ganzen Satz

19. August 2018

„‚Oma Olga‘, wie sie kurz genannt wird, ist Witwe. Sie lebte immer schon in unserer Stadt und ist inzwischen hochbetagt. Als vor einigen Jahren ihr Mann Gottlieb starb, wurde es zu schwierig mit der Versorgung allein zuhause. Deshalb zog sie in das neue, glänzende Lingener Alloheim. Dort erlebte sie den Niedergang dieser Anfang 2016 mit großen Vorschusslorbeeren gestarteten „privaten“ Einrichtung. Zunehmend wurde es schlechter. Es gab kaum Pflegefachkräfte, viele Leiharbeitnehmer und unter den wenigen war niemand, der sich wirklich um sie und die alten Herrschaften kümmerte. Sie blieben zu oft sich selbst überlassen.

Oma Olga, müssen Sie wissen, war stets eine sehr zurückhaltende, alte Dame. Mit ihren 88 Jahren war ihr nicht nach Widerstand und Beschweren. Klaglos ertrug sie die schreienden, kranken Mitbewohner mit ihren psychischen Macken. Wenn es zu heftig wurde, so dass selbst die wenigen Fachkräfte es sahen, wurde Oma Olga zum Essen an einen anderen Tisch gesetzt. Unterhaltung und Programm gab es kaum, die Angestellten verwechselten sie auch schon mal mit einer nahen Verwandten und sagten dann, sie sei „so aggressiv“. Dann wurde sie, die ruhige Olga, wieder umgesetzt und en weiteres Mal, bis sie schließlich fast alleine an diesem einzelnen Tisch saß. Von dort konnte sie nicht mehr direkt durchs Fenster sehen; sie blickte auf die Wand.

Oma Olga ging bald auch nicht mehr mit ihrem Rollator, mit dem sie sich sogar in den Emsauenpark getraut hatte. Man setzte sie in einen Rollstuhl, schob sie so an den Tisch, von dem sie gegen die Wand schaute, und ließ sie dort sitzen. Dann hörte Oma Olga auf zu sprechen. Niemand wusste, warum. Sie schwieg einfach und zog sich zurück. Es sei die Demenz, hieß es. Oma Olga lachte auch nicht mehr – anders als früher, wenn sie Besuch vom kleinen, quirligen Carlo bekam, mit dem eine Freundin wöchentlich vorbeikam. Oma Olga war still. Demenzkrank sei sie, erklärten überlastet wirkende Hilfskräfte den Angehörigen.

Eines Tages sagten Pflegekräfte im Alloheim plötzlich, Oma Olga sei so aggressiv, man müsse sie auf eine andere Station legen, sie womöglich fixieren. Dochr Oma Ola war nie aggressiv. Heraus kam: Man hatte sie verwechselt.

Längst waren alle ihre schönen Seidenblusen verschwunden, mit denen die 88-jährige so elegant ausgesehen und die sie so gerne getragen hatte; es waren viele Seidenblusen. Ihre  Pullover aus Schurwolle waren achtlos in die Kochwäsche des Heimes gewandert und deshalb eingelaufen und verfilzt. Oma Olga sah so schrecklich aus, als die Pflegekräfte sie ihr trotzdem anzogen.

Es kam der Sommer ’18 mit all seiner Hitze. Im Alloheim -ohne Sonnenschutz außen vor den Fenstern und Klimaanlage- war es heiß und stickig. Die zu wenigen Pflegekräfte konnten kaum darauf achten, ob die alten Männer und Frauen auch genug tranken. Viele Bewohner dösten nur noch vor sich hin. Auch Oma Olga, schweigend

ihre Schwiegertochter sah, dass es so nicht weitergehen könne. Sie suchte und fand durch ganz viel Glück einen anderen Heimplatz in Lingen. Oma Olga verließ das Alloheims. Ein alter  Mann von ihrer „Station“ sah es, freute sich für Oma Olga und setzte traurig hinzu: „Und ich muss hier bleiben!“

An ihre neue Lingener Pflegeeinrichtung gewöhnte sich die Oma Olga schnell. Ihr Zimmer dort war größer, helle, luftiger und hatte eine Kochnische. Die Enkel und ihr Sohn besuchten sie, ihre Schwiegertochter und der kleine Carlo auch. Oma Olga freute sich über den Besuch, lachte sogar. Schon nach ein paar Tagen nutzte ie nicht mehr denn Rollstuhl. Sie ging wieder mit dem Rollator.

Vor dem Umzug hatte bei Besuchen allein die Schwiegertochter gesprochen und von ihrem „Leben draußen“ erzählt. Oma Olga hatte geschwiegen. Als die Schwiegertochter jetzt erzählte, sprach Oma Olga plötzlich mittendrin. Ihre Besucherin stutzte: „Oma Olga, Du hast ja gesprochen! Du hast einen ganzen Satz gesagt!“

Und Oma Olga begann zu weinen.“


Diese Geschichte ist wahr. Gerichtsfest wahr. Nur die Namen habe ich geändert. Die Entwicklung freut mich so unendlich für „Oma Olga“, die zwei Jahre in dem Alloheim war, das längst schrecklich genannt werden muss. 10 Tage nach ihrem Auszug dort spricht die alte Dame wieder, und sie ist wieder auf den Beinen. Mit dem Rollator (und der Hilfe des Aufzugs) bringt sie ihre Enkel von ihrem Zimmer weit oben bis hinunter zur Tür des Seniorenhauses in Lingen, in dem sie jetzt lebt.  

Als ich gestern diese mich sehr berührende Geschichte von Oma Olga erzählte, sprach meine Gesprächspartnerin sofort über schlechte Zustände „auch in anderen Lingener Seniorenheimen“. Tatsächlich mag es sein, dass es auch dort und selbst in Häusern caritativer, sozialer, gemeinnütziger Träger nicht immer gut läuft. Das aber rechtfertigt nichts. Auch wenn einzelne Verantwortliche dies anders sehen.

Wirkliche, ernste Probleme machen die Betreiber, die die Würde unserer Alten nicht achten, weil sie primär Rendite für ihre Aktionäre oder Gesellschafter erzielen wollen. 

Die Geschichte über Oma Olga zeigt mir, dass wir den Betrieb unserer Seniorenheime und -einrichtungen nicht derartigen Firmen überlassen dürfen. Sie gehören ausnahmslos in gemeinnützige Hand.