wie kleine Kinder behandeln?

7. August 2018

„Dass zwei alte Männer nachts das Wacken-Festival in Schleswig-Holstein besucht haben, ist am Wochenende vielen Medien eine Meldung wert gewesen. Mit welchem Recht die Polizei die Beiden aber zurück in ihr Altenheim eskortierte, wurde nicht hinterfragt. Die Entmündigung scheint selbstverständlich, medial herrschte Einvernehmen. Korrigiert wurde dieser Eindruck in einem seltenen Anfall von Vernunft in den Online-Kommentarspalten.

„Die verrückte Irrfahrt der Heavy-Metal-Rentner“ titelte etwa Spiegel Online: „Offenbar verwirrt“, seien die „betagten Herren“ gewesen und aus ihrem Altersheim „ausgebüxt“, heißt es in der Unterzeile. Die Sprache signalisiert: Hier darf sich amüsiert werden, nicht mit, sondern über die Irren, die man nicht ernst nehmen muss. Denn „ausgebüxt“ seien sie und das ist ein Wort, mit dem man zuletzt das Schwein beschrieb, das im Hamburger Elbtunnel aus einem Schlachttransporter floh.

Andere Medien machten es ähnlich: „Wacken: Polizei bringt Metal-Fans zurück ins Altenheim“, formulierte die HAZ. „Sie wollten nach Wacken: Senioren hauen aus Heim ab“, lockte uns die Bild-Zeitung. „Gegen drei Uhr kümmerte sich eine Streife um zwei betagtere Herren, die an dem Metal-Festival offenbar Gefallen gefunden und sich aus einem Dithmarscher Altenheim auf den Weg gemacht hatten“, hieß es in dem Polizeibericht. „Natürlich vermisste man sie in ihrem Zuhause und organisierte rasch einen Rücktransport, nachdem die Polizei die Senioren aufgegriffen hatte“, schrieb die Polizei weiter. „Die Männer machten sich allerdings nur widerwillig auf den Heimweg, so dass ein Streifenwagen das beauftragte Taxi vorsorglich begleitete“.

Das Kuriosum, dass ältere Herren ein Festival für vermeintlich „junges“ Publikum besuchen, war vielen Zeitungen mindestens eine Meldung wert. Hinterfragt, ob die Senioren, die anscheinend immerhin „widerwillig“ waren, eigentlich von der Polizei zur Rückfahrt gezwungen wurden – und wenn, mit welchem Recht – haben die wenigsten. Der NDR immerhin zitierte eine Polizeisprecherin: Die Beiden hätten „desorientiert und apathisch“ gewirkt.

Eine echte Erklärung ist das nicht. Denn „desorientiert und apathisch“ ist ein Zustand, der sich von dem anderer Wacken-Besucher wohl kaum unterschied, die vielleicht delirant in ihren Zelten vegetierten, vielleicht im Dreck lagen und drohten, an ihrem Erbrochenen zu ersticken. Oder was man sonst eben so auf Festivals treibt.

Die Rentner aber waren angeblich zu verwirrt für Wacken und wurden vermisst. Doch muss man sie dafür wie kleine Kinder behandeln? Das fragten auch viele LeserInnen in den Kommentarspalten, denen das Problem auffiel, das sich bei den wenigen Informationen ergab, die berichtet wurden.

„Von alten Menschen wird erwartet, dass man sie bevormundet. Das ist völlig falsch.“
„Wieso darf ein Bewohner eines Altenheim nicht dort hingehen, wo es ihm gefällt?“, fragte ein HAZ-Leser. „Ein Pflegeheim ist keine JVA“, bemerkte ein Leser bei Spiegel Online. „Wer bestimmt, ob alte Menschen kein Heavy Metal Konzert besuchen dürfen?“, fragte eine Frau auf NDR.de.
Für den Juristen…“

[weiter bei der taz]


Ein Bericht aus der gestrigen taz. Man kann die – meist alternative – taz kaufen oder auch online bestellen. Mehr…

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update:
Nach mancherlei, auch von der taz aufgegriffenen Diskussionen fährt die Polizei nun auch medial hinterher. Bei derartigen Dementis bleibe ich erst einmal skeptisch.

3 Antworten to “wie kleine Kinder behandeln?”

  1. Kib said

    Jetzt wird es abenteuerlich. Über die beiden Herren, die sich gen Wacken aufmachen wollten, wissen wir nur, dass sie im Pflegeheim leben×.Dafür gibt es heutzutage einen sehr triftigen Grund (der da nicht lautet: Opa darf nicht rocken) :sondern vielnehr melmehr bedeutet Auseinandersetzung / Stress mit Pflegeversicherung für die Angehörigen oder Betreuer. Ich zitiere jetzt, was Dich betrifft die Kapelle Petra, die da sing: wer für Alles offen ist, bei dem regnet s auch mal rein. Der Song heisst: Sag einfach ja. Du brauchst einen sehr grossen Schirm, lieber Robert.
    Ich bin froh, dass Du nicht unser OB ist, denn DK kümmert sich um seine Stadt und macht kein Bohhey über zwei Senioren, die ausbüxen wollten (a la “ der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“). Vielmehr möchte er, dass sich einige Personengruppen in der Lingener Innenstadt sicher fühlen! Teil seiner Aufgabe, an der es (auch juristisch) doch wohl nichts zu mäckeln gibt.
    × wir wissen aber auch, dass Deine Deichkönigin für die taz munter als „Freie“ schreibt. Möchtest Du sie pushen? Das klappt idR im Journalismus nicht- besonders, wenn das „Streufeld“ so überschaulich ist. Gruß an Simone- ich mag ihren Humor zT sehr.

  2. petra1971 said

    Dass sie den Bus nehmen wollten weil das Taxi zu teuer ist? Eigentlich hätten die Polizisten wenn sie eskortieren dann auch gleich selbst fahren können.

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