4 Wände.

2. Juli 2018

4 Wände.
Von Familien, ihren Häusern und den Dingen drumherum.
Eine Ausstellung zum Einfamilienhaus in Deutschland seit 1950,
noch bis zum31. Januar

Cloppenburg – Museumsdorf
bis 31. Oktober: 9.00 – 18.00 Uhr 
bis 31. Januar: 9.00 – 16.30 Uhr
Eintritt 6,50 € Erw., 4,00  (ermäßigt), Kinder 2,50 

„Sie leben in einem? Gut möglich. Sie waren schon in einem? Noch wahrscheinlicher. Zwei von drei Wohngebäuden in Deutschland sind Einfamilienhäuser, 15,5 Millionen gibt es, täglich kommen etwa 270 neue dazu. Und wenn Sie noch keines besitzen, dann sehnen Sie sich wahrscheinlich nach einem. Hat die Bundesstiftung Baukultur ermittelt.

Während der Diskurs ums Wohnen vor allem von steigenden Mieten und Verdrängung als Großstadtphänomene beherrscht wird, kommt dieser Traum ziemlich vieler Menschen in Deutschland außerhalb von Werbung und Wohnzeitschriften bislang kaum vor.

Das Museumsdorf Cloppenburg macht da eine Ausnahme: Mit der Ausstellung „4 Wände. …“ ergründet es den Wunsch nach Eigenheim mit Carport – und die Probleme, die er mit sich bringt. Denn die vermeintlichen Traumhäuser sind längst Teil der neuen Wohnungsfrage, die sich eben nicht nur um ästhetische Befindlichkeiten und angesagte Viertel dreht, sondern vor allem um eine existenzielle Ressource: Einfamilienhäuser tragen wesentlich zum rasanten Flächenverbrauch der fortschreitenden Suburbanisierung bei.

Damit sie bezahlbar sind, stehen sie meistens dort, wo sie nicht gebraucht werden: in der Peripherie, fernab von Arbeitsplatz, Kitas, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten oder Kultur. Mit jedem Neubaugebiet verschwindet ein Stück unversiegeltes Land. Und wer „gebaut“ hat, dem reicht längst nicht mehr nur ein Auto, der braucht zwei, um den hektischen Arbeits- und Familienalltag zu bewältigen.

Spätestens hier wird die Wohnungsfrage zur Systemfrage: Wie wollen wir eigentlich leben? Warum kriegen wir immer nur faule Kompromisse hin? Wann wurde aus familiär-kollektiven ländlichen Wohnmustern ein Finanzprodukt für die bürgerliche Kleinfamilie?

Das Museumsdorf hat sich kein exemplarisches Fertighaus aufs Gelände stellen lassen, um das Thema zu bearbeiten. Die Kuratoren hatten stattdessen einen genialen Einfall: Sie haben den Zaun des Museumsdorfs geöffnet und kurzerhand die ganze angrenzende Einfamilienhaussiedlung zur Ausstellungsfläche erklärt.

Augenzwinkernd wird hier postkolonial-korrekt die volkskundliche Praxis der Präsentation spezifischer Lebensweisen aufs Korn genommen. Doppelbödig zwar, aber ohne jede Häme und in enger Zusammenarbeit zwischen Museumsmachern, Wissenschaftlern und Nachbarschaft.

Schließlich stellt sich allein ob des Sujets die Frage, wer hier wen oder was ausstellt. Als MuseumsbesucherIn mit Faltblatt in der Hand ist man zwischen gepflegten Vorgärten und gepflasterten Auffahrten genauso Teil der großen Truman-Show, wie die dort Lebenden und ihre vier bis vierzig Wände.

Das Freilichtmuseum eröffnet mit dieser unbedingt sehenswerten Ausstellung ungeahnte Perspektiven auf einen Baubestand, der so alltäglich ist, dass er kaum auffällt. Erzählt wird…“

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