…Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Die vorerst – vielleicht auch endgültig- letzten Stolpersteine sind verlegt worden. Ich danke ihnen allen, dass sie an dieser Aktion heute teilgenommen haben, um ein wichtiges Zeichen der Erinnerung zu setzen. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ lautet eine alte jüdische Weisheit. Oder anders gesagt: Solange man sich an einen Verstorbenen erinnert, bleibt er lebendig.

Die Erinnerung an die verstorbenen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger lebendig zu halten, sie zu bewahren und zu verbreiten – dieser großen Herausforderung hat sich das Forum Juden-Christen gestellt

Heute eingerechnet sind nun 49 Stolpersteine seit 2005 in unserer Stadt verlegt worden. 49 Stolpersteine, die jeder für sich ein Stück Stadtgeschichte erzählen und damit an eines der dunkelsten Kapitel Deutschlands erinnern. Sie erzählen von der Geschichte, von den unerfüllten Hoffnungen und Träumen unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden.

Heute haben Sie, verehrter Herr Gunter Demnig, weitere Stolpersteine in das Pflaster unserer Straßen eingelassen und fest verankert. Es sind die Steine für Meier Herz, Johanna Lewald, Johanna Moses, Andreas und Julia Os.

Vor den ehemaligen Wohnhäusern dieser Lingener Bürgerinnen und Bürger sollen die Stolpersteine künftig die Erinnerung an das unermessliche Leid, das ihnen widerfahren ist und an das persönliche Schicksal dieser Menschen wach halten. Hinter jedem Stein steht ein Mensch, der in unserer Stadt zum Opfer wurde. Durch die Stolpersteine bekommen diese Menschen nach so vielen Jahren heute nun einen Namen und ein Gesicht.

Meine Damen und Herren, „wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“ mahnte der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Wir wollen unsere Augen nicht vor der Vergangenheit verschließen. Die Stolpersteine sollen uns am Vergessen hindern. Stolpern sollen wir über diese kleinen Messingsteine, die uns in den Weg gelegt wurden, um uns zu erinnern. Der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken ist schmerzlich. Und trotzdem: Sich an den Terror und die Gewalt der nationalsozialistischen Diktatur zu erinnern ist Pflicht.

Der Opfer und Leidtragenden zu gedenken und immer aufs Neue zu mahnen, dass Ähnliches nie wieder geschehen darf, ist eine Verpflichtung für uns alle! Heute scheinen zu viele zu vergessen, welches unsägliche Leid diese Diktatur gebracht hat und zu viele scheinen auch zu vergessen, welch hohes Gut unsere Demokratie und unsere Freiheit eigentlich ist und wie sehr unsere Vorfahren dafür gekämpft haben. Deshalb brauchen wir Mahnmale und Gedenkstätten dringender denn je. Wir müssen Menschen aufmerksam machen auf das Schicksal der Opfer, und zwar Menschen aller Generationen.

Das Erinnern darf nicht aussterben. Mit den Stolpersteinen haben wir in Lingen heute erneut ein Zeichen gegen Gleichgültigkeit gesetzt und halten das Gedenken am Leben.

Mein Dank gilt an dieser Stelle deshalb insbesondere den Initiatoren des Stolperstein-Projektes – allen voran dem ehemaligen Ratsherrn Gerhard Kastein – der trotz Gegenwind – ich kann mich noch gut erinnern- nicht von dieser Idee abließ, diese Form des Gedenkens in Lingen umzusetzen. Dafür gilt dir noch heute mein ganz persönlicher Respekt.

Zudem möchte ich auch Frau .Anne Scherger für Ihre unermüdliche und sicherlich auch oft mühsame Recherchearbeit danken. Herrn Benno Vocks gilt mein Dank für die Organisation des heutigen Tages und die Organisation auch der letzten Verlegungen sowie natürlich Herrn Dr. Heribert Lange und allen Mitgliedern des Forums Juden-Christen für ihre Unterstützung- für ihre Erinnerungsarbeit insgesamt.

Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, danke ich für die inhaltliche Gestaltung heute! Ich würde mir wünschen, dass ihr diese Gedanken mit in euren Alltag tragt.Davon erzählt – das gilt auch natürlich für die Erwachsenen. Herzlichen Dank auch den verantwortlichen Lehrern. Ich danke aber auch den zahlreichen Paten der Stolpersteine – und zwar ausdrücklich allen Paten der 49 Steine in Lingen. Zu ihnen zählen Vereinsmitglieder, Privatpersonen, Schulen, das KiJuPa, der Stadtjugendring und die Kivelinge. Meinen herzlichen Dank möchte ich zudem dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig aussprechen, der unermüdlich Stolpersteine in ganz Deutschland und Europa verlegt, um an die Verfolgten und Ermordeten zu erinnern.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns heute gemeinsam unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gedenken. Lassen Sie uns die Namen der Opfer des Nationalsozialismus nicht vergessen – lassen Sie uns die Erinnerung lebendig halten!


Foto: Gunter Deming, Verlegung von Stolpersteinen am 18. Sept. 2018, Foto  unten: Stolperstein für Johanna Lewald CC Robertsblog

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