aufpiqd

18. Dezember 2017

Diese Internetplattform piqd findet immer wieder Juwelen im Netz. So diesen Beitrag von J. Olaf Kleis, der eine Arbeit der Frankfurter Professorin Helma Lutz „aufpiqd„, auf den ich mit dem Ausruf „Lesebefehl!“ hinweise:

NRW rĂĽstet sich mit ‚Silvester-Erlass‘ fĂĽr den Jahreswechsel“, titelt Spiegel Online ĂĽber die Mobilisierung von 5700 PolizistInnen, die zum Jahreswechsel in Köln patrouillieren sollen. Die Ăśbergriffe 2015/16 haben sich mit den Stichworten „Köln“ und ‚Silvester“ in die Imagination der Nation als eine staatlich zu bannende Gefahr aus den Maghreb-Staaten eingebrannt. Es ist die Bedrohung, die nicht nur Frauen, sondern die angeblich geregelte Geschlechterordnung in Deutschland gefährde. Denn hier im Westen sind Fälle wie Weinstein, Roy Moore, Louis C.K. usw. entweder nicht wahr oder Ausnahmen, derer man sich durch entschiedene Distanzierung entledigen kann.

Zwar sagen Frauen fast durchweg #MeToo, aber kaum ein Mann scheint Täter zu sein. Sorry, kaum ein westlicher Mann. Die Gefahr komme aus Nordafrika, aus dem Nahen Osten, gegen die die Polizei mobilisiert werden muss. Was tatsächlich ein Männlichkeits- und Machtproblem ist, wird geschickt getrennt: Bei nicht-westlichen Migranten ist es ein Männlichkeitsproblem, während Fragen von Macht und Rassismus ausgeblendet werden, und im Westen/Globalen Norden scheint es ein Machtproblem zu sein, das generelle Männlichkeitsbilder nicht in Frage stellt und Übergriffe jenseits der Elite kaum thematisiert. Das mag nicht für alle gelten, aber so lässt sich an Migranten wunderbar ein gesellschaftliches Problem entsorgen und mit der Projektion von Migrantinnen als Opfer sexueller Gewalt migrantischer Männer zudem die Rolle des Westens als Retter aufwerten.

Diese Wahrnehmung von migrantischer Weiblichkeit und Männlichkeit als „anders“ oder gar „feindlich anders“ hat in vielen westlichen Gesellschaften eine Kernfunktion fĂĽr die Definition des Selbst erhalten. Mit den Worten von Umberto Eco: „Einen Feind zu haben, ist nicht nur wichtig um die eigene Identität zu definieren, sondern auch, um sich ein Hindernis aufzubauen, an dem man das eigene Wertesystem demonstrieren und durch dessen Bekämpfung man das eigene Wertesystem beweisen kann.“


Prof. Dr. Helma Lutz  lehrt Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt (a.M). Seit 2015 ist sie geschäftsfĂĽhrende Direktorin des Cornelia Goethe Centrums fĂĽr Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse. Ihr Beitrag basiert auf der Eröffnungsrede, die sie auf der Jahrestagung des „Rats fĂĽr Migration“ in Berlin gehalten hat. Unter dem Hashtag #4genderstudies findet am Montag, dem 18. Dezember 2017, ein Aktionstag im Netz fĂĽr das Fach Gender Studies statt.

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