Propaganda

30. Januar 2018

Der Lingener Autor Christoph Frilling hat sich bereits wiederholt gegen ein Rosemeyer-Museum in der von Kaufmann Heinrich Liesen geplanten Form ausgesprochen. Er schreibt:

Die NS-Propaganda setzte Rosemeyer als eines ihrer „Leitbilder“ und „Vorbilder“ ein, die auch im Emsland als identitätsstiftende Trümpfe ausgespielt wurden.

Rosemeyer ließ sich bereitwillig von der NS-Propaganda vereinnahmen. Die Instrumentalisierung des Sports für politische bzw. ökonomische Zwecke war nicht neu, und sie gibt es natürlich auch heute noch.

Museen und Ausstellungen, die von Rosemeyer-Anhängern befürwortet werden, sind grundsätzlich fragwürdig. Wenn sie überhaupt realisiert werden, so müssen sie die Mechanismen und die Logik dieser Propaganda deutlich und durchschaubar machen, um zu verhindern, dass die Menschen erneut auf die gleichen Mechanismen hereinfallen. Museen dürfen keine Fortrführung dieser Propaganda stützen.

Erinnerungskultur ist eine Art des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft; sie zeigt den spezifischen Umgang einer Gesellschaft mit der Vergangenheit. Sie darf sich nicht auf die Präsentation technischer Errungenschaften beschränken, die von der Gesellschaft, die sie hervorbringt, losgelöst werden. Die Erinnerung muss zu einem Stoff des Nachdenkens weiterentwickelt werden. Sie darf nicht missbraucht werden, um einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen und den „weichen Schleier der Nostalgie“ über die Phasen der Vergangenheit zu leben, die als unangenehm empfunden werden. Dies würde notwendig zur Präsentation von „Erinnerungskitsch“ führen.

Solche Museen beanspruchen meistens eine Deutungsoffenheit, bieten also verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Die in ihnen präsentierten Exponate mit der ihnen innewohnenden ästhetische Qualität können für viele Rezipienten auch in der Gegenwart noch attraktiv (und dadurch verharmlosend) wirken.

Diese Museen laufen so Gefahr, für die Besucher die Option offenzuhalten, das NS-Regime so zu sehen, wie es gesehen werden wollte.

 

18 Antworten to “Propaganda”

  1. Hans Brinck (Jahrgang 1924) said

    Meine Gedanken und Überlegungen zu Bernd Rosemeyer und seiner Zugehörigkeit zur SS
    Bernd wurde am 14.10.1909 in Lingen in einem katholischen
    Elternhaus geboren und verlebte seine Jugendjahre an der
    Bahnhofstrasse (heute: Bernd-Rosemeyer-Strasse).
    Nach dem Schulbesuch erhielt er bei seinem Vater eine
    Ausbildung als Automechaniker. Sein fahrerisches Können zeigte
    er mit Kunststücken auf dem Motorrad.
    Schon bald war er auch bei Motorradrennen erfolgreich.
    Nach eigenen Angaben trat er 1932 der SS bei. Dieser Eintritt soll
    freiwillig gewesen sein. Was kann er für Gründe gehabt haben,
    dieser NS-Einheit beizutreten?
    Ich vermute, dass er dort in der als elitär geltenden Organisation
    seinen Berufswunsch als hauptberuflicher Rennfahrer
    verwirklichen zu können glaubte, also waren es finanzielle und
    keine parteipolitischen Gründe. In seiner späteren Laufbahn als
    Rennfahrer hat er oft seine Heimatstadt besucht. Da habe ich ihn
    auch einige Male gesehen, aber nie in der SS-Uniform, sondern immer in Zivilkleidung. (Übrigens: Gibt es ein Foto, das ihn in SS-Uniform zeigt?)
    Was kann man ihm nun vorwerfen?
    Sicher ist, das er Mitglied der SS war und dort einen hohen Rang hatte. Die Beförderungen nach seinen siegreichen Rennen waren also eine Anerkennung seiner sportlichen Leistungen und nicht seine Tätigkeit als SS-Mann. Bei seinem Eintritt (1932) stellten die Nazis noch nicht die Regierung. Zu diesem Zeitpunkt konnte also noch niemand wissen, was für Gräueltaten sie nach der Machtübernahme (1933) verüben würden. Selbst wenn er das später gewusst hätte, wäre ein Austritt aus der SS für ihn das
    Ende seiner sportlichen Laufbahn gewesen. Ihn heute als willfährigen und herausragenden Protagonisten der Nazis zu bezeichnen, finde ich nicht korrekt. Denn was sind dann z.B. die deutschen Olympiasieger von 1936, die mit dem Deutschen Gruss und des Singen des Horst-Wessel-Liedes dem Führer huldigten?
    Es ist doch klar, dass auch die Nazis Helden gebrauchten, und sportliche Erfolge der nordischen arischen Rasse waren dafür die beste Reklame. Aber Bernd hat seine Rennsiege nicht der Partei und der SS zu verdanken; sie waren seine persönlichen Erfolge aufgrund seines Könnens und seines Talents!
    Und für Gräueltaten der SS nach seinem Tod (1938) kann man Bernd nicht verantwortlich machen. Es gehört sich nicht, einen toten Sporthelden für Naziterror, Krieg, Holocaust und anderer Verbrechen mit verantwortlich zu machen, der gewiss nichts damit zu tun hatte und sich nun gegen diese Anwürfe nicht mehr verteidigen kann.
    Er hat meines Wissens nie Veranlassung gegeben, einen Menschen wissentlich geschädigt zu haben und hinterlässt demnach auch keine Opfer. Das war ihm auch nicht zuzutrauen nach einer Erziehung in einem gut katholischen Elternhaus.
    Bei einer Beurteilung seiner Tätigkeit im NS-Regime bekäme er, wie auch ich, von der Englischen Militärregierung sicher ein Entlastungszeugnis. Er war kein Täter, sondern nur ein Uniformträger, wie ich und viele andere es auch waren.
    In meinen Augen ist und bleibt er ein hervorragende Sportler, dem nicht nur Herr Liesen für die Einrichtung eines Museums, seiner Gedenkstätte zu danken ist, sondern der auch die Lingener Bevölkerung und auch der Stadtrat dafür ihre Unterstützung geben sollten.

      • Hans Brinck said

        Herr Koop,

        ich stelle fest, dass Sie von Nazi-Uniformen keine Ahnung haben.
        Da sollten Sie sich bei Google unter „Uniformen der SS“ die nötigen Kenntnisse holen.
        Auf Ihren Fotos ist niemand mit einer SS-Uniform zu sehen.
        Das Foto mit Bernd Rosemeyer zeigt ihn in seinem Rennfahreranzug gemeinsam mit dem NSKK-Korpsführer Adolf Hühnlein beim Singen der Nationalhymnen (Deutschland- und Horst-Wessel-Lied) mit erhobenem rechten Arm.
        Suchen Sie weiter nach Bernd Rosemeyer in SS-Uniform. Ich bin gespannt, was Sie da noch zu Tage fördern.

        • max koop said

          Ich habe lediglich dem auch hier verbreitetem Mythos widersprochen, dass er nie in Uniform und nie mit Insignien des NS-Regimes trug. Das ist unwahr.

          Vielleicht bin ich nicht so gut im Thema, wie jemand, der die Zeit miterleben musste, aber meine Ahnung reicht, um zu sagen, dass es sich hier um eine SA-Uniform handelt.

          https://mobile.twitter.com/moaxislaven/status/744170808633888769/photo/1

          Im NSKK war er ja nie? Und wenn doch, wozu dann die SS-Mitgliedschaft? Die im NSKK hätte ja gereicht, um Rennen zu fahren.

          ¯\_(ツ)_/¯

          Übrigens: Rosemeyer wurde in SS-Uniform beerdigt.

      • Kib said

        Wer von unseren Vorfahren ist ohne Schuld? Wohl den Familien in denen es so war….

        • Hans Brinck said

          Nicht nur unsere Vorfahren sind nicht ohne Schuld, auch wir sind nicht ohne Sünde.
          Deshalb gilt hier das Wort Johannes 8, 7:

          Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! Das metaphorische „Steine werfen“ auf andere Menschen, die einen Fehler begangen haben, ist ein Akt moralischer Verurteilung.
          Das muss man dann auch über die Personen sagen, die Bernd Rosemeyer allein durch seine Mitgliedschaft eine Mitschuld an den SS-Verbrechen machen.
          Da frage ich mich: Tragen damit auch die Gläubigen der katholischen Kirche eine Mitschuld an den Sexualverbrechen, die Priester und Ordensleute an Kindern begangen haben?

          Ich kann daher nur empfehlen: Hört auf mit Steine werfen!

  2. Es geht ja nicht um das Andenken an die Person Bernd Rosemeyer. Dazu sind Museen nicht da. Es geht um ein exemplarisches, vorbildhaftes Lebenswerk.
    In eine Partei und eine militärische Organisation einzutreten, die auch vor 1933 deutlich antidemokratische und totalitäre Ziele verfolgte, ist aus heutiger Sicht ganz klar nicht vorbildhaft. Da treten auch sportliche Leistungen in den Hintergrund. Wenn wir davon ausgehen, dass die Zugehörigkeit Rosemeyers zur NSDAP und SS seine tatsächliche politische und moralische Gesinnung nicht abbildete, bleibt der Ruch des Opportunismus, der sich ebensowenig als Maßstab – gerade für junge Menschen – eignet.
    Ich bin im Übrigen der Meinung, dass man Bernd Rosemeyer seine Irrungen durchaus verzeihen möge, aber widmen wir denen, denen wir verzeihen, Museen?

    • Bernhard Schulte said

      @ Peter Lütje
      Ihrer Sicht der Dinge stimme ich in vollem Umfang zu.
      Wenn der Rennfahrer so lange nach seinem Unfalltod noch immer ein hohes Ansehen genießt, dann deutet das auf eine maßlose und äußerst nachhaltige Heroisierung durch die Nazipropaganda hin. Nur so ist es zu erklären, dass 80 Jahre nach dem Tod die Nazi- und SS – Zugehörigkeit als unbedeutend in den Hintergrund verschoben wird. Der nette lingener Junge mit seinen lausbubenhaften Motorradkunststückchen auf dem Marktplatz hat angeblich nie eine SS – Uniform getragen und sich nur aus opportunistischen Gründen den Nationalsozialisten angeschlossen. Dieser Opportunismus ist aber sehr wohl zu hinterfragen. Wenn die Rennfahrerkarriere nur durch die
      SS – Zugehörigkeit möglich war dann stellt sich die Frage, wie es in der gleichen Naziepoche dem Boxer Max Schmeling möglich war, weder der NSDAP anzugehören noch der Aufforderung nachzukommen, sich von seiner tschechischen Frau und jüdischen Freunden zu trennen. Schmeling war also offensichtlich kein Nazifreund und machte trotzdem Karriere.

      • Hans Brinck ( said

        Max Schmeling war kein Nazi und er war für mich als Sportler ein grosses Vorbild. Er eignete sich wie auch Bernd Rosemeyer bestens für die Propaganda der Nationalsozialisten. Diese schätzten erfolgreiche Sportler sehr, konnte man sie doch prima einsetzen, um die angebliche Überlegenheit der deutschen Rasse unter Beweis zu stellen. In dieses Bild der Nazis passte Max Schmeling, Berühmt wurde Schmelings Boxkampf gegen den Amerikaner Joe Louis, einen schwarzen Boxer. Den Sieg Schmelings sahen die NS-Propagandisten als den Beweis der Überlegenheit der weißen Rasse und des Ariers über die schwarze Rasse.
        Hier einige Auszüge aus dem Nachruf der New York Times auf den Tod Max Schmelings (02.02.2005): „Die Nazis hatten Schmeling nach seinem Sieg über Louis umarmt und ihn als Beweis für die Überlegenheit der deutschen Rasse gepriesen. Schmeling trat nie selbst der NSDAP bei. Aber von dem Moment an, an dem Hitler 1933 an die Macht kam, hatte er versucht, den Nazis zu gefallen, Im April 1933 lud Hitler den Boxer ein, in der Reichskanzlei mit Hermann Göring, Josef Goebbels und anderen NS-Funktionären zu speisen. Im Juli, als Schmeling die tschechische Schauspielerin Anny Ondra heiratete, schickte Hitler dem Brautpaar einen japanischen Ahorn. Als Schmeling wegen einer Währungsverletzung in Schwierigkeiten geriet, hat Hitler die Dinge für ihn geregelt. „Ich hatte den Eindruck, dass bei ihm alles vielschichtig war und dass zu dieser Zeit noch einige positive Schichten zu finden waren“, schrieb später Schmeling über Hitler.
        Nach drei Siegen in Deutschland im Jahr 1935 wurden seine deutschen Kämpfe zu großen Nazi-Umzügen.
        Schmeling schrieb auch ein Vorwort zu einem Buch über Boxen, das von der Nazipartei veröffentlicht wurde und die Deutschen aufforderte, einen Boxstil zu entwickeln, der mit der Rassenideologie der Nazis vereinbar ist.
        Schmeling kehrte nach seinem Sieg über Louis triumphierend an Bord der Hindenburg nach Deutschland zurück, wo die Nazis das Luftschiff begleiteten, als es sich Frankfurt näherte. Die Prozession zog dann nach Berlin, wo Schmeling eines Tages mit Goebbels und Hitler speiste. Später, mit Schmeling an seiner Seite, beobachtete Hitler Filme des Kampfes und schlug ihm jedes Mal, wenn Schmeling zuschlug mit Freuden in die Hüfte.“
        Wie diese Auszüge zeigen, haben in der Hitler-Ära viele Sportler gute Mine zum bösen Spiel machen müssen, so auch Max Schmeling. Obwohl er kein Nazifreund war, hat er die Huldigungen der Nazis nicht abgelehnt. War er also auch ein Opportunist?

        • Bernhard Schulte said

          @ Hans Brink
          Bitte „auf dem Teppich bleiben.“ Es geht hier um Bernd Rosemeyer und nicht um Max Schmeling. Ich habe in meinem gestrigen Kommentar lediglich aufgezeigt, dass es in der Nazizeit offensichtlich nicht zwingend notwendig war, der NSDAP oder gar der SS anzugehören.
          Schmeling war auch ohne nationalsozialistische Förderung und Propaganda erfolgreich. Ob er „die Huldigungen“ von Göbbels und Co. einfach zur Selbsterhaltung so hinnahm, sei dahingestellt.
          Auf jeden Fall ist Schmeling der Beweis dafür, dass zur sportlichen Karriere nicht unbedingt die Aneignung der Naziideologie erforderlich war.

  3. Paul Haverkamp said

    Unangenehme Wahrheiten bedürfen einer ständigen Wiederholung

    Man kann es nicht oft genug wiederholen:

    Die vor allem vom Lingener Unternehmer Liesen betriebene Verharmlosung der politischen Verstrickungen Rosemeyers mit dem NS- bzw. SS-System gilt es immer wieder in den Mittel- bzw. Vordergrund zu rücken.

    Hinzuweisen gilt es immer wieder auf die von Rosemeyer sen. gezeigte Ignoranz gegenüber den schon vor 1938 von der SS begangenen Gräueltaten und seine zugleich von jeder Nachdenklichkeit und jedem kritischem Hinterfragen des SS-Systems ungetrübten Einstellung. Wenn Rosemeyer gewollt hätte, die Gräueltaten der SS vor 1938 zur Kenntnis zu nehmen, so hätten sich zahlreiche Anlässe geboten; doch offensichtlich wollte Rosemeyer von den im Folgenden von mir aufgelisteten Gräueltaten keine Kenntnis nehmen. Sein von Narzissmus und Obsession gesteuerter Drang, sich mit Hilfe eines totalitären und Menschen verachtenden Systems zum „Sonnenkönig“ der Rennfahrergeschichte krönen zu lassen, war wohl stärker als seine Bereitschaft zu kritischer Reflexion bezüglich seiner SS-Mitgliedschaft und zur Abwägung von christlichen Grundwerten, in deren Mittelpunkt Menschlichkeit, Menschenwürde und die Gleichheit aller Menschen stehen. Hier nun die Auflistung der SS-Verbrechen vor 1938:

    • Bereits vor 1933 terrorisierten SS-Leute nazifeindliche Personen, führten Saal-Schlachten durch und waren beseelt von dem Auftrag, alle Gegner Hitlers entweder mundtot zu machen oder sie politisch zu eliminieren. Die SS überwachte mit Hilfe von Spitzeln die Bevölkerung und ging mit Verhaftungen, Folter und Mord gegen politische Gegner vor.

    • Vor seiner SS-Mitgliedschaft war Rosemeyer bereits SA-Mitglied. Diese SA – in Verbindung mit SS-Leuten – ließ Hitler als „Ordnungsdienst“ einsetzen, als er den Reichstag am 23. März 1933 das Ermächtigungsgesetz in der Krolloper beschließen ließ. Dieser „Ordnungsdienst“, der Spalier bildete beim Einzug in die Krolloper, machte jedem noch verbliebenen Abgeordneten klar ( 81 KPD-Abgeordnete waren bereits vom Reichstag ausgeschlossen worden) , dass ein Nein bei der Abstimmung die sichere Verhaftung bedeutete. Otto Wels (SPD): „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“

    • Im Zuge der „Röhm-Affäre“ erschoss Rosemeyers SS-Kamerad Theodor Eicke, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, am 1. Juli 1934 Ernst Röhm in Stadelheim

    • Im Zuge der „Röhm-Affäre wurden von Rollkommandos der SS und des SD neun weitere Personen erschossen und ermordet: Kurt v. Schleicher und seine Ehefrau, Gregor Strasser, Ferdinand von Bredow, Herbert von Bose, Edgar Jung, Erich Klausener, Eugen von Kessel und Othmar Toifl.

    Unmittelbar nach der Errichtung der ersten drei Emslandlager im Sommer 1933 verbreiteten die SS-Bewacher von Juli bis November 1933 einen derart „wilden“ Terror, dass der SS das Kommando wieder entzogen wurde. Im April 1934 wurde der SS die Verfügungsgewalt für das Lager Esterwegen zurückgegeben. Jetzt führte die SS in Esterwegen einen „geregelten“ Terror durch – nach einer „Besonderen Lagerordnung“ sowie einer speziellen „Disziplinar- und Strafordnung“. Das Konzentrationslager bestand das Lager Esterwegen bis 1936.

    • Hat Rosemeyer auch von all den folgenden Dingen nichts gewusst, obwohl das KZ Esterwegen vor seiner „Haustür“ lag?

    • Wie hat er sich wohl gefühlt als SS-Hauptsturmführer, dessen Kameraden in Esterwegen für die Inhaftierten die Hölle auf Erden organisierten?

    • Waren seine moralisch-ethischen und religiösen Antennen in dieser Zeit ausgeschaltet, da er angeblich nur „Benzin im Blut“ gehabt hat?

    Von den barbarischen Unrechtstaten vor der Haustür von Rosemeyer hätte derselbe auch wissen können; aber er wollte sie wohl nicht wissen, um die Ehre seiner SS-Kameraden in Esterwegen nicht zu beschädigen.

    • 1934 erfolgt die Inhaftierung Carl von Ossietzkys, der 1933 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, vom Konzentrationslager Sonnenburg nach Esterwegen. 1935 besuchte der Abgesandte des IRK, Carl J. Burkhardt, den Redakteur der „Weltbühne“. Über die Begegnung schrieb Burghardt u.a.:

    • „Nach 10 Minuten kamen zwei SS-Leute, die einen kleinen Mann eher schleppten und trugen als ihn heranführten. Ein zitterndes totenblasses Etwas, das gefühllos zu sein schien, ein Auge geschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen. Er schleppte ein gebrochenes, schlecht ausgeheiltes Bein nach sich … Vor mir, gerade noch lebend, stand ein Mensch, der an der äußersten Grenze des Tragbaren angelangt war … Jetzt füllte sich das noch sehende Auge mit Tränen, lispelnd unter Schluchzen sagte er:

    „Danke, sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vorüber, bald aus. Das ist gut.“

    Carl von Ossietzky starb am 4. Mai 1938.

    • Am 7.8.1935 protestierte der Berliner Domkapitular Lichtenberg in einem Brief an das Preußische Staatsministerium gegen die Misshandlungen der Gefangenen im Konzentrationslager Esterwegen; sein Gewissen lässt ihm keinen Platz mehr, Mund und Ohren zu verschließen; er ist nicht mehr bereit, den „wilden Gerüchten“ keinen Glauben zu schenken. Er beschreibt bis in alle Einzelheiten Methoden der SA-Wachmannschaften im KZ-Esterwegen, wie diese die Gefangenen schlagen, foltern, töten.

    Lichtenberg schreibt u.a.:

    „Die Vollstreckung der Prügelstrafe erfolgt zum Beispiel im Lager Esterwegen bei Papenburg in folgender Weise :

    Die Häftlinge müssen im Karree antreten. Die vierte Seite des Karrees nimmt die Wachtmannschaft ein. Von einem Führer der Wachtmannschaft wird der Strafbefehl verlesen, worin es heißt, dass der Häftling sowieso zur Prügelstrafe verurteilt ist und 25 Stockschläge bekommen soll.
    Die Strafbefehle sind in jedem einzelnen Fall von dem SS-Gruppenführer Eicke Gestapo Berlin gezeichnet, dessen Name auch stets mitverlesen wird. Der zu Bestrafende wird auf einem im Karree aufgestellten Bock mit Lederriemen festgeschnallt. Die Vollstreckung erfolgt mit einem Ochsenziemer, während der Delinquent die Hiebe selbst mitzählen muss.

    Der Schutzhaftgefangene A. aus der Gruppe der Berufsverbrecher hatte am 6.Juni Termin vor dem ordentlichen Gericht wegen Taschendiebstahls. Zu diesem Zweck wurde er am letzten Sonntag im Mai im Lager noch einmal vernommen. Dabei soll sich A. geäußert haben, er würde die Missstände in der Lagerverwaltung , die Unterschlagungen eines Kalfaktors F. und sonstige Vorgänge im Termin zur Sprache bringen. Am Tage darauf wurde A. nach den allgemeinen Regeln der Lagerverwaltung geschliffen. Dabei musste er langhingestreckt auf dem Erdboden rollen; während er sich in der rollenden Haltung auf dem Erdboden fortbewegte, sind auf ihn aus einer Maschinenpistole 30 bis 40 Schuss abgefeuert worden. Von acht Schüssen in der Brust getroffen wurde A. dann tot in die Baracke getragen.

    Der Schutzhäftling Schäfer (oder Käfer) erhielt von einem Wachtmann den Befehl, sich allen Außenposten des Lagers zu melden und jedem Posten einzeln zu sagen, ich habe einen SA-Mann erschossen. Der Befehl wurde ausgeführt. Abends um 5.15 Uhr wurde der Mann durch zwei Gewehrschüsse erledigt.“
    Lichtenberg musste seinen Widerstand mit dem Tode im Strafgefängnis Tegel im November 1943 bezahlen.
    Mit Nachdruck gilt es auf die Bedeutung der „Mitläufer“ und vor den Gefahren einer Bagatellisierung hinzuweisen; denn genau diese „Mitläufer“ tragen die Hauptverantwortung für die Ermöglichung eines zwölfjährigen Terrorsystems. Obwohl Rosemeyer gewiss nicht zu der Personenkategorie der Shoa-Täter gehört, so wird man dennoch festhalten dürfen, dass Rosemeyer eine mangelnde Bereitschaft gezeigt hat, die Verantwortung für sein eigenes Handeln zu reflektieren. Götz Aly schrieb in einem Zeitungsbeitrag mit dem Titel „Wir sind leider vor allem noch immer Mitläufer“ 2015: „Statt historischer Tatsachen haben angenehme Selbstbilder Konjunktur“.

    Der von Aly als „angenehme Selbstbilder” beschriebene Versuch einer Exkulpation hat auch in Lingen Einzug gehalten, befeuert von Liesen/Rosemeyer jun. in der Zeitschrift “Pitwalk”; die hier abgedruckten Unwahrheiten zur Entpolitisierung und Enthistorisierung Rosemeyers sind leicht zu durchschauen und sollten wohl als Camouflage – unterlegt mit Exkulpationsabsichten – eines sehr wohl politisch involvierten Mitläufers dienen. Man schaue sich nur die Bilder und Personen seiner Begräbnisfeier an. So hatte Liesen z.B. in „Pitwalk“ die Mähr verbreitet:

    • dass Rosemeyer jüdischen Mitbürgern zur Flucht verholfen habe
    • dass Dr. Remling sich von der Mitarbeit im geplanten Museum hätte überzeugen lassen
    • dass im Lingener Stadtarchiv Tagebücher Rosemeyer unter Verschluss gehalten würden
    • dass Lingens Oberbürgermeister Krone positiv einer Museumsgründung gegenüberstehe
    Liesen hatte gegenüber der LT formuliert: „Wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass Bernd Rosemeyer unpolitisch war, würde ich mich nicht so engagieren“. Deutlicher kann man das Ziel der Entpolitisierung Rosemeyers nicht formulieren.

    Vor einigen Tagen haben wir den Holocaust-Gedenktag begangen. Abschließend möchte ich deshalb einige grundsätzliche Gedanken zur Erinnerungskultur äußern:

    • Eine Schlussstrichdebatte darf es in Deutschland niemals geben. Erinnern ist und bleibt eine unverzichtbare Aufgabe. Die Erinnerung an die barbarische Naziherrschaft darf nie aus der DNA eines Deutschen verschwinden, weil wir nur so eine Chance haben, einer Wiederholung dieser Zustände entgegenzuwirken. Erinnerung bleibt somit um der Gestaltungsmöglichkeit einer humanen und friedlichen Zukunft willen das unverzichtbare Element eines jeden aufrechten Demokraten – das Gebot der Erinnerung muss zu einem Gebot der Staatsräson erhoben werden , zu einem Gebot der „Raison d’Être“ der Bundesrepublik Deutschland!

    • Auschwitz ist und bleibt für immer das Symbol für den Holocaust, den systematischen Mord an den Juden Europas. Das größte deutsche Konzentrationslager ist Sinnbild für das Leid, das Menschen anderen Menschen zugefügt haben und immer wieder zufügen können.

    • Natürlich darf es gegenüber den nach 1945 Geborenen nicht den leisesten Verdacht geben, dass man mit der Keule „Kollektivschuld“ die Nachkriegsgeneration für ewige Zeiten in Büßerkleidung stecken und in Haftung nehmen möchte. Alle Shoa-Opfer, die noch heute der jungen Generation von ihren Leiden erzählen, betonen immer wieder, dass diese junge Generation keinerlei Schuld trifft. Doch mit der gleichen Leidenschaft betonen sie, dass diese Generation eine Kollektivverantwortung hat, dass sich die Hölle auf Erden zwischen 1933-1945 nie wiederholen darf. Alle Holocaust-Gedenkfeiern müssen sich von dieser Leitidee bestimmen lassen. Das bleibt für einen jeden ein zu löschendes Vermächtnis!

    • Die Beispiele aus jüngster Zeit sind alarmierend, wenn z.B. Neonazis mit menschenverachtenden Parolen durch die Straßen ziehen, wenn Flüchtlinge bedroht werden und ihre Unterkünfte in Flammen aufgehen oder wenn Juden sich nicht trauen, ihre Religionszugehörigkeit zu zeigen. Oder wenn, wie in jüngster Zeit geschehen in Sachsen-Anhalt ein Bürgermeister zurücktritt, weil er von Neonazis in seiner Privatsphäre bedroht wird, wenn ein Landrat unter Polizeischutz gestellt werden muss oder wenn es Gegenden gibt, die als „no go areas“ bezeichnet werden, in denen Neonazis das Sagen haben und Polizei und Justiz quasi kapitulieren vor dem Bedrohungsszenario der Neonazis.

    • Die Relativierer und Verharmloser deutscher Hauptverantwortung und Hauptschuld sind auch heute noch allgegenwärtig. Eine große Mehrheit von 77 Prozent stimmte vor nicht allzu langer Zeit der Aussage zu, ‚man sollte die Geschichte ruhen lassen‘. Chauvinismus, Xenophobie, Nationalismus, Rassismus und Ethnizismus führen zu einem sich wiederholenden „Auschwitz“. Bei jeder Gedenkfeier müssen die von diesen Einstellungen ausgehenden Gefahren – auch vor dem Hintergrund heutiger politischer Verhältnisse – eindeutig benannt werden.

    Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, das Thema „Auschwitz“ zu einem Ankerpunkt des Nicht-Vergessens zu machen!

    Paul Haverkamp, Lingen

  4. Paul Haverkamp said

    Sehr geehrter Herr Koop!

    Ich bedauere außerordentlich, dass Sie sich weigern, meinen eingestellten Beitrag freizuschalten.

    Mit freundlichem Gruß!

    Paul Haverkamp

    • Sie irren, Herr Haverkamp. Ihr Beitrag war / ist sooooo lang, dass ihn (nicht ich sondern) die Automatik von WordPress als SPAM eingestuft hat. In den SPAM-Ordner schau’ ich nun aber nicht täglich hinein; denn ich habe Wichtigeres zu tun. Schreiben Sie künftig gern kürzer, dann passiert das Malör nicht. 😏

  5. Hans Brinck (Jahrgang 1924) said

    Sehr geehrter Herr Haverkamp,

    Sie unterstellen Bernd Rosemeyer, dass er von den Verbrechen der Nazis gewusst hat und nehmen ihn dafür in Sippenhaft. Dieses Wissen könnte man aber auch den katholischen Bischöfen unterstellen. Da finde ich im Internet folgende Hinweise:
    Der Münchner Kardinal Michael Faulhaber schrieb an Hitler: „Uns kommt es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler.“ Schnell, aber zu spät begriffen einige Bischöfe, welchen Preis sie für ihren Pakt mit dem Teufel zahlen würden. Die meisten blieben blind. So ermahnte der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning 1936 beim Besuch von Konzentrationslagern die aus religiösen Gründen eingekerkerten Gefangenen zum Gehorsam gegen den Staat und verabschiedete sich mit einem dreifachen „Sieg Heil“.
    War es bei dem gebürtigen Lingener Bischof Berning auch Ignoranz, wie Sie es für Rosemeyer behaupten?
    Im April 1933 begrüßte er mit anderen deutschen Bischöfen den neuen, nationalsozialistischen Staat und forderte alle Gläubigen zur Ehrfurcht und zum Gehorsam für das neue System. Berning steckte in dieser Zeit in dem Dilemma zwischen der Gehorsamspflicht des Christen gegenüber der staatlichen Obrigkeit einerseits und dem Kampf gegen die christenfeindliche Weltanschauung der NSDAP entscheiden zu müssen. Nach einem Treffen mit Adolf Hitler am 26. April 1933 äußerte er die Hoffnung, dass „die Sittlichkeit gehoben und der Kampf gegen Bolschewismus und Gottlosigkeit“ geführt werde. Im Juli 1933 ernannte ihn Hermann Göring zum Preussischen Staatsrat. Berning ließ anschließend in einer Presseerklärung verlauten: „Die deutschen Bischöfe haben schon längst den neuen Staat bejaht … In diesem Sinne werde ich nichts unversucht lassen, dem neuen Staat nicht allein mit Worten Beweise meiner Treue zu geben“. Mit diesem Amt verband Berning das Ziel, die Freiheit der Kirche gegenüber dem Staat zu sichern.

    Dieses Beispiel zeigt, dass man hier einem jungen Rennfahrer mehr Wissen und Kenntnisse zumutet als einem studierten und gereiften Kirchenführer. Ich finde das Bernd Rosemeyer gegenüber unfair und erwarte, dass man ihn für diese Jugendsünde (SS-Mitgliedschaft), die ohne persönliche Schuld blieb, nicht länger in Sippenhaft nimmt.

    • Paul Haverkamp said

      Zur Schuld des deutschen Episkopats in den Jahren 1933-1945

      Über die Haltung der Kirche zum Aufstieg Hitlers findet sich in den Papieren des päpstlichen Geheimarchivs eine Fülle von Vermerken. Den meisten deutschen Bischöfen war die liberale Weimarer Republik fremd geblieben. Doch dem Triumphzug der Nazis stellten sich Rom und der deutsche Episkopat zum Teil offen entgegen.

      Das Ordinariat Mainz verbot den Katholiken 1930 die NSDAP-Mitgliedschaft und erklärte, Nationalsozialisten dürften die heiligen Sakramente nicht empfangen. Die anderen Ordinariate schlossen sich an.

      1931 begründete die Berliner Bistumsverwaltung gegenüber NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels die ablehnende Haltung in einem Brief, dessen Abschrift das Vatikanarchiv aufbewahrt: „Der deutsche Episkopat hat … festgestellt, dass führende Vertreter des Nationalsozialismus die Rasse höher stellen als die Religion, dass sie die Offenbarungen des Alten Testaments ablehnen, dass sie den Primat des Papstes nicht gelten lassen.“

      Zwar wählte bis Ende 1932 nur jeder siebte Katholik Hitlers Partei, doch dem Heiligen Stuhl war auch das zu viel. Der vatikanische Nuntius in Berlin, Orsenigo , berichtete Anfang 1933: „Leider muss ich berichten, dass die Anweisungen des Episkopats nicht das Resultat zeigen, das man erwartet; vor allem die jungen Studenten widersetzen sich.“

      Als Reichskanzler setzte Hitler umgehend den Rechtsstaat außer Kraft und ließ Tausende Kommunisten verhaften und teilweise foltern. Offenkundig war es gerade das brachiale Vorgehen gegen die KPD, das dem neuen Machthaber die Sympathien des Antikommunisten in Rom eintrug.

      Er habe seine Meinung korrigiert, so erklärte der Papst Anfang März 1933 einem Gesprächspartner: „Der Hitler ist der erste und einzige Staatsmann, der öffentlich gegen die Bolschewisten spricht.“ Dem so Gelobten ließ er ausrichten, dass er dessen „entschiedenes Vorgehen“ anerkenne. Für Hitler ergab sich damit eine einmalige Chance. Die Katholiken im Reich fühlten sich dem Zentrum verbunden, einer konfessionellen Volkspartei, die bis 1932 in jeder Weimarer Regierung vertreten gewesen war. Hitler wollte das Zentrum nun zerschlagen, um die katholischen Wähler für sich zu gewinnen. Das sei nur möglich, wenn die Kurie die Partei „fallen lasse“. Den Vatikan lockte er im März 1933 mit der Aussicht auf ein Reichskonkordat, für das es während der Weimarer Republik im Reichstag keine Mehrheit gegeben hatte.

      Deutschlands Katholiken, ungefähr ein Drittel der Bevölkerung, unterhielten ihre eigenen Verbände und Gewerkschaften, Verlage und Vereine. Der Papst wünschte sehnlichst, diese mit einem Reichskonkordat vor dem Zugriff des Staates zu schützen und den Einfluss seiner Kirche, insbesondere auf die Erziehung, zu wahren.

      Für ein solches Vorgehen gab es einen Präzedenzfall. 1929 hatte Pius XI. von Italiens Diktator Benito Mussolini eine Bestandsgarantie für den Einfluss der Kirche in gesellschaftlichen und religiösen Fragen erhalten. Der Vatikan stimmte dafür dem Verbot aller politischen Tätigkeiten für Geistliche ausdrücklich zu; Mussolini löste den Partito popolare, eine dem Zentrum vergleichbare Partei, auf.

      Diesen Deal mit Hitler zu wiederholen – dazu waren Pius XI. und Pacelli bereit. Allerdings mussten vorher die deutschen Bischöfe ihr Verdikt gegen den Nationalsozialismus zurücknehmen.

      In Rom liefen damals beunruhigende Berichte aus Berlin ein. Am 22. März meldete Nuntius Orsenigo : „Es lässt sich leider nicht bestreiten, dass die Katholiken, bis auf wenige Ausnahmen, sich dem neuen Regime mit Enthusiasmus zugewandt haben.“ Kurz darauf schrieb er: „Es ist schon jetzt äußerst schwierig, die Masse der Sympathisanten davon abzuhalten, Mitglied der NSDAP zu werden. Es besteht bereits die Gefahr, dass die katholischen Vereine geschlossen NSDAP-Mitgliedsausweise beantragen.“

      Heute weiß man, dass Orsenigo, der zeitweise mit den Nazis sympathisierte, übertrieb. Deutschlands Katholiken waren für den Nationalsozialismus deutlich weniger empfänglich als die Protestanten. Damals freilich müssen die Nachrichten aus Berlin die Kompromissbereitschaft im Kirchenstaat noch erhöht haben. Die Laien liefen angeblich in Scharen zu den Nazis über, zugleich signalisierte das Regime Entgegenkommen – mit „ein bisschen gutem Willen“, folgerte Nuntius Orsenigo, müssten doch die deutschen Oberhirten ihre „bedauerlichen Streitigkeiten“ mit den Nazis beilegen können.

      Und das taten sie dann auch. Am 28. März nahm die Fuldaer Bischofskonferenz ihre „allgemeinen Verbote und Warnungen“ hinsichtlich der NSDAP zurück und ermahnte die Katholiken zu Treue gegenüber der „rechtmäßigen Obrigkeit“. Anfang April begannen die Konkordatsverhandlungen zwischen Hitler und dem Papst.

      Mit peinlichen Ergebenheitsadressen huldigten schon bald deutsche Bischöfe dem „Führer“. Nur der spätere Berliner Oberhirte Konrad von Preysing und wenige andere erkannten hellsichtig, dass Hitlers Weg in Krieg und Völkermord führte.

      Welche Rolle spielte in jenen entscheidenden Tagen der Mann, der viele Jahre als päpstlicher Botschafter in Deutschland gelebt hatte und nun in Rom auf einer Schlüsselposition saß? Pacellis Verteidiger behaupten bis heute, der spätere Papst habe mit der Selbstgleichschaltung seiner Glaubensbrüder nichts zu tun gehabt. Die Akten bieten ein anderes Bild.

      Die erste Nachricht an Pacelli über den sich abzeichnenden Kurswechsel der deutschen Bischöfe leitete Orsenigo am 26. März mit dem Hinweis ein, er glaube, dem Kardinalstaatssekretär „eine Freude machen“ zu können; offenkundig wünschte Pacelli den Schwenk.

      In der gleichen Akte findet sich ein handschriftlicher Entwurf Pacellis, den dieser verfasst hatte, bevor ihn Orsenigo von der Wende des Episkopats informierte. Darin wies Pacelli den Botschafter an, die deutschen Bischöfe „vertraulich und mündlich“ daran „zu erinnern, dass es vernünftig ist, neue Direktiven auszugeben“. Pacelli muss den Kirchenfürsten nördlich der Alpen also schon zuvor signalisiert haben, dass er einen neuen Kurs befürworte.

      Er hätte Hitler kaum einen größeren Gefallen tun können. Wohl keinem Vertrag widmete der Diktator so viel Zeit wie der Vereinbarung mit dem Heiligen Stuhl: Sie sollte den „kleinen Gefreiten“ des Ersten Weltkriegs auch im Ausland salonfähig machen; und das gelang.

      Das Konkordat habe „eine Vertrauenssphäre geschaffen, die bei dem vordringlichen Kampf gegen das internationale Judentum besonders bedeutungsvoll“ sei, jubilierte Hitler in der Kabinettssitzung am 14. Juli 1933, sechs Tage nach der Paraphierung des Vertrags und neun Tage nachdem sich das Zentrum unter dem Druck der Nazis selbst aufgelöst hatte.

      Dass der Pontifex mit dem braunen Führer verhandelte, aber gleichzeitig dessen Hetze gegen die Juden ablehnte, bezeugt die eigentümliche Ambivalenz der vatikanischen Diplomatie. Der Schlingerkurs führte unweigerlich in eine Mitverantwortung für die dauerhafte Etablierung der Hitler-Diktatur.

      Ansätze, dem Treiben der Nazis klar entgegenzutreten, waren immerhin vorhanden. Pius XI. hatte schon 1928 den „Hass gegen das vor Zeiten von Gott erwählte Volk, den man Antisemitismus nennt“, öffentlich „besonders verurteilt“. Im August 1933 bezeichnete er die Judenverfolgung durch die Nazis als eine „Beleidigung nicht nur der Moral, sondern auch der Kultur“.

      Nach dem Boykott von Geschäften deutscher Juden am 1. April schrieb Kardinalstaatssekretär Pacelli dem Berliner Nuntius, es sei in der Tradition des Heiligen Stuhls, seine „universale Botschaft des Friedens und der Barmherzigkeit allen Menschen zuzuwenden, aus welchen sozialen Verhältnissen sie auch kommen mögen und welcher Religion sie auch angehören“.

      Vor allem aber ging es dem Vatikan um die eigenen Leute. Noch ehe das Abkommen mit Berlin unterschrieben war, gingen im Kirchenstaat Berichte über Attacken auf katholische Geistliche ein. Er habe genug davon, schimpfte der Papst, dass in Rom mit den Nazis „verhandelt“ werde und in Deutschland seine Priester „misshandelt“ würden. Das Reichskonkordat sollte auch als Schutzwall wirken. Eine Pistole, erklärte Pacelli, sei „gegen meinen Kopf gerichtet worden“ – da habe er für das Wohl seiner Klientel keine Alternative gesehen.

      Es war das Gefühl von Schwäche und Erpressbarkeit, gepaart mit der Hoffnung, Hitler werde vielleicht doch noch auf die Interessen der römischen Kirche ähnlich Rücksicht nehmen wie Mussolini, die den Vatikan fortan schweigen ließ.

      Zwar schickte Pacelli fast jeden Monat Briefe, Memoranden, Noten an Hitlers Diplomaten, in denen er gegen Angriffe auf die katholische Kirche und gelegentlich gegen den Antisemitismus protestierte. Die „Verabsolutierung des Rassegedankens“ sei „ein Irrweg, dessen Unheilsfrüchte nicht auf sich warten lassen werden“, mahnte er etwa in einem Promemoria an die Reichsregierung vom 14. Mai 1934. Aber: Nach außen drang davon nichts.

      Zur Rolle Pacellis und des mit den Nazis ausgehandelten Konkordats stellt Hans Küng in seinem Buch „Umstrittene Wahrheit“ folgendes fest :

      Sowohl Rom als auch der deutsche Episkopat haben angesichts dieses zwischen Nuntius Eugenio Pacelli (später Pius XII.) und dem Dritten Reich unmittelbar nach Hitlers ‚Machtergreifung’ am 20. Juli 1933 geschlossenen völkerrechtlichen Vertrags ohnehin ein schlechtes Gewissen. Der Vatikan hat um problematischer innerkirchlicher Vorteile willen als erste ausländische Macht dem Nazi-Regime Ansehen und Prestige verschafft. Zugleich hat er bis 1945 von einer ausdrücklichen Verurteilung des Nationalsozialismus abgesehen und hat selbst gegen den Holocaust, das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, jeglichen öffentlichen Protest vermieden. Und der deutsche Episkopat hat nach dem Konkordatsabschluß den deutschen Katholiken 1933 signalisiert, dass man jetzt vor dem vorher heftig bekämpften Nationalsozialismus, trotz dessen wohlbekannten nationalistisch-rassistischen Programms und trotz aller von Anfang an verübten Terrorakte, kapituliert. Man hat sich mit dem totalitären Regime arrangiert und so dem Widerstand des katholischen Klerus und Volkes das Rückgrat gebrochen. Während der ganzen Zeit des Nationalsozialismus hat der deutsche Episkopat kein öffentliches Wort für die Juden (und auch kaum eines für die nicht wenigen verhafteten katholischen Priester und Laien) gewagt. Noch zum letzten Geburtstag im Jahre 1945 unmittelbar vor Kriegsende sendet der gefügige Präsident der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Bertram, dem ‚Führer’ ein herzliches Gratulationsschreiben.“ (S.663)

      Die Frage nach der Schuld der katholischen Kirche im Allgemeinen und der derjenigen von Pius XII. im Besonderen ist bis in die jüngste Gegenwart hinein immer wieder gestellt worden. Festzuhalten bleibt, dass Pius XII. als Friedensvermittler bereit stehen wollte und deshalb seine offiziellen Neutralität nicht zur Disposition stellen wollte. Das kostete moralische Opfer, nach Meinung des englischen Historikers Owen Chadwick zu große : „Die Vorbedingung für eine erfolgreiche (Vermittlung) war der Ruf, aufrichtig als Hirte der Christenheit echt besorgt und neutral zu sein. Pius XII. gelang es, diesen Ruf zu erwerben. Aber der Status der Neutralität zu erreichen, war nicht ohne Opfer möglich, und dieses Opfer wuchs, je mehr der Krieg sich verschlimmerte. Es bestand darin, dass der Papst in Öffentlichkeit schwieg und höchstens ganz allgemein sprach.“

      Aber – so Chadwicks letztes Urteil – nicht abwägende Diplomatie, sondern ein Aufschrei wäre nötig gewesen: „Es kann Augenblicke geben, ….wo nicht in erster Linie Weisheit gefragt ist, sondern wo eine moralische Situation – zum Teufel mit der Weisheit! – einen Gefühlfühlsausbruch verlangt.“

      Diesem Urteil des englischen Historikers möchte ich ausdrücklich zustimmen.

      Der Vatikan hat manches unternommen, um die Vorwürfe zu entkräften. Rund 5000 Dokumente aus der Kriegszeit wurden zwischen 1965 und 1981 veröffentlicht. Außerdem ließ Johannes Paul II. unabhängige Forscher erstmals die Papiere sichten, die päpstliche Archivare in den dunklen Schachteln der Nuntiaturen München und Berlin oder in den grünen Mappen mit der Aufschrift „Sacra Congregazione degli Affari Ecclesiastici Straordinari“ (AES) aufbewahren.

      Die bisher einsehbaren Papiere entlasten den Vatikan von den schlimmsten Verdächtigungen. Weder sympathisierten die Päpste mit den Nazis, noch war der Kirchenstaat Hort eines mörderischen Antisemitismus.

      So findet sich in den Unterlagen etwa ein Bericht vom April 1933. Der damalige Nuntius in Berlin, Erzbischof Cesare Orsenigo, bezeichnet darin kurz nach dem sogenannten Juden-Boykott den Rassenwahn der neuen Herrscher als „Schandfleck auf den ersten Seiten der Geschichte … die der Nationalsozialismus schreibt“. Ausdrücklich weist Pius XI. seinen Diplomaten an, sich gegen den Boykott auszusprechen.

      In der Folgezeit lässt der Papst aus dem Entwurf einer Rede, die sein Nuntius als Doyen des Diplomatischen Corps zum Jahreswechsel 1936/37 in Berlin zu halten hat, lobende Passagen über Hitler streichen. Als Orsenigo zum 48. Geburtstag des Diktators 1937 an einer Ehrenveranstaltung teilnehmen will, untersagt dies das Kirchenoberhaupt.

      Es sind solche und ähnliche Archivalien, von denen sich der Vatikan Entlastung im Streit um seine Vergangenheit erhoffen kann.

      Doch es gibt auch andere Funde, und sie werden dafür sorgen, dass am Ende der Debatte um die Verfehlungen des Vatikans kein Freispruch stehen wird.

      Denn die Dokumente bezeugen einen fatalen Nichtangriffspakt zwischen Himmel und Hölle. Wie aus den Quellen hervorgeht, notierte Pietro Gasparri, Förderer von Eugenio Pacelli und dessen Vorgänger als Kardinalstaatssekretär, am 30. Juni 1933 zur Verhandlungsstrategie gegenüber dem braunen Diktator: „Solange Hitler dem Heiligen Stuhl und den katholischen Würdenträgern in Deutschland nicht den Krieg erklärt … sollen der Heilige Stuhl und die katholischen Würdenträger in Deutschland darauf verzichten, die Hitlerpartei zu verurteilen.“

      Und dabei blieb es.

      Durchdrungen von dem Bewusstsein, einer Institution vorzustehen, die – wie Pius XI. betonte – „alle Stürme überdauerte, die seit Jahrhunderten über die Welt dahinfegten“, sahen die beiden Pius-Päpste ihre Hauptaufgabe darin, die Interessen der römischen Kirche zu schützen – um beinahe jeden Preis. Ob Liberale oder Sozialdemokraten, Juden oder Protestanten – den Diplomaten des Vatikans war ihr Schicksal nicht gleichgültig, aber von untergeordneter Bedeutung.

      Für mich bleibt als Fazit:

      Papst Pius XII. war kein Rassist ; inwieweit antisemitisches Denken – zumindest partiell – seine Handlungsabläufe bestimmt haben, wird sich möglicherweise nie ganz endgültig klären lassen. So gab es nach dem Zweiten Weltkrieg wegen der von Pius XII. veranlassten Rettungsaktionen italienischer Juden im Zusammenhang mit der von der SS am 16. Oktober 1943 gestarteten Razzia im historischen Getto in Rom eine Art Pius-Euphorie, so dass bei seinem Tode von praktisch allen jüdischen Organisationen wie ebenso von offiziellen Vertretern des Staates Israel Dankesbekundungen eingingen. In New York bat beim Tode Pius XII. Leonard Bernstein, bevor er den Taktstock vor den Philharmonikern erhob, das Auditorium um eine Gedenkminute für den verstorbenen Papst.

      Dass Pius XII. geschwiegen hat, war falsch ; an diesem Punkt hat sich dieser Papst nach meiner tiefsten Überzeugung schuldig gemacht – das Schweigen des Papstes ist unentschuldbar!

      Den Äußerungen Adenauers aus dem Jahre 1946 möchte ich mich nachdrücklich anschließen:

      „Ich glaube, dass, wenn die Bischöfe alle miteinander an einem bestimmten Tage öffentlich von den Kanzeln aus dagegen (d.h. gegen die Verstöße gegen die einfachsten Gebote der Menschlichkeit) Stellung genommen hätten, sie vieles hätten verhüten können. Das ist nicht geschehen, und dafür gibt es keine Entschuldigung. Wenn die Bischöfe dadurch ins Gefängnis oder in Konzentrationslager gekommen wären, wäre das keine Schande, im Gegenteil.“

      Im Text der „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ (1971-1975) heißt es von katholischer Seite zur Schuld der katholischen Kirche:

      „Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in dieser Zeit des Nationalsozialismus, trotz beispielhaften Verhaltens einzelner Personen und Gruppen, aufs Ganze gesehen doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich zu stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren ließ und die zu den an Juden und Judentum verübten Verbrechen geschwiegen hat. Viele sind aus nackter Lebensangst schuldig geworden. Dass Christen sogar bei dieser Verfolgung mitgewirkt habe, bedrückt uns besonders schwer. Die praktische Redlichkeit unseres Erneuerungswillens hängt auch an dem Eingeständnis dieser Schuld und an der Bereitschaft, aus dieser Schuldgeschichte unseres Landes und auch unserer Kirche schmerzlich zu lernen : Indem gerade unsere deutsche Kirche wach sein muss gegenüber allen Tendenzen, Menscherechte abzubauen und politische Macht zu missbrauchen, und indem sie allen, die heute aus rassistischen oder anderen ideologischen Motiven verfolgt werden, ihre besondere Hilfsbereitschaft schenkt, vor allem aber, indem sie besondere Verpflichtungen für das so belastete Verhältnis der Gesamtkirche zum jüdischen Volk und seiner Religion übernimmt.“ (Aus dem Beschluss „Unsere Hoffnung“)

      Das heutige Gesamturteil betrifft, obwohl der Katholizismus innerkirchlich dem rassistischen Antisemitismus keinen Raum gab, beide Kirchen : Die wenigen Aktionen der Solidarität und des Widerstandes unterstreichen nur die Tatenlosigkeit der großen Mehrheit und das Versagen der kirchlichen Leitungsinstanzen angesichts eines Geschehens, dessen historische Einzigartigkeit nicht relativiert werden darf.

      So heißt es z.B. im Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche aus dem Jahre 1950:

      Wir sprechen es aus, dass wir durch Unterlassen und Schweigen …mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist.“

      Die Christen brachten den Judenverfolgungen nicht jenen Widerstand entgegen, den man von ihnen hätte erwarten dürfen. Aus der Rückschau gesehen war ihre größte moralische Verfehlung die Unterlassung, die gläubigen katholischen Frauen und Männer zu Respekt, Toleranz oder Mitgefühl gegenüber den Not leidenden und verfolgten Juden zu erziehen.

      Paul Haverkamp, Lingen

      • Hans Brinck said

        Sehr geehrter Herr Haverkamp,

        von Ihrem Kommentar zur Schuld des deutschen Episkopats habe ich Kenntnis genommen.
        Auf meine Stellungnahme zur Kenntnis von KZ-Lagern des Bischofs Berning sind sie darin aber nicht eingegangen.
        Sie schrieben:
        „Hat Rosemeyer auch von all den folgenden Dingen nichts gewusst, obwohl das KZ Esterwegen vor seiner „Haustür“ lag? Von den barbarischen Unrechtstaten vor der Haustür von Rosemeyer hätte derselbe auch wissen können; aber er wollte sie wohl nicht wissen, um die Ehre seiner SS-Kameraden in Esterwegen nicht zu beschädigen.“
        Meine Antwort:
        Ich nehme an, dass Rosemeyer nie ein KZ besucht hat. Wie er habe auch ich als Zeitzeuge nichts von der Existenz und den Gräueln in diesen „vor unserer Haustür liegenden“ Lagern gewusst.“
        Gewusst hat es aber der Bischof Berning und er hat hat die Insassen des Lagers zum Gehorsam gegen den Staat aufgefordert!
        Auszug aus dem Internet:
        „So ermahnte der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning 1936 beim Besuch von Konzentrationslagern die aus religiösen Gründen eingekerkerten Gefangenen zum Gehorsam gegen den Staat und verabschiedete sich mit einem dreifachen „Sieg Heil“.“
        War es bei dem gebürtigen Lingener Bischof Berning auch Ignoranz, wie Sie es für Rosemeyer behaupten?
        Bischof Berning hat also von der Existenz der KZ-Lager gewusst, und hat er etwas dagegen getan bzw. konnte er dagegen etwas tun?

        Diese Frage haben Sie leider nicht beantwortet.
        Dies ist in meinen Augen eine einseitige Betrachtungsweise und versucht, einem jungen und politisch unerfahrenen Menschen zu diffamieren.
        Ich bleibe dabei: Es war eine Torheit von Rosemeyer, in die SS einzutreten.
        Ein späterer Austritt hätte aber das Ende seiner Sportlerlaufbahn bedeutet.
        In meinen Augen war er nur ein Uniformträger, wie ich und wie viele andere es auch waren, die sich aber nie haben etwas zu Schulden kommen lassen!
        Versetzen Sie sich in die Nazi-Zeit, wie ich sie erlebt habe, und Sie werden Verständnis für die Notlage und heute vielfach unverständliche Handlungsweise vieler Menschen bekommen. Als ähnliches Beispiel dienen dafür aus der jüngeren Vergangenheit die Zustände in der ehemaligen DDR.

        Hans Brinck

  6. Paul Haverkamp said

    Sehr geehrter Herr Brink!

    Ich halte es für sachfremd, Rosemeyer gegen Berning auszuspielen und auf diese Weise zu einer Exkulpation von Rosemeyer zu kommen.

    Bei einer moralischen Beurteilung – und nur um diese geht es mir – komme ich jedoch zu dem Ergebnis, dass sowohl Rosemeyers Verhalten als auch Bernings Verhalten keineswegs als vorbildhaft bzw. als erinnerungswürdig zu betrachten sind. Deshalb hätte ich auch kein Problem, den Straßennamen „Wilhelm-Berning-Straße“ kritisch zu hinterfragen, was für die Nennung der „Bernd-Rosemeyer-Straße“ ohnehin zutrifft.

    Ich habe keine Probleme, mich sehr kritisch zu Berning zu äußern; der folgende Beitrag möge dafür ein Beleg sein.

    Mein Hauptinteresse gilt aber im Augenblick der Person Rosemeyer. Ich habe in einem dreiteiligen Kommentar zur heutigen Berichterstattung noch einmal ausführlich Stellung genommen.

    https://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/1015081/rosemeyer-museum-soll-2019-in-lingen-eroeffnen-ein-zwischenstand-1

    1) Die Rolle Bernings im deutschen Episkopat

    Berning gehörte ebenso wie der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, der Breslauer Kardinal Bertram, zu denjenigen Bischöfen, die einen kirchenpolitischen Kurs der Koexistenz und Nicht-Konfrontation mit dem NS-Staat vertraten. Im Gegensatz zum Berliner Bischof Preysing und dem Münsteraner Bischof von Galen, die der Meinung waren, man müsse durch einen offenen Protest dem Treiben der Nazis Einhalt gebieten, vertraten Berning und Bertram die Meinung, nicht mit Protesten an die Öffentlichkeit gehen zu dürfen, da man sonst den Nazis den Vorwand liefere, das 1933 geschlossene Konkordat aufzulösen; mit Hilfe der sogenannten „Eingabenpolitik“ Bertrams, die der Öffentlichkeit allerdings verborgen blieb, glaubte diese Gruppe innerhalb des Episkopats, den katholischen Besitzstand am besten wahren zu können. Der Hirtenbrief der Bischöfe vom 20.8.1935 lässt die Position Bernings, Bertrams, u.a. deutlich werden : „Setzt eine Wache an euren Mund, und lasst euch nicht zu unbesonnenen Reden fortreißen. Setzt eine Wache an eure Ohren und hört nicht auf die wilden Gerüchte, die gegen staatliche Behörden verbreitet werden.“

    Am 15.9.1935 erlassen die Nazis die „Nürnberger Gesetze“.

    2) Ansichten Bernings zu den Konzentrationslagern im Emsland

    Am 7.8.1935 protestierte der Berliner Domkapitular Lichtenberg in einem Brief an das Preußische Staatsministerium gegen die Misshandlungen der Gefangenen im Konzentrationslager Esterwegen; sein Gewissen lässt ihm keinen Platz mehr, Mund und Ohren zu verschließen; er ist nicht mehr bereit, den „wilden Gerüchten“ keinen Glauben zu schenken. Er beschreibt bis in alle Einzelheiten Methoden der SA-Wachmannschaften im KZ-Esterwegen, wie diese die Gefangenen schlagen, foltern, töten.

    Lichtenberg schreibt u.a.:

    „Die Vollstreckung der Prügelstrafe erfolgt zum Beispiel im Lager Esterwegen bei Papenburg in folgender Weise : Die Häftlinge müssen im Karree antreten. Die vierte Seite des Karrees nimmt die Wachtmannschaft ein. Von einem Führer der Wachtmannschaft wird der Strafbefehl verlesen, worin es heißt, daß der Häftling sowieso zur Prügelstrafe verurteilt ist und 25 Stockschläge bekommen soll. Die Strafbefehle sind in jedem einzelnen Fall von dem SS-Gruppenführer Eicke Gestapo Berlin gezeichnet, dessen Name auch stets mitverlesen wird. Der zu Bestrafende wird auf einem im Karree aufgestellten Bock mit Lederriemen festgeschnallt. Die Vollstreckung erfolgt mit einem Ochsenziemer, während der Delinquent die Hiebe selbst mitzählen muss.

    Der Schutzhaftgefangene A. aus der Gruppe der Berufsverbrecher hatte am 6.Juni Termin vor dem ordentlichen Gericht wegen Taschendiebstahls. Zu diesem Zweck wurde er am letzten Sonntag im Mai im Lager noch einmal vernommen. Dabei soll sich A. geäußert haben, er würde die Missstände in der Lagerverwaltung , die Unterschlagungen eines Kalfaktors F. und sonstige Vorgänge im Termin zur Sprache bringen. Am Tage darauf wurde A. nach den allgemeinen Regeln der Lagerverwaltung geschliffen. Dabei musste er langhingestreckt auf dem Erdboden rollen; während er sich in der rollenden Haltung auf dem Erdboden fortbewegte, sind auf ihn aus einer Maschinenpistole 30 bis 40 Schuss abgefeuert worden. Von acht Schüssen in der Brust getroffen wurde A. dann tot in die Baracke getragen.

    Der Schutzhäftling Schäfer (oder Käfer) erhielt von einem Wachtmann den Befehl, sich allen Außenposten des Lagers zu melden und jedem Posten einzeln zu sagen, ich habe einen SA-Mann erschossen. Der Befehl wurde ausgeführt. Abends um 5.15 Uhr wurde der Mann durch zwei Gewehrschüsse erledigt.“

    Lichtenberg musste seinen Widerstand mit dem Tode im Strafgefängnis Tegel im November 1943 bezahlen.

    Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Protest Lichtenbergs (!) unternahm der Osnabrücker Bischof Berning eine Fahrt durch das Emsland und besuchte die von den Nazis eingerichteten Strafgefangenenlager (=Emslandlager). Nach der Besichtigung der einzelnen Lager hält er am Abend eine Ansprache. In der Ems-Zeitung vom 26. Juni 1936 erscheint der Text dieser Ansprache; hier heißt es u.a.:

    Herr Kommandeur, meine lieben SA-Männer !

    Ich freue mich, als Bischof von Osnabrück Sie hier habe besuchen zu können und Ihnen, Herr Kommandeur, danken zu dürfen dafür, dass Sie für geregelten Gottesdienst gesorgt haben. Als Preußischer Staatsrat danke ich Ihnen für all das, was ich auf der langen Fahrt gesehen habe. Ich selber bin Emsländer und muss gestehen, dass ich meine Heimat erst jetzt in ihrer schönsten Form kennengelernt habe, da doch früher hier alles öde, wüst und ohne irgend ein Straßennetz war. Ich danke Ihnen, dass Sie mir die Heimat gezeigt haben in der Form, die das Dritte Reich daraus gemacht hat. Lange lag das Emsland im Dornröschenschlaf , bis der Prinz kam und es weckte; dieser Prinz ist unser Führer Adolf Hitler. Noch einmal danke ich für die Einladung zu dieser Fahrt, die für mich ein großes Erlebnis war. Ihnen, meine SA-Männer, danke ich für das, was von Ihnen geleistet wird. Für Sie selbst ist es ja eine Freude, wie aus Ödland neue Werte geschaffen werden. Wie der Kommandeur mir mitteilte, herrscht unter Ihnen der Geist echter Kameradschaft, der Ihnen den Dienst leichter macht. Ich danke für das, was Sie für das deutsche Volk leisten. In Berlin werde ich von dem berichten, was ich hier gesehen und erlebt habe. Alles, was geschehen ist, entspringt der Initiative und dem Weitblick unseres Führers Adolf Hitler. Unserem Vaterlande, unserer Heimat und unserem Führer ein dreifaches Sieg-Heil.

    Der weitere Abend wurde verschönt durch Musikstücke des Musikzuges der Kommandantur. Zwischendurch wurde das vorbildliche Treibhaus und die Anlagen in Augenschein genommen, ebenso die mustergültige Kammer des Lagers. Erst kurz vor 11 Uhr verabschiedete sich Staatsrat Bischof Dr. Berning mit nochmaligen herzlichen Dankesworten und fuhr zum Kloster Johannesburg, wo er die Nacht über blieb, um an Freitagmorgen nach Osnabrück zurückzufahren.“
    (Ausschnitt aus der Ems-Zeitung vom 26.6.1936)

    Hat der Osnabrücker Bischof wirklich nichts von dem gewusst, was sein katholischer Mitbruder Lichtenberg in seinem Brief an die Preußische Staatsregierung so vehement angeklagt hatte ?

    Angesichts des engen Informationsflusses bleiben erhebliche Zweifel und viele kritische Fragen, wieso ein Bischof, legt man die Annahme zugrunde, dass er das Schreiben Lichtenbergs gekannt hat, eine solche Rede halten konnte.

    3. Fragen

    • Wird man Berning einreihen müssen in die Schar derjenigen Bischöfe, die im Hirtenbrief vom 20. 8. 1935 formulierten : „Setzt eine Wache an euren Mund, und lasst euch nicht zu unbesonnenen Reden fortreißen. Setzt eine Wache an eure Ohren und hört nicht auf die wilden Gerüchte, die gegen staatliche Behörden verbreitet werden.“?

    • Folgen den Anklagen gegen die Beeinträchtigungen des Christentums in der Öffentlichkeit und des Religionsunterrichts in den Schulen auch deutliche Worte bezüglich Entrechtungen und Misshandlungen jüdischer Mitbürger – z.B. während der Reichskristallnacht? Hat Berning auch protestiert gegen Vorgehensweisen der Nazis, als diese , wie Paul Spiegel in seinem gerade veröffentlichen Buch „Wieder zu Hause?“ schreibt, seinem Vater im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht die Kleider vom Leibe gerissen wurden und johlende SA-Horden ihn unter dem Absingen des NS-Liedes „Wenn´s Judenblut vom Messer spritzt“ verprügelt haben?

    • Hat Berning auch dagegen protestiert, als in der Reichskristallnacht ca. 30.000 Juden verhaftet und ca. 100 Juden ermordet wurden?

    • Hat Berning vielleicht auch in der Silvesterpredigt des Jahres 1938/39 darauf hingewiesen, dass die Schändung bzw. Brandschatzung jüdischer Gotteshäuser in der Reichskristallnacht einer zweiten Kreuzigung Jesu gleichkommt?

    • Hat Bischof Berning auch in einer Predigt öffentliche protestiert, als im Rahmen der „Nürnberger Gesetze“ die Juden zu Menschen zweiter Klasse diskriminiert wurden?

    • Hat Bischof Berning auch von der Kanzel dagegen protestiert, als schon im Jahre 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen und jüdische Professoren, Angestellte und Arbeiter ihre Arbeitsstelle im öffentlichen Dienst verloren?

    • Hat Berning in seiner Predigt oder während anderer Gelegenheiten gegen die Bücherverbrennung des Jahres 1933 protestiert? Hat Berning protestiert gegen die öffentliche Zerstörung deutschen Geistes und deutscher Kultur? (Wer Bücher verbrennt, der tötet auch Menschen!)

    • Hat Berning protestiert, als der Schriftsteller Carl von Ossietzki 1936 den Friedensnobelpreis erhielt , jedoch von den Nazis im KZ Esterwegen daran gehindert wurde, die Auszeichnung anzunehmen?

    • Hat Berning sich dagegen verwahrt, dass Menschen, die als „rassisch minderwertig“ galten, z.B. Juden und Zigeuner, auf bestialischste Art und Weise ermordet wurden?

    • Hat Berning dagegen Stellung bezogen, dass Menschen, die aus religiösen Gründen dem Nazi-Regime den Gehorsam verweigerten – z.B. Pfarrer, Angehörige der christlichen Konfessionen, vor allem der Zeugen Jehovas – in Konzentrationslagern ermordet wurden?

    Ich wäre sehr daran interessiert zu erfahren, inwieweit Bischof Berning auch nur in Ansätzen nicht nur pro domo die Probleme und Forderungen der kath. Kirche formuliert hat, sondern auch diejenigen Aspekte berücksichtigt hat, die ich in den obigen Punkten aufgelistet habe und die jedem Deutschen, der sehen und hören wollte, unmissverständlich als Information zur Verfügung standen.

    Ich kann nur hoffen, dass Berning für sich eine dem Geiste Jesu angemessene Antwort heute finden würde auf die Frage, die Max Frisch in seinem Stück „Andorra“ der Barblin in den Mund legt, wenn diese den Pater fragt : „Wo, Pater Benedikt, bist du gewesen, als sie unsern Bruder geholt haben wie Schlachtvieh, wie Schlachtvieh, wo?“

    Paul Haverkamp, Lingen

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