Zu Protokoll

29. Mai 2018

Ich gebe meine Ablehnung eines neuen Bauvorhandens zu Protokoll:

Denn einmal mehr berichte ich zum Umgang unserer Stadt mit ihren Baudenkmalen. An der sog. Tanzgalerie soll nämlich ein Anbau entstehen, der mit dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäudekomplex der ehemaligen Güterabfertigung der Hannoverschen Eisenbahn nicht in Einklang zu bringen ist. Für mich ist es ein absolutes Rätsel, weshalb „der Denkmalschutz“ ein solches Bauwerk durchwinken kann, zumal es in das Baudenkmal hineingebaut wird (s. Planskizze).

Das Vorhaben hat übrigens  nichts und nichts und nichts mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Betreiberin der Tanzgalerie zu tun, den Redakteur Thomas Pertz in den Mittelpunkt seiner Zustimmung stellt. Es geht allein um unsere Kultur, genauer: um Baukultur und die Frage, wie wir Baudenkmäler erhalten und bewahren – oder eben nicht.  Die Lingener Untere Denkmalschutzbehörde macht seit Jahren und Jahrzehnten nicht selten das Gegenteil von Denkmalschutz. Dies stellt sich mir als Arbeitsverweigerung dar.

Wenn ich dann noch sehe, welches Gebäude in das Baudenkmal geradezu hineingedrückt wird, dann stockt mir der Atem. Es ist von seinen Proportionen, von den Fensteröffnungen und den an Starwars-Landeplätze erinnernden Dachausbauten bis hin zu den Kunststoffschindeln an der Südseite ein völlig (!) misslungenes (!) Werk. Gerade seine Planer, die Lingener Architekten von WBR Wolbeck sollten sich bitte fragen, was sie dem Stadtbild zumuten und was sie da dem erstaunten Publikum vorstellen. Diese Frage ist umso gebotener, als  das WBR-Büro selbst in einem Baudenkmal ist.

Man erkennt zwanglos, dass der Denkmalschutz in Lingen von allem davon abhängt, wem eine Immobilie gehört. Deshalb ist der Grundsatz so wichtig, dass Baudenkmale nicht von der öffentlichen Hand veräußert werden dürfen; bei der z Tanzgalerie nutz7ngsgeönderten Güterabfertigung wurde dagegen verstoßen. Unsere Stadt hat aber wie alle Gemeinden in Niedersachsen „die besondere Pflicht, die ihnen gehörenden und die von ihnen genutzten Kulturdenkmale zu pflegen und sie im Rahmen des Möglichen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Deshalb darf die öffentliche Hand sie nicht privatisieren. Geschieht dies dennoch, haben wir in Lingen immer denselben Salat. Es wird spätestens nach 10, 15 Jahren umgebaut, die Zeitung bejubelt den Tatendrang der Investoren und alles wird genehmigt. Wie bei der Güterabfertigung.

Lieber Stadtbaurat Lothar Schreinemacher, es ist mir ausgesprochen rätselhaft, was da genehmigt wurde.

Denn in der Umgebung eines Baudenkmals dürfen Anlagen nicht errichtet werden, wenn dadurch das Erscheinungsbild des Baudenkmals beeinträchtigt wird. Zu dem Erscheinungsbild unserer historischen Güterabfertigungsgebäude zählen auch der vor dem Gebäude gelegenen An- und Abfahrbereich mit den Zufahrtsrampen. Sie werden zugebaut. Bauliche Anlagen in der Umgebung eines Baudenkmals sind aber so zu gestalten, daß keine solche Beeinträchtigung eintritt. Das neue Bauorhaben beachtet diese Gestaltungsanforderungen nicht  – nicht einmal die Bauflucht der historischen Güterabfertigung mit ihrem ersten und zweiten Bauabschnitt wird geschützt. Übrigens: Auch die dort geschaffenen „Studentenwohnungen“ direkt neben der lauten Bahnstrecke sind bauplanungsrechtlich zweifelhaft.

Noch eine Preisfrage zum Schluss: Derartige Planungen werden der Bevölkerung immer mit gaaaaanz viel Grün in den Planzeichnungen verkauft. So auch hier. Den Mitgliedern des Stadtrates wurde mit der Vorlage nämlich diese Gründarstellung übermittelt:

Für die Bevölkerung reichte dies offenbar nicht. Der für sie in der Lokalzeitung veröffentlichte Artikel enthielt flugs noch eine kleine Aufforstung. Siehst Du die Hecke, wo vier mal mehr Zypressen grünen? Guckst Du hier:

Was brauchen wir? Mehr genaues Hinschauen, mehr konsequenten Denkmalschutz ( auch wenn die Verantwortlichen selbst gern in der Tanzgalerie feiern!)  und einen Bebauungsplan für das Quartier zwischen Georg, Burg- und Rosemeyer-Straße, damit es nicht -wie an der alten Lingener Güterabfertigung- über die Krücke „Bauen im unbeplanten Innenbereich“ zu solch schlimmen Entwicklungen kommt.

 

(Bilder: Stadt Lingen, WBR)

2 Antworten to “Zu Protokoll”

  1. Michael said

    Zwei Fragen dazu:

    1. Warum stellt die Stadt Lingen nicht wesentlich mehr Bebauungspläne auf?
    Wenigstens einfache B-Pläne, die die Geschossigkeit und das Maß der baulichen Nutzung festlegen, könnten in relativ kurzer Zeit für das gesamte innere Stadtgebiet erlassen werden. Das würde Klarheit für alle Beteiligten schaffen und die teils extreme Ungleichbehandlung verschiedener Bauherren und Investoren beenden.

    2. Zu welchem Preis wurde damals die Güterabfertigung und das zugehörige Grundstück verkauft? Wurde die Möglichkeit, das Grundstück noch weiter zu bebauen eingepreist oder sind die mehrere Hundert Quadratmeter neue Wohn-/Nutzfläche jetzt quasi durch die Stadt subventioniert?

  2. Lars Schnelting said

    Sehr geehrter Herr Koop,

    ich bin nicht nur regelmäßiger Leser Ihres Blogs, sondern auch als angestellter Architekt im Hause WBR für den Entwurf dieses Objektes verantwortlich gewesen. Da Sie uns in diesem Artikel so direkt ansprechen, möchte ich dies natürlich nicht unkommentiert lassen.

    Zunächst einige Richtigstellungen:
    1. Auch mich nervt es, wenn in Architekturdarstellungen das Gebäude mit Pflanzen verdeckt wird. Man bekommt unweigerlich das Gefühl, dass etwas verheimlicht werden soll. Genau das Gegenteil ist hier geschehen: Es handelt sich hier um Fotografien, die ich selbst am 20.04.2018 gemacht habe. Unser Lingen ist tatsächlich so schön grün! Ich habe keine einzige Pflanze hinzugefügt, sie notfalls sogar so retuschiert, dass sie den Neubau gerade nicht verdecken.
    2. Das Gebäude wird nicht in die Tanzgalerie hinein gebaut – sie hat am Ende tatsächlich diese leicht verjüngte Kubatur. Der Neubau umschließt lediglich den aktuell als WC genutzten Bereich.
    3. Am Gebäude werden laut unserem Entwurf keine Kunststoffschindeln verwendet. Das gebietet neben den Brandschutzbestimmungen spätestens der gute Geschmack.
    4. Studentenwohnungen in direkter Nähe der Hochschule zu errichten ergibt sehr viel Sinn und die Platzierung neben einer Bahnlinie ist unzweifelhaft – Sonst gäbe es in Lingen nicht unzählige Beispiele dafür an beiden Seiten entlang der Bahnlinie. Um den heutzutage sehr streng formulierten Schallschutzanforderungen in Wohnungen gerecht zu werden, wurde eigens ein Gutachten angefertigt, welches zB in Teilbereichen zur 4-fach verglasten Fenstern geführt hat. Es ist objektiv rechnerisch nachgewiesen, dass es in den Wohnungen nicht zu laut werden wird.
    5. Der Entwurf wurde keineswegs „durchgewunken“. Wir haben über 1 Jahr an diesem Entwurf gearbeitet, viele Varianten entwickelt und diverse Gespräche mit der Leitung des Bauamtes, dem Stadtbaurat und dem Planung- und Bauausschuß sowie der unteren- und oberen Denkmalschutzbehõrde geführt.

    Bei all Ihren Zweifeln am Erscheinungsbild des Gebäudes tritt in den Hintergrund, was für uns essentieller Bestandteil war: Das Raumprogramm. Dort entsteht die Kostümgalerie! Hier werden in Zukunft die Kostüme des ehemaligen Kostümverleihs Wolf aus Leschede angeboten. Ein Laden braucht vor allem: viel ebenerdige Fläche – deshalb die etwas vorspringende Form. Diese sehe ich städtebaulich jedoch eher als Vorteil. Das wirklich sehr lange Bestandsgebäude erhält somit einen Schlusspunkt, welcher den schlauchigen Parkplatz vor der Tanzgalerie einfasst. Dieser endet bald nicht mehr in den halb verwitterten Baustoffen des Nachbarn.
    Zudem wird die Gebäudefront durch den Neubau aus „der zweiten Reihe“ wieder zurück an die Straßenkante geführt und schlägt somit die Brücke zu den nachfolgenden Gebäuden.

    In Material und Kubatur ist der Neubau definitiv an den Bestand angelehnt. Nur muss er natürlich deutlich machen, dass er aus dem Jahr 2018 stammt und natürlich auch die kommenden Bauprojekte im Umfeld im Blick haben: Die NOZ verwirklicht in direkter Nachbarschaft einen erheblich größeren Komplex und auch das Gelände des Baustoffhändlers wird auf kurz oder lang mit Sicherheit einer deutlich verdichteten Nutzung zugeführt. Am Ende wird unser Neubau der Kleinste an dieser Kurve sein.
    Die Architektursprache, welche im Moment sowohl zeitgenössische, als auch klassische Elemente enthält, wird in Zukunft als Bindeglied zwischen alt und neu fungieren.

    Ein Entwurf ist niemals ein einziger Akt, bei welchem man ausschließlich einen Faktor wie Denkmalschutz, Raumprogramm oder persönlichen Geschmack ins Auge fasst und drauf los zeichnet. Wenn überhaupt, ist dies der Startpunkt. Ein Entwurf ist immer ein Prozess, beeinflusst von unzähligen Faktoren. Am Ende steht immer ein Kompromiss, bei dem mal dem einen- mal dem anderen Faktor etwas mehr Gewicht zugesprochen wurde. Einen Königsweg gibt es selten.
    Hier muss ich daran denken, wie Sie während der Podiumsdiskussion vor der Wahl mit Herrn Krone über innerstädtische Nachverdichtung bzw Neubaugebiete im Außenbereich diskutierten: Ich erinnere mich, dass Sie (sehr richtig) für eine innerstädtische Nachverdichtung waren, aber wiederum keine Mehrparteienhäuser in alten Wohnsiedlungen haben wollten. Sie gerieten an dieser Stelle damals etwas ins straucheln – völlig nachvollziehbar, denn eine einfache, reibungslose Antwort in puncto Nachverdichtung gibt es, wie ich oben versucht habe zu erläutern, nicht.

    Ich freue mich, dass neue Projekte wie dieses in der Stadt öffentlich kritisch diskutiert werden. Das wird am Ende immer zu einer besseren Qualität führen.
    Diese Diskussion aber erst im Nachgang zu eröffnen dient vielleicht als Druckventil, ist aber wenig hilfreich. Konstruktiver wäre zB. die Einberufung eines Gestaltungsbeirates für die Stadt Lingen, wie es ihn zb in Oldenburg oder Münster gibt. Ein Gremium aus Architekten, Gestaltern, politischen und gesellschaftlichen Vertreten, denen ein Bauvorhaben von öffentlichem Interesse persönlich vorgestellt und mit dem die architektonische Qualität ggf weiterentwickelt und angepasst wird.
    Das ist sicherlich einen Gedanken wert.

    Mit freundlichem Gruß,
    Lars Schnelting

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