Ertrinken sieht nicht aus wie ertrinken

3. Juni 2018

Als der neue Captain voll bekleidet von der Sonnenterrasse sprang und durch das Wasser sprintete, irritierte er die anderen Badegäste, die im Wasser schwammen. “Nicht, dass er jetzt denkt, du ertrinkst”, sagte der Mann zu seiner Frau, da sie sich kurze Zeit zuvor mit Wasser bespritzt und geschrien hatten. “Was macht er hier?!”, fragte die Frau etwas gereizt ihren Mann. “Es geht uns gut!”, rief der Mann dem Captain zu. Aber der ließ sich nicht aufhalten. Er schwamm eisern an dem Paar vorbei und schrie nur kurz “Weg da!”. Denn direkt hinter den beiden, nur wenige Meter entfernt, war deren neunjährige Tochter gerade dabei zu ertrinken. Der Captain kam in allerletzter Sekunde. Das Mädchen fing an zu weinen und schluchzte: “Papa!”.
Woher wusste der Mann aus so vielen Metern Entfernung, dass das Mädchn gerade dabei war zu ertrinken und sowohl Mutter als auch Vater dies aus weniger als drei Metern nicht erkennen konnten? Er ist ein ehemaliger Rettungsschwimmer der US-Küstenwache und hatte durch eine fachliche Ausbildung gelernt, die Anzeichen des Ertrinkens rechtzeitig zu erkennen. Und er wusste: Wenn jemand ertrinkt, dann wird nicht, wie es oft im Fernsehen gezeigt wird, wild geschrien und gewunken.

Sie sollten sicherstellen, dass Sie die Anzeichen des Ertrinkens erkennen. Denn bis die neunjährige Tochter mit letzter Kraft “Papa” sagte, hatte sie nicht einen einzigen Ton von sich gegeben. Das Ertrinken ist fast immer ein ruhiger und wortloser Vorgang. In der Realität wird selten gewunken, geschrien oder wie wild gestrampelt.

Das, was Menschen tun, um tatsächliches oder vermeintliches Ertrinken zu verhindern, hat Dr. Francesco A. Pia die instinktive Reaktion („The Instinctive Drowning Response“) genannt. Es gibt kein Geschrei, kein Gespritze und kein Gewinke.

Bedenken Sie Folgendes: Der Tod durch Ertrinken ist der zweithäufigste Unfalltod (nach Verkehrsunfällen) bei Kindern bis zu einem Alter von 15 Jahren. Auch im nächsten Jahr werden wieder Kinder ertrinken. Etwa die Hälfte wird in einer Entfernung von nicht mehr als 20 Metern von einem Elternteil ertrinken. Und in 10% dieser Fälle wird ein Erwachsener sogar zusehen und keine Ahnung davon haben, was da gerade geschieht.  Ertrinken sieht nicht aus wie ertrinken!

Auf folgende Anzeichen müssen Sie beim Baden achten

Dr. Pia erläuterte die instinktive Reaktion auf das Ertrinken in einem Artikel im Coast Guard´s On Scene Magazine:

In den meisten Fällen sind ertrinkende Menschen physiologisch nicht dazu fähig, Hilfe zu rufen. Da das Atmungssystem auf das Atmen ausgelegt ist und die Sprache die zweite/überlagerte Funktion darstellt, muss zunächst die Atmung sichergestellt werden, bevor die Sprachfunktion stattfinden kann.

Da sich der Mund beim Ertrinken unter der Wasseroberfläche befindet und nur kurzeitig wieder aus dem Wasser auftaucht, ist die Zeit für das Ausatmen, Einatmen und für einen Hilferuf zu kurz. Sobald sich der Mund einer ertrinkenden Person über der Wasseroberfläche befindet, wird schnell ausgeatmet und wieder eingeatmet, bevor der Kopf wieder unter Wasser abtaucht.

Ein Herbeiwinken ist nicht möglich. Die Arme werden instinktiv seitlich ausgestreckt und von oben auf die Wasseroberfläche gedrückt. Diese Schutzfunktion soll den Körper über der Wasseroberfläche halten, um weiter atmen zu können.

Eine bewusste Steuerung der Arme ist bei dieser instinktiven Reaktion auf das Ertrinken nicht möglich. Ertrinkende Menschen sind aus physiologischer Sicht nicht dazu fähig, das Ertrinken durch bewusste und gesteuerte Bewegungen abzuwenden. Ein Winken nach Hilfe ist also grundsätzlich nicht möglich.

Während der Dauer des Ertrinkens befindet sich der Körper aufrecht im Wasser.

In der Regel können sich Ertrinkende nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten, bevor sie untergehen. Nicht viel Zeit für einen Rettungsschwimmer. Selbstverständlich befindet sich eine Person, die schreiend und winkend um Hilfe ruft, in einer ernsthaften Situation. Anders als beim tatsächlichen Ertrinken, können sich die betroffenen Personen an Ihrer eigenen Rettung beteiligen und z.B. nach Rettungsleinen oder -ringen greifen. Dieser Zustand wird als Wassernotsituation bezeichnet. Eine Wassernotsituation muss nicht zwangsläufig vor einer instinktiven Reaktion auf das Ertrinken auftreten.

Weitere wichtige Anzeichen des Ertrinkens

Sie sollten unbedingt auf folgende Anzeichen des Ertrinkens achten:

Der Kopf ist nach hinten geneigt und unter Wasser. Der Mund befindet sich auf einer Höhe mit der Wasseroberfläche
Die Augen sind glasig und leer
Die Augen sind geschlossen
Die Haaren hängen vor Stirn und/oder den Augen
Der Körper befindet sich vertikal im Wasser – die Beine werden nicht bewegt
Der Ertrinkende beschleunigt die Atmung und kämpft nach Luft
Die Betroffene Person unternimmt den Versuch zu schwimmen, kommt aber nicht voran
Es wird versucht sich auf den Rücken zu drehen.

Sollte also ein Rettungsschwimmer plötzlich ins Wasser laufen und es sieht für Sie so aus, als wäre alles in Ordnung, täuschen Sie sich nicht. Der einfachste Hinweis des Ertrinkens wirkt nicht immer so, als würde jemand ertrinken. Seien Sie also vorsichtig. Wenn Sie sicher gehen wollen, dann fragen Sie die betreffende Person: “Geht es dir gut? Brauchst du Hilfe?”. Erhalten Sie eine Antwort, dann scheint es der Person wirklich gut zu gehen. Wenn nicht, dann bleiben Ihnen nur wenige Sekunden, um ihn zu retten.

Und noch ein Hinweis für alle Eltern: Kinder, die im Wasser spielen, sind laut und machen Lärm. Sollte es still werden, dann sollten Sie nachschauen, weshalb.


Übersetzungen/translations: Englishالعربية – Norsk 汉语 tiếng ViệtEspañolItaliano –  FrançaisMagyar –  PortuguêsromânăDeutschSuomiSvenska –  ČeštinaРусскоÍslenskaNederlandsελληνικά עברית –   Audio Version


Danke!
Der schon etwas ältere, in der Übersetzung von mir in einem Update etwas überarbeitete  Text ist von Mario Vittone (USA, Florida)(http://mariovittone.com/2011/05/ertrinken-sieht-nicht-aus-wie-ertrinken/)
Ich habe ihn bei Rettungstaucher.org gefunden – einer Seite der Rettungstaucher au dem Main-Taunus-Kreis.

[Foto: DLRG-Rettungsschwimmer auf Borkum;  Lorenz Teschner CC 2.0]

Eine Antwort to “Ertrinken sieht nicht aus wie ertrinken”

  1. Annette Goldschmidt said

    Ein guter Bericht, um jetzt gerade zur Badesaison auf dieses wichtige Thema aufmerksam zu machen.
    Ich hätte mir an dieser Stelle jedoch noch Hinweise zur Ersten Hilfe bzw. Rettungsmaßnahmen gewünscht.
    Ohne hier ausführlich darüber zu schreiben, möchte ich aber einen wichtigen Merksatz hinterlassen: „Jeder beinahe Ertrunkene, bzw.. jeder aus einer akuten Ertrinkungssituation Gerettete ist einem Arzt vorzustellen, da die Gefahr eines sekundären Ertrinkens besteht!
    Dazu z.B. Ein Bericht im Focus.

    https://www.focus.de/familie/videos/sekundaeres-ertrinken-unterschaetzte-gefahr-kinder-koennen-auch-nach-dem-schwimmen-noch-ertrinken_id_4776132.html

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