gescheitert

17. Juni 2017

Wie die gesellschaftlichen und die journalistischen Maßstäbe verrutschen, zeigt der „Talk“ der Ems-Vechte-Welle über das Thema Bernd Rosemeyer und die Pläne, für Bernd Rosemeyer in Lingen ein Museum zu bauen, damit dann möglichst 125.000 Rennsportfans „eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen auf dem Lingener Marktplatz essen“ (Heinrich Liesen). Hören Sie selbst den Podcast der Ems-Vechte-Welle.

Spätestens Minute 17 wird es interessant. Dann geht es um Rosemeyers SS-Mitgliedschaft, die nach seinem eigenen Bekunden 1932 begann. Uns staunendem Publikum wird erklärt, dass die SS „Anfang bis Mitte der 30er Jahre“ eine „Eliteorganisation“ war und sie wird gesprächsweise zu einer Art besserer Sportverein, wie es der Laxtener Twitterer Remmo_Lade trefflich kritisiert.

Wohlgemerkt beziehen sich die schrecklichen Interviewpassagen auf die damals längst als verbrecherisch bekannte SS, die 1933 im Emsland wütete und hier in den Emslandlagern Menschen quälte, folterte und ermordete. Sie war schon 1932 als verfassungsfeindlich verboten worden. Das wusste jede/r im Deutschen Reich. Auch jeder Motorsportler.

Aber die erfahrene, kluge Radiomacherin Inga Graber (Ems-Vechte-Welle) greift bei den verharmlosenden Sätzen ihrer Gespröchspartner nicht ein, unterbricht nicht, hält nicht vor, fragt nicht nach. Sie lässt die SS-Plauderei von Bernd Rosemeyer jun. unverbindlich in Richtung Kaffee und Kuchen weiter plätschern. Das ist wirklich schwer erträglich, weil es Tausende Opfer der SS verhöhnt – gerade hier im Land der Emsland-KZ. Das Interview wirkt zugleich wie ein Schlag gegen die mühsam und in Jahrzehnten geschaffene Erinnerungskultur in unserer Stadt. Damit wird die Sendung des regionalen Radios leider zum Lehrstück für ein gescheitertes Interview.

(Foto: Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, Folteropfer der SS im emsländischen KZ Esterwegen; Bundesarchiv, Bild 183-R70579 / CC-BY-SA 3.0)

Eine Antwort to “gescheitert”

  1. Paul Haverkamp said

    Es ist unerträglich, wenn Herr Rosemeyer die SS in den Anfangsjahren mit einem beliebigen Sportverein gleichsetzt.

    Es ist unerträglich, dass die Redakteurin im Interview nicht nachfragt und Rosemeyer mit Fakten konfrontiert.

    Herrn Liesens Ansinnen ist darauf gerichtet, Rosemeyer zu entpolitisieren und – wie Tausenden von Nazitätern nach dem 2. Weltkrieg – ihn politisch zu exkulpieren bzw. ihn mit einem „Persilschein“ auszustatten.

    Rosemeyer, der sich freiwillig und bewusst als Mitgliedsorganisation zur persönlichen Illumination der SS bediente und dem die Mitgliedschaft im NSKK wohl nicht ausreichte, um das Crescendo der persönlichen Glorienfülle herbeizuführen, darf keine weitere Ehrung (vgl. Straßenname) zuteil werden; zumal er seine Augen vor den Bestialitäten und Brutalitäten eines barbarischen Systems vor seiner eigenen Haustür in Esterwegen fest verschloss.

    Unmittelbar nach der Errichtung der ersten drei Emslandlager im Sommer 1933 verbreiteten die SS-Bewacher von Juli bis November 1933 einen derart „wilden“ Terror, dass der SS das Kommando wieder entzogen wurde. Im April 1934 wurde der SS die Verfügungsgewalt für das Lager Esterwegen zurückgegeben. Jetzt führte die SS in Esterwegen einen „geregelten“ Terror durch – nach einer „Besonderen Lagerordnung“ sowie einer speziellen „Disziplinar- und Strafordnung“. Das Konzentrationslager bestand das Lager Esterwegen bis 1936.

    • Hat Rosemeyer von all den folgenden Dingen nichts gewusst, obwohl das KZ Esterwegen vor seiner „Haustür“ lag?

    • Wie hat er sich wohl gefühlt als SS-Hauptsturmführer, dessen Kameraden in Esterwegen für die Inhaftierten die Hölle auf Erden organisierten?

    • Waren seine moralisch-ethischen und religiösen Antennen in dieser Zeit ausgeschaltet, da er angeblich nur „Benzin im Blut“ gehabt hat?

    Von den barbarischen Unrechtstaten vor der Haustür von Rosemeyer hätte derselbe auch wissen können; aber er wollte sie wohl nicht wissen, um die Ehre seiner SS-Kameraden in Esterwegen nicht zu beschädigen. Die geschichtliche Naivität der Ems-Vechte-Redakteurin ist vor diesem Hintergrund ein absoluter Skandal. Sie lässt Rosemeyer/Liesen plaudern, ohne sie mit Fakten der Geschichtsklitterung zu überführen. Aber vielleicht ist dieses Interview genau so einzuordnen wie der Artikel in pitwalk Nr. 33.

    Nun zu den Fakten der SS-Kameraden Rosemeyers im Emsland – vor seiner Haustür:

    1934 erfolgt die Inhaftierung Carl von Ossietzkys, der 1933 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, vom Konzentrationslager Sonnenburg nach Esterwegen. 1935 besuchte der Abgesandte des IRK, Carl J. Burkhardt, den Redakteur der „Weltbühne“. Über die Begegnung schrieb Burghardt u.a.:

    „Nach 10 Minuten kamen zwei SS-Leute, die einen kleinen Mann eher schleppten und trugen als ihn heranführten. Ein zitterndes totenblasses Etwas, das gefühllos zu sein schien, ein Auge geschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen. Er schleppte ein gebrochenes, schlecht ausgeheiltes Bein nach sich … Vor mir, gerade noch lebend, stand ein Mensch, der an der äußersten Grenze des Tragbaren angelangt war … Jetzt füllte sich das noch sehende Auge mit Tränen, lispelnd unter Schluchzen sagte er:
    „Danke, sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vorüber, bald aus. Das ist gut.“
    Carl von Ossietzky starb am 4. Mai 1938.

    Am 7.8.1935 protestierte der Berliner Domkapitular Lichtenberg in einem Brief an das Preußische Staatsministerium gegen die Misshandlungen der Gefangenen im Konzentrationslager Esterwegen; sein Gewissen lässt ihm keinen Platz mehr, Mund und Ohren zu verschließen; er ist nicht mehr bereit, den „wilden Gerüchten“ keinen Glauben zu schenken. Er beschreibt bis in alle Einzelheiten Methoden der SA-Wachmannschaften im KZ-Esterwegen, wie diese die Gefangenen schlagen, foltern, töten.

    Lichtenberg schreibt u.a.:

    „Die Vollstreckung der Prügelstrafe erfolgt zum Beispiel im Lager Esterwegen bei Papenburg in folgender Weise : Die Häftlinge müssen im Karree antreten. Die vierte Seite des Karrees nimmt die Wachtmannschaft ein. Von einem Führer der Wachtmannschaft wird der Strafbefehl verlesen, worin es heißt, daß der Häftling sowieso zur Prügelstrafe verurteilt ist und 25 Stockschläge bekommen soll. Die Strafbefehle sind in jedem einzelnen Fall von dem SS-Gruppenführer Eicke Gestapo Berlin gezeichnet, dessen Name auch stets mitverlesen wird. Der zu Bestrafende wird auf einem im Karree aufgestellten Bock mit Lederriemen festgeschnallt. Die Vollstreckung erfolgt mit einem Ochsenziemer, während der Delinquent die Hiebe selbst mitzählen muss.

    Der Schutzhaftgefangene A. aus der Gruppe der Berufsverbrecher hatte am 6.Juni Termin vor dem ordentlichen Gericht wegen Taschendiebstahls. Zu diesem Zweck wurde er am letzten Sonntag im Mai im Lager noch einmal vernommen. Dabei soll sich A. geäußert haben, er würde die Missstände in der Lagerverwaltung , die Unterschlagungen eines Kalfaktors F. und sonstige Vorgänge im Termin zur Sprache bringen. Am Tage darauf wurde A. nach den allgemeinen Regeln der Lagerverwaltung geschliffen. Dabei musste er langhingestreckt auf dem Erdboden rollen; während er sich in der rollenden Haltung auf dem Erdboden fortbewegte, sind auf ihn aus einer Maschinenpistole 30 bis 40 Schuss abgefeuert worden. Von acht Schüssen in der Brust getroffen wurde A. dann tot in die Baracke getragen.

    Der Schutzhäftling Schäfer (oder Käfer) erhielt von einem Wachtmann den Befehl, sich allen Außenposten des Lagers zu melden und jedem Posten einzeln zu sagen, ich habe einen SA-Mann erschossen. Der Befehl wurde ausgeführt. Abends um 5.15 Uhr wurde der Mann durch zwei Gewehrschüsse erledigt.“

    Lichtenberg musste seinen Widerstand mit dem Tode im Strafgefängnis Tegel im November 1943 bezahlen.

    Als im Jahre 2009 – aus Anlass des 100. Geburtstages – in Lingen dem Rennfahrer ein Denkmal gesetzt werden soll, reagiert der Kulturausschuss der Stadt mit einer Vertagung dieses Projekts; sowohl die CDU, wie auch die SPD und die Grünen äußerten erhebliche Vorbehalte gegenüber diesem Vorhaben. Als Begründung lässt sich die Kulturdezernentin mit dem Satz vernehmen, dass man die SS-Mitgliedschaft Rosemeyers nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen könne und dürfe.
    Im Jahre 2009 hatte das Dossier aus dem Stadtarchiv wohl seine Wirkung verfehlt; die Reaktion der Stadtpolitiker war eindeutig.
    Gott sei Dank ist auch im Jahre 2017 – wenn auch mit langatmiger Verspätung – das Votum des Verwaltungsausschusses der Stadt Lingen hinsichtlich der Errichtung eines Rosemeyer-Museums ebenfalls eindeutig – man lehnt eine solche Errichtung ab.

    Weder in einem Rosemeyer-Denkmal noch ein Rosemeyer-Museum kann ich persönlich eine „Bereicherung“ ( Carsten von Bevern) für die Stadt Lingen erkennen.

    Paul Haverkamp, Lingen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s