relevanter Vorfall

28. November 2017

Zu den öffentlichen Angriffen auf die Panorama 3 Redaktion liegt jetzt eine Stellungnahme der NDR-Journlisten vor, die ich im Wortlaut veröffentliche:

„Der Lingener Stadtbaurat Lothar Schreinemacher hat den am 21.11.2017 bei Panorama 3 gesendeten Beitrag zum Einsturz des Turnhallendaches der Johannesschule als „tendenziös“ und „unverschämt“ kritisiert. Zudem seien seine Antworten aus dem „Zusammenhang gerissen“ worden.

Hierzu stellen wir fest:

In dem Beitrag sind sowohl der Stadtbaurat Lothar Schreinemacher als auch der Gutachter der Stadt, Hans Schmidt, mehrfach und ausführlich zu Wort gekommen. Die Antworten waren nicht aus dem Zusammenhang gerissen. Die zugehörigen Fragen wurden gesendet, der Zusammenhang war somit eindeutig klar.

Dem Sachverständigen Ernst-Ullrich Köhnke wurde eine Untersuchung des eingestürzten Hallendaches trotz Nachfrage verwehrt. Erst im Zuge der Berichterstattung von Panorama 3 bietet die Stadt Lingen an, dass auch andere Sachverständige die Binder in Augenschein nehmen können.

Sachverständige teilen Ergebnis der Stadt Lingen nicht

Panorama 3 hat das Gutachten zu den Einsturzursachen drei weiteren Sachverständigen vorgelegt, die allesamt zu einem anderen Ergebnis kommen, als die Stadt Lingen. Die von Panorama 3 befragten Experten kritisieren nicht den Inhalt des Gutachtens an sich, sondern lediglich die Schlussfolgerung, in der die Hauptursache der sogenannten Ringschäle zugeschrieben wird. Hiernach soll ein Materialfehler, der zudem nicht sichtbar war, der auslösende Faktor für den Einsturz gewesen sein.

Dass diese Schlussfolgerung problemtisch ist, räumt offenkundig inzwischen auch der Gutachter der Stadt Lingen, Hans Schmidt ein. So äußert sich Schmidt in der Lingener Tagespost vom 22.11.2017, es sei „fast nie die Ringschäle allein“ und „Ob und wie lange das Dach ohne die anderen Faktoren oben geblieben wäre, weiß keiner“.

Gutachter räumt Mängel als Faktoren für Einsturz ein

In dem Beitrag von Panorama 3 wurde erwähnt, dass die Halle 2009 begutachtet und saniert wurde. Dennoch war die Dachkonstruktion aus Holz offensichtlich in einem maroden Zustand. Zu diesem Ergebnis kommt auch der Gutachter der Stadt Hans Schmidt. Auch er räumt die Bedeutung der anderen Faktoren für den Einsturz der Halle ein. Auf die Frage im Interview mit Panorama 3, welchen Anteil das Wasser an dem Einsturz des Daches hat, antwortete Hans Schmidt: „Das ist ganz schwer zu sagen. Wenn ich das genauer gewusst hätte, hätte ich das in mein Gutachten reingeschrieben. Ich weiß nur, dass es hier eine Belastung gegeben hat, die nicht hätte sein dürfen.“


DIE LINGENER STELLUNGNAHME FÜR SIE ALS DOWNLOAD

Stellungnahme der Stadt Lingen(Ems)


Die Stellungnahme des Lingener Stadtbaurats zum Beitrag „Eingestürzte Turnhalle: Zweifel an Ursache“ Download (41 KB)


Etwas später führt er aus „Wir haben eine unzuträgliche Feuchtigkeit. Die hätte dort nie hinkommen dürfen. Die hat einen Einfluss. Ob das jetzt 10 Prozent sind oder 30 weiß ich nicht. Das kann man auch nachträglich nicht mehr sagen“. Und auf die Frage, ob man diese Schäden vor der Sanierung 2010 schon sehen konnte, antwortet er: „Die Belastung ist vor der Sanierung da gewesen.“ Über diese und weitere Mängel an der Halle, die schon vor der Sanierung sichtbar gewesen sein müssen, hat Panorama 3 berichtet.

Der Stadtbaurat behauptet, die Träger seien entgegen der Behauptungen von Panorama 3 beim Einsturz trocken gewesen. Panorama 3 hat nie behauptet, die Träger seien beim Einsturz nass gewesen, sondern wir haben von „Spuren von Wasser im Holz“ gesprochen. Wir haben berichtet, dass die Holzkonstruktion über längere Zeit großer Feuchtigkeit ausgesetzt gewesen sein muss. Nach Einschätzung aller befragten Experten, inklusive Hans Schmidt, führt so etwas zu einer Schwächung des Werkstoffes, auch wenn das Holz beim Einsturz wieder trocken gewesen sein soll. Vermutlich hat die im Zuge der Sanierung angebrachte Deckenstrahlerheizung das feuchte Holz wieder getrocknet – so eine schnelle Trocknung schwächt Holz nach Aussage von Experten zusätzlich.

Einsturz hätte verhindert werden können

Diese Vielzahl von Mängeln, verbunden mit der Frage nach deren Anteil am Einsturz der Dachkonstruktion, hat Panorama 3 beschrieben. So kommt der von uns angefragte Holzfachmann Professor Stefan Winter von der Technischen Universität München zu dem Ergebnis: „Es liegen eine Reihe von schadenträchtigen Einzeltatsachen vor, die in Summe zum Versagen der Träger geführt haben. Die genaue prozentuale Höhe des Einzelbeitrages und die Initialursache sind nicht mehr festzustellen. Wesentliche Einflüsse haben die permanente Überbeanspruchung in Zusammenspiel mit der vorhandenen Ringschäle, den Feuchtebeanspruchungen (mit folgenden Trocknungsgefällen in den Trägern) und der nicht effektiven Querzugverstärkung, die gemeinsam dann zu einem Totalversagen führen. Wesentlicher weiterer Fehler: Mangelnde rechtzeitige und vollständige Untersuchung sowie fachgerechte Sanierung/Ertüchtigung, die hätte den Einsturz mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert.“

Wenn eine Halle, wie in Lingen, einstürzt, ist dies ein relevanter Vorfall. Wenn es zudem Zweifel an der Begründung für die Ursache gibt, in diesem Fall einem Materialfehler, ist es Aufgabe der Medien und Panorama 3, darüber zu berichten. Dies ist weder tendenziös, noch unverschämt.


 

3 Antworten to “relevanter Vorfall”

  1. Micha said

    Zwei Fragen hätte ich:

    1. Warum ist das Gutachten überhaupt vertraulich!? Nach meiner Logik muss das Gutachten als Beleg für die Fehlerfreiheit der Stadtverwaltung öffentlich sein oder es wird berechtigterweise der Verdacht einer Vertuschung genährt.

    2. Warum gibt es in unserer Stadt weder eine selbstbewusste Opposition noch eine kritische, unabhängige Presse?
    Demokraten dürften die lokale Berichterstattung zum „skandalösen“ Panorama-3-Bericht als schlicht peinlich empfunden haben.
    Der Rat der Stadt Lingen – einschließlich fast der gesamten Opposition – und die Lingener Tagespost behandeln unseren Baustadtrat wie ein liebes, unfehlbares Familienmitglied, das vor auswärtigen Anfeindungen in Schutz genommen werden muss, egal was an einer Kritik dran ist oder nicht.

    Ich bin auf den weiteren Verlauf der Geschichte und die Reaktionen von LT, Stadtbaurat und den Fraktionen sehr gespannt…

  2. Hermann said

    Die Geheimhaltung des Gutachtens ist schon merkwürdig.Scheinbar gibt es ja keinen Schuldigen.

    Beim Einsturz des Turnhallendaches in Lingen handelt es sich nicht um einen Einzelfall in Deutschland.
    Am 03.05 1999 stürzte ein Flachdach ( Leimbinder ) in Homburg ein; Vier Tote, sieben Verletzte.
    Am 01.12.1999 kam es in Dachau zum Einsturz des Turnhallendaches der staatl. Berufschule, ebenfalls mit Brettschichtbinder.
    Es existiert eine lange Liste derartige Fälle, die beiden Beispiele sollen aber erst einmal genügen.
    In Dachau wurden bei der Untersuchung der Ursachen in der Leimfuge gelöste Brettschichtlamellen ,ein Riss in der geleimten
    Keilzinkenverbindung ( Profil war gerissen) festgestellt. Sichtbar wurde auch kondensationsbedingt angegammeltes Holz und eine seltsame Vergrauung. Der Gutachter stellte eindeutige Konstruktionsmängel fest.

    Die Kleber für Leimverbindungen müssen in der Regel witterungs-und feuchtebeständige Kunstharzleime sein (Recorcin-oder Harnstoffleime. Es dürfen nur Kunstharzleime verwendet werden, die auf Beständigkeit gegen alle Klimaeinflüsse geprüft sind.

    Es stellen sich die Fragen, ob bei der hiesigen Turnhalle geprüfte Leime verwendet und vor allem auch vorher nachgewiesen wurden.
    Inwieweit hat die seinerzeit gegebene Durchnässung einen Einfluss auf den Einsturz gehabt? Waren bei der Sanierung nicht bereits Mängel vorhanden, die man hätte auch erkennen müssen? Entsprach der Kleber den Anforderungen?

    Der Panoramabericht war schon in Ordnung, der der Lingener Tagespost zeugte eher von Unkenntnis und CDU-Denken.

    Es kann doch nicht wahr sein, dass in der Ratssitzung fast alle Parteien auf einen R.Koop einschlagen und nur noch den Stadtbaurat verteidigen. Selbst dem OB Krone fällt nichts besseres ein, als sich dem anzuschliessen., wobei er selbst anscheinend gar nicht merkt, dass er als Vertreter der Verwaltung gegenüber der Bevölkerung verantwortlich ist.

    Eigentlich sollte eine abschließende Klärung erfolgen, damit zukünftig keine derartigen Fälle mehr vorkommen. Für mich ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen.

    Eine Opposition im Lingener Rat gibt es nicht, es wird auch stets versucht, kleinere Parteien und Wählergemeinschaften unten zu halten. Sie könnten ja Unruhe in das geflochtene Netz „CDU-SPD-Oberbürgermeister „bringen und das ist nicht gewollt. Zum „Gelingen“ steuert die hiesige Presse ihren Teil noch bei.

  3. Hermann said

    Einige Fragen stellen sich mir noch:
    Hätte man durch Abklopfen der Leimbinder nicht den mangelhaften Zustand durch die Ringschäle bei der Sanierung feststellen können.
    Warum hat man sich für verklebte Brettschichtbinder entschieden?
    Klebeflächen haben eine verhältnismäßig geringe mechanische Festigkeit. Die für eine Klebeverbindung zulässige Beanspruchung
    hängt stark von der Art der Krafteinwirkung ab. Klebeflächen können Schäl-und Stoßbeanspruchungen nur schlecht verkraften
    und dann sogar brechen.
    Diese Umstände hätten bereits vorher bekannt sein müssen, danach hätte sich die Unterhaltung und Überprüfung des Daches richten müssen. Es sollten alle Dächer ,die ähnlich konstruiert sind , im städt .Eigentum stehen und für die Öffentlichkeit zugänglich sind, überprüft werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.